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Patrick Stegemann am 03.06.2015

Schulden - ein Angebot, das wir ausschlagen können.

Schulden sind mehr als Ökonomie. David Graebers Buch „Schulden. Die ersten 5000 Jahre“ hilft, das zu verstehen. Patrick Stegemann hat es für Netzdebatte gelesen. Eine zentrale Botschaft des Vordenkers der Occupy-Bewegung: Nein, Schulden müssen nicht um jeden Preis zurückgezahlt werden.

David Graeber bei einer DemonstrationNeben seiner Professur an der London School of Economics ist David Graeber auch eine der wichtigsten Figuren der Occupy-Bewegung. Der Slogan "We are the 99%" wird ihm zugeschrieben. Lizenz: cc by/2.0/de (CC, Guido van Nispen)

"Ich mache ihm ein Angebot, das er nicht ablehnen kann" - dieser Satz aus der Pate-Trilogie ist vielleicht einer der bekanntesten Mafia-Sprüche, die wir kennen - und er beschreibt gut die Verbindung von Gewalt und Geld. Die Mafia hat eine besondere Form von Versprechen und Verbindlichkeiten geschaffen, die Gewalt als Möglichkeit immer mitdenkt, sich aber eben auch moralisch gibt. Ein Mafiaboss, wie wir ihn zumindest aus der popkulturellen Erzählung kennen, ist kein roher Gewalttäter. Er ist loyal, verhält sich integer, gibt etwas auf Ehre und Anstand. Zumindest vordergründig. Seine Gewaltherrschaft ist moralisch verschleiert, Ehre ist das Argument: "Du schuldest mir etwas und als Ehrenmann solltest du es zurückzahlen". Der Revolver am Kopf des Schuldners unterstreicht die Dringlichkeit. Die Mafia arbeitet mit ebenjener Verbindung von Gewalt und Moral, auf der Schulden per se basieren, weil diese eben mehr sind als eine bloße Zahlungsverpflichtung: Sie sind mehr als ein Verhältnis zwischen zwei Geldsummen, sondern Grundlage für eine Herrschaftsbeziehung zwischen Menschen, die von Moral und Gewalt aufrechterhalten wird.

Schulden ohne Geld

Geld und Schulden erscheinen uns heute fast synonym. Graeber aber zeigt: Schulden sind viel älter als Geld. Auf einer ganz einfachen Ebene sind sie schlicht Teil unseres alltäglichen Lebens: Wir geben, ohne zu erwarten, einen konkreten Gegenwert zurückzubekommen. So gehen wir mit Freunden und Verwandten um, aber auch mit Nachbarn und Gästen. Niemals kämen wir auf die Idee, diese Schuld zu beziffern oder eine exakte Rückzahlung einzufordern. Wir geben, doch nicht weil wir erwarten, dass die andere Person das Gleiche für uns tun wird, sondern nur, dass sie es potentiell tun würde. Auch Fremden gegenüber verhalten wir uns so: Werden wir auf der Straße nach dem Weg gefragt, antworten wir höflich und fragen nicht zurück, was wir denn für die Auskunft bekämen. Solange sich diese Beziehungen der gegenseitigen Verpflichtung nicht genau beziffern lassen, sind sie eben bloße Versprechen. Ein Phänomen, das Graeber ‘elementaren Kommunismus’ nennt und das andernorts auch als gelebte Schuldenwirtschaft beschrieben wird. Jeder gibt, was er kann und nimmt, was er bedarf. Graeber will zeigen, dass die Erzählung der Ökonomen über Schulden und Geld falsch ist: Keinen einzigen Beweis gebe es in der Menschheitsgeschichte dafür, dass Tausch vor der Erfindung des Geldes eine wesentliche Rolle gespielt habe. Wir sind nicht als Händler geboren, wie die klassische Ökonomik es zu verkaufen versucht. Stattdessen habe es unzählige Gesellschaften gegeben, in denen Waren und Dienste verteilt wurden, ohne dass darüber Konto geführt oder erwartet wurde, dieses um jeden Preis zu begleichen.

Das Münzgeld als Mittel der Kriegsführung

Die Aufzeichnung von Schulden beginnt etwa vor 5000 Jahren in Mesopotamien: Auf Tafeln wurden Schulden in Keilschrift notiert. Wenn der Schuldner die Schuld beglich, wurden die Tafeln zerbrochen. Münzen waren damals praktisch nicht im Umlauf, sie wurden erst mehrere Jahrtausende später üblich. So gab es den Kredit vor dem Geld - und damit auch Überschuldung. Weil die erdrückende Schuldenlast sozialen Sprengstoff bot, galten Schuldenerlasse nicht nur in Mesopotamien als ein probates und häufig genutztes Mittel der Herrscher. Zu ihrem Amtsantritt wollten sie reinen Tisch machen. Schuldenerlasse waren ein Mittel, drohende Umstürze zu vermeiden: Überschuldete Bauern wurden so von der Last der Kredite befreit. Das erste Wort für Freiheit in menschlicher Sprache überhaupt, zeigt Graeber, ist das sumerische "amargi", ein Wort für Schuldenfreiheit.

Die Einführung des Münzgeldes datiert Graeber auf das sogenannte Achsenzeitalter, ein paar Jahrhunderte vor Christus. Verbunden sei diese Erfindung untrennbar mit der Bildung von Berufsarmeen. Die Münzen dienten dabei zur Bezahlung von Söldnern, die fern der Heimat für unhandliche Waren oder Schuldscheine, die bei ihnen Zuhause wertlos waren, keine Verwendung hatten. So schließt sich, wie Graeber betont, ein folgenschwerer Pakt zwischen Münzen und Schwertern, denn um die Söldner zu bezahlen, wurden benachbarte Staaten mit Silber- und Goldvorräten angegriffen, deren lokale, auf Vertrauen basierende Wirtschaften damit verdrängt wurden.

Schulden als moralische Waffe

Graeber plädiert an keiner Stelle entweder für eine auf Kredit- oder Edelmetall basierende Wirtschaftsform. Es geht ihm um etwas anderes: die blinde Geldgläubigkeit zu zerreißen, der wir ganz offenbar aufsitzen. Er will betonen, dass Geld (in welcher Form auch immer) eine reine gesellschaftliche Konvention ist, die so oder eben auch ganz anders sein könnte. Schulden sind ein moralisches Prinzip, sie folgen politischen Machtverhältnissen und sind keine einfache Soll-Haben-Rechnung. Und: Mehr als jede andere Kraft haben Schulden historisch zu Revolutionen geführt. Die Kraft der Verzweiflung überschuldeter Menschen, die ihre Zahlungsversprechen niemals werden einlösen können - das ist der Sprengstoff einer Gesellschaft, der die Zahlung dieser Versprechen zur obersten moralischen Pflicht erhoben hat. Graebers zentrale Frage lautet daher: Warum ist es eigentlich so, dass wir glauben, Schulden müsse man tatsächlich um jeden Preis zurückzahlen? Warum steht diese Pflicht über jeder anderen moralischen Verpflichtung? Warum ist die moralische Forderung, Griechenland solle all seine Schulden zurückzahlen so wichtig, dass Europa die Erosion von Demokratie und Sozialstaat hinnimmt und sogar den Tod griechischer Bürger durch fatale Kürzungen im Gesundheitsbereich akzeptiert?

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Es ist eine Lüge: Schulden müssen nicht zurückgezahlt werden

Seine einfache Antwort: Wir müssen gar nicht alle immer und überall Schulden zurückzahlen. Zumindest nicht unbedingt, denn es hängt davon ab, wer wem etwas schuldet. Graeber verweist auf die Rettung des Versicherungskonzerns AIG in den USA: Mit Milliarden rettete der Staat den Kreditversicherer. Gräbers Schlussfolgerung lautet, es sei einfach eine Lüge, dass Schulden immer zurückgezahlt werden würden. Es komme darauf an, wer wem etwas schuldet - genau das sei die doppelte Theologie der Schulden: Es gibt eine für die Schuldner (in diesem Falle die vielen Amerikaner, die ihre Hypothekenschulden niemals werden zurückzahlen können) und die Gläubiger (in diesem Falle die Banken, die quasi aus dem Nichts Kredite schaffen), die vom Staat gerettet werden. "Nichts wäre wichtiger als den Tisch aufzuräumen für jeden, unsere eingeübte Moralität in Frage zu stellen und neu zu beginnen." Historisch gesehen sind Schuldenerlasse durchaus gewöhnlich: Wenn Könige und Fürsten ihre Schulden nicht mehr zahlen konnten oder wollten, taten sie es einfach nicht - weil sie schlicht die Macht dazu hatten, die Gläubiger zu zwingen, die Schulden zu erlassen. Auch der deutsche Wohlstand basiert auf einem gigantischen Schuldenschnitt. Nach 1945 entledigte sich die im Entstehen begriffene Bundesrepublik eines großen Teils ihrer Schulden: durch die Währungsreform 1948 bei innländischen Gläubigern, durch einen Schuldenschnitt bei ausländischen Gläubigern (v.a. Großbritannien und den USA), wobei es um Forderungen von etwa 30 Milliarden D-Mark ging. Bei einem Bundeshaushalt von 24 Milliarden alles andere als ein Pappenstiel.

Wessen ökonomische Versprechen werden nicht eingehalten?

Graebers Parforceritt durch die Geschichte der Schulden zeigt: Die moralische Überhöhung von Schulden ist eine Frage von Macht. Ohne den Schleier der Moral sind Schulden Versprechen wie jedes andere auch. Und Versprechen sind verhandelbar. Zumindest wenn nicht gerade jemand mit einem Revolver hinter einem steht. Schuldenerlass oder Zahlungsunfähigkeit, Bankrott oder Ablassjahr: Verschiedene Begriffe spiegeln unterschiedliche Auffassungen zu Schulden und Gesellschaft wider. Die meisten Menschen schulden privaten Geldgebern und dem Staat Geld. Und der Staat schuldet wiederum seinen Bürgern Geld (z.B. in Form von Pensionen) und viele der Banken, bei denen wiederum so viele verschuldet sind, sind selbst massiv in den roten Zahlen. Eine Menge ökonomischer Versprechen der letzten Jahrzehnte werden nicht eingehalten werden - die politische Frage ist, welche und wessen es sein werden.
Links zum Weiterlesen und -schauen:

Ein Interview der Wochenzeitung DIE ZEIT mit David Graeber aus dem Jahr 2012 zu den Griechischen Schulden.

"[Das] Establishment behauptet, es sei ein moralisches Gebot, den griechischen Bürgern, und vor allem den ärmsten, ihre Leben, Hoffnungen und Träume zu zerstören, und viele tatsächlich sterben zu lassen – wegen der finanziellen Praktiken früherer Amtsinhaber."

David Graeber - Warum uns Schulden versklaven Ein ausführliches TV-Interview des Schweizerischen Fernsehens

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