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Aufrüstung und Wachstum – worauf es wirklich ankommt | Debatte: Kann die Rüstungsindustrie zum wirtschaftlichen Aufschwung beitragen? | bpb.de

Debatte Debatte: Kann die Rüstungsindustrie zum wirtschaftlichen Aufschwung beitragen?

Aufrüstung und Wachstum – worauf es wirklich ankommt

Geraldine Dany-Knedlik

/ 4 Minuten zu lesen

Ja, meint die Berliner Ökonomin Geraldine Dany-Knedlik. Der häufig bei den Verteidigungsausgaben diskutierte Fiskalmultiplikator liefere längst nicht ein so eindeutiges Ergebnis wie es scheint.

Einweihung des Artilleriewerks von Rheinmetall im niedersächsischen Unterlüß (© picture-alliance, Noah Wedel)

Die Bundesregierung will die Verteidigungsausgaben massiv erhöhen. In der öffentlichen Debatte wird die Frage, welche gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen das hätte, oft auf eine einzige Kennzahl verkürzt: den kurzfristigen Fiskalmultiplikator. Aktuelle Externer Link: Schätzungen für den kurzfristigen Effekt von Verteidigungsausgaben in Deutschland liegen danach bei etwa 0,5 oder darunter. Das heißt: Ein zusätzlicher staatlicher Euro erzeugt danach lediglich 50 Cent zusätzliche Wirtschaftsleistung. Daraus ergibt sich: Ausgaben für die Rüstung lohnen sich gesamtwirtschaftlich nicht, auch wenn sie geopolitisch geboten sein könnten.

Der Fiskalmultiplikator gibt an, wie viele zusätzliche Euro Wirtschaftsleistung durch einen zusätzlichen Euro Staatsausgaben angeregt werden. In der politischen und ökonomischen Diskussion wird er oft als eindeutige Größe definiert, die klar erkennen lasse, ob sich staatliche Investitionen in Autobahnen, Schulen oder eben Panzer „rentieren“.

Bei einem Multiplikator von Eins sind Effekt und Impuls etwa gleich hoch, verstärkende und schwächende Reaktionen gleichen sich also in etwa aus. Je höher der Multiplikator, desto größer ist die stimulierende Wirkung einer staatlichen Ausgabe. Genau genommen erlaubt er allein jedoch kein abschließendes Urteil über die wirtschaftspolitische Wirkung von Staatsausgaben wie der Aufrüstung.

Der Fiskalmultiplikator hängt stark von der konjunkturellen Lage und vom geldpolitischen Umfeld ab. So Externer Link: fallen staatliche Impulse deutlich stärker aus, wenn die Wirtschaft schwächelt, als in Boomphasen.

Multiplikatoren eher am oberen als am unteren Rand

Aber auch das Externer Link: geldpolitische Umfeld bestimmt mit, inwieweit staatliche Impulse wirken können: Wenn die Geldpolitik den Staatsausgaben nicht entgegenläuft, können sich auch Rüstungsausgaben sehr wohl positiv auf die Wirtschaftsleistung auswirken. Denn Verteidigungsausgaben fließen im Vergleich mit anderen Ausgabenarten eher in öffentliche Forschung und Entwicklung und haben damit auch einen langfristigen Nutzen.

Deutschland befindet sich im dritten Jahr industrieller Schwäche, die privaten Investitionen sind eingebrochen. Hinzu kommt, dass sich die Konjunkturaussichten im Zuge des Irankriegs und der damit einhergehenden Energiepreiskrise erneut verschlechtert haben. Unter diesen Bedingungen ist mit Multiplikatoren eher am oberen als am unteren Rand der von Fachleuten errechneten Werte zu rechnen. Wenn die Gesamtwirtschaft also auch von erhöhten Rüstungsausgaben profitieren kann, dann ist gerade jetzt der richtige Moment.

Auch das gängige Argument der Verdrängung, wonach zusätzliche Staatsausgaben private Investitionen aus dem Markt drängen, weil sie um knappe Ressourcen konkurrieren, setzt Vollauslastung oder zumindest robuste private Investitionsdynamik voraus. Davon kann derzeit in der deutschen Wirtschaft jedoch keine Rede sein.

Der übersehene Produktivitätskanal

Was aber noch viel wichtiger ist: Die öffentliche Debatte betrachtet bloß die kurzfristige Wachstumswirkung und blendet die mittelfristige und langfristige Produktivitätswirkung aus. Die Gemeinschaftsdiagnose der deutschen wirtschaftswissenschaftlichen Institute vom Frühjahr 2025 analysiert: Während kurzfristige Multiplikatoren für Militärausgaben oft unter eins liegen, zeigt sich für militärische Forschung und Entwicklung ein anderer Befund: Diese regen danach private Forschungstätigkeit an, statt sie zu verdrängen. Ein einprozentiger Anstieg staatlicher Forschungsfinanzierung führt im Folgejahr zu rund 0,5 Prozent mehr privaten Forschungsausgaben. Diese zusätzliche Forschung macht ein Land Externer Link: langfristig deutlich produktiver.

Historisch sind mehrere Beispiele für solche Ausstrahlungseffekte bekannt: Düsentriebwerke, Radar, GPS, Kryptographie, Internet. Heute kommen Felder hinzu, in denen zivile und militärische Anwendungen ineinandergreifen: künstliche Intelligenz, autonome Systeme, Cybersicherheit, Quantentechnologien.

Genau diese sind die Bereiche, in denen Deutschland und Europa industriell aufholen müssen. Für Deutschland verstärkt eine strukturelle Besonderheit den potenziellen Hebel: Mit nur rund 0,05 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für militärische Forschung und Entwicklung, einem Sechstel des Niveaus in den USA, ist das Land weit von Sättigungseffekten entfernt. Damit dürfte die Wirkungselastizität zusätzlicher Mittel entsprechend hoch sein. Das heißt: schon relative kleine Erhöhungen der Budgets können gerade hier überdurchschnittlich viel nutzen.

Die Gestaltungsfrage als eigentlicher Hebel

Damit höhere Verteidigungsausgaben ihre Wachstumswirkung entfalten, müssen also mehrere Bedingungen erfüllt sein: ein hoher investiver Anteil, gezielte Förderung von Technologien mit ziviler wie militärischer Nutzung (Dual-Use-Güter), wettbewerbliche Vergabeverfahren, klare Eigentumsrechte an Forschungsergebnissen sowie ein möglichst hoher europäischer Wertschöpfungsanteil.

Fazit: Verteidigungsausgaben sind für sich genommen weder Wachstumsmotor noch Renditeloch. Die aktuelle konjunkturelle Lage und das niedrige Ausgangsniveau sprechen für eher günstige Bedingungen. Außerdem zeigt die Vergangenheit, dass militärische Forschung zu relevanten Produktivitätszuwächsen führen kann. Eine pauschale Ablehnung von Militärausgaben verschenkt dieses Potenzial; eine pauschale Befürwortung ignoriert, dass die Wachstumswirkung kein Selbstläufer ist. Die wirtschaftspolitisch relevante Aufgabe besteht darin, die Bedingungen so zu setzen, dass die zusätzlichen Mittel jenseits des Sicherheitsbeitrags auch eine möglichst hohe gesamtwirtschaftliche Wohlfahrtswirkung entfalten.

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Geraldine Dany-Knedlik leitet das Konjunkturteam am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung Berlin. Ihre Expertise liegt in den Bereichen internationale Makroökonomik und Geldpolitik, ihre Schwerpunkte sind die Entwicklung der Verbraucherpreisinflation, Inflation und Geldpolitik, internationale Wirkungsweise der Geldpolitik sowie Wechselwirkungen zwischen Realwirtschaft und Zyklen der Einkommens- und Vermögensungleichheit. Zuvor arbeitete die Ökonomin am Institut für Wirtschaftsforschung Halle, dem Internationalen Währungsfonds und der Europäischen Zentralbank.