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14.10.2014 | Von:
Gemma Pörzgen

Medien lieben Zahlen. Ein Report zum Verhältnis von Journalismus und Demoskopie

Neue Herausforderung: Online-Befragungen

Seit April 2011 gibt auch die Deutsche Presseagentur (dpa) eigene Umfragen in Auftrag. "Meldungen zu Meinungsumfragen sind sehr gefragt", begründet der dpa-Sprecher Christian Röwekamp, dass die Agentur jährlich 20 bis 25 repräsentative Erhebungen von dem in Deutschland noch relativ neuen Institut YouGov erstellen lässt. "Als Gemeinschaftsredaktion der deutschen Medien bieten wir unseren Kunden damit einen zusätzlichen Service zu aktuellen Themen, von denen wir annehmen, dass sie viele Leser, Zuhörer und Zuschauer interessieren." Eine Konkurrenzsituation sieht dpa dadurch nicht. "Unsere Umfragen ergänzen die Aktivitäten anderer Medienmarken." Forsa-Chef Güllner sieht das etwas anders und kritisiert, dass dpa damit in Konkurrenz zu eigenen Kunden trete. Er erinnert daran, wie der "Stern" im August 2012 eine Forsa-Umfrage zu Organspenden veröffentlichte, die von dpa nicht wie sonst eigentlich üblich aufgegriffen worden sei. Die Agentur hatte wenige Tage zuvor selbst eine Umfrage zum gleichen Thema in Auftrag gegeben und deren Ergebnisse verbreitet.[6]

YouGov ist einer der interessantesten neuen Player auf dem deutschen Demoskopiemarkt. Das Kölner Institut arbeitet seit vier Jahren in diesem Bereich und gehört zu einer internationalen Unternehmensgruppe, die in den USA und Großbritannien schon lange arriviert ist. "Wir sind relativ neu in der Politikforschung in Deutschland", sagt YouGov-Vorstand Holger Geißler, der vor allem auf Online-Umfragen setzt. Außer für die dpa arbeitet sein Institut regelmäßig für die "Bild", die "Wirtschaftswoche", "Zeit online" und den Sender Sat.1. Für viele Medien ist YouGov in mehrfacher Hinsicht attraktiv. Durch den Schwerpunkt auf Online-Befragungen ist das Unternehmen zum einen preiswerter als traditionelle Meinungsforschungsinstitute, die in der politischen Demoskopie vor allem mit telefonischen Umfragen arbeiten. Zum anderen sind sie dadurch "schnell, sobald etwas Dramatisches passiert", so Geißler.

Andere Meinungsforscher sehen die netzbasierte Konkurrenz kritisch. "Von der Marktforschung werden viele Online-Umfragen durchgeführt", sagt Güllner, dessen Institut damit ebenfalls experimentiert. "Aber in der Wahl- und Politikforschung können Online-Umfragen keine repräsentativen Ergebnisse liefern." Auch Matthias Jung von der Forschungsgruppe Wahlen berichtet davon, dass sein Institut Online-Umfragen erprobt habe, aber wegen der nichtrepräsentativen Ergebnisse davon wieder abgekommen sei. "Es fehlen große Teile der Bevölkerung", sagt er, denn viele ältere Menschen bewegten sich nicht im Netz. Es komme bei Geschlecht, Alter und sozialer Schicht zu Verzerrungen. Renate Köcher vom Allensbach-Institut räumt zwar ein, dass Online-Befragungen an Bedeutung gewinnen, betont aber ebenfalls, dass dabei "häufig nicht ausreichend auf Repräsentativität geachtet" werde.

Erwartungsgemäß widerspricht YouGov-Vorstand Geißler solcher Kritik: "Bei jeder Methode haben sie heute Zielgruppen, die sie nicht oder kaum mehr erreichen." Traditionellen Instituten falle die Umstellung nur schwerer, weil sie große Telefonstudios betrieben, die sie auslasten wollten. Schon jetzt sei es so, dass sich immer weniger Menschen an telefonischen Umfragen beteiligen wollten, junge Leute würden übers Festnetz kaum noch erreicht. Aber selbst wenn es gelänge, mehr Mobilnummern zu nutzen, bliebe die Erreichbarkeit ein Problem: "Stellen Sie sich vor, sie stehen im Supermarkt an der Kasse, und da ruft Forsa an und möchte Sie interviewen." Die Meinungsforscher müssten daher auf das neue Medienverhalten angemessen reagieren. Zugleich betont er die Vorteile von Online-Befragungen. So habe sein Institut während des Skandals um sexistische Äußerungen des FDP-Politikers Rainer Brüderle im Frühjahr 2013 eine Online-Befragung gemacht, bei der die Anonymität des Internets vermutlich von Vorteil gewesen sei, um ehrliche Antworten zu diesem heiklen Thema zu erzielen. Auch der von manchen Auftraggebern gewünschte Einsatz von Bildern sei online leichter. Was die weitere Entwicklung angeht, glaubt Geißler an ein Zusammenwachsen der verschiedenen Kanäle. Es werde wohl darauf hinauslaufen, dass jeder Befragte selbst auswählen werde, auf welche Weise er an Umfragen teilnehmen möchte. "Ob nun auf dem Tablet in der U-Bahn oder am Telefon zu Hause, die Institute werden sich auf alles einrichten müssen."

Prognosen

Immer mehr Medien geben gar keine Umfragen mehr in Auftrag, sondern befragen ihre Leser, Hörer und Zuschauer online selbst – oder suggerieren dies durch den Einsatz von Social-Media-Kanälen. Aus Sicht der Meinungsforscher ist das bedenklich, nicht nur weil es sie Kunden kostet. "Soziale Medien haben nichts mit der Wirklichkeit zu tun", kritisiert Jung von der Forschungsgruppe Wahlen. In den Foren meldeten sich überwiegend nichtrepräsentative Gruppen zu Wort. "Da wird in Medien mit großer Reichweite, wie zum Beispiel im Fernsehen, wiedergegeben, was drei Leute auf Twitter gesagt haben. Das halte ich für fehl am Platz." Die Manipulation von Meinungen werde so erleichtert, warnt er.

Auch der Kommunikationswissenschaftler Zerback zeigt sich skeptisch, denn solche Laien-Umfragen beförderten extremere Resultate. Skeptische Stimmen gibt es auch in den Redaktionen. "Das, was die sozialen Medien bewegt, bewegt nicht immer alle Bürger, geschweige denn den Käufer am Kiosk", sagt "Stern"-Redakteur Wolf-Doettinchem und verweist ebenfalls auf den Skandal um die Sexismusvorwürfe gegen Politiker Brüderle 2013, den ein Artikel im "Stern" ausgelöst hatte. Während unter dem Hashtag #aufschrei innerhalb von sechs Tagen fast 60.000 Twitter-Meldungen abgesetzt wurden, sei das entsprechende Titelthema einer folgenden "Stern"-Ausgabe nicht so gut verkauft worden wie angesichts der Online-Resonanz erhofft.

Wer mit Meinungsforschern und Journalisten über die Zukunft ihrer Zusammenarbeit spricht, trifft vielfach auf pessimistische Prognosen. Güllner befürchtet einen weiteren Rückgang der Aufträge und einen Niedergang der wissenschaftlichen Standards. Schon jetzt gebe es eine Monopolisierung der Meinungsforschungsinstitute, bei der 60 Prozent des Marktanteils in Deutschland auf TNS Infratest entfalle, der deutschen Tochtergesellschaft des zweitgrößten Meinungsforschungsunternehmens der Welt, der zur WPP Group gehörenden Kantar Group mit Sitz in London. Es werde nicht ausreichend sichtbar, dass unter diesem Dach die Institute Emnid (zu 100 Prozent TNS-Tochter) und Infratest dimap (zu 51 Prozent TNS-Tochter) durch ihre Verträge mit der ARD, dem "Spiegel" und der "Bild am Sonntag" in den Medien besonders stark vertreten seien. Güllner sorgt sich deshalb um die Vielfalt der privaten, unabhängigen Meinungsinstitute. Eine weitere Gefahr sieht der Forsa-Chef in der "weiteren Scharlatanisierung" der Zunft. Es gebe Institute, die ihre Umfragen schlicht fälschten und Medien, die leicht darauf reinfielen. Er beklagt, dass es in Deutschland im Vergleich zu den USA an einem unabhängigen Dachverband fehle, der solche Probleme öffentlich thematisiere.

Renate Köcher vom Allensbach-Institut dagegen versucht, weiterhin positiv zu denken ("Ich bin eine geborene Optimistin."). Sie hofft, dass die Medien nur in einer schwierigen Übergangsphase stecken, bis sie wieder mehr Spielraum für Qualitätsjournalismus bekommen. Davon würde auch die politische Meinungsforschung profitieren.

Fußnoten

6.
Vgl. YouGov-Umfrage: Organspendeskandal gefährdet Spendenbereitschaft, 10.8.2012, http://yougov.de/news/2012/08/10/umfrage-organspendeskandal-gefahrdet-spendebereits« (10.9.2014); "Stern"-Umfrage: Organspendeskandal erschüttert Vertrauen in Ärzte – knapp zwei Drittel glauben, wohlhabende Kranke werden bevorzugt, 15.8.2012, http://www.presseportal.de/pm/6329/2306777« (10.9.2014).
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