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Wie sich Migration auf die Herkunftsländer auswirkt

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Wie sich Migration auf die Herkunftsländer auswirkt

Matthias Lücke

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Auswanderung betrifft nicht nur im Herkunftsland zurückgebliebene Haushaltsmitglieder der Migranten. Sie hat auch gesamtwirtschaftliche Effekte, insbesondere durch Rücküberweisungen. Eine Zusammenfassung einschlägiger Ergebnisse aus der Wirtschaftsforschung.

Kunden warten vor dem Geldtransferunternehmen Western Union in der Innenstadt Hannover. (© picture-alliance/dpa, Ole Spata)

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Die Auswanderung von Arbeitskräften wirkt sich auf gleich mehrere Gruppen in den Herkunftsländern aus: die Auswandernden selbst, zurückgelassene Haushaltsmitglieder, die übrige Bevölkerung sowie die Regierung. Dieser Beitrag stellt aus wirtschaftlicher Sicht zum einen die Auswirkungen der Abwanderung von Arbeitskräften den Auswirkungen von "Rücküberweisungen“ gegenüber (viele Ausgewanderte unterstützen mit einem Teil ihres ausländischen Einkommens Familienmitglieder und andere Personen im Heimatland); zum anderen geht es um die Effekte auf Haushaltsebene im Vergleich zur Gesamtwirtschaft (Tabelle 1). Der Gesamteffekt der Auswanderung ist häufig für alle Beteiligten im Herkunftsland positiv – aber nicht immer. Beispielsweise kann sich die Abwesenheit der Ausgewanderten negativ auf schutzbedürftige Familienmitglieder auswirken, die im Herkunftsland zurückbleiben, insbesondere auf Kinder und Jugendliche sowie auf ältere und pflegebedürftige Menschen. Auch kann die Auswanderung zu einem Mangel an Fachkräften führen und damit die wirtschaftliche Entwicklung hemmen.

Menschen wandern aus und arbeiten im Ausland, weil (und nur wenn) sie erwarten, ihr Leben und das ihrer Familienangehörigen dadurch zu verbessern. Natürlich werden solche Hoffnungen nicht immer erfüllt (Punkt 1.1 in Tabelle 1), vor allem wenn die Informationen früherer Ausgewanderter über die Lebensbedingungen im Zielland ein zu rosiges Bild zeichnen. An der weltweiten Arbeitsmigration Interner Link: sind jedoch Millionen von Menschen in vielen Migrationskorridoren beteiligt. Migration würde nicht in diesem Umfang stattfinden, wenn sie für die Auswandernden sowie ihre Familien nicht meistens gut verlaufen würde.

Entscheidend ist, dass die Interner Link: Rücküberweisungen der Ausgewanderten nicht nur den unmittelbaren Empfänger-Haushalten in den Herkunftsländern zugutekommen. Denn: Mittelbar führen höhere verfügbare Einkommen dort zu einer höheren Nachfrage nach lokal produzierten ("nicht handelbaren") Waren und Dienstleistungen, was wiederum zu einer höheren Nachfrage nach lokalen Arbeitskräften und höheren Interner Link: Reallöhnen beiträgt.

Migration ist in vielen Herkunftsländern vor allem für Arbeitskräfte mit besserer Ausbildung oder fachlichen Qualifikationen attraktiv. Das hat allerdings zur Folge, dass die Zurückgebliebenen unter Umständen einen schlechteren Zugang zu wichtigen Dienstleistungen haben (z. B. zur Gesundheitsversorgung im Falle eines medizinischen "Brain Drain", also der Abwanderung von Fachkräften im Gesundheitswesen) oder sie sind weniger produktiv, weil z.B. in einem Unternehmen Teammitglieder mit kritischen Qualifikationen fehlen.

Die Auswanderung wirkt sich auch auf die Staatsfinanzen aus: Die Einnahmen aus Interner Link: direkten Steuern (vor allem der Einkommensteuer) können sinken, wenn Arbeitskräfte auswandern, während der staatliche Ausgabenbedarf (z. B. für öffentliche Infrastruktur in ländlichen Gebieten oder Altersrenten) möglicherweise nicht in gleichem Maße zurückgeht. Interner Link: Indirekte Steuern (insbesondere die Mehrwertsteuer auf Einfuhren) werden jedoch gestärkt, weil die Rücküberweisungen der Ausgewanderten zu höheren Einfuhren führen, die an der Grenze leicht besteuert werden können (Punkt 2.6 in Tabelle 1).

Im Folgenden gehe ich auf einige wichtige Effekte und die zugrundliegenden Wirkungsmechanismen ein. Ich konzentriere mich auf Interner Link: freiwillige Migration – was nicht ausschließt, dass die Lebensbedingungen im Herkunftsland schwierig sind – und nicht auf Flüchtlingssituationen, in denen Menschen ihre Heimat verlassen, weil ihr Leben durch Verfolgung oder Krieg bedroht ist.

Auswirkungen auf Haushaltsebene: abwesende Haushaltsmitglieder

Wichtig ist hier die Unterscheidung zwischen temporärer und dauerhafter Migration. Bei temporärer Migration arbeiten die Ausgewanderten zwar im Ausland, bleiben aber Mitglieder des Haushalts im Herkunftsland – tragen also zur Finanzierung der Haushaltsausgaben bei und gehen davon aus, dass sie irgendwann in den Haushalt zurückkehren. Im Gegensatz dazu gründen Ausgewanderte bei dauerhafter Migration ihren eigenen Haushalt im Ausland oder es verlässt gleich der gesamte Haushalt das Herkunftsland. Temporäre Migration ist vor allem für gering- bis mittelqualifizierte Auswandernde attraktiv, die im Zielland nicht genug verdienen, um dort auch ihre Familien zu ernähren. Wenn sie im Zielland jedoch allein bescheiden leben, können sie beträchtliche Summen an ihre Familien in relativ armen Herkunftsländern mit niedrigen Lebenshaltungskosten zurückschicken. Beispiele hierfür sind moldauische Arbeiter auf Baustellen in Moskau, Interner Link: polnische Pflegekräfte, die ältere Menschen in Deutschland unterstützen, oder philippinische Seeleute in vielen Handelsmarinen.

In vielen qualitativen Studien und Medienartikeln wird auf die nachteiligen Auswirkungen der Abwesenheit von Eltern oder pflegenden Angehörigen auf im Herkunftsland verbliebene Kinder oder ältere Menschen hingewiesen (Punkt 1.2 in Tabelle 1). Außer über Kinder in Interner Link: China, deren Eltern vom Land in die Stadt ziehen , gibt es jedoch nur wenige einschlägige quantitative Untersuchungen. Eine Ausnahme bildet eine Studie, die für eine landesweit repräsentative Haushaltsstichprobe in der Republik Moldau feststellt, dass ältere Menschen mit erwachsenen ausgewanderten Kindern einen besseren Gesundheitszustand haben als ihre Altersgenossen ohne ausgewanderte Kinder. Dies ist auf ein höheres verfügbares Einkommen aufgrund von Rücküberweisungen zurückzuführen; außerdem stehen sie weniger unter Druck, für ihren Lebensunterhalt arbeiten zu müssen.

Die Ergebnisse derselben Erhebung für Kinder mit migrierten Eltern waren differenzierter: Der Gesundheitszustand von Kindern mit und ohne ausgewanderte Eltern war insgesamt ähnlich. Allerdings gingen männliche Jugendliche, deren Eltern in Russland arbeiteten, seltener zur Schule als solche mit Eltern in Westeuropa; wenn die Eltern ausgewandert waren, wiesen männliche Jugendliche insgesamt eine niedrigere Einschulungsquote auf als weibliche Jugendliche.

Eine wichtige Erkenntnis aus diesen quantitativen Untersuchungen bleibt, dass die Sorge der Auswandernden um ihre im Herkunftsland zurückgelassenen Kinder und pflegebedürftigen Angehörigen nicht unterschätzt werden sollte: Die meisten Menschen migrieren nur dann, wenn sie angemessene Betreuungsregelungen für ihre Kinder und älteren Verwandten treffen können. Trotzdem vermissen natürlich viele Kinder ihre ausgewanderten Eltern, was sich oft in qualitativen Untersuchungen zeigt.

Auswirkungen auf Haushaltsebene: Rücküberweisungen

Haushalte, die Geldüberweisungen von Migrantinnen und Migranten erhalten, haben ein höheres verfügbares Einkommen. Wenn die ausgewanderte Person aus demselben Haushalt stammt, muss zudem eine Person weniger ernährt werden (Punkt 1.3 in Tabelle 1). In der Regel sinkt die Armutsquote in Haushalten, die Rücküberweisungen erhalten; das zusätzliche Einkommen wird für lebensnotwendige Konsumgüter (z. B. bessere Lebensmittel) oder eine bessere Wohnsituation, mehr Bildung oder Gesundheitsversorgung ausgegeben (Punkt 1.4 in Tabelle 1). Während arme Migrantinnen und Migranten und ihre Familien häufig "von der Hand in den Mund" leben, können besser gestellte Ausgewanderte ihr Auslandseinkommen auch nutzen, um für Rituale im Lebenszyklus (etwa eine Hochzeit), langlebige Konsumgüter (wie ein neues Auto) oder Haushaltsinvestitionen (wie ein Wohnhaus oder die Ausbildung eines Kindes) zu sparen (Punkt 1.5 in Tabelle 1).

Politisch Verantwortliche fordern häufig Maßnahmen, um Rücküberweisungen in "produktive" Verwendungen wie betriebliche Investitionen zu lenken. Allerdings werden in der Praxis Rücküberweisungen nur selten in Unternehmen investiert (auch wenn es Erfolgsgeschichten von zurückgekehrten Migrantinnen und Migranten gibt, die Unternehmen gegründet haben). Ein offensichtlicher Grund dafür ist, dass in Ländern mit hoher Auswanderungsrate oft ein schlechtes Investitionsklima herrscht (z. B. Korruption, politische Instabilität, schlechte öffentliche Infrastruktur). Und auch wenn Auswandernde per definitionem bereit sind, Risiken einzugehen und unternehmerisch zu handeln, verlassen sie oft wegen des schlechten Investitionsklimas ihr Herkunftsland – oder weil sie nicht über die notwendigen Verbindungen oder Fähigkeiten verfügen, um in einem solchen Klima unternehmerisch erfolgreich zu sein.

Tabelle 1: Überblick über mögliche Auswirkungen von Auswanderung auf die Herkunftsländer

Auswirkungen auf Haushaltsebene (1)Gesamtwirtschaftliche Effekte (2)
Arbeitskräfte ziehen ins Ausland
  • Die Ausgewanderten schicken möglicherweise keine Rücküberweisungen und die Investition der Familie zur Deckung der Kosten der Migration geht so verloren (1.1)

  • Soziale Kosten, wenn Kinder oder ältere Menschen im Herkunftsland zurückbleiben (1.2)

  • Niedrigere Lebenshaltungskosten, da weniger Haushaltsmitglieder im Herkunftsland leben und dort versorgt werden müssen (1.3)

  • Brain Drain, wenn die Auswandernden aufgrund ihrer Qualifikationen positiv selektiert sind (also im Schnitt höhere Qualifikationen haben als die einheimische Bevölkerung im gleichen Alter) (2.1)

  • Geringeres gesamtwirtschaftliches Angebot an Arbeitskräften, steigende Löhne (2.2)

  • "Soziale Rücküberweisungen" (social remittances) können zu einem positiven sozialen und politischen Wandel beitragen (2.3)

Haushalte erhalten Rücküberweisungen
  • Höheres verfügbares Einkommen, höherer Konsum, höhere Investitionen in Schulbildung und Gesundheitsversorgung, geringere Armut (1.4)

  • Haushalte können betriebliche Investitionen durch Eigenkapital oder besseren Zugang zu Krediten leichter finanzieren (1.5)

  • Die Nachfrage nach nicht handelbaren Waren und Dienstleistungen wächst mit dem verfügbaren Einkommen; höhere Nachfrage nach Arbeitskräften und höhere Löhne (2.4)

  • Rücküberweisungen sind eine krisenresistente Quelle ausländischer Finanzmittel (2.5)

  • Die Staatseinnahmen können sinken, da die Rücküberweisungen nicht der inländischen Einkommens- oder Lohnsteuer unterliegen; allerdings steigen Verbrauchssteuern aufgrund höherer Importe (2.6)

Eigene Zusammenstellung des Autors.

Gesamtwirtschaftliche Auswirkungen: Arbeitsmarkt und mehr

Aus vielen armen Ländern können nur Personen mit einem Hochschulabschluss oder besonderen beruflichen Qualifikationen, wie z. B. Fachkräfte im Gesundheitswesen, regulär (d.h. legal) auswandern, weil die Zielländer die Einwanderung auf diese Gruppen beschränken. Viele gering qualifizierte Arbeitskräfte migrieren daher trotz hoher finanzieller Kosten und gefährlicher Reisen irregulär; daneben gibt es auch einige reguläre Migrationsoptionen für Geringqualifizierte, etwa in der Golfregion für Arbeitskräfte aus überwiegend muslimischen Ländern. Im Schnitt verfügen die Auswandernden jedoch meist über ein höheres Bildungs- und Qualifikationsniveau als die einheimische Erwerbsbevölkerung im gleichen Alter. Somit kann die Auswanderung einen "Brain Drain" bedeuten, weil vergleichsweise hoch qualifizierte Arbeitskräfte arme Länder verlassen. Dies kann das Angebot an wichtigen Dienstleistungen (z. B. medizinische Versorgung) verringern oder das Wirtschaftswachstum bremsen, weil Arbeitskräfte mit kritischen Qualifikationen knapp werden (Punkt 2.1 in Tabelle 1). Wenn Berufs- oder Hochschulbildung aus staatlichen Mitteln finanziert werden, werden die Steuerzahlenden unter Umständen um den gesellschaftlichen Ertrag ihrer Investitionen gebracht.

Obwohl solche negativen Auswirkungen einer Auswanderung von Fachkräften denkbar sind, gibt es mindestens zwei Gründe, die diesen Bedenken entgegenstehen: Erstens wird es durch die Option der Migration attraktiver, ein höheres Bildungsniveau oder höhere berufliche Qualifikationen zu erwerben. Folglich gibt es insgesamt mehr Arbeitskräfte mit höheren Qualifikationen, und einige der Auswandernden hätten ohne die Chance auf Migration erst gar nicht in ihre Bildung investiert.

Zweitens können viele qualifizierte Arbeitskräfte in armen Ländern wegen schlechter Rahmenbedingungen und einem Mangel an notwendigen Inputs (d.h. Interner Link: Produktionsmittel wie Maschinen, Werkzeuge oder Rohstoffe) kaum produktiv arbeiten und sich nur mühsam beruflich entwickeln. So wird beispielsweise die Qualität der Gesundheitsdienste häufig durch eine schlechte Ausstattung und zu wenig Arzneimittel und Verbrauchsmaterialien eingeschränkt und nicht durch Personalmangel. Dann wäre eine umfassende Reform des Gesundheitssektors erforderlich, um die Qualität der Dienstleistungen zu verbessern und auch Fachkräfte zu halten – möglicherweise in Verbindung mit der Auflage, dass medizinisches Personal, dessen Ausbildung aus Steuergeldern bezahlt wurde, eine Zeitlang im Heimatland arbeiten muss, bevor es auswandern darf.

In vielen osteuropäischen Ländern hat Arbeitsmigration dazu beigetragen, die Auswirkungen des Systemwandels von der Interner Link: Planwirtschaft zur Interner Link: Marktwirtschaft für Arbeitskräfte aller Qualifikationsstufen abzufedern. Die "alten" Arbeitsplätze gingen schon früh verloren, als ineffiziente Staatsbetriebe abgewickelt wurden. Anschließend dauerte es viele Jahre, bis genügend "neue" wettbewerbsfähige Arbeitsplätze geschaffen waren – selbst in Ländern wie Polen, in denen der Systemwandel im Großen und Ganzen erfolgreich war. In der Zwischenzeit reduzierte die Auswanderung das inländische Arbeitskräfteangebot und verringerte so den Abwärtsdruck auf die Löhne, der aus der schwachen Nachfrage nach Arbeitskräften resultierte (Punkt 2.2 in Tabelle 1).

Schließlich führen viele Ausgewanderte ein "transnationales" Leben, da sie sowohl im Herkunfts- als auch im Zielland in soziale und wirtschaftliche Netzwerke eingebunden sind. Einige übernehmen im Zielland fortschrittliche soziale oder politische Werte und bringen diese zum Tragen, indem sie sich an sozialen und politischen Prozessen im Heimatland beteiligen – entweder persönlich (z. B. durch Wahlen) oder durch die Weitergabe neuer Ideen und Werte an Familie und Freunde ("social remittances", d.h. soziale Rücküberweisungen; Punkt 2.3 in Tabelle 1). So unterstützen beispielsweise in Westeuropa lebende moldauische Migrantinnen und Migranten und ihre Familien seit langem politische Parteien, die eine enge Beziehung zur EU befürworten. Im November 2020 waren die von moldauischen Migrantinnen und Migranten in Westeuropa abgegebenen Stimmen ausschlaggebend für die Wahl der Korruption bekämpfenden und reformorientierten Kandidatin Externer Link: Maia Sandu zur Präsidentin der Republik Moldau.

Gesamtwirtschaftliche Auswirkungen: Rücküberweisungen

In vielen kleinen Volkswirtschaften mit hoher Auswanderung machen die Rücküberweisungen von Ausgewandeten im Verhältnis bis zu einem Viertel des Interner Link: BIP aus; demgegenüber erhalten bevölkerungsreiche Länder mit einer großen Diaspora wie Indien und China in absoluten Zahlen die höchsten Rücküberweisungen (Abbildung 1).

Die 10 wichtigsten Empfänger von Rücküberweisungen unter Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen 2020 (Interner Link: Grafik zum Download als PDF) (bpb) Lizenz: cc by-nc-nd/4.0/deed.de

Rücküberweisungen sind nicht nur für die Empfängerhaushalte eine wichtige Einkommensquelle (siehe oben). Denn: Die Empfängerhaushalte geben einen großen Teil ihres zusätzlichen Einkommens für lokale ("nicht handelbare") Waren und Dienstleistungen aus, die im Inland produziert werden müssen. Daher steigen die Preise dieser "nicht handelbaren" Güter, wenn Rücküberweisungen ins Land fließen – ebenso wie die Nachfrage nach einheimischen Arbeitskräften und die Reallöhne (Punkt 2.4 in Tabelle 1). Ohne Auswanderung und Rücküberweisungen ist es schwer vorstellbar, wie während der letzten Jahrzehnte die Löhne in den Transformationsländern so schnell hätten steigen können (Abbildung 2).

Durchschnittlicher Monatsverdienst (2017 "internationale" (PPP) Dollar) (Interner Link: Grafik zum Download als PDF) (bpb) Lizenz: cc by-nc-nd/4.0/deed.de

Darüber hinaus sind Rücküberweisungen seit langem als stabile externe Finanzierungsquelle anerkannt – stabiler als ausländische Direktinvestitionen und gegenwärtig viel höher als die öffentlichen Ausgaben für Interner Link: Entwicklungszusammenarbeit (Punkt 2.5 in Tabelle 1; Abbildung 3). Sogar in der Covid19-Pandemie haben sich Rücküberweisungen als widerstandsfähig erwiesen: Obwohl viele Zielländer stark von der Pandemie betroffen waren, haben sich die Rücküberweisungen nach einem Einbruch in der ersten Jahreshälfte 2020 fast überall rasch erholt; insgesamt lagen sie 2020 fast genauso hoch wie 2019.

Zuflüsse aus Rücküberweisungen, ausländischen Direktinvestitionen und öffentlicher Entwicklungszusammenarbeit an Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen 1990-2019 (Interner Link: Grafik zum Download als PDF) (bpb) Lizenz: cc by-nc-nd/4.0/deed.de

Fazit

Dieser kurze Überblick über wichtige Ergebnisse der Wirtschaftsforschung zeigt, dass Auswanderung unmittelbar den international mobilen Menschen zugutekommt sowie denjenigen, die aus dem Ausland Rücküberweisungen erhalten; dadurch wird Armut verringert und der materielle Lebensstandard steigt. Dieses zusätzliche Einkommen wird zum Teil im Herkunftsland für lokal produzierte ("nicht handelbare") Waren und Dienstleistungen ausgegeben, wodurch mittelbar die Nachfrage nach Arbeitskräften und das Lohnniveau steigen.

Gleichzeitig können allerdings Herausforderungen entstehen, die politische Interventionen erforderlich machen: Gefährdete Haushaltsmitglieder (Kinder, ältere Menschen) werden teilweise im Herkunftsland zurückgelassen und geplante Betreuungslösungen funktionieren nicht immer zuverlässig. Unter den Ausgewanderten sind besser ausgebildete Arbeitskräfte oft überrepräsentiert, was möglicherweise zu einem "Brain Drain" (Abwanderung von Fachkräften) führt, der die Bereitstellung wichtiger Dienstleistungen erschwert und die wirtschaftliche und soziale Entwicklung hemmt.

Übersetzung aus dem Englischen: Vera Hanewinkel, Matthias Lücke

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Matthias Lücke ist leitender Forscher (Senior Researcher) am Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW Kiel) und Honorarprofessor an der Universität Kiel. Er koordiniert den Mercator Dialogue on Asylum and Migration in Europe (Externer Link: www.medam-migration.eu). Seine Forschungsinteressen umfassen Migration und wirtschaftliche Entwicklung, Migrationspolitik und europäische Wirtschaftsintegration.
E-Mail Link: matthias.luecke@ifw-kiel.de