Boykottaktion gegen jüdische Geschäfte am 1. April 1933. Die Herrschaft der Nationalsozialisten bedeutet für die deutschen Juden von Anfang an eine antisemitische  Politik der Diskriminierung und Verdrängung.

Angelika Calmez am 27.01.2013

"Das Problem war doch, was unsere Freunde taten"

Die Ausgrenzungs- und Radikalisierungsprozesse der deutschen "Volksgemeinschaft" zu verstehen, sei notwendig, um auch gegenwärtig eine gleichberechtigte Teilhabe an der Gesellschaft zu ermöglichen, so Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, in seiner Eröffnungsrede zur 4. Internationalen Konferenz zur Holocaustforschung.

Thomas Krüger, Präsident der bpb, bei der Begrüßung zur 4. HolocaustkonferenzThomas Krüger bei der Begrüßung zur 4. Holocaustkonferenz (© Mirko Tzotschew / Kooperative Berlin)

Zu Beginn seiner Rede erinnerte Krüger an die beiden geschichtlichen Daten, unter deren Eindruck wir dieser Tage stünden, und die eminente historische Zäsuren in Erinnerung riefen: den 27. Januar, Tag der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz durch sowjetische Truppen, und den 30. Januar, an dem sich die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler zum 80. Mal jährt. Zwölf lange Jahre lagen zwischen diesen Daten. "Wie können wir aus gewonnener historischer Einsicht und mit aufgeklärter Urteilskraft den Zusammenhang der beiden Daten auf den Begriff bringen?", fragte Krüger. Wie könne man die wissenschaftlichen Kenntnisse dafür nutzen, zu verhindern, dass eine ähnliche Eskalation und Kumulation von Destruktivität auch in Zukunft wiederkehre?

Um über Jahre hinweg die Vernichtung von Menschen zu betreiben, habe es nicht nur dem militärischen Mechanismus aus Befehl und Gehorsam bedurft. Hierzu seien viele einzelne Schritte der Ausgrenzung und Radikalisierung nötig gewesen. Und sie geschahen keineswegs in einer gänzlich gleichgeschalteten Gesellschaft, sondern in einem durchaus heterogenen und funktional hochdifferenzierten, modernen Deutschland – eine provozierende Tatsache, so Krüger. Es gelte, sich der Herausforderung zu stellen, das Unbehagen an der Demokratie am Ende der Weimarer Republik wahrzunehmen.

Im Fokus der drei Konferenztage steht die "Volksgemeinschaft", zu der die Hinwendung einer großen Mehrheit zu Hitler verklärt wurde, von der Partei wie auch von vielen Zeitgenossen. Diese war gleichzeitig eine aktive "Ausgrenzungsgemeinschaft", wer nicht zu ihr gehörte, hatte sehr rasch um Leib und Leben zu fürchten. In den Beschwörungen der neuen Volksgemeinschaft liege auch ein Aufruf zur Aktion, zum Handeln und zur Gewalt gegen Minderheiten.

Zur Radikalisierung der deutschen Gesellschaft nach dem 30. Januar 1933 zitierte Thomas Krüger Hannah Arendt, die gesagt hatte:

"...Das Problem, das persönliche Problem war doch nicht etwa, was unsere Feinde taten, sondern was unsere Freunde taten. Was damals in der Welle von Gleichschaltung, die ja ziemlich freiwillig war, jedenfalls noch nicht unter dem Druck des Terrors, vorging: Das war, als ob sich ein leerer Raum um einen bildete. (…) Und das habe ich nie vergessen."

Ernst gemeinte politische Bildung als echte Selbstaufklärung: Dies für den gesellschaftsgeschichtlichen Zusammenhang aus 27. und 30. Januar für uns hier in Deutschland zu tun, sei zentrales Ziel und Kernaufgabe dieser Konferenz.


Zum Redemanuskript von Thomas Krüger.
Zur Videoaufzeichnung der Begrüßung.
Zum Videointerview mit Thomas Krüger.


Angelika Calmez arbeitet als freie Journalistin für den Hörfunk und verschiedene Printmedien. Zuvor hat sie Afrikanistik in Berlin und Paris studiert.

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Programm

Die 4. Internationale Konferenz zur Holocaustforschung beleuchtet über drei Tage hinweg den aktuellen Stand wissenschaftlicher Diskurse um Eingrenzungs- und Ausgrenzungs- prozesse. Zum Konferenzthema finden zudem parallele Praxisforen statt. Das Programm finden Sie PDF-Icon hier als PDF

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