Diagramm

14.10.2014 | Von:
Anja Kruke

Fragen über Fragen: Zur Geschichte der politischen Umfrage

Deutschland blieb kaum Zeit zur Entwicklung eigener Meinungsforschung: Während der Weimarer Republik hatte es zwar ähnliche Tendenzen in der Marktforschung gegeben wie in anderen Ländern,[10] aber nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten war an eine Übertragung auf politische Aspekte nicht zu denken. Als gesellschaftliche Beobachtung wurden stattdessen die "Stimmungsberichte" entwickelt, die nicht auf der Grundlage repräsentativer Befragungen entstanden.[11] In Deutschland wurde Meinungsforschung zunächst von den westlichen Alliierten als Methode zur Beobachtung der deutschen Gesellschaft eingeführt, emphatisch verbunden mit der Aussage, diese sei ein hilfreiches Instrument der Demokratie. Bis Ende der 1940er Jahre hatten sich in allen drei westlichen Zonen durch Alliierte geleitete oder finanzierte Umfrageinstitute gegründet, die sich explizit dem politischen Bereich zuwandten, um öffentlich wie auch nichtöffentlich über die demokratische Haltung der deutschen Bevölkerung zu berichten.

Ab 1949 entdeckten auch die politischen Akteure der jungen Bundesrepublik die Umfragen. Zunächst als Machtinstrument vom Bundeskanzleramt eingesetzt, entwickelten die beiden Volksparteien CDU und SPD in den 1950er Jahren ein eigenes Interesse an der Meinungsforschung. Erst ab Mitte der 1960er Jahre holten die Massenmedien als Auftraggeber auf, bis sie schließlich die politischen und staatlichen Institutionen der Bundesrepublik im Auftragsvolumen überholten.[12]

Meinungsforschung setzte sich dort durch, wo die dominanten politischen Akteure die öffentliche Meinung in Form der Umfragedaten als relevant für ihr Handeln einschätzten und damit arbeiteten – oder wo die Medien dies erkannten und die Politik zwangen, sich damit zu beschäftigen. Das Beispiel der Bundesrepublik bestätigt diesen Mechanismus: Kurz nach der Bundestagswahl 1949 unterbreitete das Institut für Demoskopie Allensbach der Bundesregierung das Angebot, eine bereits fertige Umfrage zu kaufen. Der Hinweis, dass ein Kauf eine Veröffentlichung verhindern könne, weil dann der Käufer über die Verwendung entscheide, bewog den frisch gewählten Bundeskanzler Konrad Adenauer dazu, die Umfrage zu antisemitischen Einstellungen der deutschen Bevölkerung zu erwerben.[13] Neugierig geworden, ließ er sich auch auf das folgende Angebot ein, sich durch regelmäßige Meinungsumfragen ein Bild von der öffentlichen Meinung erstellen zu lassen, um so einen Wissensvorteil zu erhalten – oder sich zumindest mit den US-amerikanischen Alliierten auf informationeller Augenhöhe bewegen zu können.

Das Versprechen, mithilfe von Umfragen das potenzielle Wahlverhalten zu erkennen und es somit auch steuern zu können, überzeugten Adenauer und sein Umfeld, sodass die Bundesregierung zum ersten Auftraggeber kontinuierlicher politischer Umfragen in der Bundesrepublik wurde. Der Bundestagswahlkampf 1953 wurde somit zum ersten, der sich – allerdings nur seitens der Bundesregierung – auch auf Umfragen stützte. Ein paar Jahre später zog zunächst die CDU als Partei nach, nach der Bundestagswahl 1957 auch die SPD. Das für die Sozialdemokraten enttäuschende Abschneiden bei dieser Wahl führte offenbar zur Folgerung, die Gesellschaft durch Meinungsumfragen wieder neu kennenlernen zu müssen. Doch nicht nur die SPD durchlebte diesen Erkenntnisprozess: Vielmehr ist die Selbstbeobachtung der Gesellschaft mithilfe von Zahlen durch Umfragen ein grundlegendes Phänomen moderner Gesellschaften, die sich zwischen den 1940er und 1960er Jahren je nach Durchsetzung der Umfrageforschung in den verschiedenen Lebensbereichen und anhand neu eingeführter Kategorien und zahlenmäßiger Zusammensetzungen neu kennen- und einschätzen lernten.[14]

Auch in den Ländern des Ostblocks wurden die Vorteile des Wissens über die zahlenmäßig erfasste Stimmungslage der Bevölkerung erkannt, wenn auch aus einem ganz anderen Motiv als dem der Stimmenmaximierung. Hier waren es zumeist an polit-wissenschaftliche Institutionen angegliederte Forschungseinheiten, die sich mit Umfragen beschäftigten.[15] Die nur zum Teil umfragebasierten sozialwissenschaftlichen Forschungen zur sozialen Lage der DDR-Gesellschaft waren durchgängig gefragt – der Volksaufstand des 17. Juni 1953 hatte in der SED-Führung eine Art Trauma mit besonderer und ausschließlicher Aufmerksamkeit für sozialfürsorgliche Fragestellungen ausgelöst.[16]

Was wurde gefragt?

Zu Beginn der Meinungsforschung in Westdeutschland war das Set der Fragen noch nicht gefestigt. Die westlichen Alliierten interessierten sich nach 1945 vor allem für die demokratischen Einstellungen der Deutschen, für die Haltung gegenüber den Alliierten und ihrer Politik sowie für alltägliche Dinge des Bedarfs. Die sogenannte Sonntagsfrage wurde vor der ersten Bundestagswahl 1949 im Kontext der Frage nach der Wahlbeteiligung behandelt, zumal den Meinungsforschern keine Vergleichsdaten aus vorherigen Wahlen zur Verfügung standen. Grundsätzlich bot auch in Deutschland diese Frage in erster Linie eine gute Werbung für die Sache der Meinungsforschung – entweder als Nachricht für die Medien oder als Lockmittel für die politischen Akteure, mehr über das Warum der perspektivischen Wahlentscheidung zu erfahren.

In diesem Sinne gilt die Sonntagsfrage als Inbegriff der politischen Umfragen, ist aber vor allem ein Einstieg in ein Mehr an Umfragen: Die Umfrageforschung bot von Beginn an eine Erkundung nach Maß an, denn die politischen Akteure wollten je nach Orientierung und Situation ganz unterschiedliche Sachen wissen. Für die Bundesregierung, die ihre unterschiedlichen politischen Themen und Gesetze abfragen ließ, war jeweils die "Stimmung" im Land wichtig; die Parteien ließen ebenfalls nach der Einstellung zu aktuellen Themen fragen, aber auch nach den aus der Sicht der Bevölkerung "wichtigsten Themen".

Nachdem die politischen Auftraggeber anfangs noch in die Fragen hineinredigierten, konnten sich die Meinungsforscher schon bald mit ihrer Expertise durchsetzen und formulierten die Fragen allein. Außerdem begannen sie, ihre Auftraggeber zu beraten, was wissenswert sei, um erfolgreich Politik machen zu können: Welches Thema ist aktuell am wichtigsten? Wie setzt sich die Gesellschaft sozialstrukturell zusammen? Wie wirken Status, Beruf und Bildung auf die Wahlentscheidung? Welche Rolle spielt der Konsum welcher Medien? Welche Unterschiede machen Stadt und Land aus? Welche Städte sind wessen Hochburgen – und wo lohnt sich intensiver Wahlkampf vor Ort? Und wer von den Akteuren ist eigentlich sympathisch? Wie schätzen die Wähler ihn ein? Wo sind seine Stärken, wo die Schwächen?[17]

Die Inhalte und das politische Personal, zu dem befragt wurde, variierten – und auch strukturell-inhaltlich unterschieden sich die Fragen nach den Rollen von Regierung und Opposition (nicht nur als Auftraggeber). Bei dem einen ging es um Durchsetzungsfähigkeit, bei dem anderen eher um Schwachstellen und Herausforderungsmöglichkeiten, zum Beispiel durch Kompetenzzuweisung (über ganze thematische Felder wie Wirtschaft, Außenpolitik, Soziales).

In den wachsenden Routinen kontinuierlicher Abfragen (wichtigste Themen, sympathischste Politiker und ähnliche Fragen) schälten sich im Rahmen eines Ausdifferenzierungsprozesses aus den Inhalten eigenständige Politikbereiche heraus, die policies. Diese stellten ein vielfältiges neues Feld der Erkundung dar, das zudem eine gute Verbindung zur wissenschaftlichen empirischen Sozialforschung bot und sich in Deutschland im Laufe der 1960er Jahre entwickelte, als alle anderen Frageroutinen schon zur Selbstverständlichkeit des politischen Prozesses gehörten. Die Meinungsforscher erwiesen sich dabei als gute Agenten ihrer selbst, indem sie zu den beantworteten Fragen auch immer die zugleich entstehenden Wissenslücken aufdeckten und Hilfe anboten. Damit entstand eine paradoxe Spirale des Nichtwissens, dessen Umfang immer größer wurde, je mehr Umfragematerial zur Interpretation vorlag – die politischen Akteure (wie auch die Journalisten) hatten gelernt, dass sie die Welt allein aus der eigenen Perspektive nicht "verlässlich" beobachten konnten.[18]

Begünstigt wurde die Ausweitung durch die technischen Entwicklungen, die immer komplexere Auswertungsmechanismen mit einer immer größeren Anzahl von Variablen ermöglichten. Zudem vollzog sich ab Mitte der 1960er Jahre bis zum Beginn der 1980er Jahre ein methodischer Innovationssprung, als neue Umfrageansätze der Medien- und Konsumforschung mit Fragen der politischen Meinungsforschung verknüpft sowie sozialpsychologische Ansätze auf die quantitative Forschung übertragen wurden. Es wurden Fokusgruppen eingerichtet und Typen gebildet, die zu einer Uminterpretation der gesellschaftlichen Schichten nach (Sinus-)Milieus führten.[19] Schließlich erfuhr das Umfragewesen eine weitere Beschleunigung durch die methodisch neuen Abfragen per Telefon und die verbesserten Möglichkeiten zur Datenverarbeitung durch Großrechner, sodass sich mit dem Wahlkampf 1976 wöchentliche Umfragen als Routine etablierten.

Fußnoten

10.
Vgl. Hartmut Berghoff (Hrsg.), Marketinggeschichte. Die Genese einer modernen Sozialtechnik, Frankfurt/M.–New York 2007.
11.
Vgl. Heinz Boberach, Meldungen aus dem Reich. Auswahl aus den Lageberichten des Sicherheitsdienstes der SS, 1939–1945, Neuwied 1965.
12.
Vgl. A. Kruke (Anm. 1), S. 31–57 (Beginn nach 1945), S. 61–311 (CDU/SPD), S. 437–495 (Medien bis 1979).
13.
Für das Feld der Antisemitismusforschung per Umfrage vgl. Werner Bergmann, Sind die Deutschen antisemitisch? Meinungsumfragen von 1946–1987 in der Bundesrepublik Deutschland, in: Werner Bergmann/Rainer Erb (Hrsg.), Antisemitismus in der Bundesrepublik Deutschland. Ergebnisse der empirischen Forschung von 1946–1989, Opladen 1991, S. 108–131.
14.
Für die amerikanische Gesellschaft vgl. Sarah E. Igo, The Averaged American. Surveys, Citizens and the Making of a Mass Public, Cambridge/MA 2007; für das Beispiel der Katholischen Kirche in Deutschland vgl. Benjamin Ziemann, Katholische Kirche und Sozialwissenschaften 1945–1975, Göttingen 2007, insb. S. 131–202.
15.
Vgl. Heinz Niemann, Hinterm Zaun. Politische Kultur und Meinungsforschung in der DDR – die geheimen Berichte an das Politbüro des ZK, Berlin 1995. Ein kleiner Teil dieser Berichte ist in den Beständen der Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR (SAPMO) erhalten.
16.
Vgl. Christiane Reinecke, Fragen an die sozialistische Lebensweise: Empirische Sozialforschung und soziales Wissen in der SED-Fürsorgediktatur, in: Archiv für Sozialgeschichte, 50 (2010), S. 311–334. Mit Blick auf Fragen der sozialen Ungleichheit war in der DDR ein paradoxes ideologisches Problem zu lösen: Denn wie sollte Forschung dazu in einem Staat aussehen, in dem per se alle gleich waren? Vgl. Thomas Mergel, Soziale Ungleichheit als Problem der DDR-Soziologie, in: ders./Christiane Reinecke (Hrsg.), Das Soziale ordnen. Sozialwissenschaften und gesellschaftliche Ungleichheit im 20. Jahrhundert, Frankfurt/M. u.a., S. 307–336.
17.
Für eine frühe Übersicht über die Vielfalt der Fragen vgl. Gerhard Schmidtchen, Die befragte Nation. Über den Einfluss der Meinungsforschung auf die Politik, Freiburg/Br. 1959.
18.
Vgl. A. Kruke (Anm. 1), S. 321–436.
19.
Das Sozialwissenschaftliche Institut Nowak und Sörgel (Sinus) hatte aus einer Kombination von sozialpsychologischer politischer "Typenbildung" und Marktforschung Milieus kreiert, die quer zu den sozialen Schichten lagen und sich kurzfristiger entwickelten. In der politischen Umfrageforschung tauchen sie erstmals bei der SPD im Kontext des Bundestagswahlkampfes 1983 auf. Vgl. ebd.
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