Zerstörtes Gebäude in der Nähe von Bab Dreeb, Syrien.

14.2.2013 | Von:
Markus Bickel

Syrien, Iran, Hisbollah, Hamas: Bröckelt die Achse?

Entstehung und Aufstieg der Hisbollah

Der Aufstieg der Hisbollah zum wichtigsten nichtstaatlichen Akteur auf Seiten der von Iran und Syrien geführten antiwestlichen Allianz hatte mehr als ein Vierteljahrhundert zuvor im Zuge der iranischen Revolution begonnen, als Ayatollah Ruhollah Khomeini persönlich libanesische schiitische Geistliche um sich scharte, um eine Alternative zur bis dahin dominierenden Amal-Bewegung des heutigen libanesischen Parlamentspräsidenten Nabih Berri zu schaffen. Der Sturz Schah Mohammed Reza Pahlawis durch die Kräfte um Khomeini 1979 inspirierte auch Libanons Schiiten, ihr Schicksal in eigene Hände zu nehmen.

1978 war die israelische Armee in den Süden des Landes einmarschiert, im Juni 1982 bis nach Beirut vorgerückt. Die Invasion führte dazu, dass Khomeini Hunderte Revolutionswächter, sogenannte Pasdaran, in die Bekaa-Ebene schickte, um dort die Hisbollah aufzubauen. Zunächst sträubte sich der Präsident des mit der Sowjetunion verbündeten, nominell säkularen Syriens, Hafis al-Assad, gegen das Eindringen der neuen islamistischen Macht in seine eigene Interessensphäre. Doch die beiden Regime, die bereits in ihrer Abwehrhaltung gegenüber dem 1980 in Bagdad an die Macht gelangten Saddam Hussein vereint waren, fanden bald pragmatisch zueinander.

In der Bekaa-Ebene begannen die Pasdaran mit dem Aufbau einer schlagkräftigen Einheit, die nicht nur mit Angriffen gegen israelische Patrouillen, sondern auch mit der Entführung von Ausländern und spektakulären Anschlägen wie dem auf das Hauptquartier der amerikanischen Marines in Beirut 1983 bald von sich reden machte. Mitglieder der Amal-Bewegung, darunter auch Nasrallah, Kämpfer der palästinensischen Fatah und der Kommunistischen Partei schlossen sich der neuen Organisation an. Diese operierte zunächst unter den Decknamen Islamische Dschihad-Organisation oder Organisation der Entrechteten. Im Februar 1985 verkündete die Hisbollah in einem "Offenen Brief an die Entrechteten im Libanon und in der Welt" offiziell ihre Gründung. Der Parteiname – arabisch für "Partei Gottes" – ist der fünften Sure des Korans entlehnt, in der es heißt: "Denn die Partei Gottes wird siegreich sein." Untrennbarer Bestandteil des Programms: die Unterwerfung unter die Führerschaft der Obersten Rechtsgelehrten, ein Herrschaftsprinzip, das Khomeini in seinem 1970 erschienenen Hauptwerk "Der islamische Staat" entwickelt hatte. "Wir befolgen die Befehle unseres einzigen Führers, weise und gerecht, die unseres Lehrers und Faqih, der alle nötigen Bedingungen erfüllt: Ruhollah Mussawi Khomeini. Gott rette ihn", heißt es in dem "Offenen Brief".

An erster Stelle stand der Kampf gegen die israelische Armee, die nicht gewappnet war gegen die Guerilla-Taktik der Hisbollah, die ihre Angriffe stets dann intensivierte, wenn es Syriens Präsident Hafis al-Assad in seinen Verhandlungen mit der israelischen Regierung zupass kam. Nach dem Scheitern der syrisch-israelischen Friedensgespräche in Genf im April 2000 beschloss Ministerpräsident Ehud Barak einen Monat später den überstürzten Abzug aus dem Libanon. Vor hunderttausend Zuhörern im Grenzort Bint Jbeil feierte Nasrallah im Mai 2000 den Abzugs Israels als "historischen Sieg" – und als Vorbild für die Palästinenser, "eine ernsthafte und echte Intifada, keine Intifada im Kontext von Oslo" gegen die Besatzung ihres Landes zu beginnen: "Dieses Israel, das Atomwaffen besitzt und die stärkste Luftwaffe der Region, ist schwächer als ein Spinnennetz."

Wie nach dem Rückzug der israelischen Armee aus dem Südlibanon im Mai 2000 setzte sich die Aufrüstung auch nach dem Libanonkrieg 2006 fort. Israels Geheimdienste waren alarmiert, konnten den Nachschub an Waffen aus Syrien jedoch nicht stoppen. Auf mindestens 50.000 Raketen wird das Hisbollah-Waffenarsenal inzwischen geschätzt. Dass die Waffenzufuhr bis heute anhält, hat Nasrallah neben der Führung in Teheran vor allem Assad zu verdanken. Trotz internationalen Drucks nach dem Libanonkrieg 2006, die Organisation nicht mehr zu unterstützen, ließ er Lastwagen über das Antilibanon-Gebirge in die Bekaa-Ebene passieren – in enger Absprache mit der religiösen und politischen Führung des Iran.

"Ich bin stolz darauf, der Partei des Wilayat al Faqih anzugehören", bekannte Nasrallah noch im Mai 2008, nachdem Hisbollah-Milizen Westbeirut eingenommen hatten, um die von der prowestlichen Regierung angekündigte Zerschlagung ihres Telefonnetzwerkes zu verhindern. Auch in dieser Operation blieb der seit mehr als zwei Jahrzehnten an der Spitze der Hisbollah stehende Nasrallah den Gründungsregeln des "Offenen Briefes" treu, in dem es heißt: "Niemand kann sich die Bedeutung unseres militärischen Potenzials vorstellen, da unser Militärapparat nicht getrennt ist von unserem sozialen Gewebe. Jeder von uns ist ein kämpfender Soldat." Als Ahmadinedschad im Oktober 2010 den Libanon besuchte, pries er den Kampfgeist der Libanesen als "Schule des Widerstands gegen Tyrannen". In Bint Jbeil, wo Nasrallah im Mai 2000 den israelischen Rückzug aus dem Libanon gefeiert hatte, sagte er: "Das iranische Volk wird immer hinter euch stehen." Nur zehn Tage vor seinem Besuch in Beirut und im Südlibanon hatte Assad Ahmadinedschad in Teheran empfangen. Es war bereits das vierte Treffen der beiden 2010. "Wir stehen in einer Front und haben dieselben Ziele", sagte Assad nach der Zusammenkunft.

Der Versuch Assads, durch Parteinahme für die Hisbollah seinen Ruf als mutiger Führer bei den arabischen Massen zu festigen, missfiel den vom Westen unterstützten sunnitischen Regimen. Das änderte sich erst nach dem Kleinkrieg um Beirut. Die vorübergehende Einnahme Westbeiruts durch die Hisbollah und ihre Verbündeten im Mai 2008 hatte Saudi-Arabien und Katar vor Augen geführt, dass die von Iran und Syrien unterstützten Kräfte den eigenen Verbündeten Saad Hariri und Walid Jumblatt überlegen waren. Stabilität, so viel war danach klar, würde es im Libanon nur unter Einbindung Syriens geben können, selbst wenn der Preis dafür eine Schwächung ihres Einflusses bedeutete.

Assad nutzte die neue Rolle geschickt aus. Einerseits empfing er westliche Politiker in Damaskus, andererseits hielt er an seinem Bündnis mit Iran fest. Die Hoffnung des Westens, ihn aus seiner Allianz herauszulösen, erfüllte sich nicht. Trotz Zugeständnissen: Im Juli 2008 empfing ihn Nicolas Sarkozy in Paris, im Januar 2011 entsandte Barack Obama einen neuen Botschafter, Robert Ford, nach Damaskus – sechs Jahre, nachdem seine Vorgängerin, Margaret Scobey, wegen des Hariri-Mordes zurückberufen worden war. Und wenige Tage nachdem erste Mahnwachen aus Solidarität mit den Revolutionen in Tunesien und Ägypten stattgefunden hatten.

Die "Achse des Widerstands" hält

Doch die arabischen Aufstände festigten das Bündnis zwischen Iran und Syrien weiter. Iranische Politiker stellten den Sturz Ben Alis und Husni Mubaraks in eine Reihe mit der iranischen Revolution. Syrische Offizielle freuten sich über das Ende der "Camp-David-Ära", gerade so, als ob allein Ägyptens Friedensvertrag mit Israel der Grund für den Aufstand gegen Mubarak gewesen sei. In einem Interview mit dem "Wall Street Journal" sagte Assad im Januar 2011, dass nur "westliche Marionettenregime" von ihren Bewohnern angegriffen würden. In Syrien hingegen wisse die Bevölkerung, dass ihre Regierung sich nicht dem Diktat der Vereinigten Staaten unterwerfe. Als Zehntausende im März 2011 begannen, gegen das Regime aufzubegehren, schlugen die Sicherheitskräfte mit aller Härte zurück – und mit tatkräftiger Unterstützung aus Teheran. "Präsident Assad macht Außenstehende verantwortlich, während er iranische Hilfe sucht, um syrische Bürger mit der gleichen brutalen Taktik zu unterdrücken, die seine iranischen Verbündeten verwendet haben", sagte Obama, als das Weiße Haus im Mai 2011 neben sechs syrischen Offiziellen auch Khassem Suleimani mit Sanktionen belegte, den Kommandeur der für Auslandsoperationen zuständigen al-Quds-Einheit der Pasdaran, die knapp 30 Jahre zuvor in der Bekaa-Ebene die Hisbollah aufgebaut hatten. Suleimani soll in Syrien an der Unterdrückung des Aufstands beteiligt gewesen sein.

Die hält auch zu Beginn des dritten Jahres der Revolution unvermindert an. 60.000 Menschen wurden allein in den ersten 21 Monaten getötet – doch nur die Hamas Meschals, nicht Nasrallah oder Ahmadinedschad rückten von Assad ab. Die selbsterklärte "Achse des Widerstands" hält. Gerade in Zeiten äußeren Drucks, wie zuvor bei den Protesten gegen die Wiederwahl Ahmadinedschads im Sommer 2009, rücken ihre Führer zusammen. In den von der Hisbollah kontrollierten Vierteln im Süden Beiruts werden derweil Woche für Woche neue Bilder von toten Kämpfern an die Häuserwände der engen Gassen gehängt. Wo sie starben, offenbaren die Plakate nicht. Doch Nasrallah hat eingeräumt, dass libanesische Bürger im Grenzgebiet zu Syrien auf Seiten des syrischen Regimes kämpften. Den Tod des Hisbollah-Militärführers der Bekaa-Ebene, Ali Hussein Nassif, im Oktober 2012 dementierte er nicht. Das zeigt, wie tief die Stellvertreterarmee des Iran an der Grenze zu Israel bereits in den Krieg in Syrien verstrickt ist.

Je weiter der Libanon in den Konflikt hineingerät, desto unvorhersehbarer werden die regionalen Folgen im Falle eines Sturzes Assads. Im Juni 2011, drei Monate nach Beginn der syrischen Revolution, stürmten Hunderte Demonstranten die im Sechstagekrieg 1967 von Israel besetzten und später annektierten Golanhöhen. Der Gazakrieg im November 2012 und die damit verbundene Aufwertung der Hamas zum wichtigsten palästinensischen Partner der postrevolutionären Regierungen in Tunis, Kairo und Tripolis zeigte ebenfalls, dass Israel sich von den revolutionären Umbrüchen in der Region auf Dauer nicht abschotten kann – ebenso wenig wie die mit Syrien verbundenen Achsenmächte Hisbollah und Iran.

Der Beschuss eines syrischen Konvois mit Luftabwehrsystemen, die für die Hisbollah bestimmt sein sollten, sowie eines militärischen Entwicklungszentrums am Rande von Damaskus durch israelische Kampfjets Anfang des Jahres hat das eindrücklich bewiesen. Auf der Münchener Sicherheitskonferenz sagte Israels Verteidigungsminister Ehud Barak im Februar 2013: "Das ist ein weiterer Beweis dafür, dass wir ernst meinen, was wir sagen."

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