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19. Jahrhundert | Jüdisches Leben in Deutschland vor 1945 | bpb.de

19. Jahrhundert

Miriam Rürup

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Der Wandel der Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung im Zuge der Industrialisierung ermöglicht vielen Juden den gesellschaftlichen Aufstieg und die Aufnahme eines bildungsbürgerlichen Lebensstils.

Damit war das Programm definiert, das in der nun einsetzenden Epoche zur schrittweisen rechtlichen Gleichstellung ("Emanzipation") der jüdischen Minderheit führen sollte: Gleichstellung konnten Juden erlangen, wenn sie sich in Gegenleistung erfolgreich anpassten und sich beispielsweise in die Sozialstruktur der nicht-jüdischen Mehrheitsgesellschaft einfügten. 1782 erteilte Kaiser Joseph II. mit einem sogenannten Toleranzedikt Juden in der Habsburgermonarchie das Recht, in freien Berufen und im Handwerk zu arbeiten sowie sich frei niederzulassen. In Frankreich erlangten Juden die Gleichstellung im Zuge der Französischen Revolution, was auch für alle unter französischer Herrschaft stehenden deutschen Territorien galt, wie etwa das Königreich Westphalen. Und 1812 erließ Preußen ein Edikt, mit dem Juden zu "Einländern und preußischen Staatsbürgern" gemacht wurden.

„Edikt betreffend die bürgerlichen Verhältnisse der Juden in dem Preußischen Staate“ vom 11. März 1812. Mit dem Edikt werden jüdische Einwohner Staatsbürger und bekommen in den meisten Teilen Preußens formal gleiche Rechte zugesprochen. (© bpk /Geheimes Staatsarchiv, SPK)

Doch diese zaghaften Anfänge erfuhren schon recht bald einen herben Rückschlag. Mit dem Ende der Ära Napoleons und dem Wiener Kongress von 1815 sollte die alte Ordnung wiederhergestellt werden – die Restaurationsphase begann. Für Jüdinnen und Juden bedeutete die "alte Ordnung" eine Rücknahme oder zumindest Einschränkung neu erlangter Freiheitsrechte. So wurde das preußische Emanzipationsgesetz von 1812 beispielsweise in den neuen Landesteilen nicht angewandt und in Bayern begrenzte weiterhin ein Gesetz die Höchstzahl zugelassener jüdischer Familien. 1819 griffen nicht-jüdische Nachbarn – darunter Studenten und Mitglieder von Handwerkszünften und Kaufmannsgilden – erstmals in der Moderne ihre jüdischen Nachbarn in pogromartigen Übergriffen an, die als "Hep-Hep-Unruhen" bekannt wurden. Benannt wurden diese nach dem Schlachtruf, der die Ausschreitungen begleitete. Von Süddeutschland ausgehend in Würzburg, Frankfurt am Main und auch Hamburg wüteten sie gegen Juden und damit zugleich gegen die Vorstellung von deren wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Gleichstellung.

Jüdinnen und Juden orientierten sich hingegen eher an den Möglichkeiten, die ihnen die gesellschaftlichen Entwicklungen im neuen Jahrhundert zu versprechen schienen. Zu diesen gehörten tiefgreifende sozial-demografische Veränderungen: Diese zeichneten sich aus durch einen besonders hohen Grad an Verstädterung, einen beachtlichen sozialen Aufstieg, verbunden mit meist höherem Ausbildungsgrad, zugleich aber weiterhin einer recht spezifischen Berufsstruktur sowie tendenzieller Überalterung.

1844 wird die Synagoge des Neuen Israelitischen Tempelvereins in Hamburg eingeweiht. Der Verein gründete sich im Zuge der Reformbewegung, die durch Israel Jacobson in Seesen initiiert wurde; Holzstich von 1845 (© akg-images)

Bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts setzte ein gesamtgesellschaftlicher Bevölkerungszuwachs ein, der innerhalb der jüdischen Bevölkerung besonders spürbar war. So stieg die Zahl der Jüdinnen und Juden von 260.000 um 1815 auf etwa 400.000 im Revolutionsjahr 1848. Dennoch betrug ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung nur selten mehr als ein Prozent. Zudem bestanden große regionale Unterschiede in den Lebensverhältnissen, geprägt von den rechtlichen Rahmenbedingungen für Ansiedlung, Familiengründung oder Vererbung von Rechten.

Besonders auffallend an der Entwicklung im 19. Jahrhundert war der soziale Aufstieg, der sich vor allem ab der Jahrhundertmitte bemerkbar machte. Jüdinnen und Juden ergriffen die beruflichen Möglichkeiten, die der grundlegende Wandel der Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung im Zeitalter der Industrialisierung bot. Während viele von ihnen zuvor im Hausier- und Trödelhandel tätig gewesen waren, eröffneten sie nun Ladenlokale, wechselten vom Klein- zum Großhandel oder wurden Unternehmer. Dies führte auch zu einem Rückgang der Zahl von Jüdinnen und Juden, die in Armut lebten und noch bis zur Jahrhundertmitte etwa die Hälfte der jüdischen Bevölkerung ausgemacht hatten.

Neben die als Emanzipation verstandene rechtliche Gleichstellung trat eine weitere Entwicklung, die für das 19. Jahrhundert kennzeichnend war: Die jüdische Minderheit nahm sich die neu entstehende bildungsbürgerliche Kultur zum Vorbild. Das Bildungsbürgertum schien ihnen als neu entstehendes, säkulares gesellschaftliches Milieu besonders aufgeschlossen gegenüber sozialen Aufsteigern und Neulingen zu sein. Dazu gehörten als Teil des bürgerlichen Lebensstils im 19. Jahrhundert Geselligkeit, Musik und Bildung. Zahlreiche Vereine entstanden, in denen sich auch Jüdinnen und Juden begeistert engagierten. Diese Veränderung vollzog sich in einer gesamtgesellschaftlichen Umbruchphase, umfasste einen Wandel in der Berufsstruktur, im Einkommen und im Lebensstil und wird auch als Verbürgerlichung beschrieben.

Felix Mendelssohn-Bartholdy (1809–1847), Komponist, Dirigent und Instrumentalsolist, 1847. Auf Wunsch des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV. komponiert er 1843 die Bühnenmusik zu Shakespeares Komödie "Ein Sommernachtstraum". (© akg-images)

Mit diesen Veränderungen ging einher, dass sich das religiöse jüdische Selbstverständnis wandelte und zunehmend ausdifferenzierte. Bereits 1810 hatte Israel Jacobson in Seesen an einer jüdischen Schule eine Reform des Gottesdienstes eingeführt. Mit der Gründung des Neuen Israelitischen Tempelvereins im Jahr 1817 in Hamburg schuf sich dieses neu entstehende Reform-Judentum erstmals eine Institution. Es entstand eine durchaus heftig umstrittene Neuausrichtung des Judentums, die beispielsweise gemeinsamen Chorgesang, Predigten in deutscher Spracheund Orgelmusik in den Gottesdiensten einführte. In Abgrenzung zu den reformorientierten Juden tauchte etwa zeitgleich für die traditionell gesetzestreuen Juden der Begriff Orthodoxie auf. Die ebenfalls einsetzenden Veränderungen innerhalb des traditionellen Judentums wurden nun unter der Bezeichnung "Neo-Orthodoxie" zusammengefasst.

Noch bis weit in das 19. Jahrhundert hinein war das Judentum ausschließlich religiös und vor allem im ländlichen Raum in religiösem Sinne meist homogener und weitgehend traditionell gesetzestreu geblieben. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts bestanden dagegen nicht nur verschiedene religiöse Strömungen nebeneinander, sondern es wurde überdies möglich, eine jüdische Identität jenseits des religiösen Selbstverständnisses zu leben. Religion wurde zunehmend zur Frage der inneren Einstellung und Privatsache, die einer Identifikation mit der deutschen Nation nicht widersprach.