Diagramm

14.10.2014 | Von:
Thorsten Faas

Zur Wahrnehmung und Wirkung von Meinungsumfragen

Die Transparenzforderung schließt das nächste Glied der Kette ein: Auf die Datenerhebung folgt die Datenaufbereitung und -auswertung. Die Erhebung liefert Rohdaten: Wie verteilen sich die Antworten der befragten Personen auf die Frage, welcher Partei sie am kommenden Sonntag ihre Stimme geben würden? Manche werden sagen, sie würden nicht zur Wahl gehen. Andere werden sagen, sie wüssten es derzeit nicht. Wiederum andere werden die Antwort verweigern, weil sie die Frage als indiskret empfinden. Eine vierte Gruppe wird eine Partei nennen – hoffentlich wahrheitsgemäß. Auf dieser Basis – und hinzu kommen die skizzierten, potenziell verzerrenden Probleme aus der Phase der Datenerhebung – müssen die Institute agieren. Bestimmte Lücken und Verzerrungen können sie durch Gewichtungsverfahren und Erfahrungswerte ausgleichen und kommen so zu Projektionen, die angesichts der geschilderten Herausforderungen von erstaunlicher Präzision sind.

All dies zeigt aber: Demoskopie ist kein reiner Messvorgang, sondern ein umfangreicher Konstruktionsprozess, was an verschiedenen Stellen auch zutage tritt. So kann man bei längerfristiger Betrachtung erkennen, dass bestimmte Parteien bei bestimmten Instituten immer ein wenig besser (oder schlechter) abschneiden als bei anderen.[5] Mit der Idee einer reinen (und einfachen) Messung von Bevölkerungsmeinungen sind solche systematischen "Hauseffekte" aber kaum vereinbar. Auch im Vorgehen der Forschungsgruppe Wahlen wird deutlich, dass Sonntagsfragen mehr verlangen als nur Datenerhebung: Die Forschungsgruppe unterscheidet nämlich zwischen einer gemessenen "politischen Stimmung" und der "Projektion" einer Sonntagsfrage. Dabei basieren beide Größen auf den Antworten der Befragten, welche Partei sie am Sonntag bei einer Bundestagswahl wählen würden. Aber in die Projektion fließen noch andere Faktoren als die reinen Antworten der Befragten ein, etwa "längerfristige Grundüberzeugungen".[6] Außerdem erfahren wir in einer typischen Sonntagsfrage selten etwas über den Anteil der Nichtwähler oder den Anteil der Unentschlossenen (obwohl es beide Gruppen in erheblicher Zahl gibt). Auch das zeigt: Hier wird etwas konstruiert (wohlgemerkt: nicht manipuliert).[7]

Damit sind wir beim nächsten Glied der Kette angekommen – der Veröffentlichung. Über demoskopische Befunde zu berichten, gehört zur festen Routine politischer Kommunikation. Medien schätzen Demoskopie – sie passt zum Horse-race-Journalismus, der vor allem den Wahlkampf wie einen sportlichen Wettlauf interpretiert und in den vergangenen Jahren auch in Deutschland stark an Gewicht gewonnen hat. Für diesen Stil der Wahlkampfberichterstattung sind Befunde aus Bevölkerungsumfragen prädestiniert; dies gilt vor allem für die Sonntagsfrage: Wer liegt vorne? Wer holt auf? Wer fällt zurück? Zwei Dinge verdienen an dieser Stelle besondere Beachtung: Erstens, Medien berichten nicht bloß nackte Zahlen, sondern bauen diese in ihre Berichterstattung ein, sie kontextualisieren und interpretieren sie. Eine Frage mit Blick auf Wahrnehmung und Wirkung von Umfragen ist damit unmittelbar verbunden: Was nehmen Bürgerinnen und Bürger dann eigentlich wahr – die demoskopischen Zahlen oder die darauf aufbauende Berichterstattung? Klar ist jedenfalls, dass Medien – etwa durch die Wahl einer bestimmten Überschrift – den Fokus auf bestimmte Aspekte einer Umfrage lenken können.

Zweitens ist der Zeitpunkt der Berichterstattung beachtenswert: Über viele Jahre hinweg haben sich ARD und ZDF eine Selbstverpflichtung auferlegt, in der Woche unmittelbar vor einer Wahl keine neuen Zahlen zu veröffentlichen. Auch andere Länder kennen Regelungen, die die Veröffentlichung von Umfragen kurz vor Wahlen untersagen. Im Vorfeld der Bundestagswahl 2013 allerdings ist das ZDF von der langjährigen Praxis abgewichen und hat am Mittwoch vor der Bundestagswahl ein aktuelles "Politbarometer" veröffentlicht. ZDF-Intendant Thomas Bellut erläuterte dazu per Presseerklärung: "Das Wählerverhalten hat sich massiv verändert. Wechselwähler machen heute einen viel größeren Teil der Wählerschaft aus, und der Wähler entscheidet sich immer später. Wir sehen uns daher in der Pflicht, den Wähler mit einem aktuellen Stimmungsbild zu informieren und ihn nicht wider besseres Wissen auf dem Stand veralteter Informationen zu lassen." Und dabei war die ZDF-Umfrage noch nicht einmal die letzte vor der Wahl: Noch am Wahlsonntag selbst gab es frühmorgens in der "Bild am Sonntag" eine neue Emnid-Umfrage. Erst nach all diesen Schritten – Auftrag, Datenerhebung, Datenauswertung, Berichterstattung – kommen schlussendlich die Empfänger in Spiel, erst dann können sie die Meinungsumfragen wahrnehmen und auf sich wirken lassen.

Zur Wahrnehmung

Es scheint schwierig in diesen Zeiten, Meinungsumfragen nicht wahrzunehmen. Die Übersichten etwa bei wahlrecht.de verdeutlichen die Omnipräsenz von Umfragen vor der Bundestagswahl 2013. Studien zeigen, dass mit der gestiegenen Zahl an Umfragen deren Wahrnehmung tatsächlich auch zugenommen hat. Dem Soziologen Eugen Lupri zufolge haben 1957 vor der Bundestagswahl 17 Prozent der Wähler Ergebnisse von Meinungsumfragen gehört, 1965 schon 35 Prozent. Für die Bundestagswahl 1976 weist der Kommunikationswissenschaftler Wolfgang Donsbach einen Wert von 57 Prozent aus. Der Kommunikationswissenschaftler Frank Brettschneider schließlich berichtet für die Wahlen von 1983, 1987, 1990 und 1994 Werte von 72, 67, 81 und 67 Prozent. Vor der Bundestagswahl 2005 gaben lediglich acht Prozent der Menschen an, dass sie "nie" Berichte über die Ergebnisse von politischen Meinungsumfragen verfolgten.[8]

Für die Bundestagswahlen 2009 und 2013 können wir auf die German Longitudinal Election Study (GLES) und dort insbesondere auf die Rolling Cross-Section Studie (RCS) zurückgreifen, um die Reichweite von Umfragen in diesen Wahlkämpfen zu prüfen.[9] 2009 gaben – über den gesamten Zeitraum von acht Wochen vor dem Wahltag hinweg betrachtet – 39 Prozent der Befragten an, Umfragen in der jeweils vorausgehenden Woche wahrgenommen zu haben, 2013 waren es sogar 46 Prozent.[10] Nach Wochen differenziert, ergibt sich der in der Abbildung dargestellte Verlauf. Dabei zeigen sich sowohl bemerkenswerte Gemeinsamkeiten als auch Unterschiede: In beiden Wahljahren ist rund zwei Monate vor der Wahl zu erkennen, dass mit jeweils etwa 30 Prozent der Befragten nur eine Minderheit Meinungsumfragen verfolgt hat. Am Angebot an Umfragen kann dies kaum liegen,[11] vielmehr ist es ein Hinweis darauf, dass die Politik im Alltag vieler Menschen nicht oberste Priorität genießt. Vier bis fünf Wochen vor der Wahl setzt jeweils eine beachtliche Dynamik ein, die zu einer weiten Wahrnehmung von Umfragen führt. 2009 endete die Kurve bei 50 Prozent, 2013 sogar bei fast 70 Prozent.

Wahrnehmung von Meinungsumfragen vor den Bundestagswahlen 2009 und 2013. Quelle: GLES, Modul 2: Rolling Cross-Section Studie, eigene Berechnungen. Fragewortlaut: "Haben Sie in der vergangenen Woche Berichte über aktuelle Meinungsumfragen zur Bundestagswahl gesehen oder gelesen?" (2009) und "Haben Sie in der vergangenen Woche Ergebnisse von aktuellen Meinungsumfragen zur Bundestagswahl gesehen oder gelesen?" (2013). Dargestellt
ist der Anteil der zustimmenden Antworten.
Auch die Kurvenverläufe verdienen Beachtung: 2013 ist drei Wochen vor dem Wahltag ein deutlicher Anstieg zu verzeichnen, 2009 dagegen erst zwei Wochen vor dem Wahltag. Der Grund hierfür ist einfach: Das TV-Duell fand 2013 drei Wochen, 2009 dagegen zwei Wochen vor dem Wahltag statt. Und diese Duelle werden typischerweise umfassend mit Umfragen begleitet. 2013 zeigt sich zudem – schon von hohem Niveau ausgehend – ein nochmaliger Anstieg in der allerletzten Woche vor der Wahl, der im Gegensatz zu einem stabilen Bild 2009 steht. Die Diskussion rund um das letzte "Politbarometer" in just dieser Woche hat dazu sicherlich beigetragen.

Der Anstieg mag aber auch Ausdruck der Tatsache sein, dass bei einigen Wählern 2013 der Bedarf nach Umfragen bis kurz vor dem Wahltag größer war als noch 2009: Würde es die FDP in den Bundestag schaffen? Wären dafür eventuell "Leihstimmen" nötig? Welches Lager würde am Ende vorne liegen? Ob es tatsächlich solche koalitionspolitischen Überlegungen waren, die 2013 eine Rolle spielten, ist zunächst nur eine These, die unmittelbar die Fragen nach möglichen Faktoren aufwirft, die die (Nicht-)Wahrnehmung von Umfragen erklären könnten. Einige Befunde finden sich dazu in der Literatur:[12] Demnach schenken Männer Umfragen mehr Beachtung als Frauen, Gleiches gilt für ältere und formal höher gebildete Menschen. Politisches Interesse allgemein sowie speziell ein Interesse am jeweiligen Wahlkampf wirken sich ebenso positiv aus wie das regelmäßige Verfolgen von Nachrichten im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Einen (kleinen) Hinweis auf strategische Erwägungen findet sich für die Wahl 2005: Demnach wurden die Umfragen damals von FDP-Anhängern stärker beachtet als von Anhängern anderer Parteien.

Bezüglich möglicher Hintergründe zur Wahrnehmung von Umfragen lohnt es sich, die Wahljahre 2009 und 2013 noch einmal in den Blick nehmen (siehe Tabelle). Die beschriebenen Befunde, welche Gruppen Umfragen eher wahrnehmen (Männer, mit Abitur, über 50 Jahre), bestätigen sich erneut. Die Bewertung einer möglichen schwarz-gelben Regierung hatte jedoch kaum Effekte auf die Wahrnehmung von Umfragen: Obwohl man hätte vermuten können, dass gerade Befürworter dieses Bündnisses ein besonderes Interesse an Umfragen haben – beispielsweise um zu entscheiden, ob sie der FDP eine Leihstimme geben oder nicht –, finden sich diesbezüglich praktisch keine Unterschiede zur Vergleichsgruppe. Ein Interesse am Schicksal einer (möglichen) schwarz-gelben Koalition schien bei Gegnern wie Befürwortern zum gleichen Interesse an publizierten Meinungsumfragen zu führen.[13]

Tabelle: Wahrnehmung von Meinungsumfragen vor den Bundestagswahlen 2009 und 2013


Fußnoten

5.
Vgl. zum Beispiel Gregor Aisch, Analyzing Bias in Opinion Polls With R, 20.9.2013, http://vis4.net/blog/posts/analyzing-bias-in-election-polls-with-r« (22.9.2014).
6.
Dieses Vorgehen der Forschungsgruppe Wahlen ist ausdrücklich zu loben; andere Institute veröffentlichen nur die schon angereicherte Version – in der Logik der Forschungsgruppe also die Projektion –, sodass dort das Ausmaß der dadurch bedingten Veränderungen für den interessierten Nutzer gar nicht erkennbar wird. Zur Einschätzung der Unterschiede zwischen Stimmung und Projektion vgl. die Übersichten http://www.wahlrecht.de/umfragen/politbarometer.htm« und http://www.wahlrecht.de/umfragen/politbarometer/stimmung.htm« (22.9.2014).
7.
Zu den Methoden der Meinungsforschung siehe auch den Beitrag von Anne Jessen in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
8.
Vgl. mit ausführlichen Verweisen: Thorsten Faas/Rüdiger Schmitt-Beck, Wahrnehmung und Wirkungen politischer Meinungsumfragen. Eine Exploration zur Bundestagswahl 2005, in: Frank Brettschneider et al. (Hrsg.), Die Bundestagswahl 2005. Analysen des Wahlkampfes und der Wahlergebnisse, Wiesbaden 2007.
9.
RCS-Studien verfolgen das Ziel, Dynamik im Vorfeld von Wahlen abzubilden, sie werden kontinuierlich Tag für Tag während des Wahlkampfs erhoben. Vgl. etwa Rüdiger Schmitt-Beck/Thorsten Faas/Christian Holst, Der Rolling Cross-Section Survey – ein Instrument zur Analyse dynamischer Prozesse der Einstellungsentwicklung. Bericht zur ersten deutschen RCS-Studie anlässlich der Bundestagswahl 2005, in: ZUMA-Nachrichten, 58 (2006), S. 13–49. Allerdings war die Beobachtungsperiode 2013 länger als 2009. Aus Gründen der Vergleichbarkeit werden hier für beide Wahljahre die letzten 56 Tage vor der Wahl in die Betrachtung einbezogen. Für eine ähnliche Analyse vgl. Julia Partheymüller/Anne Schäfer, Das Informationsverhalten der Bürger im Bundestagswahlkampf 2013, in: Media Perspektiven, (2013) 12, S. 574–588. Zur Bundestagswahl 2013 vgl. Hans Rattinger et al., Rolling Cross-Section-Wahlkampfstudie mit Nachwahl-Panelwelle (GLES 2013), GESIS Datenarchiv, Köln 2014.
10.
Die Daten wurden dabei nach Bildung gewichtet, um etwaige Verzerrungen diesbezüglich auszugleichen.
11.
Hier ist darauf hinzuweisen, dass ARD/Infratest dimap und ZDF/Forschungsgruppe Wahlen zum Teil erst im hier betrachteten Zeitraum auf eine wöchentliche Taktung ihrer Umfragen umgestiegen sind. Forsa war durchweg im wöchentlichen Takt aktiv.
12.
Vgl. etwa T. Faas/R. Schmitt-Beck (Anm. 8); J. Partheymüller/A. Schäfer (Anm. 9).
13.
Die hier präsentierten Unterschiede erweisen sich auch bei gleichzeitiger Betrachtung in einem multivariaten Modell als statistisch signifikant.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Thorsten Faas für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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