Zerstörtes Gebäude in der Nähe von Bab Dreeb, Syrien.

14.2.2013 | Von:
Daniel Gerlach
Nils Metzger

Männer, die auf Leichen starren. Wie unser Bild vom Krieg in Syrien entsteht

Kampf um Deutungshoheit

Beim Kampf um Deutungshoheit in den internationalen Medien erlangten die Aufständischen einen deutlichen Vorsprung gegenüber dem Regime: Die Haltung von Präsident Baschar al-Assad und seiner Getreuen, die das brutale Vorgehen der Sicherheitskräfte von Beginn an kategorisch leugneten und den Widerstand als islamistischen Terror diskreditierten, entbehrte jeglicher Glaubwürdigkeit. Während die Rebellen – wie auch die friedliche Oppositionsbewegung – nicht nur in großen Mengen Videomaterial produzierten, ja manche spontane Demonstration nur abhielten, um sie zu filmen und ins Internet zu stellen, reagierten die Sicherheitskräfte mit einer eifrigen, wenn auch nicht systematischen Unterdrückung der Berichterstattung.

Journalisten ohne Pressevisum, das sei angemerkt, wurden, sofern der Geheimdienst sie aufgreifen konnte, nicht etwa standrechtlich exekutiert, sondern in aller Regel zügig aus Syrien ausgewiesen. Im März 2012 drohte das Informationsministerium illegal eingereisten Journalisten allerdings in einem Kommuniqué: Als Unterstützer von Terroristen würden sie fortan "mit aller Härte strafrechtlich verfolgt".

Westlichen Reportern bot das Regime mit Verweis auf die brisante Sicherheitslage nur einige "geführte Gruppenreisen" an – die Praxis westlicher Streitkräfte, Journalisten im Militär zu "embedden" war nicht vorgesehen. Nur wenige – neben dem syrischen Staatsfernsehen auch einige russische Kamerateams – durften militärische Einheiten begleiten. Besondere Privilegien erlangte ein schiitischer Reporter namens Hussein Murtadha, der die Studios der iranischen Auslandssender Press TV und Al-Alam in Damaskus leitete. Murtadha erwies sich als besonders zynisch in seiner regimefreundlichen Darstellung der Kriegseinsätze in Idlib oder Homs. Im September 2012 wurde er bei einem, allem Anschein nach von Rebellen verübten, Anschlag schwer verletzt, sein 33-jähriger Mitarbeiter Maya Nasser tödlich verwundet. Beide Journalisten befanden sich zu dieser Zeit nicht etwa im Kugelhagel des Gefechts, sondern waren Ziel eines geplanten Mordanschlags. Murtadha, die Assad-Beraterin Bouthaina Shaaban und der damalige, inzwischen ausgereiste Sprecher des Außenministeriums, ein Christ namens Dschihad al-Makdisi, galten als tragende Säulen der Propagandaarbeit des Regimes.

Auch die offiziellen Geistlichen und Würdenträger der Konfessionsgruppen, darunter auch der bekannte katholische Pater Elias Zahlaoui, vertraten mehr oder weniger leidenschaftlich die offizielle Position Assads: teils aus Überzeugung, teils, weil sie glaubten, dass sie ihre Gläubigen auf diese Weise am besten vor Repressionen durch die Sicherheitskräfte oder der Gefahr eines offenen Konfessionskrieges beschützen könnten.
Eine Gruppe alawitischer Teenager schwört sich auf dem Berg Qasyoun über Damaskus
im März 2012 auf einen Solidaritätsmarsch für Baschar al-Assad ein.Eine Gruppe alawitischer Teenager schwört sich auf dem Berg Qasyoun über Damaskus im März 2012 auf einen Solidaritätsmarsch für Baschar al-Assad ein. (© Daniel Gerlach/zenith.)

Solange das Regime sich sicher wähnte und glaubte, es könne die Rebellion bald niederschlagen, war es ortskundigen Journalisten noch vereinzelt möglich, mit einem Pressevisum einzureisen, sich aber dennoch der Kontrolle durch die Informationsbehörden zu entziehen.

Je brutaler sich die Auseinandersetzungen ausnahmen, desto schwunghafter entwickelte sich indes der Handel mit Handy-Videos, die über den Oppositionssender Ugarit TV oder Youtube verbreitet wurden: Als die ersten "Folter-Clips" zu Misshandlungen und Hinrichtungen von Gefangenen in Umlauf kamen, stand zu vermuten, dass Mitglieder der Sicherheitskräfte diese als Souvenirs herstellten. In Einzelfällen sollten diese Videos auch Oppositionelle abschrecken. Für die Rebellen stellten diese Beweisstücke einen hohen Wert dar, da sie die Grausamkeit des Regimes und die Rechtmäßigkeit der eigenen Sache deutlich machten. Aktivisten berichteten, dass sie solche Videos mitunter über Mittelsmänner für hohe Summen kauften – ein finanzieller Anreiz für die Folterer, noch mehr Clips zu produzieren. Dieses Geschäftsmodell zählt zu den zahlreichen Absurditäten des Syrien-Konflikts – ebenso wie der Umstand, dass es FSA-Rebellen gelang, Armeeoffiziere zu bestechen und schwere Waffen aus Militärbeständen durch die Front zu schmuggeln. In Einzelfällen sollen Aufständische auch Foltervideos nachgestellt haben. Die moralische Rechtfertigung für solche Manipulationen: Diese Dinge geschahen ja auch in der Realität.

Angesichts der Vielschichtigkeit des Konflikts und solcher – oft genug auch misslingenden – Manipulationsversuche bildete sich auch in Deutschland eine internetbasierte "Gegenöffentlichkeit", deren Engagement zwischen forscher Medienkritik und der Verbreitung von Verschwörungstheorien changiert. Der Fotograf und Kameramann Marcel Mettelsiefen berichtete für den "Spiegel", diverse Fernsehsender und "zenith" insgesamt zehn Mal aus Syrien: Als die ARD um Weihnachten 2011 seine Reportage "Heimlich in Homs" ausstrahlte und den Autor zu seinem Schutz nicht namentlich nannte, tauchten in Internetblogs zum Teil akribische "kritische Analysen" der Arbeit Mettelsiefens auf: Ein Kritiker präsentierte angebliche Bildbeweise dafür, dass die Kriegsbilder aus Homs und die Leiden der Zivilbevölkerung mithilfe westlicher Geheimdienste inszeniert worden seien – in einer Art Kulissenstadt. Wenige Wochen später bekannte sich Mettelsiefen zu seinen zahlreichen Berichten und Fotos aus Syrien.

Die unklare Informationslage erleichtert es den Konfliktparteien, Quellen und Fakten, auf die sich die Gegenseite beruft, fortwährend anzufechten. Prominentes Beispiel ist die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte in Großbritannien, die regelmäßig Zahlen von Toten und Verletzten aus Syrien vermeldet und in vielen Agenturnachrichten zitiert wird. Auch wenn diese Organisation nach eigenen Angaben über ein Netzwerk von mehreren hundert Informanten in Syrien selbst verfügt, besteht sie aus nicht mehr als einer Handvoll ehrenamtlicher Mitarbeiter und syrischer Regime-Gegner im Exil. Nicht zuletzt deshalb bezweifeln Kritiker die Zuverlässigkeit dieser Nachrichtenquelle.

In einigen Fällen hatte die internationale Berichterstattung auch drastische Auswirkungen auf das Geschehen in Syrien selbst: In den rebellierenden Stadtvierteln von Homs hatten sich zu Beginn zwei charismatische Persönlichkeiten an die Spitze der Opposition gestellt. Die alawitische – und deshalb als Verräterin vom Regime besonders gehasste – Theaterschauspielerin Fadwa Sulaiman und der sunnitische Profi-Fußballer Abdel Baset Sarout wollten mit ihrer Präsenz auch zeigen, dass der Aufstand kein Konfessionskrieg zwischen Alawiten und Sunniten sei. Im Dezember 2011, als die Angriffe der Armee an Heftigkeit zunahmen, verließ Fadwa Sulaiman die Stadt. Eines Abends versammelten sich die Aufständischen im Viertel Khalidiya zu einer Kundgebung. Der Journalist Marcel Mettelsiefen befand sich in Homs und filmte, wie Abdel Baset Sarout den Protestchor anführte. Diesmal stand Sarout an der Seite eines sunnitischen Straßenpredigers, der zum Mikrofon griff und sinngemäß ausrief: "Wir machen die Alawiten fertig!" Die Menge skandierte den Satz und Sarout machte keinerlei Anstalten zu protestieren.

Als der französische TV-Sender CanalPlus das Material in einem kurzen Magazinbeitrag ausstrahlte, war dies ein herber Schlag für die säkulare Opposition – in Europa, im Libanon, aber auch in Syrien selbst. Der Clip lieferte ein willkommenes Beweisstück für das Regime und seine Anhänger für die "wahren" Beweggründe der Rebellion. Auch zahlreiche friedliche Aktivisten in Damaskus zogen sich in dieser Zeit frustriert aus dem aktiven Widerstand zurück.

Am 25. und 26. Mai 2012 fielen in der Gemeinde Al-Hula nahe Homs 108 Männer, Frauen und Kinder einem Massaker zum Opfer. Die historischen Parallelen waren schnell gefunden: My Lai, Sabra und Schatila, Srebrenica seien von gleicher Qualität gewesen, hieß es in deutschen Medien. Zu dieser Zeit befanden sich noch UN-Beobachter im Land und konnten die Leichen der Dorfbewohner in Augenschein nehmen. Untersuchungen bestätigten Presseberichte, die die Morde regimetreuen Paramilitärs (sogenannte Schabiha-Milizen) anlasteten. In einem ideologisch weitgehend verfahrenen Konflikt wie dem syrischen Bürgerkrieg können auch UN-Berichte keine Überzeugungsarbeit leisten. Aber sie verleihen einer Version der Darstellung immerhin Autorität im Ausland. Gleichwohl können UN-Berichterstatter in Syrien weder mit kriminalistischen Methoden vorgehen noch investigativ ermitteln.

Als Rainer Hermann, Korrespondent der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (FAZ), Anfang Juni 2012 in mehreren Beiträgen die Version vertrat, das Massaker sei nicht von Regime-Milizen, sondern von Rebellen verübt worden, verwarfen diverse internationale Medien diese Argumentation. "Spiegel"-Reporter Christoph Reuter reiste nach Hula und vernahm etliche Zeugen, die deckungsgleich aussagten: Schabiha-Milizen seien nach Hula eingerückt und hätten die Bewohner massakriert, nachdem die FSA dort infolge einer taktischen Fahrlässigkeit abgezogen sei. Allerdings führt eine Google-Suche zu "Al-Hula" heute vor allem zu oppositionskritischen Artikeln und Blogs, die an oberster Stelle stehen. Unter "medienkritischen" Bloggern, die sich sowohl im linken, rechten, aber auch islamkritischen Spektrum ansiedeln, stieß der FAZ-Beitrag auf großen Anklang. Die Mehrheit der internationalen Berichterstatter wurde dort als naiv, Nato- oder USA-hörig beschimpft.

Manche politisch interessierte Medienkonsumenten neigen dazu, den Journalisten angesichts der verworrenen Lage in Syrien Voreingenommenheit und Manipulationsabsichten zu unterstellen. Das hängt bei aller berechtigten Kritik auch damit zusammen, dass sie mit den technischen, logistischen und nicht zuletzt finanziellen Zwängen der Arbeit vor Ort nicht vertraut sind.

Der Umstand, dass der US-amerikanische Syrienexperte Joshua Landis auf seinem Fachblog "Syria Comment" in den vergangenen zwei Jahren bereits mehrfach den nahen Untergang des Assad-Regims verkündete, ohne dass dies eintrat, wurde unter den Korrespondenten vor Ort mit Kopfschütteln aufgenommen, während internationale Nachrichtensender Landis’ Vermutungen umgehend auf den News-Ticker brachten. Der renommierte Nahostreporter Robert Fisk schrieb für den "Independent" vergleichsweise verharmlosende Berichte aus staatlichen Foltergefängnissen. Dennoch sind beide regelmäßige Teilnehmer in Fernsehdebatten, werden von Zeitungsmachern für ihre meinungsstarken und streitbaren Thesen geschätzt. Dies stößt bei vielen der oft jungen Fotografen und Reporter vor Ort in den umkämpften Gebieten auf Unverständnis.

Da in Syrien gegenwärtig nur eine begrenzte Zahl an Journalisten, Übersetzern und sogenannten Fixern tätig ist, verbreiten sich Informationen über unsaubere Recherchen relativ schnell. Korrespondenten sind auf die Zuverlässigkeit von Informationen angewiesen – Selbstkontrolle wie Manöverkritik sind essenziell. Dies führte etwa dazu, dass einzelne Reporter nach Fehlverhalten aus internen Facebook-Foren für Syrien-Korrespondenten hinausgeworfen wurden.

Fest steht, dass viele Journalisten ihre Berichterstattung mit Engagement verbinden – für die notleidende Bevölkerung und in manchen Fällen auch für die kämpfenden Rebellen. Reporter transportieren schwer verletzte Menschen über die Grenze, vereinzelt aber auch Munition von einem Kampfgebiet ins andere. Einige setzen sich für medizinische Hilfe oder Visa ein, stellen aber auch Kontakte zwischen Oppositionellen, westlichen Regierungen und Geheimdiensten her. Gleichzeitig hat sich die Öffentlichkeitsarbeit der FSA und ihrer Unterstützer seit Ausbruch des Krieges deutlich professionalisiert. Nahezu jede von Rebellen gehaltene Ortschaft verfügt über ein Pressezentrum, in dem Journalisten unterkommen, Kontaktpersonen treffen und Neuigkeiten erfahren. Diese Büros sind Ausgangspunkt für Recherchen. Ebenso erlangen die Rebellen auf diese Weise einen Überblick über die Medienpräsenz in ihrem Ort und erleichtern oder erschweren die Arbeit. Es gilt als gesichert, dass etwa das Pressezentrum der Grenzstadt Azaz schwarze Listen mit den Namen unerwünschter Pressevertreter führt.
Ein Angehöriger der FSA deutet auf eine Stelle an der Decke eines Badehauses in der
historischen Altstadt von Aleppo, an der ein Blindgänger durchgebrochen ist.Ein Angehöriger der FSA deutet auf eine Stelle an der Decke eines Badehauses in der historischen Altstadt von Aleppo, an der ein Blindgänger durchgebrochen ist. (© Philipp Breu/philippbreu.com.)

Journalisten stellen nicht zuletzt ein Risiko dar: So führte etwa die wiederholte namentliche Nennung eines Aleppiner Krankenhauses – zumindest nach Darstellung einiger dort tätiger Mediziner und des Aleppo Medical Councils – zur Bombardierung des Gebäudes durch die syrische Luftwaffe. Viele für die Versorgung der Bevölkerung wichtige Einrichtungen sind für Fotografen inzwischen gesperrt oder nur unter Auflagen zugänglich. Zu groß ist die Furcht einiger Rebellengruppen, Kommandostellungen zu verraten oder Zivilisten in Gefahr zu bringen.

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