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Integration und Reproduktionsverhalten

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Integration und Reproduktionsverhalten

Frank Swiaczny

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Tür eines Kreißsaales mit Storchen-Zeichnung (© picture alliance / zb)

Der Zusammenhang zwischen internationaler Wanderung und Bevölkerungsentwicklung zeigt sich für das Beispiel Deutschland auch an der seit den 1960er Jahren stark gestiegenen Zahl an Geburten von ausländischen Müttern (2011: 112.358). Sie haben einen Anteil von 17 Prozent an allen Geburten in Deutschland (zum Vergleich: der Ausländeranteil in der Bevölkerung liegt bei 7,8 Prozent). Die gestiegene Bedeutung dieser Geburten ist dabei auf mehrere Ursachen zurückzuführen. Einerseits ist die Zahl der Ausländer durch Zuwanderung in den letzten Jahrzehnten stark gestiegen und als Folge die Zahl potentieller Mütter (vgl. Interner Link: Abb. 2). Andererseits sind Migranten bei der Zuwanderung meist jung. Der Altersdurchschnitt der ausländischen Bevölkerung lag 2011 mit 39,4 Jahren unter dem der deutschen Bevölkerung mit 44,4 Jahren. Hieraus resultiert ebenfalls eine im Vergleich höhere Zahl an potentiellen Müttern. Nicht zuletzt bringen Frauen mit ausländischer Staatsangehörigkeit durchschnittlich mehr Kinder zur Welt als deutsche Frauen. Die Zuwanderung und die aus ihr folgenden Geburten haben damit in Deutschland in der Vergangenheit generell verjüngend auf die Altersstruktur der Gesamtbevölkerung gewirkt.

Anpassungsprozesse

Ein Vergleich der zusammengefassten Geburtenziffer deutet jedoch darauf hin, dass sich auch die Fertilität der ausländischen Frauen in Deutschland im Verlauf des Integrationsprozesses dem niedrigen Wert der deutschen Frauen annähert. 1990 lag die Fertilität von Frauen mit ausländischer Staatsangehörigkeit durchschnittlich noch bei 2,04 Kindern, gegenüber einem Wert deutscher Frauen von 1,26 Kindern (siehe Abb. 5). Bis 2011 hat sich diese Differenz deutlich verkleinert: Die durchschnittliche Geburtenzahl ausländischer Frauen lag bei 1,58, die von Frauen mit deutschem Pass bei 1,33 Kindern. Die höheren Geburtenziffern von Migrantinnen werden in der Regel darauf zurückgeführt, dass sie aus Ländern stammen, in denen Frauen im Durchschnitt mehr Kinder zur Welt bringen als in Deutschland. Mit zunehmender Aufenthaltsdauer wird schließlich eine Anpassung des Kinderwunsches und des Fertilitätsniveaus an die Vorstellungen und die Rahmenbedingungen des Aufnahmelandes unterstellt. Für die heute neu zuwandernden Frauen ist zudem zu berücksichtigen, dass in den meisten Herkunftsländern die zusammengefasste Geburtenziffer inzwischen auch stark zurückgegangen ist.

Abb. 5: Zusammengefasste Geburtenziffer (TFR) nach Staatsangehörigkeit der Mütter in Deutschland 1990-2011 (bpb) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/

Eine genauere Betrachtung der Ursachen der unterschiedlichen Fertilität zwischen den verschiedenen Migrantengenerationen bzw. Herkunftsregionen sowie den deutschen Frauen zeigt, dass die höhere Fertilität der Migrantinnen auf ihren oftmals niedrigeren sozioökonomischen Status und eine geringere Bildungsbeteiligung zurückgeführt werden kann. Wie bei deutschen Frauen auch, führen ein höherer sozioökonomischer Status und eine höhere Bildung zu niedrigerer Fertilität. Die für die künftige demografische Entwicklung wichtige Frage, ob sich die Fertilität mit zunehmender Aufenthaltsdauer bzw. bei den Folgegenerationen mit Migrationshintergrund weiter dem Fertilitätsniveau der deutschen Bevölkerung anpasst oder ob sich bei einigen Zuwanderergruppen dauerhaft ein höherer Kinderwunsch sowie höhere Geburtenzahlen etablieren werden, lässt sich auf der Basis der vorliegenden Forschung noch nicht abschließend beurteilen. Grundsätzlich bleibt aber festzuhalten, dass hohe Bildung und gute Integration von Migranten in den Arbeitsmarkt, die aus ökonomischen Gründen gefordert werden, den positiven Effekt von Wanderung auf die Alterung und den Bevölkerungsrückgang reduzieren.

Dieser Text ist Teil des Kurzdossiers Interner Link: "Demografischer Wandel und Migration in Europa".

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Frank Swiaczny ist Wissenschaftlicher Rat am Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung in Wiesbaden und leitet die Redaktion der Zeitschrift Comparative Population Studies. Von 2000 bis 2012 war er Vorsitzender des Arbeitskreises Migration-Integration-Minderheiten der Deutschen Gesellschaft für Demographie (DGD). Zu seinen Aufgaben am Bundesinstitut gehören Forschung und Politikberatung in den Bereichen Demografie und Weltbevölkerung. Seine Arbeitsschwerpunkte umfassen daneben unter anderem Bevölkerungsgeographie und Migrationsforschung.
E-Mail: E-Mail Link: frank.swiaczny@swiaczny.de