Diagramm

14.10.2014 | Von:
Anja Kruke

Fragen über Fragen: Zur Geschichte der politischen Umfrage

Mehr Interesse, mehr Kritik

Das erhöhte Tempo war auch darauf zurückzuführen, dass inzwischen die Medien politische Umfragen für sich entdeckt hatten. Im Bundestagswahlkampf 1965 war das Wochenmagazin "Stern" mit einer groß aufgemachten Umfrageserie vorangeprescht, wobei vor allem die sich über ganze Seiten erstreckenden Balkendiagramme beeindruckend wirkten und visuell ein neues Zeitalter der öffentlichen Wahrnehmung von Umfragen einläuteten. Am Wahlabend griff das ZDF diese Idee auf und ließ von den damals zwei führenden Instituten in Deutschland, dem Institut für Demoskopie Allensbach und Emnid, Prognosen präsentieren. Aus der Fehlprognose Emnids (dass es einen knappen Wahlausgang geben werde – tatsächlich gewann die CDU mit über acht Prozentpunkten Abstand), entwickelte sich ein Skandal, in dessen Verlauf das Institut nicht nur fast Pleite ging und verkauft wurde, sondern an dem sich auch eine heftige öffentliche Debatte um den Sinn und Zweck von Umfragen entfachte.

Doch grundsätzliche Kritik zieht sich seit jeher wie ein roter Faden durch die Geschichte der Umfrageforschung – und zwar länderübergreifend. Dabei hat sich der Schwerpunkt der Kritik im Laufe der Zeit von der Manipulation durch die Parteien auf die Nutzung der Meinungsforschung durch die Medien verschoben. Das durchgängige Motiv bildet die Sorge um die Funktionsfähigkeit der Demokratie.[20] Zum einen wurde die "gezählte Meinung" schon früh als falsche Vorstellung von öffentlicher Meinung gedeutet und damit als demokratietheoretisch und -praktisch (äußerst) problematisch angesehen. Sie öffne der Wählermanipulation Tür und Tor, zudem sei eine an den Stimmungen orientierte Demokratie zu befürchten. Zum anderen wurden immer wieder technische Vorwürfe bezüglich der Zuverlässigkeit von Umfragen laut (etwa zur Repräsentativität/Stichprobenziehung oder technischen Interpretation).[21] Die öffentlichkeitswirksame Auseinandersetzung im Rahmen von Skandalen (egal in welchem Land: 1948 in den USA, 1974 in Großbritannien sowie in anderen) führte jedoch stets dazu, dass Leser, Hörer und Zuschauer vor allem viel über Demoskopie lernten und die Meinungsforschung sich medial sogar noch fester verankern konnte, da die Medien im Zuge dessen Umfragen noch stärker aufgriffen.

Die Debatte in der Bundesrepublik hatte zur Folge, dass das ZDF für seine Berichterstattung schließlich auf eine universitär basierte Umfrageforschung umstieg; zwei Jahre nach der Bundestagswahl 1972 wurde die Forschungsgruppe Wahlen gegründet. Zugleich wurde vereinbart, in der letzten Woche vor einer Wahl keine Umfragen mehr zu veröffentlichen, um so eine Beeinflussung der nicht entschiedenen Wähler durch Umfragen zu vermeiden – eine Selbstverpflichtung, die bei der Bundestagswahl 2013 erstmals nicht eingehalten wurde. In Frankreich hingegen wurde die Veröffentlichung von Umfragen vor Wahlen 1977 gesetzlich verboten.

Mit der medialen Aufmerksamkeit für die Ergebnisse der Meinungsforschung entstand seit den 1970er Jahren in Westdeutschland insgesamt ein ganz anderes Interesse an Umfragen. Während Parteien und Institutionen vor allem deshalb früh an Demoskopie interessiert gewesen waren, um den gewonnenen Wissensvorsprung durch Zustimmungsmaximierung zum eigenen Machtgewinn oder -erhalt zu nutzen, ließen sich die Medien von der Möglichkeit leiten, Neuigkeiten produzieren zu können. Diese Reihenfolge der Entwicklung hat sich allerdings in nur wenigen Ländern wie Deutschland und Italien abgespielt; Frankreich und Großbritannien zum Beispiel erlebten einen zeitgleichen Durchbruch der Meinungsforschung in Politik und in Medien.

Seit der medialen Etablierung von Umfragen hat sich ein bestimmtes Set von Fragen herausgebildet, die sowohl eine Wiedererkennung ermöglichen, aber eben vor allem eine Berichterstattung über die Abweichung vom vorherigen Ergebnis ermöglichen. Diese Fragen beziehen sich in erster Linie auf Parteien (Sonntagsfrage), Personen (Beliebtheit) und Themen (Wichtigkeit), woraus sich dann wiederum weitere Fragen ergeben – kommunikationswissenschaftlich gesehen geradezu vorbildlich an der Nachrichtenwerttheorie orientiert, die die Regeln der medialen Aufmerksamkeitsökonomie beschreibt.[22] Für die politischen Akteure bedeutet dies nicht nur eine permanente öffentliche Beobachtung und Bewertung, sondern auch eine Einengung in der Möglichkeit, sich durch eigene Umfragen einen Wissensvorsprung zu verschaffen. Zwar erfahren Politiker an Wahlabenden die Ergebnisse der sogenannten exit polls etwas früher, was ihnen einen kleinen zeitlichen Vorsprung gewährt. Zugleich aber ist es bei der Vielzahl der Umfragen schwieriger geworden, einen echten qualitativen Vorsprung zu erreichen. Außerdem sind gerade die im kleinen Kreis vorgestellten Umfragen besonders anfällig für eine Veröffentlichung – häufig wurden sie von Teilnehmern der Gremien und Runden an Medien weitergegeben.[23]

Folgen für Politik und Gesellschaft

Die zahlenmäßige Erfassung der Meinungen auf dem politischen Massenmarkt, wie er sich seit Ende des 19. Jahrhunderts herausgebildet hat, zog eine Vermarktlichung der Beziehungen zwischen den politischen Akteuren und den Wählern nach sich. Die zunächst von den Akteuren als Orientierung gewünschte demoskopische Information veränderte die eigenen Vorstellungen von der Wählerschaft und von sich selbst, vor allem aber auch von der Funktionsweise der Politik. Politik schien zunächst planbar zu werden, zumindest ließen sich Wählerentscheidungen vorab abfragen. Gleichzeitig lernten die Akteure die Welt mit neuen, sozialwissenschaftlich geschulten Augen zu sehen. Statt sich an der Einteilung der Gesellschaft entlang zentraler Konfliktlinien wie Konfession oder Klasse zu orientieren, wurden Anhängerschaften nun in Strukturen der soziologischen Gesellschaftsanalyse gefasst und in Zielgruppen neu definiert.

Dies bedeutete eine Loslösung aus alten politischen Mustern, erlaubte aber zugleich eine theoretisch unendliche Flexibilität in der Vorstellung von der Wählerschaft. Die Zerlegung des Elektorats, der Inhalte und der Parteien und ihre anschließende neue Zusammensetzung sowie die Spiegelung dieser Entwicklung in den Medien konnte nicht ohne Folgen für das gegenseitige Verständnis von Wählerschaft, Parteien und Medien bleiben, da dieser Prozess zentrale Kategorien von Selbstverständnis und Identität berührt. Gleichzeitig wurde die Funktionsweise von Demokratie dadurch verändert, dass der Souverän zeitgleich zur Entstehung einer politischen Entscheidung durch Umfragen präsent wurde und gezielt eingesetzt werden kann, mithin die Umfrage zum "Ersatzsouverän" aufgestiegen ist. Für diesen gesellschaftlichen Wandel in Richtung einer medialisierten Demokratie stellt die Umfrage damit gleichsam einen Indikator wie auch einen Faktor zum Antrieb der Entwicklung dar.

Das Streben danach, Dinge über Menschen zu wissen, hat sich als Vorstellung von Zählbarkeit seit dem 17. Jahrhundert über die Entwicklung der Statistik herausgebildet. Ähnlich wie in den 1940er Jahren mit den neuen Methoden der Sozialforschung das Versprechen verbunden war, alles von Menschen erfragen und ihr Verhalten damit vorhersagbar machen zu können, ist dieses Versprechen heute mit dem Schlagwort "Big Data" verbunden. Damals wie heute führt dieses Versprechen sowohl zu Prophezeiungen einer goldenen Zukunft der Verhaltenssicherheit und manipulatorischen Träumen als auch zu entsprechenden Befürchtungen und Schreckensszenarien. Das Aufkommen dieses Schlagwortes geht daher mit einer neuen Welle der Kritik an den Methoden der Datensammlung und -aufbereitung einher; diese weist eine strukturelle Ähnlichkeit mit der damaligen Kritik an der Meinungsforschung auf, die genau in dem Moment anzog, als das Fernsehen zum Leitmedium avancierte.[24]

Auch an Big Data knüpfen sich ambivalente Wirkungshoffnungen ähnlich zur "demokratischen Wissenschaft" der Umfrage als aufklärerisch und demokratiefördernd oder als manipulatorisch und Demokratie zerstörend. Die Möglichkeiten der Datensammlung sind mit der neuen technischen Verfügbarkeit gewachsen, denn die Menschen müssen – zugespitzt formuliert – nur noch am Anfang, wenn sie ein technisches Gerät einrichten, gefragt werden, ob sie die Zugriffsbestimmungen akzeptieren. Die Daten, aus denen die Informationen aggregiert werden, entstehen danach durch die Benutzung von selbst: Es kommt (erneut) nur noch darauf an, die richtigen Fragen zu stellen.[25]

Fußnoten

20.
Als Meilenstein der harten Kritik gilt Wilhelm Hennis, Meinungsforschung und repräsentative Demokratie. Zur Kritik politischer Umfragen, Tübingen 1957; für die Geschichte der Kritik vgl. A. Kruke (Anm. 1), S. 450–474.
21.
Vgl. grundsätzlich dazu Felix Keller, Archäologie der Meinungsforschung. Mathematik und die Erzählbarkeit des Politischen, Konstanz 2001.
22.
Der Nachrichtenwert beschreibt den Einflussfaktor verschiedener Kategorien auf die Bewertung und Auswahl von Informationen, die zu Nachrichten werden. Die Kategorien sind in der Forschung nicht einheitlich gehandhabt, zum Beispiel gehören prominente Personen, negative Aspekte, Abweichungen (vom "Normalen") und emotional besetzte Themen zu den Faktoren, die den Wert einer Nachricht nach oben treiben. Für Grundlagen vgl. Michaela Maier/Karin Stengel/Joachim Marschall, Nachrichtenwerttheorie, Baden-Baden 2010.
23.
So sind die zentralen Umfragevorhaben von Parteien seit den späten 1960er Jahren relativ zuverlässig im "Spiegel" nachzulesen. Vgl. dazu aktuell, wenn auch retrospektiv: Sven Becker/Frank Hornig, Regieren nach Zahlen, in: Der Spiegel, Nr. 37 vom 8.9.2014, S. 20–25.
24.
Noch immer spannend dazu: Harold A. Mendelsohn/Irving Crespi, Polls, Television, and the New Politics, Scranton 1970.
25.
Für die aktuelle Debatte vgl. Frank Schirrmacher, Payback. Warum wir im Informationszeitalter gezwungen sind zu tun, was wir nicht tun wollen, und wie wir die Kontrolle über unser Denken zurückgewinnen, München 2009, sowie die Debatten dazu in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" und der "Süddeutschen Zeitung" im Sommer 2014; ebenso Evgeny Morozov, Smarte neue Welt. Digitale Technik und die Freiheit des Menschen, München 2013.
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