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Kommentar: Russland gerät langsam in Afrika ins Hintertreffen – eine Chance für Europa | Russland-Analysen | bpb.de

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Kommentar: Russland gerät langsam in Afrika ins Hintertreffen – eine Chance für Europa Russland-Analysen Nr. 479

Ulf Laessing

/ 4 Minuten zu lesen

Russland erfüllt die Hoffnungen afrikanischer Staaten nicht, während Europa seine Beziehungen zum Kontinent nicht ausreichend stärkt.

Vertreter der Allianz der Sahel-Staaten bei einem Treffen in Moskau. (© picture-alliance, ZUMAPRESS.com | Vadim Savitsky)

Herausgeber der Länderanalysen

Die Russland-Analysen werden von der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen, der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde e.V., dem Deutschen Polen-Institut, dem Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien, dem Leibniz-Institut für Ost- und Südosteuropaforschung und dem Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS) gGmbH gemeinsam herausgegeben. Die Bundeszentrale für politische Bildung/bpb veröffentlicht die Analysen als Lizenzausgabe.

Mitten im aktuellen Iran-Krieg landete in der malischen Hauptstadt Bamako ein russisches Militärflugzeug vom Typ Iljuschin, um Nachschub für die Söldner des Afrika-Corps zu bringen. Es war bereits die zweite Maschine innerhalb einer Woche – das klare Signal Moskaus an seine Verbündeten im Sahel: Während die Welt sich neu ordnet, geht Russlands Engagement in der Krisenregion unvermindert weiter. Moskau versucht dort seit Ende 2021, mit Söldnern, Waffenlieferungen und endlos viel Desinformation Europa zu schaden, etwa durch mehr Migration wegen extremer Gewalt der Wagner-Gruppe und ihrer Nachfolgeorganisation, dem Afrika Korps, gegen Zivilisten.

Rund 150.000 Malier sind seit der Ankunft der Russen in das Nachbarland Mauretanien geflohen – viele beschuldigen die Söldner, Verwandte getötet und ihre Häuser niedergebrannt zu haben, um sie in die Flucht zu zwingen. Malier waren 2025 laut der EU-Grenzschutzagentur Frontex unter den drei häufigsten Nationalitäten der auf den Kanarischen Inseln ankommenden Bootsflüchtlinge. Die Zahlen sind zwar gering, aber dies zeigt ganz klar, dass Russland bewusst Migration nach Europa zu treiben versucht. Auch im Nachbarland Niger verfolgt Moskau eine ähnliche Strategie. Das Sahelland hat ein Abkommen mit der Europäischen Union von 2015 widerrufen, das Menschenschmugglergeschäft im Norden einzudämmen. Dies geschah einen Tag, nachdem Russland mit Niger beschlossen hatte, die Militärkooperation auszubauen. Man kann davon ausgehen, dass Russland dies zur Bedingung für die Entsendung des Afrika Korps gemacht hat. Seitdem floriert wieder das Geschäft der Schmuggler auf der Landroute nach Libyen.

Russlands leere Versprechungen

Jetzt wäre der richtige Zeitpunkt für die Europäische Union, mit mehr Interesse am Sahel und Afrika Russlands Expansion etwas entgegenzusetzen. Denn Moskau ist in der Defensive, seitdem bekannt wurde, dass Tausende Afrikaner aus Südafrika, Nigeria, Kenia, Niger und anderen Ländern mit vermeintlichen Jobangeboten nach Russland gelockt wurden, um nach ihrer Ankunft unter Zwang für den Kreml gegen die Ukraine zu kämpfen. Viele sind gestorben. Russische Botschaften in Afrika versuchen seitdem, die fast täglichen Todesnachrichten mit Fake News in den sozialen Medien zu kontern, wie etwa dass Afrikaner gar keine Visa für eine Teilnahme an Russlands Ukraine-Invasion bekommen hätten. Dies sind reine Nebelkerzen, denen niemand glaubt, da alle Afrikaner Visa zu Arbeits- oder Studienzwecken bekommen hatten, die unter falschen Versprechungen beantragt wurden.

Es hat sich nicht nur in den Sahelländern herumgesprochen, dass Russland seine vollmundigen Versprechen einer Zusammenarbeit oft nicht einhält. Der Fall des syrischen Diktators Bashar al-Assad zeigt zudem, dass Russlands Verbündete sich nicht wirklich auf eine Unterstützung verlassen können. Dazu kommt: Russlands Söldner haben den Mali-Konflikt mit ihrer Brutalität nur noch schlimmer gemacht. Von angekündigten kostenlosen Getreidelieferungen ist wenig zu sehen. Eigentlich müsste Russland jetzt seinen Verbündeten angesichts steigender Ölpreise im Zuge der Iran-Krise Benzin schicken – Länder wie Mali oder Burkina Faso ohne Meereszugang sind von den weltweiten Preissteigerungen wegen des langen Transportweges besonders betroffen. Doch auch da ist von Russland nichts zu sehen.

Europa tut sich schwer im Sahel

Russland füllt im Sahel eigentlich nur ein Vakuum durch den Bruch der Militärregierungen mit der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich aus. Die Europäische Union tut sich seitdem schwer, eine gemeinsame Linie im Umgang mit der Allianz der Sahel-Staaten (AES) zu finden. Diese sind zugebenermaßen schwierige Partner, die viel Wert auf "Souveränität" legen. Mali hält zum Beispiel seit August einen akkreditierten französischen Offizier gefangen – ein klarer Verstoß gegen die Wiener Konvention. Trotzdem sollte Europa nicht eine ganze Region, durch die die Hauptmigrationsrouten von Subsahara-Afrika an die Küste führen, vollständig Russland und anderen autokratischen Akteuren überlassen. Brüssel hat sich nach langem Hin und Her auf ein neues Strategiepapier für den Sahel geeinigt; ein relativ nichtssagendes Papier, das die AES nicht einmal erwähnt. Ein Fonds zur Entwicklungskooperation über 195 Millionen Euro liegt zudem seit fast einem Jahr auf Eis, weil Frankreich seinen Bedeutungsverlust nicht akzeptiert und nach Angaben von Diplomaten möglichst wenig Engagement mit Mali, Niger und Burkina Faso will. Dabei wären Entwicklungsprojekte wichtig, um die Armut – und damit die Bereitschaft zur Migration – etwas einzudämmen. Die Vereinigten Staaten sind da schon weiter. Man kann die Trump-Administration für vieles kritisieren. Washington hat aber die neuen Realitäten in den Sahelländern akzeptiert und bietet bei der Bekämpfung von Dschihadisten eine Zusammenarbeit an. Da mögen wirtschaftliche Motive wie der Zugang zu Ressourcen wie Gold eine Rolle spielen – die Vereinigten Staaten nehmen die Sahelstaaten wenigstens ernst.

Die Europäer sollten auch mehr gegen Russlands Desinformation in der Region vorgehen. Mit einem Netzwerk von "Influencern" und einer eigens für Afrika gegründeten "Nachrichtenagentur" verbreitet Moskau jeden Tag Lügen, wie etwa dass Frankreich Dschihadisten unterstütze oder Europa Afrikas Rohstoffe stehle. Im Kontrast dazu kommunizieren die Europäische Union und ihre Mitglieder, einschließlich Deutschland, wenig und wenn, dann in altmodischen Formaten wie Fotos von Politikerbesuchen ohne echten Mehrwert. Die meisten Afrikaner wissen gar nicht, dass die EU-Staaten finanziell die größten Unterstützer des Kontinents sind – das spielt Russland in die Hände, Fake News zu verbreiten.

Fussnoten

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Ulf Laessing leitet seit Januar das Regionalprogramm Sahel der Konrad-Adenauer-Stiftung in Mali. Zuvor hat er 13 Jahre als Auslandskorrespondent und Büroleiter bei der Nachrichtenagentur Reuters im Nahen Osten, Nordafrika und Afrika südlich der Sahara gearbeitet mit den Themenschwerpunkten "Arabischer Frühling", Konflikte und Militärmissionen, politische Transformationen, Terrorismus und Dschihadisten, Migration, Wirtschaft und Klimawandel. Laessing ist Autor eines Buches über den Libyen-Konflikt und hat Geschichte, Islamwissenschaft und Volkswirtschaft in Hamburg, Leipzig und Kuwait studiert.