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Kommentar: Korruption und Elitennetzwerke in Russlands Grenzregionen während des Krieges | Russland-Analysen | bpb.de

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Kommentar: Korruption und Elitennetzwerke in Russlands Grenzregionen während des Krieges Russland-Analysen Nr. 475

Ekaterina Paustyan

/ 3 Minuten zu lesen

Ehemals stabile Elitennetzwerke werden jetzt durch Korruptionsermittlungen, die nach einem bestimmten Muster ablaufen, erschüttert.

Transportminister Roman Starowojt bei einer Denkmalseröffnung. (© picture-alliance, Picvario / Komsomolskaya Pravda)

Herausgeber der Länderanalysen

Die Russland-Analysen werden von der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen, der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde e.V., dem Deutschen Polen-Institut, dem Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien, dem Leibniz-Institut für Ost- und Südosteuropaforschung und dem Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS) gGmbH gemeinsam herausgegeben. Die Bundeszentrale für politische Bildung/bpb veröffentlicht die Analysen als Lizenzausgabe.

Mit Jahresbeginn 2026 wird in Russland sichtbar, dass der Krieges gegen die Ukraine zunehmend die Muster der Strafverfolgung gegen russische Beamt:innen verschiedener Ebenen prägt. Im Jahr 2025 (mit Stand von Oktober 2025) haben die russischen Strafverfolgungsbehörden 155 Festnahmen hochrangiger Staatsdiener:innen, vorrangig wegen Korruption, vermeldet; ein Rekordwert für die vergangenen fünf Jahre. Diese Konzentration von Korruptionsfällen tritt besonders in den Oblasten Kursk, Brjansk und Belgorod hervor, die an die Ukraine grenzen.

Der markanteste Fall war wohl der Selbstmord von Roman Starowojt im Juli 2025. Starowojt war vor seiner Ernennung zum Transportminister Russlands von 2019 bis Mai 2024 Gouverneur der Oblast Kursk gewesen. Medienberichten zufolge geriet seine Amtszeit als Gouverneur wegen möglicher Veruntreuung von Mitteln auf den Prüfstand, die für Arbeiten zur Grenzbefestigung bereitgestellt worden waren und im Herbst 2022 begannen. Im August 2024, kurz nach seinem Wechsel in die Hauptstadt, drangen ukrainische Truppen in die Oblast Kursk ein und besetzten vorübergehend russisches Territorium. Erst im April 2025 konnten russische Truppen das Gebiet wieder zurückerobern. Kurz darauf wurden Ermittlungen wegen Korruption und Amtsmissbrauch aufgenommen. Erste Strafverfahren konzentrierten sich auf Baufirmen und Auftragnehmer:innen, die an den Projekten beteiligt waren, später richteten sie sich auch gegen Vertreter:innen der Regionalverwaltung. Im Dezember 2024 war Personal des regionalen Entwicklungsunternehmens verhaftet worden. Im April 2025 wurden dann Alexej Smirnow, der von Mai bis Dezember 2024 Gouverneur der Oblast Kursk war, und sein Stellvertreter wegen Betrugsvorwürfen im Zusammenhang mit den Geldern für die Grenzbefestigung festgenommen.

In der Oblast Brjansk folgten die Korruptionsermittlungen einem ähnlichen Muster. Erste Verfahren konzentrierten sich auf Privatunternehmen, die mit Befestigungsarbeiten befasst waren. Im Juli 2025 wurde der stellvertretende Gouverneur Nikolaj Simonenko und der Chef des regionalen Amts für Investitionsbauten wegen umfangreicher Veruntreuung im Zusammenhang mit den Arbeiten festgenommen. In der Oblast Belgorod konzentrierten sich die Korruptionsermittlungen auf Verwaltungsbeamt:innen, die mit den Projekten zur Grenzbefestigung befasst waren. Eine der ersten hochrangigen Personen, die festgenommen wurden, war der stellvertretende Gouverneur Rustem Sajnullin, der für den Bausektor der Region zuständig war. Das Verfahren wurde später erweitert und betraf dann auch den ehemaligen stellvertretenden Gouverneur Wladimir Basarow, der im August 2025 verhaftet wurde, als er bereits stellvertretender Gouverneur der Oblast Kursk war. Basarow und Sajnullin wurden in den regionalen Medien oft als enge Vertraute des Belgoroder Gouverneur Wjatscheslaw Gladkow beschrieben. Alle drei hatten zuvor in der Stadtregierung von Sewastopol auf der Krym eng zusammengearbeitet.

All diese Verfahren richten sich gegen hochrangige Angehörige der regionalen politischen und Wirtschaftseliten. Die Anzahl und das Ausmaß der Fälle werfen tiefere Fragen über einen Zusammenhang zwischen Korruptionsverfolgung und Regierungsführung in Kriegszeiten auf. Da die Ermittlungen auf Angehörige regionaler Elitennetzwerke ausgeweitet wurden, scheinen diese Netzwerke sowohl von zentraler Bedeutung zu sein, allerdings auch unter Kriegsbedingungen verwundbar. Frühere Forschungsarbeiten haben ergeben, dass diese Netzwerke eine zentrale Bedeutung haben, wie die regionale Regierungsführung unter Krisenbedingungen funktioniert. Ein Merkmal fest etablierter Elitennetzwerke besteht darin, dass es keine interne Konkurrenz gibt. Diese Geschlossenheit sorgt in Drucksituationen für eine wirksame Koordinierung und Umsetzung von Entscheidungen. Allerdings werden diese Netzwerke jetzt durch Korruptionsermittlungen erschüttert, die sich unter anderem gegen gutvernetzte Personen richten. Diese Spannung zwischen einer Stützung auf Elitennetzwerke und deren selektiver Erschütterung entspringt im Kern den aktuellen Veränderungen in der Regierungsführung zu Kriegszeiten. Das wirft verschiedene Fragen auf. Welche Auswirkungen haben Korruptionsermittlungen auf regionale Elitennetzwerke? Welche neuen Netzwerke entstehen anstelle der erschütterten alten? Stärken diese neuen Konstellationen die regionale Regierungsführung unter Kriegsbedingungen oder schwächen sie diese eher? Die Entwicklungen im Jahr 2026 könnten zumindest zum Teil Antworten auf diese Fragen bieten, da sich das russische System der Regierungsführung wohl weiterentwickelt.

Übersetzung aus dem Englischen: Hartmut Schröder

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Ekaterina Paustyan ist promovierte Wissenschaftlerin an der Abteilung Polititk des Leibniz-Instituts für Ost- und Südosteuropaforschung in Regensburg (IOS Regensburg). Ihre Forschungsschwerpunkte sind territorial politics, autoritäre Regime, politische Eliten, Russland und Mittelosteuropa.