Auf einem Notebook ist die Startseite der deutschen Wikipedia vor einem Bücherregal zu sehen

23.11.2012 | Von:
Leonhard Dobusch

Formale Organisation und informale Gemeinschaft

Wikimedia und Wikipedia

Virulent wird das Problem, dass Wikipedia-Community und Wikimedia-Vereine nicht deckungsgleich sind, wenn es um Verteilung und Einsatz der Spendengelder geht. Denn die meisten Spenden werden über Aufrufe auf den Wikipedia-Seiten geworben, an denen Autoren aus einer Vielzahl an Ländern mitgewirkt haben. Besonders deutlich wird das am Beispiel der spanischen Wikipedia, an der mehr oder weniger die gesamte spanischsprachige Welt mitschreibt. Wie sollen die Gelder verteilt und eingesetzt werden, die über die spanische Wikipedia-Seite eingeworben wurden? Die nationale Verankerung der Wikimedia-Vereine hat aber auch Vorteile. Wikimedia Deutschland beispielsweise kann als gemeinnütziger Verein steuermindernde Spendenquittungen ausstellen, was der US-Foundation nicht möglich wäre.

Experimentieren beim Einbinden

Aber auch jenseits von Fragen der Mittelverwendung stellen sich immer wieder Fragen, die von der Wikimedia Foundation zu beantworten sind, gleichzeitig aber die gesamte Gemeinschaft der Beitragenden betreffen. So rief 2009 die Wikimedia Foundation alle Wikipedianer mit mehr als 25 Editierungen dazu auf, sich an einer Urabstimmung über die Neulizenzierung der gesamten Inhalte unter einer Creative-Commons-Lizenz zu beteiligen. Hintergrund dieser Neulizenzierung war, dass Wikipedia 2001 unter der GNU Free Documentation Lizenz gestartet worden war – einer Lizenz, die ursprünglich für Handbücher zu Freier und Open Source Software gedacht war. Creative Commons wurde erst knapp danach gegründet, hat sich aber inzwischen als Lizenzstandard für offene Inhalte im Internet jenseits von Software etabliert. Um es einfacher zu machen, Creative-Commons-lizenzierte Inhalte in die Wikipedia zu integrieren bzw. Wikipedia-Inhalte leichter mit anderen freien Inhalten kombinieren zu können, war die Neulizenzierung der Wikipedia-Inhalte erforderlich.

Juristisch war diese Neulizenzierung keineswegs unproblematisch, müssten doch eigentlich alle, die jemals zur Wikipedia beitragen haben, ihre Zustimmung dafür geben – bei Hundertausenden von Beitragenden seit 2001 ein Ding der Unmöglichkeit. Die Urabstimmung war der Versuch, eine möglichst große Legitimität für die Entscheidung zu erzielen. Von den 17.462 Wikipedianern, die an der Urabstimmung teilnahmen, sprachen sich letztlich 75,8 Prozent für und nur 10,5 Prozent gegen die Neulizenzierung aus.

Als 2011 die Community das nächste Mal zu einem konkreten Thema – der Einführung von optionalen Bilderfiltern für bestimmte sexuell oder religiös anstößige Inhalte – befragt wurde, fiel die Beteiligung mit 24.146 abgegebenen Stimmen noch größer aus. Im Unterschied zur Lizenzierungsfrage erntete die Wikimedia Foundation in diesem Fall jedoch viel Kritik dafür, dass nicht das "Ob" sondern nur das "Wie" von Bildfiltern in einer Art Umfrage erhoben wurde. Im Ergebnis führten Proteste, stark getragen auch von deutschsprachigen Wikipedianern, dazu, dass das Projekt "Bildfilter" vorerst zurückgestellt wurde.

Das jüngste Beispiel für eine Frage, die von der Foundation nur nach Einbindung der Community entschieden wurde, war jene nach der Beteiligung an den Protesten gegen die US-Internetgesetze SOPA und PIPA im Januar 2012.

Auch hier ging es weniger um das Ob und mehr um die Art des Protests: Reicht ein Protestbanner auf der Webseite oder soll die Wikipedia einen ganzen Tag abgeschaltet werden? Und sollte so ein "Wikipedia Blackout" auf die englische Wikipedia beschränkt sein oder alle Sprachversionen umfassen? Als nach ausufernden Wiki-Diskussionen zwar kein Konsens aber doch eine deutliche Mehrheit für eine Abschaltung absehbar war, traf am Ende die Wikimedia Foundation die Entscheidung zu einem auf die englische Wikipedia beschränkten Blackout. Gleichzeitig veranschaulichte die Schwierigkeit, via Wiki einen Konsens zu finden, dass das Fehlen von etablierten und unter den Wikipedianern akzeptieren Einbindungsverfahren vor allem dann problematisch ist, wenn rasche Entscheidungen gefragt sind.

Neustrukturierung am Horizont?

Alle drei Beispiele – die Urabstimmung über die Neulizenzierung, die Befragung zu Bildfiltern und die Diskussion über die Wikipedia-Abschaltung – haben gemeinsam, dass die Einbindung der Wikipedia-Community ad hoc und auf jeweils unterschiedliche Weise erfolgt ist. Die Experimentierphase ist also hinsichtlich Community-Partizipation an formalen Entscheidungsprozessen noch lange nicht zu Ende, steht doch eine strukturelle Verankerung von direktdemokratischen Mitbestimmungsverfahren noch aus.

Erschwert wird die Organisation von Beteiligung zusätzlich durch Spannungen im Verhältnis zwischen Wikimedia Foundation und lokalen Wikimedia-Vereinen. So kam es auf Vorschlag von Wikimedia-Geschäftsführerin Sue Gardner zu einer Zentralisierung des Fundraisings; nur noch vier Wikimedia-Chapter, unter ihnen der deutsche Wikimedia Verein, dürfen selbst Spenden über die offizielle Wikipedia-Seite sammeln und vorerst soll das auch keinen weiteren Chaptern erlaubt werden. Die Entscheidung über die Mittelverwendung erfolgt seither durch ein neues Gremium, das "Funds Dissemination Committee", das neben Chapter-Vereinen Mittel an andere Typen von Wikimedia-Einrichtungen sowie die Foundation selbst vergibt. Geplant ist auch Gelder an Gruppen zu vergeben, die sich nicht entlang geographischer sondern entlang thematischer Grenzen bilden. Möglich wäre damit zum Beispiel ein Esperanto-Verein, dessen Mitglieder über die ganze Welt verteilt sind. Die Höhe der vom Funds Dissemination Committee zu verteilenden Gelder ist beträchtlich. Alleine im Rahmen der Spendenkampagne 2011 erhielt die Wikimedia Foundation über 20 Millionen Dollar von über einer Million unterschiedlichen Spendern.

Die bestehenden Wikimedia-Vereine, allen voran wiederum Wikimedia Deutschland, stehen dieser Zentralisierung eher skeptisch gegenüber. Sie betonen die Vorteile dezentraler Strukturen wie die Steuerabsetzbarkeit von Spenden und kritisieren, dass es jenseits der Chapter bislang noch keine etablierten Wikimedia-Strukturen gibt. Auch um ihre Interessen gegenüber der Foundation besser vertreten zu können, wurde deshalb von Seiten der Chapter ein internationalern Chapter-Verein ("Chapter Association") gegründet. Ob dieser Chapter-Verein aber letztendlich als Gegengewicht zur Foundation taugt, ist noch nicht abzusehen. Denn die Macht der Foundation resultiert aus der Verfügungsgewalt über die Marke "Wikipedia". Diese zählt mittlerweile zu den bekanntesten und damit wertvollsten Non-Profit-Marken der Welt. Ironischerweise ist mit den Markenrechten ein "geistiges Eigentumsrecht" die zentrale Machtressource im Kontext einer Bewegung, die eben diesen Immaterialgüterrechten äußerst kritisch gegenübersteht und einen möglichst freien Zugang zu Wissen propagiert.

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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Leonhard Dobusch für bpb.de

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