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14.10.2014 | Von:
Gemma Pörzgen

Medien lieben Zahlen. Ein Report zum Verhältnis von Journalismus und Demoskopie

Viele Redaktionen unterliegen Sparzwängen, sodass Aufträge für teure Umfragen vielerorts zur Disposition stehen. "Je kleiner die Zeitung, desto unwahrscheinlicher, dass sie sich eine seriöse Umfrage noch leisten kann", sagt etwa der Redakteur einer Regionalzeitung. Hinzu kommt, dass aufgrund der schrumpfenden Umfänge der Zeitungen immer weniger Platz für die Darstellung demoskopischer Ergebnisse bleibe, klagen Meinungsforscher. Während die "Süddeutsche Zeitung" (SZ) den Ergebnissen des "Politbarometers" der Forschungsgruppe Wahlen früher noch eine halbe Seite eingeräumt habe, sei dies der SZ heute gerade noch eine Meldung wert. Auch die "Welt" und andere Zeitungen präsentierten die Ergebnisse inzwischen kleiner, so Güllner.

Anhand des Beispiels von "Stuttgart 21" versucht der Forsa-Chef zu verdeutlichen, wohin es führen kann, wenn Meinungsumfragen unbeachtet bleiben: Einzelne Medien wie "Der Spiegel" hätten damals mit der Wortschöpfung des "Wutbürgers" den Eindruck vermittelt, als sei die Bevölkerungsmehrheit gegen den umstrittenen Ausbau des Stuttgarter Hauptbahnhofs. In dieser Stimmung habe es nicht mehr interessiert, ob dies eigentlich der Wirklichkeit entsprach. "Niemand hat die wahre Meinung der Stuttgarter und Baden-Württemberger untersuchen lassen", berichtet Güllner. Die spätere Volksabstimmung habe dann sehr klar gezeigt, dass die Mehrheit den Ausbau des Bahnhofs befürwortete. Auch Jung von der Forschungsgruppe Wahlen wählt dieses Beispiel, um zu unterstreichen, dass die Demoskopie für die Medien ein wichtiges Korrektiv sein sollte, um mediale Eindrücke zu objektivieren und Proteste einer lautstarken Minderheit nicht überzubewerten. "Die Medienlandschaft braucht Extreme, um Interesse zu wecken", sagt er. "Da verkauft sich Protest häufig besser als die schweigende Mehrheit."

Treue Bündnisse, seriöse Koalitionen?

Das Verhältnis zwischen Demoskopie und Medien ist vor allem durch langjährige Kooperationen bestimmt. Trotz der Schnelllebigkeit des Mediengeschäfts gibt es erstaunlich wenige Veränderungen oder Wechsel der Partner. "Man macht es nicht, weil sich hier jahrelange Arbeitsstrukturen und ein Vertrauensverhältnis gebildet haben", erklärt der Kommunikationswissenschaftler Zerback. Vorreiter in Sachen Medienpartnerschaft war das 1947 eingerichtete Institut für Demoskopie Allensbach, dessen Gründerin Elisabeth Noelle-Neumann schon früh die Zusammenarbeit mit der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (FAZ) etablierte.

Der enge Verbund des Zweiten Deutschen Fernsehens mit der Forschungsgruppe Wahlen besteht seit 1974. Die Hauptaufgabe des eingetragenen Vereins ist die wissenschaftliche Beratung und Betreuung der ZDF-Wahlsendungen. Entsprechend tritt das Institut für die Fernsehzuschauer hauptsächlich zu Landtags-, Bundestags- und Europawahlen mit seinen Prognosen und Hochrechnungen in Erscheinung. Seit 1977 erstellt die Forschungsgruppe das "Politbarometer", das in der Branche als eines der demoskopischen Flaggschiffe gilt. Darin werden in repräsentativen Umfragen regelmäßig Einstellungen zu Parteien, zur politischen Tagesordnung und zu Spitzenpolitikern ebenso abgefragt wie Meinungen zu aktuellen politischen und gesellschaftlichen Themen. Die Ergebnisse werden in der gleichnamigen ZDF-Sendereihe präsentiert, aber auch anderen Medien in schriftlicher Kurzfassung kostenlos zur Verfügung gestellt. Bei den Zuschauern ist das "Politbarometer" "stabil populär", heißt es aus der zuständigen ZDF-Hauptredaktion "Politik und Zeitgeschehen". Auch wenn man keine Quoten wie bei großen Sportereignissen einfahre, erreiche die Sendung rund zwei Millionen Zuschauer. Die Forschungsgruppe wird vollständig vom ZDF finanziert, wobei der Sender über die Höhe der Aufwendungen aus Gebührengeldern keine Angaben macht. Seit 1994 arbeitet das Institut auch mit anderen festen Kunden zusammen, ist aber mit dem ZDF existentiell verbunden.

Einer dieser festen Partner der Forschungsgruppe ist der Berliner "Tagesspiegel". Für die Tageszeitung bedeutet das, dass sie bereits tagsüber und damit vor allem online auf die Ergebnisse des "Politbarometers" zurückgreifen kann. Der Redakteur Albert Funk berichtet, dass vor allem "die klassische Sonntagsfrage" online auf großes Interesse stoße: "Umso näher die Wahl rückt, desto interessanter ist das." Das damit verbundene Hintergrundmaterial fließe in weitere Artikel ein und werde wie anderes Nachrichtenmaterial verarbeitet. "Das werden manchmal Aufmacher oder man kann Geschichten damit anfüttern." Funk lobt die gute Zusammenarbeit und die gewachsene Verbindung.

Das "Gegenstück" zum Bündnis Forschungsgruppe/ZDF ist die Verbindung zwischen Infratest dimap und ARD. Seit 1997 betreibt Infratest dimap Wahlforschung für die ARD-Sender, die monatlichen Politikumfragen des Instituts münden im "Deutschlandtrend". Anders als beim ZDF ist der Medienpartner Teil eines internationalen Weltkonzerns, sodass die Abhängigkeit vom Sender nicht mit dem Bündnis Forschungsgruppe/ZDF vergleichbar ist. Infratest dimap kooperiert darüber hinaus auch mit einigen Tageszeitungen. Auch die ARD ist mit der langjährigen Bindung zufrieden: "In diesem Zeitraum hat sich die Qualität der Wahltagsbefragungen, die Grundlage unserer Analysen sind, kontinuierlich gesteigert und liegt heute auf einem exzellenten Niveau. Die inhaltliche und logistische Zusammenarbeit mit dem Institut funktioniert sehr gut", teilt die WDR-Pressestelle mit. Der jetzige Vertrag läuft bis Ende 2016. Was die Kosten angeht, hält sich auch die ARD bedeckt.

Die Spannung der Inszenierung der Wahlabende lebt unter anderem auch vom Wettbewerb der Sender und der dazugehörigen Institute um die beste Hochrechnung, die möglichst nah am Wahlergebnis liegen sollte. Kritiker wie der Medienjournalist Stefan Niggemeier sehen darin längst das, was die US-Amerikaner horse race journalism nennen. "Im Stil einer Sportberichterstattung werden Zwischenstände eines politischen Wettrennens vermeldet", schrieb er in einem "Spiegel"-Essay und beklagte diese Alternative zu einer "inhaltlichen Auseinandersetzung mit Themen und Positionen".[3]

Umstritten ist auch die Rolle einzelner Personen, etwa die des bereits zitierten Forsa-Chefs Manfred Güllner. "Er ist der bunte Hund der Branche", heißt es im Kollegenkreis. Sein Meinungsforschungsinstitut arbeitet mit dem Magazin "Stern" und dem Privatsender RTL zusammen und erstellt für diese die Sonntagsfrage. Zugleich agiert Güllner auch als politischer Kommentator. Manche Beobachter wie Niggemeier sehen das kritisch: "Güllners Institut Forsa ist ein zuverlässiger Schlagzeilenlieferant (…) Höhenflüge sind oft steiler, Abstürze rasanter" (als bei der Konkurrenz).[4] Vielleicht ist seine Meinung gerade deshalb häufig gefragt. Viele Journalisten seien an seinen Einschätzungen interessiert, vor der letzten Bundestagswahl habe er "mehr als 40 Anfragen" gehabt, berichtet Güllner, der in der medialen Interpretation der Daten eine der Kernaufgaben für die Demoskopen sieht.

Einmal in der Woche gibt es in der "Stern"-Redaktion einen Jour fixe, bei dem die Themen der Umfragen diskutiert und festgelegt werden, berichtet der zuständige Redakteur, Lorenz Wolf-Doettinchem. "Bei der Art der Fragestellung berät uns Forsa." Aus Sicht des Blattmachers ermöglichen die Meinungsumfragen, Themen weiter zu drehen. "Damit können wir ein Thema zu uns holen und zum Teil aneignen." So beauftragte der "Stern" beispielsweise im August 2014 für die Titelgeschichte "Die Kriegsministerin" über Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen Forsa mit einer Umfrage, bei der es unter anderem um die Frage ging, ob die Deutschen sich die Ministerin als Nachfolgerin von Bundeskanzlerin Angela Merkel wünschten.[5] Das Magazin profitiere auch davon, dass Güllner sich in der Redaktion melde und auf neue Entwicklungen hinweise, die in den täglichen Umfragen frühzeitig sichtbar würden, erzählt Wolf-Doettinchem. "Dadurch sehen wir Trends eher."

Bei der FAZ werden die Forsa-Meldungen dagegen weitgehend ignoriert, sagt der dort zuständige Redakteur Peter Sturm. "Ihre Aussagekraft tendiert gegen Null", findet er. Seine Redaktion setze stattdessen auf das Beobachten langfristiger Entwicklungen mit monatlichen Umfragen. Dabei stelle sich immer die entscheidende Frage: "Hat es einen Sinn, den Lesern diese Zahlen zu präsentieren?" In der FAZ wird im Vergleich zu anderen Zeitungen der ausführlichen Analyse der Daten aus dem Allensbach-Institut viel Platz eingeräumt. Einmal im Monat erscheint eine ganze Seite. Auch Sturm betont den engen wechselseitigen Austausch mit dem Partner Allensbach. "Zweimal im Jahr sitzen wir persönlich zusammen und peilen intensiv die Lage", beschreibt er die Zusammenarbeit. Manchmal ergebe sich auch kurzfristig ein aktuelles Thema, wie kürzlich zum Russlandbild der Deutschen. Nach den Wahlen greife die Zeitung aber so wie viele andere Medien auf das Datenmaterial der Forschungsgruppe Wahlen und von Infratest dimap zurück.

Anders als die FAZ vergibt die SZ praktisch keine Aufträge an Meinungsforschungsinstitute. Der stellvertretende Chefredakteur Wolfgang Krach erinnert sich an ein einziges Mal, dass die SZ selbst eine Umfrage initiiert habe, das sei vor der Landtagswahl in Bayern 2013 gewesen. "Wir nutzen fast ausschließlich das ‚ZDF-Politbarometer‘, und zwar, wenn es um Meinungsumfragen vor Wahlen, Wahlnachfragen oder Hochrechnungen geht", sagt er. Die SZ halte es nicht für ihre vordringliche Aufgabe, "die Meinung der Bevölkerung oder unserer Leser zu bestimmten Fragen mit statistischen Methoden zu erheben."

Fußnoten

3.
Stefan Niggemeier, Verwählt, in: Der Spiegel, Nr. 8 vom 18.2.2013, S. 145, http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-91056800.html« (10.9.2014).
4.
Ebd.
5.
Vgl. Axel Vornbäumen, Deutsche wollen von der Leyen nicht als Kanzlerin, 27.8.2014, http://www.stern.de/politik/deutschland/2133663.html« (10.9.2014).
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