Boykottaktion gegen jüdische Geschäfte am 1. April 1933. Die Herrschaft der Nationalsozialisten bedeutet für die deutschen Juden von Anfang an eine antisemitische  Politik der Diskriminierung und Verdrängung.

Imke Emmerich am 30.01.2013

Bildungsarbeit mit Kopf, Herz und Bauch

Wie sah das jugendliche Leben zu Beginn des 20. Jahrhunderts aus? Wie instrumentalisierten die Nationalsozialisten Freizeit- und Sportangebote für ihre ideologische Arbeit? Und wie sollte pädagogische Bildungsarbeit mit Jugendlichen heute zu diesem Themenkomplex aussehen? Darüber sprachen die Teilnehmer des Workshops "Lebenswelten junger Menschen zwischen Konformitätszwang und Ausgrenzung: Sport und Freizeit."

Workshop 2: "Lebenswelten junger Menschen zwischen Konformitätszwang und Ausgrenzung: Sport und Freizeit".Workshop 2: "Lebenswelten junger Menschen zwischen Konformitätszwang und Ausgrenzung: Sport und Freizeit". (© Mirko Tzotschew / Kooperative Berlin)



Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden viele Jugendverbindungen in Deutschland, was auch ein Anknüpfungspunkt für die ideologische Arbeit der Nationalsozialisten war. Die Museums- und Gedenkstättenpädagogin Barbara Kirschbaum vom NS-Dokumentationshaus EL-DE Haus in Köln – 1935 bis 1945 Sitz der Gestapo – berichtet von den Lebenswelten Jugendlicher vor und nach 1933 und erklärt: "Die Gleichschaltung war nicht ganz einfach, man musste schon daran arbeiten, die Jugend auf eine ideologische Linie zu bringen." Dennoch seien die Nationalsozialisten erfolgreich gewesen: Ihre Angebote an Sport und Freizeit ermöglichten den Jugendlichen die Chance, aus ihrem sonst üblichen Bewegungsradius von etwa 60 Kilometern auszubrechen. Gerade für Mädchen seien die Angebote attraktiv gewesen, um nicht mehr nur "unter der Knute der Mutter Kartoffeln zu schälen", so Kirschbaum.

7xjung

Nach der theoretischen Beschreibung der Lebensumstände von Jugendlichen damals präsentieren drei weitere Referentinnen und Referenten ihre Praxisprojekte für und mit Jugendlichen heute. Den Anfang macht Jan Krebs vom Verein "Gesicht Zeigen! Für ein weltoffenes Deutschland" mit seinem Ausstellungsprojekt 7xjung in Berlin. Dieses solle persönliche, emotionale und sinnliche Zugänge zum Thema Jugend im Nationalsozialismus schaffen, so Krebs. Wichtig sei dabei, über jugendliche Erfahrungswelten einen Bezug zwischen damals und heute herzustellen. In der Ausstellung gibt es Räume zum Thema "Mein Sport", "Meine Musik" oder "Meine Stadt", in denen jugendliche Besucher auch einen Bezug zu ihrem eigenen Alltag wiederfinden könnten. "Alltag hat ganz viel mit Gefühlen zu tun", sagt Krebs. Freude, Spaß, Stolz, Wut, Abneigung: Auch in den Methoden der Bildungsarbeit sollten Emotionen eine Rolle spielen. "Kopf, Herz und Bauch gehören zu einer pädagogischen Bildungsarbeit dazu", sagt Krebs.

Theater macht Schule

Ein anderes Konzept stellt Julian Nejkow vor, der das Pilotprojekt "Theater macht Schule" entwickelt hat. Der Alltag von Jugendlichen damals und heute sei an sehr vielen Stellen unterschiedlich, es gebe aber auch Gemeinsamkeiten, so Nejkow. So seien Ausgrenzung und Diskriminierung auch für Jugendliche heute von Bedeutung. Es sei wichtig, sie im "heute" abzuholen und nach ihren eigenen Erfahrungen mit Diskriminierungen zu fragen, um sie auch für das "früher" sensibilisieren zu können. Für sein Improvisations-Theater-Projekt nutze er 100 Karikaturen des Zeichners Kurt Halbritter, die an Inhalte aus Adolf Hitlers "Mein Kampf" angelehnt sind. Auf dieser Grundlage würden Jugendliche ausgewählte Karikaturszenen auf einer Bühne nachstellen. Mit der Hilfe von zwei Teilnehmern demonstriert Nejkow im Workshop, wie eine solche Improvisation funktionieren kann. Geplant sei ein Handbuch für Pädagogen, damit diese das Karikaturen-Projekt mit der eigenen Schulklasse nachstellen können. Bei den Teilnehmenden des Workshops stößt "Theater macht Schule" auf großes Interesse.

Nicht in die Schultüte gelegt

Veronika Nahm vom Anne Frank Zentrum in Berlin stellt abschließend das Projekt "Nicht in die Schultüte gelegt" vor, das über Schicksale jüdischer Kinder zwischen 1933 und 1942 in Berlin informiert und Menschenrechtsbildung durch historisches Lernen zum Ziel hat. Anhand von Lernmaterial könnten Kinder sich eigenständig mit Geschichte und Kinderrechten beschäftigen. Dazu gebe es unter anderem biografische Karten zu Zeitzeugen. Man wolle die junge Zielgruppe mit Geschichten der Jugendlichen von damals erreichen und sie stärken, ihre eigenen Menschenrechte heute umzusetzen. Daher gebe es auf den Karten zum Beispiel auch Hinweise zu Artikeln der UN-Kinderrechtskonventionen. "Es ist wichtig, dass sich die Kinder an den Protagonisten von damals festhalten können", sagt Nahm.


Ein Interview mit einem der Workshop-Referenten, Jan Krebs, Gesicht Zeigen, finden Sie hier.


Imke Emmerich ist Volontärin in der fluter-Redaktion und im Lokaljournalistenprogramm der Bundeszentrale für politische Bildung. An der Universität Hamburg machte sie ihren Master in Journalistik und Kommunikationswissenschaft. Journalistisches Handwerkszeug eignete sie sich unter anderem am Australian Centre for Investigative Journalism und in der dpa an.

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