Dossierbild zum Spezial Kino in Europa
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2.2.2009 | Von:
Michael Althen

Geschichte wiederholt sich

Das zeitgenössische deutsche Kino

Rainer Werner Fassbinder und Wim Wenders, Caroline Link und Doris Dörrie: Namen die den Film in Deutschland entscheidend geprägt haben. Wie hat sich das deutsche Kino seit den 1970er Jahren entwickelt? Wer ist der eigentliche Star des deutschen Films? Michael Althen über Erfolge und Misserfolge.


Die österreichische Schauspielerin Romy Schneider (im Vordergrund) und Helmut Berger am Set während der Dreharbeiten zu "Ludwig II." (Regie: Luchino Visconti) in Bayern.Romy Schneider und Helmut Berger am Set während der Dreharbeiten zu "Ludwig II." (Regie: Luchino Visconti). (© AP)

Am 29. Mai 1982 wurde Romy Schneider tot in ihrem Pariser Apartment gefunden. Ihr Herz war mit 43 Jahren einfach stehen geblieben, und es war das tragische Ende einer langen, zunehmend unerwiderten Liebe der Deutschen zu ihrem größten Star, zu einer Schauspielerin, die als "Sissi" wie keine andere für das wirklichkeitsblinde deutsche Kino der fünfziger Jahre gestanden und die dann in Frankreich eine neue Heimat gefunden hatte, wo sie als Frau im Kino auf eine Weise ernst genommen wurde, von der das deutsche Kino nicht zu träumen wagte.

Romy Schneiders Tod verhinderte auch die Realisierung eines Traumprojektes, Rainer Werner Fassbinders Verfilmung von Pittigrillis Roman "Kokain", und es ist mehr als nur bittere Ironie, dass der Regisseur keine zwei Wochen später, am 10. Juni 1982, selbst tot in seiner Münchner Wohnung aufgefunden wurde. Er wurde nur 37 Jahre alt und hatte gut 40 Filme gedreht – und es sind sich alle einig, dass das deutsche Kino lange gebraucht hat, sich von seinem Tod zu erholen.

Von Bären, Palmen und Löwen

Mit Fassbinders Tod ging die Ära des "Neuen Deutschen Films" zu Ende, obwohl sie sich doch gerade auf ihrem Höhepunkt wähnte. Es hilft, sich nochmals zu vergegenwärtigen, welche Erfolge das deutsche Kino damals international feierte. Fassbinder selbst hatte im Februar 1982 mit "Die Sehnsucht der Veronika Voss" in Berlin den Goldenen Bären gewonnen, Ende Mai folgte der Regiepreis für Werner Herzog und "Fitzcarraldo" in Cannes, im September in Venedig der Goldene Löwe für Wim Wenders' "Der Stand der Dinge" (und ein Karriere-Löwe für Alexander Kluge). Im Jahr zuvor hatte ihn Margarethe von Trotta für "Die bleierne Zeit" bekommen.

Im Februar 1982 war "Das Boot" von Wolfgang Petersen in den USA gestartet und wurde im Jahr darauf sechs Mal für den Oscar nominiert. Mit einem Oscar für Volker Schlöndorffs "Die Blechtrommel" im April 1980 hatte der ganze Preisregen begonnen, der eben im Jahr 1982 mit Auszeichnungen auf allen drei großen Filmfestivals seinen Höhepunkt erreichte. Die Goldene Palme für Wim Wenders' "Paris, Texas" 1984 und der Goldene Bär für Reinhard Hauffs "Stammheim" 1986 waren dann nur noch Nachzügler in einer gut zwei Jahrzehnte währenden Durststrecke, in der der deutsche Film international kaum noch wahrgenommen wurde.

"Der deutsche Film kann gar nicht besser sein..."

Schwarz-Weiß-Bild: Regisseur Rainer Werner Fassbinder (links) bei Dreharbeiten in München 1980. Rechts von ihm ein Kameramann und verdeckte Crew-Mitglieder, im Hintergrund eine weitere Person.Regisseur Rainer Werner Fassbinder (links) bei Dreharbeiten in München 1980. (© AP)
1981 wurde übrigens auch Joe Hembus' berühmte 20 Jahre alte Streitschrift "Der deutsche Film kann gar nicht besser sein..." neu aufgelegt, und der Untertitel "Ein Pamphlet von gestern, eine Abrechnung von heute" sagte schon alles: "Er ist schlecht. Es geht ihm schlecht. Er macht uns schlecht. Er wird schlecht behandelt. Er will auch weiterhin schlecht bleiben", so hatte er 1961 zur Abrechnung mit Papas Kino der Adenauer-Zeit geschrieben, aber diese Überspitzung galt durchaus für das, was der Neuauflage des Buches im deutschen Kino folgte. Nachdem der deutsche Autorenfilm seinen Höhepunkt überschritten hatte, entstand der Eindruck, dass die folgende Regisseurs-Generation sich erstmal sammeln und zu einer eigenen Sprache finden musste. Wenders, Herzog, Schlöndorff, von Trotta kreisten auf ihren eigenen Umlaufbahnen in internationalen Produktionen um die Welt, und Fassbinder hatte sich als Vaterfigur, an der man sich hätte reiben können, durch seinen frühen Tod entzogen. Klar war nur, dass nach dem Autorenfilm etwas anderes kommen musste, aber wie das zu bewerkstelligen war, war niemandem so recht klar. Nach den Selbsterforschungen mit dem Hang zu Melancholie und Grübelei musste eine neue Lebenszugewandtheit her, mehr Geschichten, mehr Stars, mehr Spaß, mehr Leben, mehr Wirklichkeit, mehr von dem, was die Amerikaner machten. Aber dafür fehlten das Geld, das Know-how und eine Industrie, die beides bereitstellen konnte.

Es gab natürlich Karrieren wie die von Wolfgang Petersen, der nach dem internationalen Erfolg von "Das Boot" mit Bernd Eichinger 1984 "Die unendliche Geschichte" für den internationalen Markt produzierte und einfach so lange in Hollywood blieb, bis er dort in den Neunzigern mit "In the Line of Fire" und "Air Force One" wirklich ankam. Oder die von Roland Emmerich, der 1984 mit seinem im heimischen Trickstudio hergestellten Science-Fiction-Hochschul-Film "Das Arche-Noah-Prinzip" kein Zweifel an jenen Ambitionen ließ, die sich spätestens 1996 mit "Independence Day" erfüllten. Man nannte Emmerich damals das "Spielbergle aus Sindelfingen", und er selbst brachte den Zwiespalt des deutschen Kinos auf den Punkt: "Als ich 1977 an der Filmhochschule anfing, waren Fassbinder und Wenders jedermanns Lieblingsregisseure. Aber das war auch das Jahr, in dem 'Star Wars' und 'Unheimliche Begegnung der dritten Art' ins Kino kamen – und das waren für mich einfach die wichtigeren Filme."

Wenn man also übers deutsche Kino jener Jahre spricht, dann darf man nicht vergessen, dass es zwei deutsche Regisseure waren, die mit ihrer ganz eigenen Beharrlichkeit ihren Traum von Hollywood verwirklichten und mit "Air Force One" und "Independence Day" zwei Blockbuster inszenierten, wie sie amerikanischer nicht sein könnten. Und auch Uli Edel, der 1981 mit dem Drogen-Drama "Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" jene Art Film vorgelegt hatte, dem das deutsche Kino seither nacheiferte, suchte danach seinen Erfolg in Amerika, scheiterte zusammen mit Bernd Eichinger an seinem Traumprojekt "Letzte Ausfahrt Brooklyn", aber durfte immerhin Madonna in "Body of Evidence" inszenieren und gewann mit dem TV-Film "Rasputin" drei Golden Globes. Und in gewisser Weise dürfte sich mit dem Umstand, dass er aus den USA zurückgekehrt ist, um wiederum für den Produzenten-Übervater Eichinger den RAF-Film "Der Baader Meinhof Komplex" (2008) zu inszenieren, ein Kreis schließen: ausgerechnet einer jener Hollywood-Emigranten wird jenes Thema retrospektiv abhandeln, das die Autorenfilm-Generation wie nichts anderes umgetrieben und einst zu dem Gemeinschaftsfilm "Deutschland im Herbst" geführt hatte.

Der Himmel über Deutschland

Schwarz-Weiß-Foto: Der deutsche Regisseur erhält bei den Filmfestspielen in Cannes 1984 für seinen Film "Paris-Texas" die "Goldene Palme"; er hält den Preis in der Hand. Links Neben ihm: Schauspielerin Faye Dunaway.Der deutsche Regisseur erhält bei den Filmfestspielen in Cannes 1984 für seinen Film "Paris-Texas" die "Goldene Palme". Neben ihm: Schauspielerin Faye Dunaway. (© AP)
Man muss dieses Panorama von internationalen Ambitionen und Erfolgen aufspannen, um zu begreifen, warum sich der deutsche Film mit der nationalen Realität immer wieder so schwer tut. Tatsächlich gelang es in den Achtzigern nur selten, den Ehrgeiz auf ein Kino, das der heimischen Wirklichkeit publikumstaugliche Stoffe abringt, angemessen und erfolgreich umzusetzen. Und nicht zufällig waren es Genrefilme: die Beziehungskomödie "Männer" (1986) von Doris Dörrie, der Bankraub-Thriller "Die Katze" von Dominik Graf und der Heimatfilm "Herbstmilch" (1989) von Joseph Vilsmaier. Aber keiner dieser Erfolge ließ sich wirklich wiederholen, und schon an diesen drei Karrieren kann man ablesen, wie schwer sich das deutsche Kino zwischen Anspruch und Wirklichkeit mit sich selbst tut. Dörrie versuchte sich mit "Ich und Er" (1988) in Amerika, machte sich als Schriftstellerin einen Namen und hat ihre Filmkarriere immer wieder mit billig gedrehten Video-Filmen auf Trab halten müssen (zum Beispiel: "Erleuchtung garantiert"). Graf blieb mit seinen weiteren Kinoprojekten wie "Die Sieger" oder "Der Felsen" stets der verdiente Erfolg verwehrt und dreht seither fürs Fernsehen einen brillanten Film nach dem anderen. Und Vilsmaier wählte immer noch ambitioniertere Großprojekte wie "Stalingrad", "Marlene" oder "Comedian Harmonists", die auf immer noch spektakulärere Weise scheiterten.

Unterdessen gelang es Wim Wenders nach seiner Rückkehr nach Deutschland mit "Der Himmel über Berlin" 1987 einen historischen Moment einzufangen, eine radikal poetische Sicht auf eine geteilte Stadt, die schon kurz darauf durch den Mauerfall nicht mehr wiederzuerkennen war. Es war, als habe der Autorenfilm alter Schule all den anderen noch einmal gezeigt, wozu er fähig ist. Dafür gab es in Cannes wieder einen Regiepreis, ausgerechnet auf jenem Festival, das 20 Jahre lang alle deutschen Versuche, an die Vorgänger anzuknüpfen, beharrlich ignorierte.

Die verschlafene Geschichte

Auch in den neunziger Jahren blieb das deutsche Kino in seiner Wirkung auf seine Landesgrenzen beschränkt. Die Wiedervereinigung blieb ein Thema, an dem es sich lange vergeblich abarbeitete, bis 2003 Wolfgang Becker mit "Good Bye, Lenin!" kam, der Tragikomödie einer Frau, die das Ende der deutsch-deutschen Geschichte verschlafen hatte und deren Kinder für sie eine Travestie der DDR aufführen, um sie im Glauben zu halten, alles sei beim Alten. Die Art und Weise, wie es Becker gelang, dieses einschneidende Kapitel deutscher Geschichte konsumierbar zu machen, brachte ihm einen Europäischen Filmpreis und weckte vor allem eine Neugier auf den deutschen Film, die bis dahin völlig eingeschlafen war. Man darf die Signalwirkung von solchen Erfolgen nicht unterschätzen, denn seither reiht sich nicht nur ein internationaler Preis an den anderen, sondern man hat geradezu den Eindruck, dass Deutschland plötzlich wieder auf der Landkarte anderer Länder aufgetaucht ist und sich die Leute auch für jene Arbeiten interessieren, die kein größeres Publikum erreichen, aber nicht weniger aussagekräftig sind, was den Stand der Dinge angeht – seither sind auch die Arbeiten der so genannten Berliner Schule um Christian Petzold in Frankreich und England Gegenstand kritischer Aufmerksamkeit.

Portraitbild der Regisseurin Caroline Link vor Filmplakaten ihres Dramas "Nirgendwo in Afrika" in München. Sie erhielt für diesen Film 2003 den Oscar in der Kategorier "Bester ausländischer Film" 2003. Seit 23 Jahren ist es der erste Oscar für einen deutschen Beitrag.Regisseurin Caroline Link erhielt für ihr Drama "Nirgendwo in Afrika" den Oscar in der Kategorier "Bester ausländischer Film" 2003. (© AP)
Und wie 1982 kam es auch 2003 wieder zu einer erfreulichen Ballung internationaler Aufmerksamkeit für den deutschen Film, denn nur einen Monat nach der Premiere von "Good Bye, Lenin!" auf der Berlinale gewann Caroline Link den Oscar für "Nirgendwo in Afrika", ein knappes Vierteljahrhundert nach dem letzten deutschen Oscar für "Die Blechtrommel", und seither scheint die Erfolgssträhne nicht abzureißen: 2003 ein Preis für Katja Riemann in Margarete von Trottas "Die Rosenstraße" in Venedig, 2004 ein Goldener Bär für Fatih Akins "Gegen die Wand", 2005 Regie- und Schauspielerinnenpreis für Marc Rothemunds "Sophie Scholl – Die letzten Tage" mit Julia Jentsch in Berlin und eine Oscar-Nominierung für Oliver Hirschbiegels "Der Untergang", 2006 ein Bär für Jürgen Vogel in "Der freie Wille" und einer für Moritz Bleibtreu in "Elementarteilchen" in Berlin, 2007 einer für Nina Hoss in Christian Petzolds "Yella" und Drehbuchpreise für Fatih Akins "Auf der anderen Seite" in Cannes und beim Europäischen Filmpreis – und vor allem noch ein Oscar für Florian Henckel von Donnersmarcks Stasi-Drama "Das Leben der Anderen". (Und wer will, kann auch noch den für Stefan Ruzowitzkys "Die Fälscher" im Jahr 2008 hinzuzählen, auch wenn er für Österreich ins Rennen gegangen war.)

Der Rest des Eisbergs

Das Merkwürdige ist, dass all diese Preise ja immer nur die Spitze des Eisbergs sind und der Rest für die Weltöffentlichkeit unsichtbar bleibt. Dabei gibt es durchaus Regisseure, die über den Fluch des talentierten Erstlings hinausgekommen sind, der die meisten Karrieren hierzulande spätestens nach dem zweiten Film einholt: Am Prominentesten natürlich die von Tom Tykwer, dessen "Lola rennt" mit seiner kinematografischen Energie die neue Metropole Berlin filmisch verankerte und weltweit Wellen schlug und der mit der Bestseller-Verfilmung "Das Parfüm – Die Geschichte eines Mörders" und dem Thriller "The International" Anschluss an internationale Standards herstellt.

Aber auch jenseits des Weltmarktes gibt es Regisseure, die auf dem heimischen Markt nach einem Kino suchen, das überlebensfähig ist, ohne in gefällige Muster zu verfallen: Detlev Buck mit seinem verschrobenen norddeutschen Humor, Andreas Dresen mit seinem genauen Blick auf die ostdeutsche Wirklichkeit, Hans-Christian Schmid mit seinen zarten Erkundungen des Gefühls, Christian Petzold mit seinem fast französischen Blick auf die Welt, Helmut Dietl mit seinem Sinn für die klassische Komödie, Romuald Karmakar mit seinem detailversessenen Bohren in der Vergangenheit, Oskar Roehler mit seinem Totentanz der Gefühle, Rudolf Thome mit seinen unbeirrten Seelenerforschungen, aber auch Außenseiter wie Christoph Schlingensief, Herbert Achternbusch und Rosa von Praunheim mit ihrem radikalen Eigensinn, der gerade in Zeiten, als überall nur noch gefällige Beziehungskomödien zu entstehen schienen, dem deutschen Kino so etwas wie Reibungshitze bescherte.

Das Problem des deutschen Kinos bleibt weiterhin, dass es im Grunde nur einen einzigen Star besitzt, nämlich Til Schweiger, dessen Zugkraft von "Der bewegte Mann" bis "Keinohrhasen" ausreicht, um die Leute ins Kino zu locken. Und entsprechend bleibt vieles auf den deutschen Markt beschränkt: Auch die immensen Erfolge von Michael "Bully" Herbig, der in seinen Genre-Parodien wie "Der Schuh des Manitu" und "Lissi und der wilde Kaiser" ausgerechnet an Papas Kino zwischen Sissi und Winnetou anknüpft, gegen das der Autorenfilm einst Stimmung gemacht hatte. Zumindest so viel ist sicher im deutschen Kino: Geschichte wiederholt sich.
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