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Keine nachhaltigen Impulse durch mehr Geld fürs Militär | Debatte: Kann die Rüstungsindustrie zum wirtschaftlichen Aufschwung beitragen? | bpb.de

Debatte Debatte: Kann die Rüstungsindustrie zum wirtschaftlichen Aufschwung beitragen?

Keine nachhaltigen Impulse durch mehr Geld fürs Militär

Patrick Kaczmarczyk

/ 3 Minuten zu lesen

Nein, meint der Mannheimer Ökonom Patrick Kaczmarczyk. Er hält die geplante Aufrüstung für eine risikoreiche Wette mit geringem volkswirtschaftlichem Nutzen.

Die ab Juni 2026 vollgesperrte Friedrich-Ebert-Brücke in Bonn (© picture-alliance, Geisler-Fotopress | Robert Schmiegelt)

Die Bundesregierung plant, die Verteidigungsausgaben von 2,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) im Jahr 2025 auf 3,5 Prozent zu erhöhen, finanziert überwiegend durch neue Schulden. Vertreter der Rüstungsindustrie und manche Ökonomen versprechen sich davon einen kräftigen Wachstumsimpuls. Ein Blick in die Zahlen rechtfertigt diesen Optimismus jedoch nicht.

Das zeigen unsere Berechnungen zum Fiskalmultiplikator. Er gibt an, um wie viel Euro die Wirtschaftsleistung steigt, wenn der Staat einen zusätzlichen Euro ausgibt. Für öffentliche Infrastrukturinvestitionen liegt dieser Wert bei etwa 2, für den Ausbau der Kinderbetreuung sogar bei 3. Für Militärausgaben in Deutschland ist der Multiplikator deutlich niedriger: Die vorhandene Evidenz legt einen Wert von höchstens 0,5 nahe, möglicherweise liegt er sogar bei Null. Empirische Zeitreihenanalysen bestätigen diese Größenordnung (siehe Grafik).

Fiskalmultiplikator

Der Fiskalmultiplikator ist das Maß für die gesamtwirtschaftliche Wirkung staatlicher Ausgaben. Ein Multiplikator von 1 bedeutet, dass ein zusätzlicher Euro Staatsausgaben das BIP um genau einen Euro erhöht. Werte unter 1 deuten auf geringe, Werte über 1 auf eine höhere Wirksamkeit hin.

Ein zusätzlicher Euro für die Rüstungsindustrie erzeugt also in Deutschland bestenfalls 50 Cent zusätzliche gesamtwirtschaftliche Produktion. Dieser Befund ergibt sich aus einer Zusammenschau internationaler Studien und der spezifischen Marktstruktur des deutschen Rüstungssektors. Er deckt sich zudem mit den Wachstumsschätzungen, die die Europäische Kommission für die Aufrüstung veranschlagt.

Produktionsengpässe und Übergewinne

In den USA fällt der Fiskalmultiplikator tendenziell höher aus: Die dortige Rüstungsindustrie kann große Stückzahlen günstiger produzieren (Skaleneffekt), der Anteil von Forschung und Entwicklung liegt um ein Vielfaches über dem europäischen, und die USA sind zugleich ein bedeutender Exporteur von Rüstungsgütern. Doch auch in den USA gilt: Jeder Dollar für Rüstung würde anderswo höhere Erträge für die Gesamtwirtschaft erzeugen.

Die deutsche Rüstungsindustrie ist derzeit stark ausgelastet. Zusätzliche staatliche Nachfrage trifft – trotz neuer Rüstungsfabriken und der Produktionsumstellung in Teilen der Industrie – auf begrenzte Kapazitäten. Das Ergebnis sind steigende Preise und steigende Gewinne, weniger eine steigende Produktion.

Die Aktienmärkte liefern dafür ein deutliches Signal: Der Kurs des größten deutschen Rüstungskonzerns Rheinmetall hat sich seit 2020 mehr als verzwanzigfacht. Finanzinvestoren erwarten einen massiven Anstieg der Unternehmensgewinne – was nur über Preissteigerungen möglich ist, solange sich die Produktionsmengen nicht in gleichem Ausmaß ausweiten. Internationale Studien für die Zeit nach dem Kalten Krieg bestätigen diesen Mechanismus. In den USA, wo nach 1990 Rüstungskapazitäten abgebaut wurden, kaufte jeder zusätzliche staatliche Dollar vor dem Ende des Kalten Krieges noch 90 Cent an Rüstungsgütern, danach nur noch 40 Cent.

Beschäftigung: weniger als anderswo

Auch bei der Beschäftigung liegt der Rüstungssektor zurück. Mehrere Input-Output-Studien zeigen, dass Militärausgaben weniger Arbeitsplätze pro Euro oder Dollar schaffen als Ausgaben für Bildung, Gesundheit oder Infrastruktur. Einige Studien beziffern den Effekt in Deutschland auf etwa 3.800 Stellen pro Milliarde Euro, die für Rüstung ausgeben werden. Diese Schätzungen sind mit Unsicherheit behaftet, da belastbare Daten zur deutschen Rüstungsindustrie öffentlich kaum verfügbar sind. Die Beschäftigungseffekte konzentrieren sich zudem kurzfristig auf wenige Großauftragnehmer und breiten sich erst mit Verzögerung entlang der Lieferkette etwa für Zuliefererunternehmen aus.

Input-Output-Analyse

Die Input-Output-Analyse ist eine volkswirtschaftliche Methode zur Messung der Verflechtung zwischen Wirtschaftssektoren. Sie erlaubt die Schätzung indirekter Beschäftigungs- und Produktionseffekte, die Ausgaben in einem Sektor in anderen Sektoren auslösen.

Häufig verweisen die Befürworter höherer Rüstungsausgaben auf Produktivitätseffekte, wenn Militärtechnologien neuen Nutzen in zivilen Anwendungen finden. Doch Ausgaben für Forschung und Entwicklung erzeugen grundsätzlich Produktivitätsgewinne – unabhängig davon, ob sie militärisch oder zivil ausgerichtet ist. Dies wird im Kontext der Rüstungsausgaben oft vernachlässigt. Dabei fehlt jeder Euro für Militärforschung bei der zivilen Forschung, wo er vergleichbare oder höhere Erträge erzielen würde. Dazu passt, dass einigen Bundesländern bereits die Hochschulbudgets verkleinern wollen, so etwa in NRW, Hessen, Berlin und Hamburg. Hinzu kommt, dass es in der jüngeren Vergangenheit Spillover-Effekte (deutsch: Ausstrahlungseffekte) sogar eher vom zivilen in den militärischen Bereich gab, insbesondere bei Schlüsseltechnologien wie beispielsweise Künstlicher Intelligenz oder Drohnen.

Opportunitätskosten

Opportunitätskosten beschreiben den entgangenen Nutzen einer nicht gewählten Alternative. Im vorliegenden Kontext: Jeder Euro für Rüstung fehlt an anderer Stelle – etwa bei Infrastruktur, Klimaschutz oder sozialen Dienstleistungen – wo er eine höhere gesamtwirtschaftliche Wirkung entfalten würde.

Dazu kommen strukturelle Mängel, die den Rüstungssektor wenig attraktiv für nachhaltiges Investieren erscheinen lassen. Häufig schränken die intransparenten Vergabeverfahren den Wettbewerb ein, Reformversuche sind wiederholt gescheitert. Solange diese Probleme bestehen, fließt ein Großteil der öffentlichen Mittel in Unternehmensgewinne anstatt in Verteidigungsfähigkeit, was die gesellschaftliche Akzeptanz der Aufrüstungsprogramme untergräbt.

Crowding-Out

Der Begriff Crowding-out beschreibt einen Verdrängungseffekt, bei dem zusätzliche Staatsausgaben private Investitionen oder Produktion aus dem Markt drängen. Im Rüstungsbereich kann das passieren, wenn knappe Kapazitäten und Fachkräfte aus zivilen Sektoren abgezogen werden.

Denn massive Rüstungsausgaben verdrängen vor allem Investitionen in Infrastruktur, Bildung und Klimaschutz – also jene Felder, die dauerhafte Sicherheit und Resilienz erst schaffen. Ein rein militärisch verstandener Sicherheitsbegriff greift deshalb zu kurz. Wo Strukturreformen im Rüstungsbereich scheitern, wäre zumindest eine öffentliche Beteiligung an zentralen Rüstungsunternehmen zu erwägen.

Aus ökonomischer Sicht ist die geplante Aufrüstung insgesamt eine risikoreiche Wette mit geringer volkswirtschaftlicher Rendite.

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verfasst von Patrick Kaczmarczyk

Ja, meint die Berliner Ökonomin Geraldine Dany-Knedlik. Der häufig bei den Verteidigungsausgaben diskutierte Fiskalmultiplikator liefere längst nicht ein so eindeutiges Ergebnis wie es scheint.

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Patrick Kaczmarczyk ist Wirtschaftswissenschaftler am Kompetenzzentrum für Transformationsforschung der Universität Mannheim. Der Ökonom veröffentlichte 2025 eine Externer Link: Untersuchung zum Effekt von Militärausgaben.