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dekoder: Ministerselbstmord erschüttert Russlands politische Elite Russland-Analyse Nr. 469

Tatjana Stanowaja Alexandra Prokopenko

/ 3 Minuten zu lesen

Im Juli 2025 beginn der amtierende Verkehrsminister Russlands angeblich Selbstmord. Zwei Kennerinnen ordnen ein, wie Eliteakteure im Regime den Vorfall bewerten.

(© picture-alliance, dpa/TASS | Peter Kovalev)

Herausgeber der Länderanalysen

Die Russland-Analysen werden von der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen, der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde e.V., dem Deutschen Polen-Institut, dem Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien, dem Leibniz-Institut für Ost- und Südosteuropaforschung und dem Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS) gGmbH gemeinsam herausgegeben. Die Bundeszentrale für politische Bildung/bpb veröffentlicht die Analysen als Lizenzausgabe.

Der Selbstmord von Roman Starowoit, dem ehemaligen Gouverneur der Oblast Kursk an der Grenze zur Ukraine und zuletzt Verkehrsminister Russlands, ist eine der wichtigsten innenpolitischen Nachrichten der letzten Zeit in Russland. Geradezu als „erschütternd für die russische Elite“ bezeichnet es die Politologin Tatjana Stanowaja in einem Artikel für Carnegie Politika.

Medienberichten zufolge wurde Starowoit, der 2019–2024 in der Oblast Kursk Regierungsoberhaupt war, der Unterschlagung von mehr als einer Milliarde Rubel (umgerechnet circa zehn Millionen Euro) verdächtigt, die eigentlich für die Befestigungen der Grenze zur Ukraine bestimmt gewesen waren. Doch im August 2024, knapp drei Monate, nachdem Starowoit als Verkehrsminister nach Moskau geholt worden war, griffen ukrainische Bodentruppen die Oblast Kursk an und besetzten einen Teil des Rajons um die Stadt Sudsha. Erst im April 2025 konnte die russische Armee die Ukrainer zurückdrängen. Genau zu diesem Zeitpunkt wurde ein ehemaliger Stellvertreter von Starowoit in Kursk verhaftet.

Was Russland wehrlos macht, wird hart bestraft. Vor dem großen Krieg gegen die Ukraine galt eine Inhaftierung von hochrangigen Staatsbeamten nur in wenigen Fällen als aussichtsreich, die bekanntesten waren Anatoli Serdjukow und Alexej Uljukajew. Der Tod von Starowoit nun dagegen, schreibt Stanowaja, „weist deutlich darauf hin, dass etwas in dem politischen System Russlands mittlerweile ganz anders funktioniert“. Wladimir Putin sei immer dafür bekannt gewesen, dass er in zwei Bereichen nachsichtig handelte: und zwar gegenüber der allgegenwärtigen Korruption und gegenüber Schwachen. Jetzt aber sei offensichtlich geworden, dass jegliche Aktivitäten bzw. Untätigkeit, die Russland wehrlos machten, hart bestraft werden. Dabei wird sehr subjektiv gedeutet, was gerade noch zulässig und was das neuerdings Unverzeihliche ist.

Die Wirtschaftswissenschaftlerin Alexandra Prokopenko, die sich auf die russischen Eliten spezialisiert, bewertet den Suizid von Starowoit – ebenfalls bei Carnegie Politika – als Zeichen dafür, wie „sich die innere Logik des Systems geändert hat“. Bis vor kurzem sei ein Ausscheiden aus der Politik für hochrangige Amtsträger ziemlich sicher gewesen, selbst bei Korruptionsvorwürfen. Im besten Fall habe man nach dem Rücktritt ins Ausland gehen können, im schlechtesten eine Freiheitsstrafe auf Bewährung bekommen. Unter den neuen Umständen aber könne das System seinen Funktionären nicht einmal mehr ein Minimum an Sicherheiten bieten. Und das im Fall von Roman Starowoit sogar, obwohl er den Brüder Rotenberg nahegestanden haben soll, die zu den einflussreichsten Leuten im heutigen Russland gehören.

Ein überwältigendes Gefühl von Hoffnungslosigkeit setzt neue Standards für das Verhalten der russischen Elite. Die Angst, im Knast zu landen, tötet im wahrsten Sinne des Wortes ihre Vertreter. In seiner Freizeit, schreibt Prokopenko, sei Starowoit gerne Marathon gelaufen und habe Triathlon gemacht: „Diese Menschen sind es gewohnt, mit extrem hoher Belastung umzugehen.“ Sein Selbstmord weise also darauf hin, wie stark der Druck innerhalb des Systems gestiegen sein müsse, sodass er keinerlei Ausweg mehr gesehen habe. Weder eine hohe Position noch absichtliche Loyalität schützten noch. Der Druck müsse heute unerträglich sein.

Die vom Kreml gesteuerte Angst, auf der das System Putin basierte, ist außer Kontrolle geraten. Vorstellbar sei nun, so Prokopenko, dass diese neue Diktatur der Angst eine Nachfrage nach transparenten und berechenbaren Institutionen und Regelwerken wecken könnte. Bei dem derzeitigen Ausmaß an Repression und Misstrauen jedoch könne die Hauptstrategie allerdings kaum in Reformen, sondern nur im reinen Überleben liegen.

„Das neue Unverzeihliche“ von Tatjana Stanowaja:

russischsprachiges Original vom 9. Juli 2025: Externer Link: https://carnegieendowment.org/russia-eurasia/politika/2025/07/russian-officials-deaths?lang=ru¢er=russia-eurasia

englischsprachige Version: Externer Link: https://carnegieendowment.org/russia-eurasia/politika/2025/07/russian-officials-deaths?lang=en¢er=russia-eurasia

„System ohne Ausgang“ von Alexandra Prokopenko:

russischsprachiges Original vom 8. Juli 2025: Externer Link: https://carnegieendowment.org/russia-eurasia/politika/2025/07/russia-elites-internal-pressure?lang=ru

englischsprachige Version: Externer Link: https://carnegieendowment.org/russia-eurasia/politika/2025/07/russia-elites-internal-pressure?lang=en

Quelle: Externer Link: https://www.dekoder.org/de/article/krieg-ukraine-aktuelle-leseempfehlungen.

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Fussnoten

Weitere Inhalte

Tatjana Stanowaja ist Politikwissenschaftlerin, Senior Fellow beim Carnegie Russia Eurasia Center und hat 2018 das Analysezentrum R.Politik (Externer Link: https://rpolitik.com/https://rpolitik.com/) gegründet.

Alexandra Prokopenko ist Fellow am Carnegie Russia Eurasia Center.

In ihrer Forschung konzentriert sie sich auf die Politikgestaltung der russischen Regierung in Wirtschafts- und Finanzfragen.