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Kommentar: Russische Gewinne beim Erdöl durch geopolitische Krisen – und ihre Grenzen | Russland-Analysen | bpb.de

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Kommentar: Russische Gewinne beim Erdöl durch geopolitische Krisen – und ihre Grenzen Russland-Analysen Nr. 480

Tatiana Mitrova

/ 5 Minuten zu lesen

Russland kann zwar kurzzeitig zusätzliche Gewinne für sein Erdöl beziehen, allerdings keine nachhaltige wirtschaftliche Stärke aufbauen.

(© picture-alliance, Anadolu/Stringer)

Herausgeber der Länderanalysen

Die Russland-Analysen werden von der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen, der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde e.V., dem Deutschen Polen-Institut, dem Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien, dem Leibniz-Institut für Ost- und Südosteuropaforschung und dem Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS) gGmbH gemeinsam herausgegeben. Die Bundeszentrale für politische Bildung/bpb veröffentlicht die Analysen als Lizenzausgabe.

Einleitung

Die russische Erdölwirtschaft ist trotz der Sanktionen nicht zusammengebrochen. Sie hat jedoch auch nicht wieder das Niveau von vor 2022 erreicht. Stattdessen ist sie nachhaltig geschwächt, bleibt aber dennoch ausreichend in die globalen Märkte eingebunden, um von Phasen geopolitischer Krisen zu profitieren. Die Frage ist daher nicht, ob Russland weiterhin Öl exportieren kann, sondern ob es in der Lage ist, kurzfristige Gewinne in nachhaltige wirtschaftliche und strategische Vorteile umzuwandeln.

Die aktuellen Entwicklungen verdeutlichen diese Frage. Seit Anfang 2026 haben die Spannungen rund um den Iran die Ölpreise in die Höhe getrieben. Gleichzeitig haben die USA die Sanktionen gegen russische Erdölexporte nur begrenzt und vorübergehend gelockert – mit kurzfristigen Ausnahmegenehmigungen, die den Verkauf bereits auf See befindlicher sanktionierter Ladungen erlaubten, mit einer geplanten Rückkehr zum Sanktionsregime wenn diese Maßnahme ausläuft. Ukrainische Drohnenangriffe zielen weiterhin auf Raffinerien, Lagerstätten und die Exportinfrastruktur ab. Im Ergebnis kann Russland zwar weiterhin Erdöl exportieren und auch steigende Einnahmen erzielen, aber nur unter erschwerten, da volatileren und operativ anspruchsvolleren Bedingungen.

Einnahmen bei angespanntem Weltmarkt

Die unmittelbarste Auswirkung geopolitischer Krisen auf die russische Erdölwirtschaft ist finanzieller Natur. Höhere Preise und eine angespanntere Versorgungslage stützen die Exporteinnahmen trotz der Sanktionen.

Nach Angaben der Internationalen Energieagentur (IEA) stiegen die russischen Einnahmen aus dem Ölexport von etwa 9,7 Milliarden US-Dollar im Februar 2026 auf rund 19 Milliarden US-Dollar im März 2026, was sowohl auf höhere Preise als auch auf eine Ausweitung der Exportmengen zurückzuführen ist. In der ersten Aprilhälfte wurde Urals-Rohöl, die zentrale von Russland exportierte Erdölsorte, zu über 100 US-Dollar pro Barrel gehandelt, was deutlich über dem im russischen Staatshaushalt festgelegten Referenzwert liegt und Russland damit zusätzliche Einnahmen verschafft.

Diese Entwicklungen folgen einem bekannten Muster: Wenn die Versorgungsrisiken zunehmen, überwiegen die Preiseffekte. Die russischen Exporte müssen nicht wesentlich steigen, um höhere Einnahmen zu erzielen – schon allein Preisbewegungen können erhebliche finanzielle Auswirkungen haben. Zudem führt eine angespannte Marktlage dazu, dass Käufer eher bereit sind, die mit russischen Lieferungen verbundenen logistischen und rechtlichen Risiken in Kauf zu nehmen.

Auch die Durchsetzung der Sanktionen passt sich unter diesen Umständen an. Durch im März 2026 von den USA erteilte vorübergehende Ausnahmegenehmigungen konnten zusätzliche russische Exporte den Weltmarkt erreichen, insbesondere in Asien, wo Raffinerien nach Alternativen zu Lieferungen aus dem Nahen Osten suchten. Das anschließende Auslaufen dieser Ausnahmegenehmigungen verdeutlicht jedoch, wie kurzfristig und schnell wieder umkehrbar solche Lockerungen sein können.

Höhere Preise lösen außerdem nicht die strukturellen Probleme. Sie vergrößern die Einnahmen, tragen aber nicht dazu bei, die institutionellen, technologischen oder wirtschaftlichen Grundlagen der russischen Erdölwirtschaft wiederaufzubauen. Russlands Fähigkeit, von den Turbulenzen auf dem Weltmarkt zu profitieren, hängt nicht nur von den Preisen ab, sondern auch davon, inwieweit die Sanktionen gelockert werden – und eine solche Lockerung ist politisch umstritten und erst einmal nur vorübergehend.

Strategische Relevanz ohne strukturelle Erholung

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist, dass geopolitische Krisen die kurzfristige Bedeutung Russlands erhöhen. Für große Importeure wie China und Indien stellt russisches Rohöl eine Versorgungsquelle dar, die nicht von Engpässen wie der Straße von Hormus abhängig ist.

Die aktuellen Handelsströme spiegeln diesen Wandel wider. Chinesische Raffinerien, darunter Sinopec, haben während der durch den Iran verursachten Versorgungsengpässe ihre Einkäufe von ESPO-Rohöl, die von Russland in Ostsibirien produzierte Sorte, erhöht und dabei in einigen Fällen Aufschläge auf die Weltmarktpreise gezahlt. Russische Erdölexporte tragen somit ein wenig zur Stabilisierung der angespannten globalen Märkte dabei.

Dieser Beitrag sollte aber nicht überschätzt werden. Russlands Erdölexporte haben sich von einem relativ stabilen, vertraglich geregelten Handel hin zu eher spontanen Vereinbarungen verlagert. Diese sind eher von Preis- und Risikoüberlegungen als von langfristigen Verpflichtungen bestimmt. Russland kann zwar auf Marktbedingungen reagieren, seine Fähigkeit, diese zu beeinflussen, bleibt jedoch begrenzt.

Operative und strukturelle Einschränkungen

Das derzeitige Exportmodell Russlands ist gegenüber der Zeit vor 2022 mit höheren Kosten verbunden. Die Aufrechterhaltung der Handelsströme trotz Sanktionen erfordert längere Logistikketten, einen stärkeren Einsatz von Zwischenhändlern sowie eine ständige Anpassung der Transport-, Versicherungs- und Finanzierungsvereinbarungen. Dies erhöht die Transaktionskosten und verringert die Transparenz.

Das Exportsystem selbst ist fragmentierter und weniger berechenbar geworden. Es stützt sich zunehmend auf Umleitungen, Ad-hoc-Vereinbarungen und den Handel über Zwischenhändler, anstatt auf eine stabile Infrastruktur und langfristige vertragliche Rahmenbedingungen. Dies mindert die Zuverlässigkeit und erhöht die Kosten für die Aufrechterhaltung der Handelsströme auf Dauer.

Die ukrainischen Luftangriffe erhöhen den Druck weiter. Angriffe auf Raffinerien und Exportanlagen haben die Kapazitäten verringert und zu zusätzlicher Unsicherheit bei Produktion und Logistik geführt. Zwar werden die Exporte fortgesetzt, doch sind Steigerungen von Produktion und Export durch Einschränkungen bei der Infrastruktur begrenzt.

Die Sanktionen haben einen ähnlichen Effekt. Sie verhindern zwar keine Exporte, erhöhen jedoch die Kosten für deren Aufrechterhaltung und die operativen Risiken. Außerdem machen sie ständige Anpassungen erforderlich. Das System bleibt funktionsfähig, ist jedoch weniger effizient und weniger vorhersehbar als vor 2022.

Grenzen für nachhaltige Gewinne

Die entscheidende Einschränkung der russischen Erdölwirtschaft besteht darin, dass kurzfristige Erfolge nicht zu langfristigen Kapazitäten für Produktion und Export führen.

Erstens hat sich in Russland das Investitionsverhalten verändert. Unternehmen konzentrieren sich auf die Aufrechterhaltung der laufenden Produktion und nicht auf die Schaffung neuer Kapazitäten oder technologisch komplexer Projekte. Die heutige Produktion spiegelt frühere Investitionen wider, während die derzeitigen Investitionsbeschränkungen die zukünftigen Kapazitäten prägen werden. Darüber hinaus bleibt die politische Tragfähigkeit einer vorübergehenden Aufhebung der Sanktionen ungewiss, da sie Gegenstand einer innenpolitischen Debatte in den USA ist und schnell wieder rückgängig gemacht werden könnte.

Zweitens bleibt Russlands Fähigkeit, Produktion und Exporte zu steigern, selbst unter günstigen Preisbedingungen auch kurzfristig begrenzt. Einschränkungen der Exportinfrastruktur, durch ukrainische Angriffe bedingte Störungen sowie allgemeine sektorale Beschränkungen begrenzen den Spielraum für ein signifikantes Produktionswachstum in naher Zukunft. Die Infrastruktur ist sowohl zu einem Hemmnis als auch zu einer Schwachstelle geworden. Exportrouten, Häfen und Lagerstätten sind physischen Störungen ausgesetzt. In einem unter Druck stehenden System gewinnen solche Knotenpunkte an Bedeutung und reagieren daher empfindlicher auf weitere Schocks.

Drittens hängen deshalb die Einnahmen des russischen Staatshaushalts aus dem Ölexport weiterhin von Preisschwankungen ab. Höhere Preise können zwar vorübergehend zu höheren Einnahmen führen, doch beruhen diese Zuwächse eher auf äußeren Umständen als auf strukturellen Verbesserungen innerhalb Russlands.

Resümee

Die russische Erdölwirtschaft profitiert derzeit von höheren Preisen, begrenzten Lockerungen bei der Durchsetzung von Sanktionen und einer gestiegenen Nachfrage nach Öllieferungen aus Ländern außerhalb der Golfregion. Diese Faktoren verbessern die Einnahmen und stärken Russlands kurzfristige Bedeutung auf dem Weltmarkt.

Diese Gewinne stellen jedoch nicht die alten Bedingungen von vor 2022 wieder her. Das russische Exportsystem unterliegt größeren logistischen, finanziellen und technischen Einschränkungen. Die Investitionshorizonte sind deutlich kürzer geworden, und die Infrastrukturrisiken sind erhöht.

Russland profitiert daher zwar von geopolitischen Krisen, jedoch innerhalb eines eingeschränkten und politisch bedingten Exportregimes. Der russische Erdölsektor bleibt funktionsfähig und ist zeitweise profitabel. Seine Fähigkeit, günstige äußere Bedingungen in nachhaltige wirtschaftliche Stärke umzuwandeln, bleibt aber klar begrenzt.

Weitere Inhalte

Dr. Tatiana Mitrova ist Global Fellow am Center on Global Energy Policy an der Columbia University sowie Direktorin des New Energy Advancement Hub (NEAH). In ihrer Forschung konzentriert sie sich auf globale Energiemärkte, die Geopolitik von Energie und die Transformation hydrokarbon-basierter Volkswirtschaften.