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Diagramm

14.10.2014 | Von:
Harald Schoen
Robert Greszki

Politische Umfrageforschung in Deutschland – Ein Überblick

Online-Befragungen als kostengünstige Alternative

Der Trend zur Digitalisierung der Gesellschaft lässt auch die politikbezogene Meinungsforschung nicht unberührt. Er eröffnet ihr nicht zuletzt die Möglichkeit, Online-Umfragen als kostengünstige Alternative zu herkömmlichen telefonischen und persönlichen Befragungen einzusetzen. Die Vorteile dieser Methode sind offensichtlich und dürften dazu beigetragen haben, dass die im Arbeitskreis Deutscher Markt- und Sozialforschungsinstitute organisierten Institute im Jahr 2013 zu je 36 Prozent per Telefon und online ihre Daten erhoben, hingegen nur zu 22 Prozent durch persönliche Interviews (Die übrigen 6 Prozent sind schriftliche Befragungen).[27] Der wohl größte Nachteil von Online-Befragungen liegt in der Stichprobenziehung und damit verbunden in der mangelnden Repräsentativität der Ergebnisse. Es liegt kein Verzeichnis der E-Mail-Adressen der Bundesbürger vor, aus dem man eine Zufallsstichprobe ziehen könnte. Selbst wenn es ein solches gäbe, wäre wohl damit zu rechnen, dass wegen des fehlenden persönlichen Kontakts zum Adressaten die meisten Umfrageeinladungen im Spam-Ordner oder direkt im Papierkorb landen würden.

Erhebungsinstitute behelfen sich daher gegenwärtig vor allem mit der Nutzung sogenannter Online-Access-Panels. Dabei werden Befragte über unterschiedliche Rekrutierungswege, häufig über das Internet, geworben und gefragt, ob sie Teil des Panels werden und regelmäßig an Online-Umfragen zu verschiedenen Themen teilnehmen wollen. Die sogenannten Panelisten erhalten dann für jede Umfrage eine Aufwandsentschädigung in Form von "Panelpunkten", die sie ab einer bestimmten Anzahl in Geld- oder Sachprämien umwandeln können. Das Problem der mangelnden Repräsentativität ist offensichtlich. Selbst wenn die Befragten per Zufall aus dem Adressenpool ausgewählt würden, so bliebe weiterhin das Problem, dass dieser ausschließlich Personen enthält, die über einen Internetzugang verfügen und Interesse daran haben, regelmäßig an Online-Befragungen teilzunehmen. In Deutschland unterscheidet sich diese Personengruppe auch heute noch deutlich von der Gesamtbevölkerung.[28] Es ist daher unklar und im Einzelfall zu prüfen, inwieweit die Stichprobenergebnisse auf die Gesamtgesellschaft übertragen werden können. Nicht zuletzt seriöse Anbieter von Online-Befragungen dürften interessiert daran sein, die damit verbundenen Forschungsfragen zu klären.

Big Data als Ersatz?

Der Digitalisierungstrend könnte die Geschäftsgrundlage der traditionellen Anbieter auf diesem Markt grundsätzlicher infrage stellen. In jedem Moment äußern sich Menschen in den social media, in Online-Foren und an anderen Stellen im Internet zu diversen Fragen, auch zu politischen Themen. Diese digitalen Spuren menschlichen Handelns sind maschinenlesbar und können mit Hilfe von Algorithmen ausgewertet werden. Dies eröffnet die Möglichkeit, etwa mit sogenannten Sentimentanalysen, in diesen Äußerungen enthaltene Wertungen zu ermitteln und so ein Maß für die politische Stimmung zu entwickeln.[29] Erwiese sich diese Methode als erfolgreich, würden aufwendige Befragungen zufällig ausgewählter Personen überflüssig werden, da politische Stimmungen an der Online-Kommunikation gleichsam abgelesen werden könnten.

Es ist zwar nicht auszuschließen, dass der technische und gesellschaftliche Wandel dies künftig in bestimmten Fällen erlauben wird. Gegenwärtig scheint es jedoch aus verschiedenen Gründen schwierig, mit dieser Art von Analysen für die Gesamtbevölkerung repräsentative Aussagen zu treffen.[30] Daher dürfte diese Methode bis auf Weiteres ein randständiges Dasein fristen. Mit einer anderen Entwicklung wäre dann zu rechnen, wenn die Verbreitung der Online-Kommunikation das Verständnis von öffentlicher Meinung oder von den zur Messung dieses wichtigen, aber schwer greifbaren Konzepts geeigneten Instrumenten grundlegend veränderte.

Fazit

In der Bundesrepublik werden regelmäßig und aus aktuellen Anlässen Umfragen zu politischen Fragen bemüht und deren Ergebnisse veröffentlicht. In einem wertneutralen Sinn verstanden, leben wir daher tatsächlich in einer "Demoskopiedemokratie". Die veröffentlichten Ergebnisse von Umfragen stellen Informationen bereit, die es der Gesellschaft ermöglichen, sich ein genaueres Bild von sich selbst zu machen. Allerdings hat sich in der Diskussion herausgestellt, dass die gesellschaftliche Vermittlung dieser Ergebnisse nicht immer sachgerecht erfolgt. Eine Ursache ist darin zu suchen, dass Grundlagen der Umfrageforschung in der öffentlichen Diskussion unterbelichtet bleiben. Auch wenn es sich dabei auf den ersten Blick um Detailfragen für Fachleute handeln mag, beeinträchtigen mangelnde Kenntnisse auf diesem Gebiet nicht selten den Inhalt öffentlicher Diskussionen. Sie können unrealistischen Vorstellungen von den Möglichkeiten und Grenzen der Umfrageforschung sowie aufgeregten Diskussionen über vernachlässigbare Stimmungsschwankungen in Umfragen Vorschub leisten.

Ein besseres Verständnis könnte helfen, Aufregung aus fragwürdigen Anlässen zu vermeiden und tatsächlich wichtigen gesellschaftlichen Fragen mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Es dürfte auch mäßigend auf das öffentliche Bild von Umfrageforschern wirken. Bislang erscheinen diese von Fall zu Fall gleichsam als unfehlbare Zahlenmagier oder als Prügelknaben. Diese Bandbreite ist erstaunlich, wenn man bedenkt, dass es sich um Anbieter von Dienstleistungen auf dem Gebiet der empirischen Sozialforschung handelt, die – wenn sie ihr Handwerk verstehen – hochwertige, aber notwendig mit Unsicherheit behaftete Informationen bereitstellen. Ein besseres Verständnis für die Möglichkeiten und Grenzen der Umfrageforschung könnte schließlich auch Sorgen oder Hoffnungen abschwächen, Umfrageergebnisse beeinflussten ganz selbstverständlich Wahlverhalten und politische Entscheidungen.

Auch wenn es allgemein ein besseres und tieferes Verständnis für ihre methodischen Grundlagen gäbe, kann die Umfrageforschung eines gewiss nicht leisten: nämlich ihren vermeintlichen oder tatsächlichen Einfluss auf politisches Handeln zu bewerten. Ein Urteil darüber muss sich jede Bürgerin, jeder Bürger selbst bilden. Die Umfrageforschung kann allenfalls feststellen, wie verbreitet bestimmte Auffassungen zu dieser wie auch zu anderen Fragen in der Gesellschaft sind.

Fußnoten

27.
Vgl. ADM, Jahresbericht 2013, Frankfurt/M. 2014, S. 22.
28.
Vgl. ARD/ZDF-Onlinestudie 2014, http://www.ard-zdf-onlinestudie.de/index.php?id=506« (19.9.2014); InitiativeD21, D21-Digital-Index. Auf dem Weg in ein digitales Deutschland, April 2013, S. 18ff., http://www.initiatived21.de/wp-content/uploads/2013/04/digitalindex.pdf« (19.9.2014).
29.
Vgl. Brendan O’Connor et al., From Tweets to Polls: Linking Text Sentiment to Public Opinion Time Series, in: Proceedings of the Fourth International AAAI Conference on Weblogs and Social Media, Menlo Park 2010, S. 122–129, http://www.aaai.org/ocs/index.php/ICWSM/ICWSM10/paper/view/1536/1842« (19.9.2014); Nicholas A. Thapen/Moustafa M. Ghanem, Towards Passive Political Opinion Polling Using Twitter, in: Mohamed Medhat Gaber et al. (Hrsg.), BCS SGAI Workshop on Social Media Analysis, Cambridge 2013, S. 19–34, http://ceur-ws.org/Vol-1110/SMA2013.pdf« (19.9.2014).
30.
Vgl. Panagiotis T. Metaxas/Eni Mustafaraj/Daniel Gayo-Avello, How (Not) to Predict Elections, in: Privacy, Security, Risk and Trust (PASSAT) and 2011 IEEE Third International Conference on Social Computing (SocialCom), Boston 2011, S. 165–171; Harald Schoen et al., The Power of Prediction With Social Media, in: Internet Research, 23 (2013), S. 528–543; Joe Murphy et al., Social Media in Public Opinion Research: Report of the AAPOR Task Force on Emerging Technologies, 28.5.2014, http://www.aapor.org/Social_Media_Task_Force_Report.htm« (19.9.2014).
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