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Medienkritik in den USA

Netzdebatte Redaktion

/ 5 Minuten zu lesen

Spätestens seit dem jüngsten Wahlkampf hat die Kritik an den Medien in den USA eine neue Dimension erreicht. Scheinbar alles darf infrage gestellt werden. Die völlige Ablehnung der "Mainstream-Medien" ist auch in Deutschland en vogue. Wir haben mit dem Amerikanisten Michael Butter über Parallelen zur Lügenpresse-Debatte und die Besonderheiten der amerikanischen Medienlandschaft gesprochen.

Die Medienlandschaft in den USA war lange entlang der Parteilinien geteilt: Republikaner fühlten sich bei FOX zuhause, Demokraten eher bei CNN oder MSNBC. Seit Donald Trumps Wahlkampf haben sich viele Wähler beider Seiten von den traditionellen Medien abgewandt. Lizenz: cc by/2.0/de

Amerikanische Medien sind anders als in Deutschland viel stärker politisiert. Viele gehen ganz offen mit ihrer parteipolitischen Position um. Funktioniert Medienkritik dort anders?

Hier muss man unterscheiden, über welche Medien man spricht. Wenn man sich z.B. das Fernsehen anschaut, dann hat man die großen traditionellen Netzwerksender wie ABC, CBS und NBC, die sich in einer Art und Weise um Neutralität bemühen, wie man das bei uns gar nicht kennt. Mit dem Ergebnis, dass zu jedem Thema - und sei es so etwas wie das Thema Klimawandel - immer zwei Experten gehört werden. Der eine ist dann der Klimaforscher, der das wissenschaftlich gut belegen kann, und der andere ist derjenige, der den Klimawandel leugnet. Die Moderatoren beziehen bei sowas kaum Stellung.

Worauf Sie angespielt haben, das sind die anderen Medieninstitutionen, die wirklich extrem parteiisch sind, darunter Radiosender, Zeitungen und natürlich einige Fernsehsender, wie z.B. FOX News (republikanisch, konservativ) oder MSNBC (demokratisch, liberal). Auch wenn diese Medien das manchmal bestreiten, beziehen sie ganz eindeutig Stellung zu einer politischen Partei. Das ist natürlich in den USA auch leichter, weil das politische Feld viel polarisierter ist. Dort gibt es eben nicht fünf, sechs Parteien wie bei uns, sondern Republikaner und Demokraten (Anm. d. Red.: Auch in den USA gibt es Drittparteien, wie etwa die Green Party. Regierungspolitisch spielen diese jedoch kaum eine Rolle.). Deshalb richtet sich Medienkritik in den USA oft nicht gegen die Medien generell, sondern gegen die Sender, die die Positionen des politischen Gegners verbreiten.

Sind die Amerikaner deshalb grundsätzlich kritischer gegenüber ihren Medien?

Es ist vor allem ein anderer Umgang mit den Medien, der vor allem damit zu tun hat, dass die politische Landschaft so polarisiert ist. Bei vielen Amerikanern ist es deshalb so, dass man den Nachrichten die von den Medien kommen, die die eigene politische Meinung vertreten, oft blind vertraut. Oft noch naiver als bei uns. Dahingegen werden die Berichte, die vom "politischen Gegner" kommen, erstmal prinzipiell infrage gestellt. Ich glaube also nicht, dass die Amerikaner allgemein kritischer im Umgang mit ihren Medien sind, sondern dass die Polarisierung der politischen Landschaft sich auch in der Art und Weise wie Medienkritik geübt wird niederschlägt.

Mit Trump und seiner öffentlichen Abneigung gegenüber den traditionellen Medien hat sich auch das Verhältnis vieler Amerikaner zu den Medien geändert. Was ist da passiert? Gibt es Parallelen zur "Lügenpresse-Debatte" in Deutschland?

Diese Debatte wurde in den USA auch schon vor dem Wahlkampf geführt, aufgrund der Polarisierung nur etwas anders. Die Medienkritik, die heute von Trump und seinen Wählern kommt, übten bereits andere Medieninstitutionen vor ihm. Ich erinnere mich an die Veröffentlichung des 9/11 Report (Anm.d.Red.: der Bericht einer gemeinsamen Kommission zur Aufarbeitung der Anschläge auf das World Trade Center im Jahr 2001). Da hat der Moderator Bill O’Reilly, eines der Aushängeschilder von FOX News, seine Sendung mit dem Satz "How the liberal media distort the findings of the 9/11 report", begonnen. Das ist eine Medienkritik, die aus einer konservativen Richtung kommt, wo sich jemand bei FOX News als die Stimme der Wahrheit generiert, die gegen die ideologische Verzerrung und die Lügen der links-liberalen Medien anspricht.

Andersherum haben liberale Medien das genauso gemacht, wenn sie über FOX News berichteten. Aufgrund der Polarisierung war das aber eine Medienkritik, die nicht generell die gesamte Presse getroffen hat, sondern nur bestimmte Sender und Akteure. Das interessante, das wir jetzt gerade erleben, ist, dass eine populistische Bewegung wie Trump sie anführt, diese traditionelle Unterscheidung von republikanisch und demokratisch unterläuft und sie zumindest teilweis ersetzt durch eine Unterscheidung zwischen "wir hier unten" und "die da oben". Und auf einmal kann es dann passieren, dass die gesamten traditionellen Medien der Lüge bezichtigt werden, ähnlich der Medienkritik einiger Gruppierungen wie z.B. der Pegida-Bewegung in Deutschland in den letzten Jahren.

Welche Rolle spielen denn von den traditionellen Medien unabhängige Kommentatoren in der amerikanischen Medienlandschaft - auch im Vergleich zu Deutschland?

Die spielen in den Vereinigten Staaten eine viel größere Rolle als bei uns - zumindest momentan noch. Da hat man natürlich so etwas wie breitbart.com (Anm.d.Red.: eine kontroverse, konservative Website, der gerade im letzten Wahlkampf für Aufsehen sorgte und dessen ehemaliger Chefredakteur, Steve Bannon, Donald Trumps höchster politischer Berater im Weißen Haus werden soll) auf der einen Seite. Auf der anderen Seite hat man da so etwas wie die Huffington Post, die ja auch mal relativ klein angefangen hat und sich dann in eher traditionelle Formen weiterentwickelt hat. Es ist interessant zu sehen, dass in so einer polarisierten Stimmung gerade die unabhängigen Akteure oftmals dazu beitragen, noch mehr zu polarisieren.

Also pointiert gesagt: Wenn einem FOX-News noch zu ausgewogen und zu neutral ist, dann findet man im Internet Seiten wie breitbart.com, wo davon dann überhaupt nichts mehr zu spüren ist. Selbst bei FOX News ist es so, dass sie zumindest noch einen Demokraten oder einen Liberalen mit in die Runde setzen, auch wenn der meistens niedergebrüllt wird, damit sie zumindest den Anschein der Ausgewogenheit aufrechterhalten.

Ist eine ähnliche Polarisierung der Medienlandschaft in Deutschland denkbar?

Ich glaube nicht und das liegt unter anderem daran, dass in Deutschland die Medien teils öffentlich-rechtlich finanziert werden und von daher darauf geschaut wird, dass sie keine politischen Tendenzen zeigen. Aber wir werden in absehbarer Zeit, zumindest was die traditionellen Medien angeht, nicht so eine politische Polarisierung erleben wie in den USA. Was wir aber schon erleben ist, dass auch bei uns eine Aufspaltung der Medienlandschaft insgesamt stattfindet.

Das Spannende in Deutschland ist, dass die Entwicklung hier gerade andersherum verläuft. In Deutschland haben sich polarisierende Medien oft zunächst online entwickelt. Man denke z.B. an das Compact-Magazin von Jürgen Elsässer, das ohne seine Webpräsenz niemals so groß geworden wäre. Ein Grund dafür sind auch die Filterblasen, die sich im Netz bilden und durch die immer mehr Menschen solchen Akteuren Vertrauen schenken. Diese wiederum haben mit dem Erfolg dann auch traditionellere Formen angenommen. Das Compact-Magazin können Sie mittlerweile an fast jedem Bahnhofskiosk kaufen, auch wenn da natürlich Positionen vertreten werden, die mit dem was als Konsens gilt, nichts zu tun haben. Hier ist die Bewegung also eher umgekehrt: Aus dem Virtuellen geht es in die traditionelle Printwelt hinein.

Welche Folgen könnte Trumps Wahl zum US-Präsidenten für die Medienlandschaft in den USA und international haben?

Rechtspopulistische Bewegungen gewinnen an Aufwind und haben heute natürlich ganz andere Formen der Vernetzung, ganz andere Möglichkeiten miteinander zu kommunizieren. Es wird sehr interessant werden zu sehen, wie sich die Medien jetzt nach dieser Wahl verhalten. Wie sich konservative Sender wie FOX-News zu diesen sehr starken rechtspopulistischen Stimmen verhalten. Ob man versucht, diese zu vereinnahmen oder sie einzugrenzen. In Deutschland werden die traditionellen Medien sich wohl auf absehbare Zeit von den Positionen der AfD distanzieren, aber die finden natürlich alternative Medien, die sie unterstützen.

Anm.d.Red.: Die konservative US-Website Breitbart bzw. dessen ehemaliger Chefredakteur und engster politischer Berater Donald Trumps, hat bereits angekündigt, auch Ableger in Deutschland und Frankreich lancieren zu wollen.

Michael Butter

Michael Butter ist Professor für Amerikanistik an der Universität Tübingen und stellvertr. Leiter eines internationalen und interdisziplinären Forschungsverbunds zur Erforschung von Verschwörungstheorien.

Fussnoten

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