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Almuth Knigge am 28.10.2016

Land ist das neue Gold

Boden ist ein begehrtes Investitionsobjekt geworden. In Deutschland werden vor allem im Osten große Landflächen von Investoren aufgekauft. Das historische Erbe der Region kommt ihnen dabei zugute, sagt Almuth Knigge. Für viele Bauern ist das ein Problem.

Wiese, Sonnenuntergang, BergeSeit der Finanzkrise ist Ackerland sehr begehrt. Den Bauern geht potentielles Land aus. Vor allem in Mecklenburg-Vorpommern schlagen solvente Investoren zu. Lizenz: cc by/2.0/de (CC, Das Gold immer im Blick! von Andreas Wieser Shop ; Andreas Wieser)

"Boden ist kostbarer als Gold" – diese Maxime hatte Börsen-Guru Warren Buffet 2012 ausgegeben. Fast ein bisschen spät, denn schon seit der Finanzkrise 2008 kaufen Investoren samt Banken Ackerland in großem Stil. Laut OECD fließen seit 2005 44 Prozent aller Finanzmittel weltweit in Bodenwerte. Auf der Flucht in Sachwerte kaufen private Investoren den Bauern das Land weg. Dadurch steigen für die Landwirte auch die Pachtpreise. Noch nie war Ackerland so begehrt wie heute. Ein paar Zahlen: Bereits siebzig Prozent der landwirtschaftlichen Flächen in Deutschland gehören nicht mehr den Landwirten, die sie bewirtschaften. Der Marktwert für landwirtschaftliche Flächen lag 2015 bei durchschnittlich 19.368 Euro pro Hektar im Osten und rund 28.500 Euro im Westen.

Ein geerbtes Problem

Ein agrarpolitisches Erbe der SED-Diktatur, das im Prinzip auf die Güter der preußischen Junker, den ostelbischen Adel, zurückgeht. Zwischen 1945 und 1949 enteignet die Sowjetunion alle Bauern, die Flächen über 100 Hektar besitzen. "Junkerland in Bauernhand", so die Propaganda. Das Land geht durch diese "Bodenreform" in staatlichen Besitz über. 1952 folgt der zweite Schritt – Die Bauern werden gezwungen, ihre Flächen in die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPGs) einzubringen. Die einen nennen es Enteignung, die anderen sagen dazu „Kollektivierung der Landwirtschaft“. Und aus den ehemals eigenständigen Bauern wurden lohnabhängige Arbeiter. Auch wenn sie formell Besitzer ihrer Genossenschaftsanteile blieben, entschieden doch einige wenige, die als "rote Barone" bezeichneten LPG-Vorsitzenden, über die Entwicklung auf dem Land. Sie sind es auch, die nach der Wende in den Nachfolgebetrieben der LPG weiter über den Großteil des Landes verfügten.

Die Großen werden größer

Nach der Wende wird die Bundesrepublik Eigentümerin von 2,1 Millionen Hektar ostdeutschem Ackerboden. Mit der Verwaltung und Privatisierung dieses wertvollen Besitzes wurde 1992 eine Firma des Bundes beauftragt: Die Boden Verwertungs- und -verwaltungs GmbH (BVVG). Die BVVG verwaltet die Vergabe bis heute. Rund 150.000 Hektar sind bis 2030 noch auf dem Markt – das meiste in Mecklenburg-Vorpommern. Der Löwenanteil der Flächen ist inzwischen verpachtet oder verkauft, aber nicht an deutsche bäuerliche Familienbetriebe. In den ersten Jahren waren es vor allem die Nachfolgebetriebe der LPGs aus der DDR, deren ehemalige Leiter das Land extrem günstig pachteten und sich für bis zu 20 Jahre sicherten. Mittlerweile laufen viele dieser Verträge aus, und das Land ist wieder auf dem Markt. Das ruft finanzkräftige Kapitalanleger auf den Plan, die den Boden als Spekulationsobjekt betrachten. Der Politik gelingt es nur schwer dagegen zu steuern. So besitzen im Osten einige wenige Betriebe bis zu 70 Prozent des Bodens: 30.000 Hektar und mehr – pro Betrieb. Wenn man die Statistik des Deutschen Bauernverbandes dagegenstellt, laut welcher theoretisch jeder landwirtschaftliche Betrieb in Deutschland rund 60 ha bewirtschaftet, dann wird klar, dass die Strukturen in Westdeutschland wesentlich kleiner sind. Viele Familienbetriebe bewirtschaften hier weniger als 5 ha Land und haben sich auf die Tierproduktion spezialisiert. Eine Studie des bundeseigenen Thünen-Institut für Agrarforschung hat herausgefunden, dass "nichtlandwirtschaftliche Investoren" in den neuen Bundesländern je nach Region zwischen 20 und 50 Prozent der Äcker und Wiesen besitzen. Die Agrarsubventionen befeuern diese Entwicklung zusätzlich. Der größte Teil der jährlich 57 Milliarden Euro wird pro Hektar gezahlt: Wer viel Land hat, bekommt auch viel Geld vom Staat. Die Fläche allein ist das Produkt.

Die konservierte DDR-Agrarlandschaft macht die Böden deswegen für Konzerne zum Investitionsobjekt. Erst die riesigen zusammenhängenden Flächen der Ex-LPG-Großbetriebe machen die flächengebundenen Prämien für Unternehmen attraktiv. Sie haben bereits tausende Hektar in Ostdeutschland erworben. Sie mussten dafür nicht mühsam einzelne Hektar ankaufen, sondern kaufen einfach die Ex-LPGs auf.

Johannes Erz bewirtschaftet mit seiner Frau ca. 10 Hektar Land in Mecklenburg Vorpommern. Neue Flächen hinzuzukaufen wird für ihn immer schwerer. Das läge zum einen an den Preisen, zum anderen an den komplizierten Vergabeverfahren, wie er meint. Im Interview erklärt er wie die Ausschreibungen zum Kauf von Ländereien funktionieren und weshalb es gerade als Kleinbauer schwer ist sich erfolgreich zu beteiligen.

Bauern ohne Land heißt ein Land ohne Bauern

Im Ergebnis hat sich in Deutschland die Zahl der Höfe seit 1991 halbiert. Die Anzahl der Betriebe ist um 42,7 Prozent von 654.000 auf 375.000 zurückgegangen und das vorwiegend bei den familiengeführten Bauernhöfen in Westdeutschland. Konzerne rücken nach. Und jährlich steigen die Kosten für einen Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche weiter im zweistelligen Prozentbereich an. Familienbetrieben, die nach Land suchen, fehlen die Mittel, es überhaupt erst erwerben zu können. Arbeitsplätze gehen verloren – und Dörfer, Böden, ganze Landstriche veröden.


Landwirtschaft in Ostdeutschland als Erfolgsmodell?

Landwirtschaft im Osten lohnt sich: Mähdrescher auf einem Feld im brandenburgischen Belzig.Landwirtschaft im Osten lohnt sich: Mähdrescher auf einem Feld im brandenburgischen Belzig. (© AP)

Die Landwirtschaft in Ostdeutschland ist konkurrenzfähig und erzielt bessere Ergebnisse als die Landwirtschaft in den alten Bundesländern, meint Bernd Martens.

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