30 Jahre Deutsche Einheit Mehr erfahren
Beleuchteter Reichstag

Wendekorpus. Eine Audio-Zeitreise in die deutsch-deutsche Vergangenheit

Deutsche Befindlichkeiten nach Mauerfall und Wiedervereinigung in Audiofiles. Aufbereitet von Norbert Dittmar und Christine Paul

Erinnerung an den Mauerfall, East Side Gallery, Berlin 2020. Das Bildmotiv des Berliner Künstlers Kani Alavi aus dem Jahr 1990 heißt: "Es geschah im November"Erinnerung an den Mauerfall, East Side Gallery, Berlin 2020. Das Bildmotiv des Berliner Künstlers Kani Alavi aus dem Jahr 1990 heißt: "Es geschah im November" (© bpb/H.Kulick)

"Wir konnten dit jar nich fassen". Wie hörten sich nach Mauerfall und Deutscher Vereinigung Euphorie an, wie Skepsis, wie Resignation? Linguisten der Freien Universität Berlin bildeten damals Ost-Lehrkräfte weiter. Sie mussten Umfragen über die innere Einheit auf Tonband aufzeichnen. Die Aufnahmen erweisen sich heute als zeithistorischer Schatz. Sie belegen höchst unterschiedliche Wahrnehmungen aus der Zeit des mühsamen Zusammenwachsens. Hörbar werden dabei auch Vorurteile und Ängste, die sich bis in die Gegenwart ausprägen.
Mauerbresche Ende November 1989 nahe dem Reichstagsgebäude in Berlin.Mauerbresche Ende November 1989 nahe dem Reichstagsgebäude in Berlin. (© Holger Kulick)

Zu dieser O-Ton-Sammlung und was Interessierte mit ihr anfangen können

Diese Audiofiles präsentieren Erzählungen über die Zeit nach dem Mauerfall und der Deutschen Vereinigung, gesammelt von Ost-Berliner Lehrern und Lehrerinnen ab 1990. Der Linguistikprofessor Norbert Dittmar unterrichtete damals auf der Grundlage eines Beschlusses des Berliner Senats DDR-geprägte Lehrkräfte an der Freien Universität Berlin (FU), um sie fit für das sich wandelnde Schulsystem zu machen. Eine der Aufgaben war es, Zufalls-Umfragen zu erheben, egal ob auf der Straße oder unter Freunden und Bekannten, das Projekt hieß "ethnographischer Ansatz mittels Tonbandaufnahmen" . Die O-Töne ließen schon damals erkennen, wie schwer das Zusammenwachsen der beiden deutschen Gesellschaften werden sollte. Bis heute.

Worum handelt es sich?

Deutsch-deutsche Befindlichkeiten. Ein "ethnographischer Ansatz mittels Tonbandaufnahmen".

Die ausgewählten Gesprächsausschnitte, die 2019 am Institut für deutsche Sprache (IdS) in Mannheim transkribiert und dem Deutschland Archiv in Schrift und Ton zur Verfügung gestellt wurden, spiegeln erhebliche Unterschiede im Erleben des Mauerfalls und des Transformationsprozesses durch Ost- und West-Berliner wider. Sie belegen unterschiedlichste soziale und individuelle Wahrnehmungen und -bewertungen der Nacht des 9. November 1989 und der vier Folgejahre.

Diese Wahrnehmungen, in über 40 Jahre erlebtem, unterschiedlichen Gesellschaftsbewusstsein konditioniert, prägen ab dem Fall der Mauer einen widersprüchlichen Prozess des Sichwiederfindens in einem neuen Staat und in einer grundlegend veränderten Gesellschaft. Die Erlebnisse an unterschiedlichen Orten der Mauer, die Rezeption der missverständlichen Äußerungen des damaligen SED-Politbüromitglieds Günter Schabowski (dem damaligen Sprecher der DDR-Regierung) vor PressevertreterInnen am frühen Abend des 9. November, die ersten Treffen mit Verwandten, Freunden und Bürgern aus dem anderen Teil Berlins, die Annahme oder Ablehnung der 100 D-Mark Begrüßungsgeld, die Stereotypisierungen des WIR versus IHR und schließlich die sozialen Identifizierungen mit Werten des Westens oder des Ostens: Sie nehmen Gestalt an in emotionalen, spannenden, höchst unterschiedlichen Erzählungen aus erster Hand, ergriffen von vielen lokalen, sozialen und zwischenmenschlichen Identifizierungen. Männer und Frauen, Jüngere und Ältere erzählen, Wohngemeinschaftsangehörige, Singles und Ehepaare bringen ihre Perspektiven in das Gespräch ein...

Aus dem Mosaik dieser Erzählungen und der Bewertungen der in ihnen geschilderten Ereignisse lässt sich der zeitliche und räumliche Verlauf des Ereignisses "Mauerfall" mental, kognitiv und sozial erschließen. Für LinguistInnen wiederum ist neben allen inhaltlichen Aspekten auffallend die Nutzung unterschiedlicher sprachlicher Varietäten: des heute kaum noch hörbaren Berlinischem (vorwiegend gesprochen von Ost-BerlinerInnen), des Hochdeutschen (überwiegend West-BerlinerInnen) und der Umgangssprache (Einzelne aus beiden Teilen der Stadt). Was die Stimmen aus Ost-Berlin angeht, so ist in einigen Fällen ein DDR-typisches Sprech- und Formulierungsverhalten auffällig. Im Übrigen sind die Emotionen in der spontanen Rede besonders stark ausgeprägt: Freude, Angst und Scham.

In vielschichtiger Weise markieren die miteinander interagierenden Personen ihre Einstellungen und positionieren sich entsprechend in einem identitären (sozialen) Raum. Sehr deutlich wird, wie Stereotypen entstehen und schließlich auf den "Anderen" - meist unterschiedslos - angewandt werden. Die Erlebnisphasen "Euphorie zu Beginn", "Reflexionen und kritische Prüfungen im Alltag" (die ersten Monate nach der Wiedervereinigung) bis hin zu "Entfremdung / Abbruch von Kontakten" (die Jahre danach) nehmen in einer Reihe von Gesprächen bewegende diskursive Gestalt an.

Die genannten Eigenschaften und Motive (u.a.) charakterisieren exemplarisch den Diskurs im "Umbruch". Weitere Hinweise zur thematischen und didaktischen Vertiefung der Inhalte finden sich im Teil C.

Nutznießende dieser Materialsammlung sind alle, die im Sinne des "kollektiven Gedächtnisses" an außerordentlichen sozialen und politischen Ereignissen wie dem Fall der Mauer interessiert sind, speziell auch:
  • LehrerInnen der Sekundarstufe ("Rahmenrichtlinien Deutsch, Geschichte"), aber auch der Klassen 7. bis 11 (je nach Unterrichtsschwerpunkten)
  • Deutsch als Fremdsprache Lehrende ("DaF") weltweit
  • im Übrigen: Historiker, Soziologen, Oral History Fans und generell Interessierte am Prozess der Deutschen Einheit

Welche Daten stehen zur Verfügung?

Die Gesprächsbeispiele stammen aus aufgezeichneten "informellen Interviews" junger Lehrkräfte aus Ost-Berlin mit 50 FreundInnen oder Bekannten zum Fall der Mauer und den individuellen und sozialen Folgen der Transformation, die im Rahmen eines soziolinguistischen Seminars an der FU-Berlin unter Leitung von Prof. Dr. Norbert Dittmar 1992 und 1993 durchgeführt und anschließend von den Seminarteilnehmenden verschriftet wurden. Die Verschriftung aller O-Töne ist phonetisch durchgehend in Kleinschreibung erfolgt.

Die Aufnahmen stehen unter dem Namen Wendekorpus digitalisiert und verschriftlich als sogenanntes Text-Ton-Alignment zur Verfügung am Institut für deutsche Sprache (IdS, Mannheim). Der entsprechende Link und die Konventionen für die Verschriftlichung der Daten finden sich weiter unten in dieser Materialsammlung in Form einer Übersicht. Die ausgewählten Diskursausschnitte wurden mit Unterstützung des IdS "ausgeschnitten"1. Nachfolgend findet sich auch ein Verweis auf die im Internet herunterladbaren Erläuterungen von Dr. Thomas Schmidt (IdS) zum selbständigen Einloggen in die Datenbank und zur weiteren Bearbeitung von Daten im Wendekorpus. Interessierte Lehrkräfte können somit auf eigene Initiative das Wendekorpus für Unterrichtszwecke nutzen.

1 Besonderer Dank für seine technische und inhaltliche Unterstützung gilt Thomas Schmidt (siehe auch seinen Beitrag in Dittmar / Paul (2019)

Denkbare Fragen, wenn diese Dateien im Unterricht genutzt werden sollten
  • Wie verhalten sich Menschen in Ausnahmesituationen? Exemplarische Rekonstruktionen des Verhaltens anhand von Erzählungen, Beobachtungen, Bewertungen.
  • Wie wirkt sich eine Situation des "gesellschaftlichen Umbruchs" (hier: der Fall der Mauer zwischen Ost- und West-Berlin 1989) auf die Lebenssituation und die (u.a. sprachliche) Ausdrucksgestaltung individueller und sozialer Identität der Betroffenen (Ost- und WestberlinerInnen) aus?
  • Wie erleben die (vierzig Jahre in zwei unterschiedlichen gesellschaftlichen Systemen getrennten) Deutschen "Nähe" (westliche Vorstellung "Brüder & Schwestern") und "Distanz" (DDR-BürgerInnen: oft "andere Deutsche", Fremde wie Österreicher oder Schweizer) zueinander?
  • Welche Vorurteile entstehen in den konkreten Kontakten im Umbruch und wodurch werden sie in Szene gesetzt?
  • Wie unterscheidet sich das jeweilige Sprachgebrauchsrepertoire von Ost- und WestberlinerInnen? Welche Varietätenunterschiede gibt es?
  • Wie bewerten Ost-BerlinerInnen die unterschiedlichen sozialen und ökonomischen "Gegebenheiten" in West- und Ost-Berlin (zum Beispiel Arbeit(slosigkeit), Konsum, Kaufmöglichkeiten)?
  • Welche "Stimmungen" / Ressentiments kommen auf gegenüber den Bedingungen der "real existierenden" Wiedereinvereinigung unter (so empfundener) westdeutscher Regie?

Das "Ereignis": historischer & gesellschaftspolitischer Hintergrund (Fakten, chronologische und interpretative Hinweise)

Die Pressekonferenz am 9. November 1989 mit Günter Schabowski ist ein unnachahmliches Beispiel dafür, wie durch die Vagheit von Sprache und sprachlichen Ungenauigkeiten Geschichte geschrieben werden kann. Kurz vor Ende der Pressekonferenz, 18:53 Uhr, stellt ein italienischer Journalist eine Frage zum Stand der Debatte eines neuen Reisegesetzentwurfs, woraufhin Günter Schabowski "die verwirrendste und folgenreichste Verkündung einer neuen staatlichen Verordnung in der Geschichte internationaler Pressekonferenzen gibt. Sie dauert acht Minuten, ist mit 30 Ähs gespickt, provoziert 14 hörbare Zwischenfragen und Dutzende unhörbare" (Schnibben 2009, S.62).

Zur Vorgeschichte / Vor der Pressekonferenz
Am 9.November 1989 trafen in der DDR vier Spitzenbürokraten aus dem DDR-Innenministerium zusammen, um ein neues Ausreisegesetz zu formulieren. Die politische Umbruchssituation, Massenfluchten über Ungarn und die ČSSR, Montagsdemonstrationen und die Absetzung Erich Honeckers und deren Nachfolge durch Egon Krenz hatten die DDR-Führung dazu veranlasst, die ständige Ausreise aus der DDR grundlegend neu zu regeln. Um die Beziehungen zum politischen Bruderland ČSSR nicht weiter zu belasten, sollte es DDR-Bürgern, die ihr Heimatland für immer verlassen wollten, ermöglicht werden, über die deutsch-deutsche Grenze, auch nach Westberlin, auszureisen.

In dem neuen Entwurf wurde neben der Regelung einer ständigen Ausreise, also dem grundsätzlichen Verlassen der DDR, auch ein Absatz über Privatreisen hinzugefügt, der so weder politisch beauftragt noch in der Überschrift der Erklärung erwähnt worden war und dessen überraschende Verlesung auf der Pressekonferenz entscheidende Folgen haben sollte:

    "Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen (Reiseanlässe und Verwandtschaftsverhältnisse) beantragt werden. […] Genehmigungen werden kurzfristig erteilt." (Schnibben 2009:58)
Der Textvorlage hatten das Zentralkomitee der SED und ihr Generalsekretär Egon Krenz zuvor zugestimmt, ohne über den Passus der Privatreisen zu diskutieren, der Zeitplan aller aktuell zu behandelnden Themen war offenbar dafür zu dicht. Von den 44 Ministern der DDR, die dem Gesetzesentwurf per Umlaufverfahren bis 18 Uhr hätten zustimmen müssen, waren 28 nicht zu erreichen. Obwohl ein Regierungssprecher den Ministerratsbeschluss verkünden und erst am 10. November bekannt machen sollte, damit alle Dienststellen rechtzeitig informiert werden können, übergab Egon Krenz vor der Pressekonferenz den Text an Günter Schabowski, der weder im Politbüro noch bei der Verabschiedung des Textes durch das Zentralkomitee anwesend war.

Die Pressekonferenz: 18:53 Uhr
Auf die Frage nach dem Entwurf des Reisegesetzes teilt Schabowski mit, dass heute bezüglich der "ständigen Ausreise", "das heißt das Verlassen der Republik...eine Entscheidung getroffen [wurde]". Um den "befreundeten Staat", das heißt die CSSR, nicht weiter zu belasten, wird es "jedem Bürger der DDR möglich [ge]macht (äh), über Grenzübergangspunkte der DDR (äh) auszureisen". Umgehend wird die Frage gestellt, wann diese Regelung in Kraft trete. Die Brisanz der Frage und Schabowskis Unbehagen zeigen sich unter anderem daran, dass dieser sich zunächst einmal am Kopf kratzt, dann darauf verweist, dass diese Information den Journalisten bereits vorliegen müsste, um dann schnell aus seinen Unterlagen vorzulesen, und zwar genau jenen Passus, der offenbar auch für ihn neu war:

    "Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen – Reiseanlässe und Verwandtschaftsverhältnisse – beantragt werden. Die Genehmigungen werden kurzfristig erteilt. Die zuständigen Abteilungen Paß- und Meldewesen der VPKÄ – der Volkspolizeikreisämter – in der DDR sind angewiesen, Visa zur ständigen Ausreise unverzüglich zu erteilen, ohne dass dabei noch geltende Voraussetzungen für eine ständige Ausreise vorliegen müssen. (Äh) Ständige Ausreisen können über alle Grenzübergangsstellen der DDR zur BRD erfolgen. Damit entfällt die vorübergehend ermöglichte Erteilung von entsprechenden Genehmigungen in Auslandsvertretungen der DDR bzw. die ständige Ausreise mit dem Personalausweis der DDR über Drittstaaten." (Burkhardt 2015)
Da dieser Ausschnitt die Frage nicht beantwortet, ab wann diese Regelung gelte, wird sie umgehend erneut gestellt. Schabowski blättert abermals in seinen Unterlagen und antwortet:

    "Das tritt nach meiner Kenntnis ... ist das sofort, unverzüglich". Auch die daraufhin folgende Frage, ob die Ausreise auch über Berlin erfolgen könne, muss zweimal gestellt werden, da Schabowski zuerst ausweichend lediglich eine Passage zur Übergangsregelung vorliest. Auf die wiederholte Frage zuckt er mit den Schultern, findet dann den entsprechenden Passus in seinen Unterlagen, antwortet mit "doch, doch" und bestätigt, dass "die ständige Ausreise […] über alle Grenzübergangsstellen der DDR zur BRD bzw. zu Berlin-West erfolgen [kann]."
Nach der Pressekonferenz / Auslegung der Pressekonferenz
Die sprachliche Vagheit der Pressekonferenz, die Verwendung der ähnlichen Lexeme des Begriffsfeldes reisen, das heißt Reise, Ausreise, Privatreise und ständige Ausreise, die juristisch von dem Verlassen der Republik bis zum Tourismus rangierten sowie die verfrühte Ankündigung des Inkrafttretens dieser Regelung ("sofort, unverzüglich") führten zu den – zumindest auf Seiten des DDR-Regimes – ungewollten Folgen der Pressekonferenz. Im Anschluss übertrafen sich die Journalisten mit der Interpretation des Gehörten: Reuters meldete 19:03, die dpa und die staatliche Presseagentur ADN 19:04 die Möglichkeit einer kurzfristigen Antragstellung, die Associated Press sprach bereits um 19.05 Uhr von der "Grenzöffnung". 19:30 Uhr informierte die Aktuelle Kamera im staatlichen DDR-Fernsehen, dass "Privatreisen nach dem Ausland ohne besondere Anlässe beantragt werden [können]". 19:31 Uhr gab die italienische Nachrichtenagentur ANSA den Fall der Berliner Mauer bekannt und die dpa verbreitete die Meldung, dass "Die DDR-Grenze zur Bundesrepublik und nach West-Berlin […] offen" sei. Die Tageschau begann 20:00 Uhr mit der Schlagzeile "DDR öffnet Grenzen".

Zeitgleich begeben sich immer mehr Ost-BerlinerInnen zu den sieben Berliner Grenzübergängen. 20:30 Uhr stehen bereits Hunderte vor dem Übergang an der Bornholmer Straße und werden damit vertröstet, dass sie erst ein Visum beantragen müssten. 21:00 Uhr stauen sich Autos einen Kilometer bis zur Schönhauser Allee. Die Offiziere stehen ratlos der Menge und den "Wir wollen rüber"- Rufen gegenüber, sie haben lediglich die Anweisung, die Leute wieder wegzuschicken. Aber der Rückstau wird immer größer. Ab 21:50 wird eine "Ventillösung" angewandt: Einzelne Ost-BerlinerInnen dürfen nach Westberlin. Sie bekommen einen Stempel in den Pass, der ihre Ausreise als illegal dokumentiert und sie kurzerhand ausbürgert. 90 Minuten später stehen bereits etwa 20.000 Menschen vor dem Grenzübergang an der Bornholmer Straße. Auf der anderen Seite kommen bereits die ersten Ostberliner von ihrem Kurzausflug nach Westberlin zurück und möchten wieder nach Hause. Um 23:30 ist der Druck der Menschenmasse an der Bornholmer Straße so groß, dass der Grenzübergang um 23:30 mit der Parole "Wir fluten jetzt" ohne vorliegenden Befehl beziehungsweise höhere Weisung geöffnet wird. Die Berliner Mauer ist gefallen.

Literaturhinweise
Burkhardt, Armin. 2015. " 'Das tritt nach meiner Kenntnis ... ist das sofort, unverzüglich. Wie missverständliche Formulierungen die Berliner Mauer zum Einsturz brachten." In: Muttersprache. Vierteljahrsschrift für deutsche Sprache 125.2015, S. 89-104.

Schnibben, Cordt (2009): "Die Nacht der Wildschweine". In: Der Spiegel 45, S. 55‐71.

Ereignis, Erfahrung, Erinnerung und Erzählung: Zeitzeugenbezug

In welcher Perspektive be- und verarbeiten die Ende 1992 (Ost-BerlinerInnen) beziehungsweise im Laufe 1993 (West-Berlinerinnen) befragten Zeitzeugen die Folgen des Großereignisses "Mauerfall"? Sie sammelten im Lauf der dem Mauerfall folgenden vier Jahre unterschiedliche Erfahrungen: Solidarität ist kein geschützter, Arbeitssicherheit kein garantierter Wert mehr; auf dem Arbeitsmarkt sehen sich Ost-BerlinerInnen der Konkurrenz durch AusländerInnen ausgesetzt; die Treuhand verspricht gruppenneutrales Übertragungsverhalten von Eigentum und Produktionsstätten, begünstigt aber durchgängig Westklienten (von 13.000 Betrieben gingen 10.000 schon bis Ende 1992 an westdeutsche Unternehmen); der Wiedervereinigungsvertrag sieht eine vollständige Anpassung der ehemaligen DDR-BürgerInnen an westdeutsche Gesetze, Normierungen und Werte vor. Die meisten Ost-BerlinerInnen beziehungsweise Ostdeutschen schreiben den Westdeutschen eine hegemoniale, sich selbst eine beschädigte Identität zu (siehe dazu den Aufsatz Umbruchstile in: Dittmar / Paul (Hg.) Sprechen im Umbruch. Zeitzeugen erzählen und argumentieren rund um den Fall der Mauer im Wendekorpus, IdS Mannheim, Online Publikation 2019).

Es ist der aktuelle Bezug zur Rückblendenperspektive, der das erinnernde Erzählen der ZeitzeugInnen bestimmt. Ein emotionaler und häufig euphorischer Sprechmodus ist mit der Darstellung des Mauerfalls selbst verbunden. Zwei bis drei Jahre später betrachten die Informantinnen sehr kritisch und skeptisch die Perspektiven der Zukunft in diesem neuen Deutschland nach der Wiedervereinigung: Der "Anschluss" hat sie zu passiven Gefolgsleuten und Bürgern "zweiter Klasse" gemacht. Daher schließt die Materialsammlung mit den thematischen Blöcken:
  • Den Anderen wahrnehmen
  • Stereotypisierungen
  • Was bedeutet mir / uns der Fall der Mauer?
  • Emotionen (u.a. Entfremdung)
Im Prozess des Erinnerns an die "Mauerfall"-Erfahrungen treten die euphorischen Erstgefühle hinter die negativen aktuellen und sozialen Folgen der Wiedervereinigung zurück. Die Erinnerungen an 89/90 sind bereits blasser geworden, die der mühseligen Wendejahre 1991 und 1992 (massive Veränderungen im Alltagsleben) stehen deutlich im Fokus. Diese perspektivischen Unterschiede werden in der Performanz der Rede deutlich: hier die Erzählungen zum Mauerfall und zu den Geburtsnachwehen der Wende, dort argumentative Redestrukturen, die eher Bewertungen denn narrative Passagen bereitstellen. Die perspektivischen Rückblenden der Zeitzeugnisse 1991 bis 1993 arbeiten sich an den irreversiblen Veränderungen der Wiedervereinigung ab: was früher auf der Haben-Seite stand, wird nun als Verlust schmerzlich vermisst. Die Angst vor einer unsicheren Zukunft geht um. Den realen Verlustängsten und Befürchtungen, der Morgendämmerung, dass sich Helmut Kohls Wahlkampfversprechen der rasch "blühenden Landschaften" im Osten als Zwecklüge entpuppen könnte, entspricht eine vorwiegend kritische und skeptische verbale Aufbereitung der "neuen Verhältnisse". Viele verhalten sich "ambivalent", wobei nach den Worten von Peter (siehe das Thema "Was bleibt?") immerhin gilt: "aber die hoffnung is immer irgendwo da daß es doch auch anders wird (1.1) (2.0) daß man * ein volk * ist."

These zur Aktualität der Belege heute nach über 30 Jahren

Die Kenntnis der sozialen und stimmungsmäßigen Gemengelage von damals ist auch heute wichtig:
Sie spiegelt jene Befindlichkeiten wider, die mehr als 30 Jahre später immer noch vorherrschen. Die amerikanische Historikerin Mary Fullbrook sagt, dass die Betroffenen eines radikalen Umbruchs, wie nach 1945, eine Generation (~ 30 Jahre) bräuchten, um Distanz zu gewinnen, ihr Schweigen zu brechen und die Befindlichkeiten der ersten Stunden öffentlich kundzutun (Vgl. DLF, 30. Mai 19, "Essay & Diskurs").

Auf die Frage, was "kollektives Gedächtnis" meint, und wie SchülerInnen dieses Konzept nahe gebracht werden kann, gibt es für PädagogInnen Rat
  • zur Definition im Buch Dittmar/Bredel "die Sprachmauer" von 1999, S. 55
  • zur Konzeption von Aleida Assmann (2018), "der lange Schatten der Vergangenheit" (S. 48 ff.)
  • zur Darstellung verschiedener "Generationsorte", Aleida Assmann (S. 301 f)
Die Aufgaben der Rückbesinnung in Relation zum Mauerfall und zur Wiedervereinigung hat Ursula Bredel auf den Punkt gebracht (Bredel 2019, in: Dittmar / Paul (Hgg.):

    "Versteht man unter dem kollektiven Gedächtnis diejenigen überindividuellen Wissensbestände, die die Selbst- und Fremdwahrnehmung von Gruppen mitbestimmen, stellen der Mauerfall und die Wiedervereinigung eine äußerst wirkmächtige Quelle dar: Auch mehr als 30 Jahre später bilden die Ereignisse rund um den 9. November ein zentrales Dispositiv für das gesellschaftliche und politische Selbstverständnis im vereinigten Deutschland. Die Wissensbestände, die dabei aktiviert werden, entstammen weniger der individuellen Erfahrungen als vielmehr medial erzeugten und reproduzierten Bildern sowie zu Schlagworten geronnenen Deutungen wie etwa das der "Friedlichen Revolution", das des "Zusammenwachsens, was zusammengehört", das Versprechen der "blühenden Landschaften" et cetera; auch Bilder von Ossis und Wessis als Unter- und Überlegene im Vereinigungsprozess gehören dazu".


Zusätzliche Details für Lehrende


Kontakt

Bei Problemen der Bearbeitung der Daten können Sie sich direkt wenden an Norbert Dittmar nordit@zedat.fu-berlin.de oder Christine Paul cpaul@zedat.fu-berlin.de.

Verschriftlichung des Gesprochenen

Verba volant, scriptum manet. Wörtlich: die Worte fliegen, das Geschriebene bleibt.

Die Verschriftlichung der Interviewgespräche folgt dem Kriterium der Leichtlesbarkeit. Laien (=Nicht-Linguisten) sollen möglichst schnell ohne fremde Hilfe die Texte lesen und interpretieren können. Unter anderem ist die Stimmführung wichtig für Interpretationen: die Pause (warum hält jemand inne?), die Hebung der Stimme am Ende des Wortes / Satzes (Antwort oder Bestätigung erwünscht?), Verzögerungssignale (Arbeit an der verbalen Planung?), Leise- oder Lautsprechen (Peinliches ausdrücken (leise) oder den unangenehmen Sprechmodus eines Anderen zitieren (laut), et cetera. Die Wiedergabe des Gesprochenen erfolgt in einem möglichst adäquaten analogen Schriftmodus. Weitere nützliche Hinweise finden sich in Dittmar / Bredel (1999), S. 35-37.

Transkriptionskonventionen

Die Liste mit Erklärungen der Transkriptionskürzel können Sie hier als PDF-Icon PDF-Dokument (99 KB) herunterladen.

Welche Fragen sollen die Schülerinnen und Schüler anhand der Belege beantworten?

Jeder Beleg wird – als Hilfen für den Unterricht – in drei Punkten kommentiert:
  1. gesellschaftspolitischer Hintergrund
  2. a) situativer Kontext
    Rollen der Beteiligten, Ort: Ost versus West et cetera
    b) sprachlicher Kontext
    z.B. Textsorten Erzählung oder Dialog; Bewertungen, Stereotypisierungen
  3. sprachliche Besonderheiten
    Varietäten(wechsel), politischer, gender- oder generationsspezifischer Sprachgebrauch, Unterschiede mündliche versus schriftliche Kodierung, emotionaler Sprachgebrauch et cetera
Jeder Beleg kann, in Form entsprechender Arbeitsanleitungen durch die Lehrenden, mithilfe der folgenden sechs Fragen sinnvoll von Lernenden bearbeitet werden:
  1. Verständnisfrage
    Was wird gesagt, "was verstehst du"?
  2. Kontext
    WER redet in WELCHER Situation mit WEM über WAS und mit WELCHEN Konsequenzen?
  3. Bewertungs-, Urteilsebene:
    • Wie siehst / beurteilst / bewertest du das Gehörte / die Textpassage?
    • Was fällt dir auf: positiv, negativ, störend, sympathisch?
    • Welche Bezüge siehst du zu deiner eigenen Erlebniswelt?
    • Vergleiche das Erleben zum Beispiel der Familie A / der Personen X, Y, Z mit "Boatpeople" auf dem Mittelmeer, Migranten infolge kriegerischer Auseinandersetzungen heutzutage et cetera
  4. Welche Gestalt hat der vorliegende diskursive Ausschnitt? Wie ist dieser Ausschnitt sprachlich gestaltet (Struktur des Kontextes): erzählend (Erzählhaltung), berichtend (Beobachtungen aus der Distanz), dialogisch (zum Beispiel. zwei Personen in Interaktion), monologisch (nur eine Person redet), bewertend (wie wird ein Werturteil modalisiert)?
  5. Was fällt dir an der sprachlichen Form auf (Varietät, zum Beispiel Berlinisch, Wortwahl, grammatische Wahl(en), Unterschiede zwischen mündlicher und Schriftsprache et cetera)? Gib Beispiele für solche Auffälligkeiten anhand der Belege aus der Materialsammlung.

Sozialdaten der SprecherInnen des Wendekorpus

Eine Liste der Sozialdaten der SprecherInnen des Wendekorpus können Sie hier als PDF-Icon PDF-Dokument (205 KB) herunterladen.

Hintergrundlektüre für die Arbeit mit der Materialsammlung

  • Norbert Dittmar / Christine Paul (Hgg.): Sprechen im Umbruch. Zeitzeugen erzählen und argumentieren rund um den Fall der Mauer im Wendekorpus. Mannheim: Leibnitz-Institut für Deutsche Sprache
  • Das Buch kann auch im Internet heruntergeladen werden (siehe Internetpublikationen des IdS Mannheim).
  • Nachschlagewerk Berlinisch heute von DDR-Linguist Dr. Helmut Schönfeld (ehemals HU) (zur Amazon-Seite, verifiziert am 09.11.2019: Leider ist dieses Buch derzeit vergriffen – aber in öffentlichen Bibliotheken sicher zu haben. Man konsultiere bei Bedarf stattdessen auch: Peter Schlobinski und Uwe Blank ((1985) Sprachbetrachtung: Berlinisch. Ein Arbeitsbuch für den Deutchunterricht ab der 10. Klasse. Marhold (Bd 1: Einführung, Eigenschaften des Berlinischen), Bd. 2: Übungsheft. Hier der Link zu Helmut Schönfeld (1997) Berliner Stadtsprache: https://ids-pub.bsz-bw.de/frontdoor/deliver/index/docId/8584/file/Schoenfeld_Berliner_Stadtsprache_1997.pdf
  • Schnibben, Cordt (2009): Die Nacht der Wildschweine. In: Der Spiegel 45, S. 55‐71.

Weiter führende wissenschaftliche Arbeiten zum Berliner Wendekorpus

  • Bredel, Ursula (1999): Erzählen im Umbruch. Studien zur narrativen Verarbeitung der "Wende" 1989. Stauffenburg Linguistik: Tübingen
  • Bredel, Ursula/Dittmar, Jeannette (1996): Strukturelle Planbrüche als Hinweise auf Registerkonflikte im Sprachgebrauch von Ostberlinern nach der Wende. In: DS 24 (1996), S. 39-53
  • Dittmar, Norbert (1997b): "Sprachliche und kommunikative Perspektiven auf ein gesamtdeutsches Ereignis in Erzählungen von Ost- und Westberlinern", in: Barz, Irmhild & Ulla Fix, Hrsg., Deutsch-deutsche Kommunkationserfahrungen im arbeitsweltlichen Alltag. Bern, Frankfurt a.M., Lang: 1-32
  • Dittmar, Norbert (2000): Sozialer Umbruch und Sprachwandel am Beispiel der Modalpartikeln halt und eben in der Berliner Kommunikationsgemeinschaft nach der 'Wende'. In: Auer, P./Hausendorff, H. (eds.): Kommunikation in gesellschaftlichen Umbruchsituationen. Mikroanalytische Arbeiten zum sprachlichen und gesellschaftlichen Wandel in den neuen Bundesländern. Tübingen: Niemeyer. 199-234.
  • Dittmar, Norbert (2001): Deutsch-deutsche Sprach- und Kommunikationserfahrungen nach der Wende aus westdeutscher Perspektive. In: Antos, G./Fix, U./Kühne, I. (eds.): Deutsche Sprach- und Kommunikationserfahrungen zehn Jahre nach der "Wende", Frankfurt am Main/Berlin: Peter Lang. 101-140.
  • Dittmar, Norbert (2002): Zur Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen. Umbruchstile: terra incognita. In: Keim, I./Schütte, W. (eds.): Soziale Welten und kommunikative Stile. Festschrift für W. Kallmeyer zum 60. Geburtstag. Tübingen: Narr. 281-314.
  • Dittmar, Norbert (2007) Da rannten ganz viele über den Platz, aber Lola ist am schnellsten gerannt. Präteritum und Perfekt im Narrathonlauf. Die ersten 42 Stunden nach dem Fall der Mauer in Erzählungen von Ost- und Westberlinern. In: Lenk, H. E./Walter, M. (eds.): Wahlverwandtschaften: Valenzen - Verben - Varietäten. Festschrift für Klaus Welke zum 70. Geburtstag. Germanistische Linguistik 188-189. Hildesheim, Zürich, New York: Georg Olms. 298-303.
  • Dittmar, Jeannette und Bredel, Ursula (1998) "naja dit sind allet so + verschiedene dinge die einem da so durch-n kopp gehn ... zuviel neues mi eenem schlach." Verfahren sprachlicher Bearbeitung sozialer Umbruchsituationen. In: Reiher, R. (ed.): Sprache als Mittel zur Identifizierung und Distanzierung. Bern/Frankfurt am Main: Peter Lang. 83-105.
  • Dittmar, Norbert und Melanie Glier (2000) Abbruch, Aufbruch, Umbruch? Im Schatten der alten und im Flutlicht der neuen Sprache. In: Reiher, R./Baumann, A. (eds.): Mit gespaltener Zunge? Die deutsche Sprache nach dem Fall der Mauer. Berlin: Aufbau. 241-272.
  • Dittmar, Norbert und Jana Bressem (2005) Syntax, Semantik und Pragmatik des kausalen Konnektors weil im Berliner 'Wendekorpus' der neunziger Jahre, in: Schwitalla, J./Wegstein, W. (eds.): Korpuslinguistik deutsch: synchron, diachron, kontrastiv, Tübingen: Niemeyer. 99-125. (= Würzburger Kolloquium).
  • Dittmar, Norbert und Daniel Steckbauer (2013), "Emerging and conflicting forces of polyphony in the Berlin speech community after the fall of the wall: On the ocial identity of adolescents, in: David Singleton, Joshua A. Fishman, Larissa Aronin '& Muiris Ó Laoire, eds. Current Multinlingualism. A New Linguistic Dispensation. De Gruyter / Mouton: Boston & Berlin, 187-230.
  • Dittmar, Norbert (2018) Parenthesen als redekommentierende Routinen in Erzählungen zum Fall der Berliner Mauer im Wendekorpus. In: Friederike Spitzl-Dupic, Hrsg. Parenthetische Einschübe. Reihe Eurogermanistik, Tübingen: Stauffenburg Verlag, 89 – 123.
  • Dittmar, Norbert und Christine Paul, Hgg.(2019) Sprechen im Umbruch. Zeitzeugen erzählen und argumentieren rund um den Fall der Mauer im Wendekorpus. Leibniz Institut für deutsche Sprache: Mannheim.
  • Geiselhart, Alexandra (2007) Die Redewidergabeproblematik. Formale und funktionale Phänomenologie des Wendekorpus. Magisterarbeit, FU-Berlin (unveröffentlicht).
  • Glier, Melanie (2001) Syntaktische, semantische und pragmatische Eigenschaften von "weil” im gesprochenen Deutsch der Gegenwart. Wiss. Hausarbeit zur Ersten Wisssenschaftlichen Staatsprüfung für das Amt des Studienrates, unveröffnetlichtes Ms., Berlin.
  • Hartung, W:/Shethar, A. (199?): Was ist "Ostjammer" wirklich? Diskurs-Ideologie und die Konstruktion deutsch-deutscher Interkulturalität. In: Reiher, R. (Hg.): Sprache als Mittel von Identifikation und Distanzierung.
  • Krahn, Anja (2009) Emotionalität in Gesprächen über den Mauerfall. Wiss. Hausarbeit zur Ersten Wissenschaftlichen Staatsprüfung für das Amt des Studienrates, unveröffentlichtes Ms., Berlin.
  • Pszolla, Gudula (1999): Dialektalitätsgrade im Berlinischen. Empirische Untersuchungen zu phonetischen Ausprägungen, Wiss. Hausarbeit zur Ersten Wissenschaftlichen Staatsprüfung für das Amt des Studienrates, unveröffentlichtes Ms., Berlin.
  • Raschke, Ganna (2010) Parenthesen im Deutschen. Pragmatische Funktionen von Parenthesen im gesprochene Deutsch auf der Grundlage des 'Berliner Wendekorpus'. Magisterarbeit, FU-Berlin (unveröffentlicht).
  • Roth, Marita (2005) Stereotype in gesprochener Sprache. Narrative Interviews mit Ost- und Westberliner Sprechern 1993-1996, Stauffenburg Linguistik: Tübingen.
  • Schwitalla, Johannes (2014 a): "Wir ham dit ja kaum fassen können, wir ham dit eigentlich nich geglaubt". Wie Ost- und Westberliner/-innen ihren Unglauben, ihr Unverständnis und ihre Überraschung nach der Nachricht von der Öffnung der Berliner Mauer am 9. November 1989 narrativ rekonstruieren. In: Studia Germanistica XXX.
  • Schwitalla, Johannes (2014 b) Seufzen, weinendes und lächelndes Sprechen: Gefühls-Kongruenzen und Gefühls-Inkongruenzen beim Sprechen über emotionale Momente nach der Öffnung der Berliner Mauer. In: Vankovà Lenka (Hrsg.) Emotionalität im Text. Im Druck.
  • Wich-Reif, Claudia (2010) "Da hat der Christian sone großen Augen gemacht" - Pluralvarianten des Pronomens solche im deutschen Sprachraum. In: N. Dittmar und N. Bahlo, Hrsg. Beschreibungen für gesprochenes Deutsch auf dem Prüfstand. Peter Lang: Frankfurt a. M.:195-217.


Zitierweise: Norbert Dittmar, Christine Paul, "Wendekorpus. Eine Audio-Zeitreise in die deutsch-deutsche Vergangenheit", in: Deutschland Archiv, 01.10.2020, Link: www.bpb.de/301575. Nachfolgend die Transkriptionen und ausgewählte Originaltöne:

Töne & Themen

Die Mauer im Jahr 1988 nahe dem Potsdamer Platz - ein Jahr vor ihrem Verschwinden

1. Vorboten von Umbruch und Mauerfall

Gitta (Berlin-Treptow, Sekretärin, im November 1989 28 Jahre alt) entschloss sich im September 1989 mit ihrem Mann und den beiden Kindern in die BRD über Prag zu flüchten. Sie erzählt ihre Ausreise VOR dem Mauerfall in dramatischer und emotionaler Weise.

Mehr lesen

Tanz auf der Mauer vorm Brandenburger Tor am 10.11.1989

2. Schabowski und die Öffnung der Grenzen

Der 9. November 1989. Auf einer Pressekonferenz teilt das SED-Politbüromitglied Günter Schabowski auf missverständliche Art ein neues DDR-Reisegesetz mit. Umgehend machen sich OstberlinerInnen auf zur Grenze. Was hatten sie genau verstanden?

Mehr lesen

Menschen feiern am 09.11.1989 den Mauerfall am Grenzübergang Helmstedt.

3. Grenzübertritt am 10. November

Nicht alle brechen schon am Abend des 9. Novembers zur Grenze auf. Viele sind misstrauisch und glauben die Nachrichten nicht. Erst am 10. November erkunden sie Westberlin und schildern ihre höchst unterschiedlichen Erfahrungen.

Mehr lesen

Nach dem Mauerfall. Vor einer Westberliner Bank stehen Ostberliner Schlange, um sich ihr Begrüßungsgeld abzuholen. Die Aufnahme entstand am 12.11.1989.

4. Begrüßungsgeld 100 D-Mark

"Man wurde fast erschlagen" vom prallbunten Angebot in den Schaufenstern, schildert Vera und beschreibt, wie schnell die 100 D-Mark Begrüßungsgeld, die BesucherInnen aus Ostberlin erhielten, "für Schnullifax" drauf gingen. Auch Schamgefühl entsteht.

Mehr lesen

DDR-Bürgerinnen und -Bürger zwischen Verkaufsständen in einem West-Berliner Warenhaus im November 1989

5. Den Anderen anders wahrnehmen

An der Kleidung und am Auftreten machen Westdeutsche und Ostdeutsche schnell Unterschiede aneinander fest. Abschätzend ist von Arroganz und menschlichen Fassaden die Rede. Aber auch Frauen stellen fest, dass sie in Ost und West ganz unterschiedlichen Rollenbildern entsprechen.

Mehr lesen

Eastside-Galery in Berlin: Noch heute ein Klischeebild für die DDR - der Trabbi.

6. Stereotypen

"Wer iss der Ossi un wer iss der Wessi?". Aus aneinander wahrgenommenen Unterschieden werden schnell verallgemeinernde Klischees, die das Zusammenwachsen schon früh erschweren. Auch die interviewten Ost- und WestberlinerInnen machen das in ihren O-Tönen deutlich.

Mehr lesen

Mauerrest im Süden Berlins 1991 - es steht nur noch ein Gerippe.

7. Was bedeutet uns der Fall der Mauer?

Im ersten Moment herrschte Freude. Meinungsfreiheit und Reise- und Bewegungsfreiheit wurden bejubelt. Aber binnen kurzer Zeit wuchs auch Ernüchterung. Seidem ziehen Ostdeutsche eine differenzierte Bilanz, was Ihnen die Einheit wirklich gebracht - und auch genommen hat. O-Töne aus 1990 und 1991/92 im Vergleich.

Mehr lesen

Grenzübergang zum Mauerfall: Berliner an einem Grenzübergang am 10.11.1989 nach dem Mauerfall. Mit dem Inkrafttreten des neuen Reisegesetzes können DDR-Bürger ab dem 10. November 1998 in die BRD und nach West-Berlin reisen.

8. Emotionen

"Wahnsinn!". Aus ohnmächtiger Wut kann unermessliche Freude werden. Der Mauerfall setzte einzigartige Emotionen frei, dies drücken zahlreiche Erlebnisschilderungen aus. Aber auch Trauer kommt hoch. So schildert Kicky ihre Tränen, als sie den Ort erkennt, an dem sie dem Begräbnis ihrer Oma in West-Berlin beiwohnen wollte - aber keine Reiseerlaubnis erhielt.

Mehr lesen

Grafitti an der Berliner Mauer in der Bernauer Straße Anfang 1990.

9. "Wie meinste dis?"

Auch sprachlich merken Ost- und West-BerlinerInnen Unterschiede. Ausgeprägteren Jargon machen sie im Osten aus. Und stoßen auf Wörter wie "urst", die es im Westen nicht gibt.

Mehr lesen

Deutschland Archiv

Illustration, die Kathrin und Ereignisse rund um den Mauerfall 1989 zeigt.
Messenger-Projekt

Der Mauerfall und ich

Es ist Leipzig im Spätsommer des Jahres 1989. Die Studentin Kathrin und ihre Freundinnen und Freunde erleben eine Zeit des Umbruchs in der DDR. Im November fällt die Mauer und damit die Grenze, die Deutschland und die Deutschen viele Jahrzehnte trennte. Über ihre Erlebnisse hat Kathrin von August bis November 2019 im bpb-Messengerprojekt "Der Mauerfall und ich" berichtet.

Mehr lesen

Ausgebombt! Eine Zeitreise ins kriegszerstörte Berlin

31 Bildmontagen des Berliner Fotografen Alexander Kupsch, aus historischen Fotos vom zerstörten Berlin und Aufnahmen aus dem Jahr 2015, rücken die zerstörerische Kraft des Krieges erneut ins Bewusstsein, indem sie die Ruinen aus dem Mai 1945 ins Berlin von heute übertragen.

Mehr lesen

NEU: Videoreportagen

Vom Einläuten der Friedlichen Revolution

Rund um den 7. Oktober 1989 herrschte Ausnahmezustand in mehreren Städten der DDR. Polizei und Stasi gingen gewaltsam gegen Demonstranten vor, die friedlich für Reformen eintraten. Ein filmischer Überblick.

Jetzt ansehen

Themenseite

30 Jahre Mauerfall

Die Berliner Mauer war über 28 Jahre das Symbol der deutschen Teilung und des Kalten Krieges. Am 9. November 1989 reagierte die DDR-Regierung mit Reiseerleichterungen auf den Ausreisestrom und monatelange Massenproteste – die Mauer war geöffnet. Wir präsentieren ausgewählte Angebote zur Geschichte der Mauer und des Mauerfalls.

Mehr lesen

Deutschlandarchiv bei Twitter

Ausstellung + Film

Die Mauer. Sie steht wieder!

Was wäre, wenn die Mauer Berlin erneut halbieren würde? 30 Jahre nach dem Mauerfall erinnert das Deutschland Archiv der bpb mit 30 Bildmontagen und einem Film von Alexander Kupsch an das Bauwerk, das die Stadt über 28 Jahre lang teilte.

Mehr lesen

Chronik der Mauer

Es erwartet Sie eine Fülle von multimedial aufbereiteten Informationen über Mauerbau und Mauerfall - und über die Opfer der Grenze.

Mehr lesen auf chronik-der-mauer.de

Dossier

Stasi

Alles wissen, alles kontrollieren, Menschen manipulieren. Aus der Arbeitsweise der DDR-Geheimpolizei "Stasi" ist auch viel zu lernen über die Mechanismen von Diktaturen der Gegenwart. In der DDR überwanden couragierte Bürgerinnen und Bürger allerdings 1989 ihre Angst vor der "Staatssicherheit". Vor 30 Jahren wurde sie gänzlich entmachtet.

Mehr lesen

Online-Angebot der bpb und der Robert-Havemann-Gesellschaft

jugendopposition.de

Wie haben junge Menschen in der DDR mit Mut und Musik gegen Stasi und SED-Diktatur gekämpft? Zeitzeugen berichten. Mit zahlreichen Texten, Videos, Audios, Fotos und Dokumenten.

Mehr lesen auf jugendopposition.de

Online-Archiv

www.wir-waren-so-frei.de

Fast 7.000 private Filme und Fotos aus der Umbruchzeit 1989/90 sowie über 100 begleitende Erinnerungstexte. Dazu ost- und westdeutsche Medienberichte. Die persönlichen Erfahrungen der Fotografen und Filmemacher bieten zusammen mit der öffentlichen Berichterstattung vielfältige Blicke auf die historischen Ereignisse und deren Auswirkungen auf den Alltag in Ost und West.

Mehr lesen auf wir-waren-so-frei.de

Wird die DDR-Diktatur verharmlost? Und warum begann die intensive Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit erst so spät? Die Deutung von Geschichte ist oft umstritten - und nicht selten ein Politikum.

Mehr lesen

13. August 1961: In den frühen Morgenstunden beginnt der Bau der Mauer, die Deutsche Teilung wird zementiert. Am Abend des 9. November 1989 kommt es zum Mauerfall. Bald 30 Jahre danach ist Deutschland in vielem noch immer ein Land mit zwei Gesellschaften.

Mehr lesen

Zu dem Thema "Children of Transition, Children of War, the Generation of Transformation from a European Perspective" diskutierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf der Deutschlandforschertagung 2016 vom 3. bis 5. November 2016 in der Universität Wien. Die Tagungsdokumentation gibt Einblick in die Themen und Ergebnisse.

Mehr lesen

Messenger-Projekt

Der Mauerfall und ich

Es ist Leipzig im Spätsommer des Jahres 1989. Die Studentin Kathrin und ihre Freundinnen und Freunde erleben eine Zeit des Umbruchs in der DDR. Im November fällt die Mauer und damit die Grenze, die Deutschland und die Deutschen viele Jahrzehnte trennte. Über ihre Erlebnisse hat Kathrin von August bis November 2019 im bpb-Messengerprojekt "Der Mauerfall und ich" berichtet.

Mehr lesen

Gedenkstätten, Museen, Dokumentationszentren, Mahnmale, Online-Angebote - zahlreiche Einrichtungen und Initiativen erinnern an die Opfer des Nationalsozialismus, bieten Bildungsangebote zur Geschichte des Nationalsozialismus und engagieren sich für Überlebende und Jugendbegegnungen. Wo Sie welche Erinnerungsorte mit welchem pädagogischen Angebot finden, erfahren Sie in der Datenbank.

Mehr lesen auf bpb.de

Der Tag in der Geschichte

  • 24. Oktober 1969
    DM-Aufwertung um 8,5 Prozent durch die sozialliberale Bundesregierung (Dollarparität: 3,66 statt 4 DM). Brandt und Schiller hatten die Aufwertung gefordert, Kiesinger und Strauß während der Großen Koalition jedoch abgelehnt. Vorübergehend waren die... Weiter
  • 24. - 27. Okt. 1988
    Bundeskanzler Kohl und der sowjetische Staats-und Parteichef Gorbatschow erklären in Moskau ihre Bereitschaft, die »Zeit des Eises« durch ein freundlicheres Klima in den zwischenstaatlichen Beziehungen abzulösen. Hauptziele sind ein verbesserter Dialog und... Weiter
  • 24. Oktober 1989
    In offener Abstimmung wählt die Volkskammer Egon Krenz (SED) zum Vorsitzenden des Staatsrats und anschließend zum Vorsitzenden des Nationalen Verteidigungsrats - erstmals in der Geschichte der DDR mit einigen Gegenstimmen und Enthaltungen. Wie zuvor Honecker... Weiter