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14.10.2014 | Von:
Anne Jessen

Was steckt hinter den Zahlen? Methoden der Demoskopie

Datenerhebung: Wie wird befragt?

Nachdem die Datenauswahl und ihre Korrekturverfahren vorgestellt wurden, folgt nun ein Einblick in die Datenerhebung. Daten werden in der politischen Meinungsforschung in der Regel telefonisch erhoben.[17] Diese Befragungsform hat sich vor allem gegen die persönliche Befragung durchgesetzt. Die Vorteile liegen neben der Kosten- und Zeitersparnis auch in der effektiveren Kontrolle des Interviewers sowie in der Standardisierung der Befragung. Eine distanzierte und neutrale Position des Interviewers ist für eine Befragung unerlässlich, um Beeinflussungen und Verfälschungen im Antwortverhalten zu vermeiden. Dafür muss der Fragebogen, insbesondere die Frageformulierung, frei von Ambivalenzen sein. Wie viel Einflusspotenzial in dieser aber bereits liegen kann, soll im Folgenden dargestellt werden.

Im September 1983 stellte Emnid die Ergebnisse einer Umfrage vor, die im Auftrag des ARD-Fernsehmagazins "Panorama" ermittelt wurden. Die Bevölkerung wurde nach ihrer Meinung zur Aufstellung von US-amerikanischen Mittelstreckenraketen befragt. Nur 14 Prozent der Befragten sprachen sich dafür aus. Sechs Tage später stellte dasselbe Institut inhaltlich die gleiche Frage, nun waren allerdings 58 Prozent der Befragten dafür. Wie lässt sich solch ein Meinungsumschwung erklären? Ein Blick auf die Auftraggeber liefert die Auflösung: Die zweite Befragung war nicht von "Panorama", sondern vom Bundesverteidigungsministerium beauftragt worden. Entsprechend unterschiedlich fiel auch die Formulierung der Fragen aus. "Panorama" hatte gefragt: "Wenn die Verhandlungen zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion erfolglos bleiben, sollen demnächst auch bei uns in der Bundesrepublik neue Raketen aufgestellt werden. Sind Sie für oder gegen die Aufstellung neuer Raketen?" In der vom Verteidigungsministerium beauftragten Umfrage sollten die Befragten dagegen angeben, ob sie der folgenden Aussage eher zustimmen oder eher nicht zustimmen: "Der Westen muss gegenüber der Sowjetunion stark genug bleiben. Deshalb ist es nötig, in Westeuropa moderne Atomwaffen aufzustellen, wenn die Sowjetunion ihre neuen Mittelstreckenwaffen nicht abbaut."[18]

Dieses Beispiel verdeutlicht, dass ein kritischer Blick sowohl auf die Auftraggeber als auch auf die Frageformulierung bei der Interpretation demoskopischer Zahlen unerlässlich ist. Diese Parameter sind aber nicht allein verantwortlich für mögliche Beeinflussungen. Auch die Platzierung der Frage innerhalb des Fragebogens kann verschiedene Effekte haben. So würde eine Frage zur Zufriedenheit mit der Amtsführung des bald aus dem Amt scheidenden Berliner Oberbürgermeisters Klaus Wowereit vermutlich jeweils andere Ergebnisse zutage fördern, je nachdem, ob zuvor nach dem Bauvorhaben Flughafen Berlin Brandenburg gefragt wurde oder nicht.

Datenaufbereitung: Was soll ausgesagt werden?

Bundestagswahlergebnisse der SPD
Im letzten Schritt werden die erhobenen Zahlen veröffentlicht, und auch hier lohnt sich ein genauer Blick. Die Abbildung steht beispielhaft für die mediale Darstellung von Umfragezahlen: Zweifellos soll dort durch die steile Kurve ausgesagt werden, dass sich die SPD auf demoskopischer Talfahrt befinde. Doch die Grafik, die der "Spiegel" 2008 als Teil eines größeren Infokastens mit Umfragedaten zur SPD veröffentlichte, wirft mehr Fragen auf, als sie Antworten bietet. Denn es werden zwei unterschiedliche Verfahren miteinander verglichen: Wahl- mit Umfrageergebnissen. Von Letzteren fehlt nicht nur die Angabe der vollständigen Quelle (etwa welches Institut für welche Erhebung verantwortlich war), sondern es mangelt auch an notwendigen Angaben wie beispielsweise Befragungszeitraum, Fragewortlaut, Befragungsart, Auftraggeber. Die Abstände zwischen den Werten wirken willkürlich gesetzt, somit werden kleinere Abweichungen überpräsentiert. Es drängt sich der Verdacht auf, dass mit solcherlei Darstellungen eher Stimmung gemacht als über Stimmungen aufgeklärt werden soll.

Hier offenbart sich das Spannungsfeld zwischen Meinungsforschungsinstituten und Medien, denn obwohl die Institute die nötigen Informationen in der Regel mitliefern, werden sie nur selten in ausreichendem Umfang mitveröffentlicht. Hier beginnt die Diskussion um ein sogenanntes demoskopisches Impressum. Aus einem Gemeinschaftsprojekt der Berufsverbände Arbeitskreis Deutscher Markt- und Sozialforschungsinstitute, der Arbeitsgemeinschaft Sozialwissenschaftlicher Institute (ASI) und dem Berufsverband Deutscher Markt- und Sozialforscher (BVM) entstand ein Richtlinienkatalog für die Veröffentlichung von Ergebnissen der Wahlforschung. Folgende methodische Details werden darin als unverzichtbar für die Interpretation der Daten aufgeführt: Umfrageinstitut, Befragungszeitraum, Stichprobengröße, Fragewortlaut, Befragungsmethode, Stichprobenmethode und Gewichtungsverfahren. Bis auf Auftraggeber und Stichprobenfehler enthält diese Aufzählung alle relevanten Informationen. In der praktischen Umsetzung beweisen vor allem die Institute, die im Auftrag öffentlich-rechtlicher Sender Daten erheben, Mut zur Transparenz: der "ARD-Deutschlandtrend" (Infratest dimap) und das "Politbarometer" (Forschungsgruppe Wahlen im Auftrag des ZDF). Mit Ausnahme der Gewichtungsverfahren, dafür aber mit Angaben zum Stichprobenfehler, finden sich dort alle geforderten methodischen Details wieder.

Die Ausweisung der unentschlossenen Wähler wird indes auch in dieser Aufzählung ignoriert. Sie sollten jedoch mitveröffentlicht werden, gehören sie doch zum Stimmungsbild wie die Parteienwerte. Gleichzeitig bildet diese Gruppe in Zeiten von sinkender Parteibindung die größte Herausforderung für die politische Meinungsforschung, denn ob sich fragile Meinungen weiterhin mit der Wahlabsichtsfrage messen lassen, muss bezweifelt werden. Befunde aus der Messung unterbewusster Entscheidungsprozesse können hier Abhilfe und Ergänzung schaffen.

Für die Einschätzung der Repräsentativität und damit der Qualität einer Umfrage sind die angesprochenen Details von entscheidender Bedeutung – warum werden sie aber schlussendlich so oft unterschlagen? Ein Journalist des "Münchner Merkur" gewährt auf diese Frage einen ehrlichen Einblick: "Das ist in erster Linie ein Platzproblem. Im Print ist Platz eine knappe Ressource, dem Journalisten erscheinen die Methodik-Details da oft als nebensächlich. Tatsächlich wird um jede Zeile gekämpft. In zweiter Linie wohl auch aus Unwissen. In dritter Linie würde eine genaue Beschreibung der Fehlertoleranz mitunter die journalistische Zuspitzung konterkarieren."[19] Abschließend sei gesagt, dass die Parameter, die die Zahlen erst richtig interpretierbar und spannend machen, oft im versteckten Detail liegen. Ein kritischer Blick hinter die Zahlen lohnt sich deshalb in jedem Fall.

Fußnoten

17.
Nur das Institut für Demoskopie Allensbach befragt persönlich. Zudem setzt es dabei, anders als die anderen Institute, noch die Quotenstichprobe ein.
18.
Laut Emnid-Umfrage 58 Prozent für Nachrüstung, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) vom 29.9.1983, S. 3.
19.
Landtagskorrespondent Christian Deutschländer auf Anfrage der Autorin vom 1.7.2013.
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