Zerstörtes Gebäude in der Nähe von Bab Dreeb, Syrien.

14.2.2013 | Von:
Daniel Gerlach
Nils Metzger

Männer, die auf Leichen starren. Wie unser Bild vom Krieg in Syrien entsteht

Islamisten und Dschihadisten

Kritische Berichte über die Präsenz ausländischer Islamisten und Dschihadisten stoßen bei den Rebellen auf wenig Gegenliebe. Solche Stories verzerren nach Ansicht der FSA das Bild vom Volksaufstand in unzulässiger Weise. Und sie bestätigen die Zweifler im Westen – etwa wenn es um die Frage geht, ob westliche Geheimdienste grünes Licht erhalten sollen, um die FSA mit Hightech-Waffen gegen die syrische Luftwaffe zu beliefern.

Der FSA muss man zugestehen, dass Konkurrenzdruck der Medien und Marktnachfrage tatsächlich eine Schieflage in die Berichterstattung bringen können: Der Appetit der Heimatredaktionen nach Reportagen über Flüchtlingselend oder den "einfachen Mann", der mit der Waffe Haus und Hof verteidigt, ist längst gestillt. Wer hingegen die gefürchteten Dschihad-Brigaden an der Front aufspürt, findet sicher Abnehmer für seine Reportage. Auf der Suche nach solchen Geschichten haben sich zahlreiche Journalisten in Gefahr begeben – einige erlebten dabei auch das zweifelhafte Abenteuer einer Entführung.

Unter den kämpfenden Dschihadisten haben sich insbesondere zwei Gruppen hervorgetan: Dschabhat al-Nusra und Ahrar al-Scham. Erstere werden meist als Ableger der irakischen al-Qaida beschrieben. Gesicherte Informationen über ihre Zusammensetzung, Finanzierung und Methoden sind rar. Beide Organisationen reagieren entsprechend reserviert oder ablehnend auf Presseanfragen. Das erste Lebenszeichen der Dschabhat al-Nusra vernahm man im Januar 2012. In einem Propagandavideo bezichtigte sich ein gewisser Abu Muhammad al-Golani mehrerer Bombenanschläge auf Gebäude staatlicher Geheimdienste in Aleppo und Damaskus. In seinen Botschaften rief der zuvor völlig unbekannte Golani auch Sunniten in den Nachbarländern Syriens zum Dschihad gegen das Assad-Regime auf: im Namen der Dschabhat al-Nusra.

Manche Beobachter, darunter "Spiegel"-Journalist Christoph Reuter, zweifeln daran. Reuters Recherchen zufolge waren die Anschläge von der Regierung selbst inszeniert, Dschabhat al-Nusra ein von den Geheimdiensten in die Welt gesetztes Gespenst mit dem Ziel, die Angehörigen der verängstigten religiösen Minderheiten auf Assad als ihren Beschützer einzuschwören. Als Indiz führte Reuter auch an, dass einige Attentate außerhalb der Dienstzeiten stattfanden und kaum Opfer unter den Sicherheitskräften forderten.

Womöglich erwies sich die "Siegesfront", so die wörtliche Übersetzung, aber als sich selbsterfüllende Prophezeiung: Vor Beginn des Aufstands unterhielten syrische Geheimdienste Beziehungen zu al-Qaida-Kämpfern, die nach 2003 über Syrien in den Irak einsickerten und dort Anschläge verübten. Je nach politischer Großwetterlage ließ das Regime solche Dschihadisten verhaften oder wieder laufen. Unter Oppositionellen kursierte schon zu Beginn des Aufstands die Vermutung, dass das Regime seine Kontakte zu al-Qaida-Veteranen nutzte, um durch sie die friedlichen Proteste zu unterwandern und als terroristische Verschwörung darstellen zu können.

Als im Sommer 2012 junge, dschihadistisch-sunnitische Milizionäre aus dem Umland Aleppos den Sturm auf die Millionenstadt begannen, suchten sie nach Bezugspunkten und Identifikationsfiguren. Sie fanden sie in den Bekennervideos der Dschabhat al-Nusra. Dutzende Gruppen legten sich innerhalb weniger Monate das schwarze "Märtyrer-Banner" zu und stellten die Regierungstruppen mit Selbstmordattentaten und besonders kühnen und mutigen Frontalangriffen vor gewaltige Probleme. Das erhöhte die Strahlkraft der Radikalen nur noch weiter, auch wenn säkulare FSA-Offiziere schon im Herbst vor einem Zuwachs radikaler Kräfte in Syrien warnten. Agierte Dschabhat al-Nusra im vergangenen Oktober noch zurückhaltend und verschwiegen, tritt sie nun deutlich offensiver auf. Ihre Milizen sind die geachteten Rüpel an der Frontlinie und werben Kämpfer von anderen Freischärlerbrigaden ab. Operationen werden nicht mehr gemeinsam geplant; in Teilen Aleppos haben die Dschihadisten die Brotausgabe übernommen und finanzieren ihre eigene, von der FSA unabhängige Kriegskasse angeblich mit Plünderungen, wie die britische BBC in einem Radiobeitrag Mitte Januar 2013 berichtete.

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Kriegsschauplatz Syrien – die aktuelle Lage (31. Januar 2013)

Charakteristisch für den syrischen Aufstand war von Beginn an seine Dezentralität. Bis heute haben Kämpfer und Aktivisten nur eingeschränkt Kontakt in andere Landesteile.

Seit der Eroberung von Gebieten in und um Aleppo im Sommer 2012 verfügen die FSA und andere Brigaden über stabile Versorgungswege aus der Türkei. Die staatlichen Truppen reiben sich im Häuserkampf auf, auch wenn das Regime aus Angst vor Desertionen in den vergangenen Wochen zu versuchen scheint, Soldaten aus dem Gefecht „Mann gegen Mann“ herauszuhalten, und diese blutige Aufgabe den Paramilitärs zuweist. Um die Sicherheit der Zivilisten war es dennoch nicht gut bestellt, da die Luftwaffe anhaltend Schulen, Krankenhäuser, Bäckereien und Wohnhäuser unter Beschuss nahm. Zwar litten auch die Flüchtlinge auf der türkischen Seite der Grenze unter dem Winterwetter, sie verfügten jedoch weitgehend über ausreichend Nahrungsmittel, Decken und sanitäre Anlagen. Die Lage in den größten jordanischen Flüchtlingslagern, etwa in Zaatari, ist deutlich prekärer.

Während sich der Krieg in den Wintermonaten 2012 auf 2013 vom Stadtgebiet Aleppos auf die Militärbasen und Flughäfen der Region verlagerte, verschlimmerten sich die Zustände innerhalb der von den Rebellen kontrollierten Viertel Aleppos. Aus anderen Stadtteilen ist jedoch zu hören, dass die Polizei minimale Ordnungsaufgaben übernimmt und sich Polizisten auf beiden Seiten der Front sogar koordinieren. Katastrophal wirkt der Mangel an öffentlichen Dienstleistungen wie etwa der Wasserversorgung oder der Müllabfuhr. Stadträte und zivilgesellschaftliche Organisationen sind darum bemüht, eine funktionierende Rechtsordnung aufrechtzuerhalten, gegen die schwindende Moral können sie kaum etwas unternehmen. Sowohl die „Entführungsindustrie“ als auch die Plünderungen durch Freischärler und kriminelle Banden nehmen deutlich zu. Nachdem einzelne FSA-Kommandeure beschuldigt wurden, Brotrationen veruntreut zu haben, wurden Rufe nach der als brutal, aber unbestechlich geltenden dschihadistischen al-Nusra-Front lauter, die zu einer der treibenden militärischen Kräfte hinter dem Aufstand werden könnte. Diese Entwicklung scheint dazu beizutragen, dass die Bereitschaft westlicher Staaten, die Rebellen mit Luftabwehrwaffen und panzerbrechender Munition auszurüsten, deutlich abgenommen hat. Unklar ist, welche logistische Unterstützung die Geheimdienste der Türkei, Saudi-Arabiens oder Katars leisten. Die Nachschubwege der Regime-Truppen und -Milizen verlaufen nach Erkenntnissen von Nachrichtendiensten zu einem erheblichen Teil über den Luft- und Landweg aus Iran und Irak.

In den ärmeren Vororten der Hauptstadt Damaskus, die lange Zeit von schweren militärischen Auseinandersetzungen verschont geblieben war, wird erbittert gekämpft. Andererseits gibt es selbst in der Umgebung der Stadt Homs – ein Brennpunkt des Aufstands – Dörfer, in denen bislang nicht ein Schuss gefallen ist. Das Einflussgebiet der Rebellen reicht inzwischen auch an die sogenannten Alawitenberge an der nördlichen syrischen Mittelmeerküste heran. Die Bombardements der Luftwaffe, die offenbar die Kontrolle über den strategisch wichtigen Flughafen Aleppo verloren hat, folgen nach Eindruck mancher Beobachter inzwischen einer neuen Strategie: Während die Angriffe in den vergangenen Monaten darauf abzielten, die Rebellen militärisch zu unterdrücken und aufständische Städte und Stadtviertel zu bestrafen, geht es nun offenbar auch um gezielte Vertreibungen. Bestimmte, traditionell multireligiöse Gebiete sollen „konfessionell gereinigt“ werden, um an der Küste, in Homs und Damaskus sowie entlang der libanesischen Grenze einen alawitisch-schiitischen Korridor zu errichten. Eine entsprechende Vertreibungspraxis lässt sich mitunter auch seitens der von der sunnitischen Mehrheit gestützten Rebellen beobachten. Ob Aufständische auch gezielt gegen andere religiöse Minderheiten, etwa Christen oder Ismailiten vorgehen, bestreitet die FSA energisch.

Ganz gleich, was westliche Sender übermitteln – nach Lesart des Regimes und eines Teils der syrischen Bevölkerung verbreiten sie ohnehin nur Hetzpropaganda und stacheln einen Religionskonflikt, eine fitna, in Syrien an. Das syrische Polizei-Magazin etwa warnt regelmäßig vor dem Abhören von "Feindsendern": Auf der Umschlagseite der Verbandszeitschrift prangt der Slogan "Nein zur Fitna!" – darunter ein Gespenst mit Totenkopf, das kunstvoll mit den Logos von BBC, CNN, France 24, Al-Arabiya und Al-Dschasira verwoben ist.

Rolle von Al-Dschasira

Der einflussreiche Kanal Al-Dschasira steht besonders weit oben auf der Abschussliste der Armee: Ein Korrespondent wurde im vergangenen Sommer in Aleppo bei einer Live-Schalte bombardiert und während seiner Flucht schwer durch ein Schrapnell verletzt, ein anderer fiel Mitte Januar 2013 in Deraa einem Scharfschützen zum Opfer.

Aufgrund seiner Nähe zu politischen Akteuren – der Sender gehört der Herrscherfamilie des Emirats Katar – steht Al-Dschasira allerdings nicht nur in Damaskus in der Kritik. Der Sender erlangte durch seine umfangreiche Berichterstattung über den "Arabischen Frühling" den Ruf, immer vor Ort und immer näher dran am Geschehen zu sein. Al-Dschasira war die wichtigste Erfindung der arabischen Medienlandschaft der vergangenen Jahrzehnte. Solange das Emirat Katar keine eigenen außenpolitischen Ziele verfolgte, konnten die Mitarbeiter von Al-Dschasira weitgehend ungestört agieren. Allerdings hat Katar sich an die Spitze jenes Lagers in der arabischen Welt gesetzt, das nachdrücklich den Sturz Assads vorantreibt.

Kritischer Journalismus gegenüber der syrischen Opposition ist nach Aussagen ehemaliger Mitarbeiter nicht erwünscht – mehrere Korrespondenten verließen den Sender aus Protest gegen die Restriktionen, andere, wie die Moderatorin Rola Ibrahim, wurden zur Kündigung gedrängt. Auch der Deutschland-Korrespondent des Senders, der Syrer Aktham Sulaiman, warf das Handtuch. Die inhaltliche Färbung Al-Dschasiras vergiftet nach Meinung vieler Kritiker die Debatte über den Syrien-Krieg und zieht die Glaubwürdigkeit anderer aus den Rebellengebieten berichtender Medien in Zweifel. Eine weitere Praxis, die die Unabhängigkeit des Senders infrage stellt und die Position von Journalisten in Kampfgebieten schwächt: Al-Dschasira setzte sich an die Spitze der TV-Sender, die kritiklos Videomaterial sogenannter Bürgerjournalisten übernehmen.

Zwar verfügen viele der Amateurfilmer über ein journalistisches Berufsethos und riskieren vielfach ihr Leben, um an Aufnahmen zu gelangen, die für ausländische Kamerateams zu riskant wären. Aber nicht wenige von ihnen greifen auch zur Waffe, wenn es die Umstände verlangen. Das bestätigt die Regime-Truppen in ihrer Parole, Journalisten jenseits der Front seien Terroristen und auch als solche zu behandeln. Eine Videokamera oder eine sichtbare Kennzeichnung als Pressevertreter schützt niemanden mehr vor Scharfschützen – im Gegenteil. Aber das ist wohl der Preis des Medienwandels.

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