Diagramm

14.10.2014 | Von:
Thorsten Faas

Zur Wahrnehmung und Wirkung von Meinungsumfragen

Zu (möglichen) Wirkungen

Kurz vor der Bundestagswahl 2013 überschrieb die "Welt am Sonntag" einen Artikel mit "Die unheimliche Macht der Meinungsforscher".[14] Das darin zum Ausdruck kommende Unbehagen liegt auch den Selbstverpflichtungen der Medien oder gar entsprechenden Verboten, Ergebnisse von Meinungsumfragen kurz vor Wahlen zu veröffentlichen, zugrunde. Die Wähler sollen kurz vor der Wahl nicht (mehr) beeinflusst werden.[15] Dabei lässt sich schon aus normativ-theoretischer Sicht fragen: Warum eigentlich bekommt gerade diese Quelle politischer Informationen in Wahlkämpfen so viel Aufmerksamkeit? Niemand würde etwa verlangen, dass Zeitungen kurz vor der Wahl aufhören sollen, das aktuelle politische Geschehen zu kommentieren.

Letztlich ist es auch eine empirische Frage, ob die Sorge eines Einflusses berechtigt ist oder nicht. Dabei sind die Voraussetzungen für einen Einfluss von Umfragen heutzutage sicherlich günstiger denn je. Stabile Parteibindungen gehen zurück, der Zeitpunkt der Wahlentscheidung verschiebt sich immer näher an den Wahltag heran, sodass auch kurzfristige Impulse vor Wahlen noch eine Rolle spielen. Die Parteienlandschaft ist unübersichtlicher geworden, manche Parteien wissen vor der Wahl nicht, ob sie die Fünfprozenthürde schaffen; welche Koalitionen sich bilden können, wollen und werden, ist häufig offen. All das macht Umfragen zu einer potenziell relevanten und interessanten Informationsquelle vor Wahlen, die noch dazu – wie gerade gezeigt – breit wahrgenommen wird.

Aber gibt es auch entsprechende Effekte? Direkte Wählerbefragungen fördern unterschiedliche Ergebnisse zutage: Im Umfeld der Bundestagswahlen 1983 und 1987 gaben jeweils etwa 25 Prozent der Befragten an, dass Umfragen zumindest "eine gewisse Rolle" bei ihren Wahlentscheidungen gespielt hätten. Anlässlich der Bundestagswahl 1990 gaben 14 Prozent zu Protokoll, dass Meinungsumfragen ihre Voten zumindest "etwas beeinflusst" hätten.[16] Auch zur Bundestagswahl 2013 ergab eine Umfrage, die ich in Kooperation mit YouGov realisiert habe, dass 17 Prozent der Befragten, die Umfragen im Vorfeld der Wahl zur Kenntnis genommen hatten, diese nach eigenen Angaben auch in ihrer Wahlentscheidung berücksichtigten.[17] Ein gewisser Einfluss von Umfragen ist auf Basis solcher Selbstberichte also zu konstatieren. Zugleich tut sich die einschlägige Forschung schwer damit, diesen Einfluss präzise zu bestimmen: "Auf die Frage, ob und wie Umfrageergebnisse und insbesondere Wahlprognosen das Wahlverhalten der Bevölkerung beeinflussen, fehlen bis heute gleich eindeutige wie empirisch gesicherte Antworten."[18]

Wie passt das zusammen? Aus theoretisch-konzeptioneller Sicht sind die Möglichkeiten von Umfrageeffekten äußerst vielfältig. Es ist schwer, den einen Effekt von Umfragen zu postulieren (und zu finden). Worauf wirken sich Umfragen überhaupt aus? Publizierte Meinungsumfragen könnten sich auf die Wahlbeteiligung ebenso auswirken wie auf die Parteiwahl. Was Effekte auf die Parteiwahl betrifft, werden in der Literatur verschiedene Möglichkeiten diskutiert.[19] Sie können eher rational oder emotional begründet sein. Häufig ist zudem die Richtung eines Effekts unklar. Und selbst für den Ursprung eines angenommenen Effekts sind verschiedene Aspekte zu bedenken: Ist es die Umfrage als solche, oder ist es vielleicht die Veränderung gegenüber der vorherigen Umfrage, die einen Effekt bei den Wählern auslöst?

Die Vielfalt der Optionen spiegelt sich in den unterschiedlichen Theorien wider. Beliebt ist etwa die "Bandwagon-Hypothese": Sie besagt, dass erfolgreich erscheinende Parteien aufgrund ihres Erfolges zusätzliche Unterstützung in der Wählerschaft erfahren. Aber auch die komplementäre "Underdog-Hypothese" wird vielfach vertreten. Sie besagt, dass erwartbare Gewinner Stimmen zugunsten scheinbarer Verlierer einbüßen. Beiden Thesen liegt dabei ein eher emotional begründeter Mechanismus zugrunde: Es fühlt sich gut an, zu den Siegern zu gehören. Oder verdient der Verlierer doch unser Mitleid? Anders, nämlich taktisch-rational, wird bei der "Fallbeil-Hypothese" argumentiert: Wähler wollen ihre Stimmen demnach nicht verschenken und werden daher keine Partei wählen, die an der Sperrklausel des Wahlsystems zu scheitern droht. Umgekehrt wird die These der coalition insurance postuliert. Demnach leihen Anhänger größerer Parteien einem potenziellen (kleinen) Koalitionspartner ihre Stimme, wenn dieser – ausweislich publizierter Umfragen – an der Sperrklausel zu scheitern droht.

Ganz offenkundig schließen sich diese Thesen an verschiedenen Stellen wechselseitig aus. Das heißt aber nicht, dass sich niemand gemäß der postulierten Thesen verhält. Manche mögen der einen These entsprechen, andere der anderen, wiederum andere überhaupt keiner. Und in der Folge all dessen könnte bei Betrachtung der Wählerschaft insgesamt überhaupt kein Effekt von Umfragen auf Wahlverhalten mehr sichtbar werden, weil sich die Effekte wechselseitig aufheben. Nur wenn eine der Thesen empirisch überwiegt oder gar dominiert, würde auch insgesamt ein Effekt von Umfragen zutage treten.

Die Bundestagswahl 2013 könnte ein solcher Fall gewesen sein. Warum? Das Rennen zwischen schwarz-gelber Regierung und Opposition war knapp, die FDP (und gegen Ende hin auch die AfD) lag in Umfragen im Bereich von fünf Prozent und kämpfte entsprechend mit der Sperrklausel. Zudem gab es – wie skizziert – auch sehr spät im Wahlkampf noch neue Umfragen. Umfragen, die unmittelbar vor dem Wahltag publiziert werden, könnten aber mehr noch als ältere Umfragen als tatsächliche Vorhersagen des Wahlausgangs (mit weniger Unsicherheit) verstanden werden – und umso heftiger könnten die Reaktionen darauf ausfallen. Vor allem aber spricht der Vergleich von Vorwahlumfragen mit dem tatsächlichen Wahlausgang 2013 dafür, dass Erstere für Letzteren eine Rolle gespielt haben. Das "Politbarometer" am Mittwoch vor der Wahl sah die FDP bei 5,5 Prozent, die erwähnte Emnid-Umfrage vom Wahlsonntag gar bei sechs Prozent. Am Wahlabend aber blieb der Balken der FDP bei 4,8 Prozent stehen. Waren daran die Umfragen schuld?

Gegenteiliges war Anfang 2013 bei der Landtagswahl in Niedersachsen passiert: Letzte Umfragen sahen die FDP dort zwischen vier und fünf Prozent[20] – am Ende aber standen für die FDP 9,9 Prozent zu Buche. Warum? Weil viele (für den von ihnen gewünschten Ausgang letztlich zu viele) Anhänger der Union mit Präferenz für eine schwarz-gelbe Regierung ihre Stimme "geliehen" haben. Dabei sind die niedersächsische Landtagswahl und die Bundestagswahl 2013 zwei Seiten der gleichen Medaille: In beiden Fällen ging von Umfragen ein Signal an das schwarz-gelbe Lager aus, was die Notwendigkeit von Leihstimmen betrifft. Und in beiden Fällen haben die Menschen darauf reagiert – in beiden Fällen mit unerwarteter Heftigkeit.

Gibt es weitere Hinweise, die für einen solchen Mechanismus sprechen? In einer experimentellen Studie vor der Bundestagswahl 2013 konfrontierten Sascha Huber und ich 3285 Befragte mit verschiedenen Umfrageszenarien. Während wir einem Teil der Gruppe Umfragen vorlegten, die die FDP bei vier Prozent sahen, zeigten wir einem anderen Teil Umfragen, die die FDP bei sechs Prozent sahen. Wie würden sich die Befragten im Lichte dieser Umfragen am Wahltag verhalten? Es zeigte sich, dass der resultierende Stimmenanteil der FDP höher lag, wenn die Umfrage die Partei unter fünf Prozent sah.[21] Eher anekdotische Evidenz liefert dagegen eine Begebenheit, von der die "Süddeutsche Zeitung" am 27. September 2013 berichtete: Telefonisch soll der damalige FDP-Chef Philipp Rösler vor der Wahl die Bundeskanzlerin um Leihstimmen für seine Partei gebeten haben. "Und wie reagiert Angela Merkel? Sie erklärt, dass die FDP sich gar keine Sorgen machen müsse, sie liege in den Umfragen stabil über sechs Prozent."[22] Im Lichte all dessen lässt sich zwar sicherlich nicht behaupten, dass Demoskopen die Schuld am Scheitern der FDP bei der Wahl 2013 tragen. Aber ihren Beitrag dazu haben sie mit ihren späten Umfragen sicher geleistet.

Fazit

Die Frage, ob Demoskopie eingedenk dieser Ausführungen nun Fluch oder Segen ist, würde man auf Seiten der FDP nach 2013 wohl eindeutig beantworten. Eine pauschale Verdammung von Umfragen wäre aber doch zu einfach. Dass politische Meinungsumfragen und insbesondere Sonntagsfragen heute schwieriger denn je sind, liegt auf der Hand: Die Herausforderungen im Produktionsprozess tragen dazu ebenso bei wie der Umstand, dass die Umfragen selbst ein Teil des Wahlkampfgeschehens sind, auf den Parteien ebenso wie die Wähler wiederum reagieren. Dass die Umfragen trotzdem von hoher Präzision sind, spricht für die Qualität und Erfahrung der Institute.

Das Beispiel der FDP 2013 erinnert uns zugleich daran, dass es keine Garantie geben kann, dass Umfragen immer präzise und richtig sind – selbst wenn sie nur wenige Tage vor einer Wahl erstellt und veröffentlicht werden. Der US-amerikanische Sozialwissenschaftler Herbert Simon hat dazu schon 1954 den faszinierenden Gedanken formuliert, dass Meinungsforschungsinstitute die Reaktionen auf ihre Umfragen in ihre Projektionen einpreisen müssten, um so genau jene Werte projizieren zu können, die genau die Reaktionen auslösen, die am Ende genau zu den projizierten Werten führen.[23] Das ist wahrlich kein einfaches Unterfangen. Realistischer erscheint dann schon die Forderung nach größtmöglicher Transparenz und flankierender Kommunikation, die die Empfänger der Botschaften in die Lage versetzen, souverän mit den Zahlen umzugehen – so wie sie es mit vielen anderen Botschaften im Wahlkampf ja auch tun.

Fußnoten

14.
Manuel Bewarder/Miriam Hollstein, Die unheimliche Macht der Meinungsforscher, 15.9.2013, http://www.welt.de/politik/wahl/bundestagswahl/article120027580« (22.9.2014)
15.
Außer der Diskussion zum möglichen Einfluss von Umfragen auf Wählerinnen und Wähler gibt es natürlich auch die Möglichkeit, dass Umfragen von Politikerinnen und Politikern wahrgenommen werden und diese darauf entsprechend reagieren. Das eingangs zitierte Beispiel von David Cameron zeugt davon. Dieser Wirkungsmechanismus bleibt hier allerdings außen vor. Vgl. dazu Alexander Gallus, Demoskopie in Zeiten des Wahlkampfs: "Wirkliche Macht" oder "Faktor ohne politische Bedeutung"?, in: APuZ, (2002) 15–16, S. 29–36.
16.
Frank Brettschneider, Der taktische und rationale Wähler. Über den Einfluß von Wahlumfragen auf das Wählerverhalten bei den Bundestagswahlen 1983 bis 1990, in: Zeitschrift für Parlamentsfragen, 33 (1992), S. 55–72.
17.
Bezogen auf die Bevölkerung insgesamt ergibt sich ein Wert von 13 Prozent; 71 Prozent der Befragten gaben an, Umfragen in der Woche vor Wahl gesehen oder gehört zu haben. Ersetzt man "berücksichtigt" allerdings durch "beeinflusst", stellt also die Frage "Hat Sie das Ergebnis dieser letzten Umfrage in Ihrer eigenen Wahlentscheidung beeinflusst?", dann geht der Anteil der Zustimmungen auf sechs Prozent zurück. Vgl. http://www.cicero.de/dossier/der-cicero-wahlkampfindex« (26.9.2014). Umfrageergebnisse sind eben auch an dieser Stelle Konstruktionen, nicht bloß reine Messungen.
18.
Alexander Gallus, Wahl als "Demoskopiedemokratie"? Überlegungen zur Meinungsforschung und ihren Wirkungen aus Anlass der Bundestagswahl 2002, in: Eckhard Jesse (Hrsg.), Bilanz der Bundestagswahl 2002, Wiesbaden 2003.
19.
Vgl. die Überblicksdarstellung bei Harald Schoen, Wirkung von Wahlprognosen auf Wahlen, in: Thomas Berg (Hrsg.), Moderner Wahlkampf, Opladen 2002.
20.
Siehe http://www.wahlrecht.de/umfragen/landtage/niedersachsen.htm« (22.9.2014).
21.
Vgl. Sascha Huber/Thorsten Faas, How Twittered Exit Polls Can Shape Electoral Outcomes under PR Systems with Electoral Thresholds: An Experimental Test of how Polls May Shape the Fortunes of Small Parties, unveröff. Manuskript 2013; Thomas Zerback et al., Die Wahrnehmung des Meinungsklimas im Bundestagswahlkampf 2013, in: Zeitschrift für Politikwissenschaft, 23 (2013), S. 333–364.
22.
Stefan Braun, Wenn aus Gegnern Partner werden, in: Süddeutsche Zeitung vom 27.9.2013, S. 6.
23.
Vgl. Herbert A. Simon, Bandwagon and Underdog Effects and the Possibility of Election Predictions, in: Public Opinion Quarterly, 18 (1954), S. 245–253.
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