Boykottaktion gegen jüdische Geschäfte am 1. April 1933. Die Herrschaft der Nationalsozialisten bedeutet für die deutschen Juden von Anfang an eine antisemitische  Politik der Diskriminierung und Verdrängung.

Imke Emmerich am 29.01.2013

Die Bedeutung von Geschlecht damals und heute

Welchen Stellenwert hatten Geschlechterrollen in der NS-Politik – welchen haben sie im Rechtsextremismus heute? Und wie kann die gegenwärtige bildungspolitische Arbeit am sinnvollsten mit der rassistischen Instrumentalisierung von Gender umgehen? Darüber berichten drei Referentinnen im Workshop am Nachmittag des zweiten Konferenztages.

Propaganda mit Körperbildern

Zu Beginn und als Grundlage für die späteren Rednerinnen erläutert Meike Günther vom Deutschen Institut für Menschenrechte, wie im Nationalsozialismus Normen und Antinormen für männliches und weibliches Aussehen von Juden und Nicht-Juden konstruiert wurden. "Für den Prozess der Radikalisierung der Gesellschaft hatte das eine große Bedeutung", sagt Günther. So habe Propaganda auch mithilfe von Rollenzuschreibungen, Körperbildern und Sexualisierung funktioniert. Qua Geschlecht wurde zum Beispiel das Mutterkreuz verliehen: für erbgesunde Frauen mit 4 oder mehr Kindern.

An dem Kinderbuch "Trau keinem Fuchs auf grüner Heid und keinem Jud bei seinem Eid" von 1936 veranschaulicht Günther, wie frühzeitige rassen- und geschlechterideologische Erziehung von Kindern und jungen Erwachsenen stattfand: Neben "typisch jüdischen" stereotypen Zuschreibungen durch die Nationalsozialisten (große, gebogene Nase, linkischer Blick, unförmiger Körper) habe man jüdische Männer zum Beispiel oft mit O-Beinen dargestellt, die auf der Liste der NS-Mediziner "als Krankheitsbild von Juden" niedergeschrieben waren.

Bildungsarbeit mit Materialien aus dem Nationalsozialimus

Was bedeuten Bild- und Textinhalte wie die aus Kinderbüchern für die pädagogische Arbeit heute? Danach fragt Tatjana Volpert, Diplompädagogin von der Jugendbildungsstätte Verdi, in ihrem anschließenden Kurzvortrag. Jeder, der Bildungsarbeit mache, wisse, dass der Input, den man hinein gibt, nicht genauso als Output hängen bleibt. Diese Differenz sei bei der Arbeit mit dem Thema Nationalsozialismus groß und besonders problematisch: So müsse jede Bildungsmaßnahme zunächst sorgfältig darauf abgefragt werden, inwiefern sie selbst dazu beiträgt Diskriminierungen zu tradieren. Volpert fordert, dass Bilder aus der Zeit des Nationalsozialismus – wie die zuvor gezeigten – in der Bildungsarbeit nur äußerst sparsam verwendet werden, weil sie einer besonderen Herangehensweise bedürfen, ihr Kontext genau erklärt werden muss: "Wichtig ist, eine Distanz herzustellen, damit nicht auch noch durch Bildungsarbeit Stereotype fortgetragen werden", sagt Günther.

Geschlechterrollen im Rechtsextremismus

Als dritte Referentin illustriert die Pädagogin Juliane Lang von der Bildungsorganisation Dissens – unter anderem anhand eines rechtsextremistischen Kurzfilms der Jungen Nationaldemokraten – wie die Extreme Rechte sich auch heute an Geschlechterbildern aus der NS-Zeit bedient und das Ideal der "Volksgemeinschaft" nutzt. Da der Rechtsextremismus selbst eine Ungleichheitsideologie verkörpere, sei "die Volksgemeinschaft auch heute ganz zentral für sein Selbstverständnis", erklärt Lang. Es gehe um die höhere Gemeinschaft mit der heterosexuellen Familie als ihrem kleinsten Teil und den Pflichten einer Frau als Mutter und dem Vater als Verteidiger des Landes. Dass der heutige Genderbegriff ein soziales Geschlecht meint und nicht ein biologisches, zerstöre in den Augen Rechtsextremer die Grundlage menschlichen Lebens. Deshalb würden rechtsextreme Gruppierungen mit Kampagnen massiv gegen das den Genderbegriff angehen. Andererseits nutzten sie für sich aber auch die Auspluralisierung von Geschlechterrollen in der heutigen Gesellschaft – und die damit verbundenen Unsicherheiten für Menschen (Wer bin ich? Was ist meine Rolle? Was wird von mir erwartet?). Genau hier könnten sie mit ihrem Versprechen von klaren geschlechtlichen Normen und Rollen Halt und Orientierung für unsichere Menschen bieten.

Präventionsarbeit zu Geschlechterrollen

Einig sind sich die drei Referentinnen darin, dass eine frühzeitige Präventionsarbeit zu Geschlechterrollen, die vielfältiger sein können, als es das NS Regime propagiert hat, vorangetrieben werden müssten – und zwar als Ergänzung zu klassischer Bildungsarbeit über Rechtsextremismus. Die Moderatorin des Workshops, Angelika Meyer von der Gedenkstätte Ravensbrück, fasste dies am Ende prägnant zusammen: "Wir vergessen oft, dass Gender eine sozial hergestellte Kategorie ist, mit der man arbeiten und über die man sensibilisieren kann. Die Kategorie Gender wird oft vergessen."

Für manche Teilnehmer des Workshops entsprach der Inhalt nicht dem, was der Titel versprach – zu stark sei der Fokus auf aktuelle politische Bildungsarbeit gelegt worden. Dennoch boten die drei Kurzvorträge spannende Einblicke in das Thema "Geschlechterrollen und Nationalsozialismus" und regten die Teilnehmenden zu interessierten Nachfragen an.


Imke Emmerich ist Volontärin in der fluter-Redaktion und im Lokaljournalistenprogramm der Bundeszentrale für politische Bildung. An der Universität Hamburg machte sie ihren Master in Journalistik und Kommunikationswissenschaft. Journalistisches Handwerkszeug eignete sie sich unter anderem am Australian Centre for Investigative Journalism und in der dpa an.

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