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10.10.2012 | Von:
Mark Graham

Die Welt in der Wikipedia als Politik der Exklusion

Palimpseste des Ortes und selektive Darstellung

Das Wikipedia-Projekt verbucht für sich als unvorstellbaren Erfolg, von Freiwilligen erstellte Wissensangebote für praktisch jedermann kostenlos verfügbar zu machen. Weniger aber gelingt es ihm, den Nutzern die Lücken in der Darstellung zu vermitteln. Das Problem liegt teils in der Formulierung eines seiner Grundprinzipien begründet, des neutralen Standpunkts. In der englischen Wikipedia werden die Bearbeiter angehalten, "Tatsachen wiederzugeben, wozu auch Fakten über Meinungen gehören – nicht aber die Meinungen selbst." Diese Regel mag bei zahlreichen Artikeln sinnvoll sein – etwa über die Anatomie der Fische, über Colibakterien oder einen bestimmten Fußballclub –, nicht aber zwangsläufig auch bei Artikeln über Orte. Die zahllosen Möglichkeiten, ökonomisches, soziales und politisches Gelände auszuloten, bedeuten, dass Artikel, die zu den Palimpsesten der Orte beitragen, zwangsläufig nur selektive Aspekte auf selektive Weise darstellen können.

Die Debatten und Bearbeitungskriege ("Edit-Wars"), die um die Darstellung höchst umstrittener Orte geführt werden, sind zweifellos wichtig (siehe Palästina oder Londonderry); doch sind es gerade die Darstellungen eher "alltäglicher" Orte, die nicht im Brennpunkt der Auseinandersetzung stehen, die den meisten solcher Verzerrungen ausgeliefert sein können. Zudem, Neben der Erkenntnis, dass es wichtig ist, die Machtbeziehungen im Blick zu behalten, die der Darstellung von Orten innewohnen, sollten wir nicht vergessen, dass große Teile der Erde noch gar nicht abgebildet sind.

Über manche Orte liegt schlicht nichts Schriftliches vor, andere sind nur unter bestimmten (z.B. sprachlichen) Voraussetzungen zugänglich; selbst dort, wo ein Ort (auch in der richtigen Sprache) vertreten ist, können viele Merkmale durchaus in den virtuellen Palimpsesten verhüllt und unsichtbar bleiben. Auslassungen und Lücken in virtuellen Darstellungen sollten unbedingt mehr ins Zentrum des Diskurses über die digitale Kluft gerückt werden. Manch frühere Arbeit hat gezeigt, dass Klüfte dort entstehen können, wo die Verbindung zwischen Mensch, Technologie und Information fehlt. Klar ist allerdings, dass die digitale Kluft mehr als eine Frage des Zugangs ist. Es sind daher die vielen anderen Faktoren zu bedenken, die Menschen und Orte von digitalen Palimpsesten ausschließen. Wikipedia-Artikel wie auch die konkreten Orte und Ereignisse, die dargestellt werden sollen, sind zwangsläufig stets im Werden. Um also die zahlreichen Dimensionen der Asymmetrie in der Repräsentation aufzugreifen, müssen wir uns des Fehlenden ebenso bewusst sein wie des Abgebildeten. Dazu entscheidend beitragen könnten bessere Richtlinien zur Aufnahme oder zum Ausschluss der vielen Aspekte von Orten ebenso wie transparentere Verfahren zum Aufweisen von Unausgewogenheiten. Anders ausgedrückt: Statt immer wieder zu behaupten, uns würden die Themen ausgehen, oder Wikipedia habe den Planeten mit einer Deckschicht von Information überzogen, sollten wir uns eher der Mechanismen bewusst sein, wie sich die zahlreichen Machtbeziehungen und Gräben der realen Welt oftmals mit der Ausblendung bestimmter Arten von Wissen aus der digitalen Repräsentation verbinden. Das Fehlende in den digitalen Palimpsesten der Orte ist von entscheidender Bedeutung, weil es unsere Auslegung der Welt und damit letztendlich unsere Interaktion mit ihr beeinflusst. Dies sind ganz entscheidende Dinge, denn man kann sich denken, dass in den Palimpsesten der Orte nicht nur viele "ausgelassen" werden; auch werden, wie es die Columbia-Professorin für Literaturwissenschaft Gayatri Spivak ausdrückt,http://en.wikipedia.org/wiki/Gayatri_Chakravorty_Spivak die Subalternen selbst in den vorhandenen Repräsentationen sprachlos und damit ungehört bleiben. Alles Wissen stellt sich in Beziehung zu Auslassungen, Fehlendem und Asymmetrien dar; so gibt es in Wikipedia zwangsläufig Orte, die nicht abgebildet, und Menschen, die nicht gehört werden. Was aber am meisten beunruhigt: Aufgrund der Öffentlichkeitswirkung der Wikipedia wird sich diese westliche Dominanz in der Repräsentation und Hörbarkeit wohl in unzähligen sozial-räumlichen Praktiken weltweit stets auf neue herstellen und reproduzieren. Eben dies müssen wir als Unausgewogenheit in Repräsentation und Ausdrucksmöglichkeiten bloßstellen.

Für Wikipedia gibt es gewaltige Potenziale, die Teilhabe am Aufbau von Wissen zu ermöglichen und die etablierte Klammer zwischen global zugänglichen Darstellungen und der hegemonialen Kraft herrschenden westlichen Wissens zu lösen. Die Wissensplattform, in fast 280 Sprachfassungen verfügbar, ermöglicht marginalisierten Gruppen theoretisch, sich bei Produzenten und Nutzern von Information weltweit Gehör zu verschaffen. Dabei ist eines wichtig: Wir sollten nicht überschätzen, wie die Enzyklopädie die digitale Repräsentation demokratisiert hat, und uns bei den Palimpsesten der Orte stets der Asymmetrien in Geografie, Informationsflussrichtung und Politik bewusst sein.

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Bei dem Beitrag handelt es sich um eine gekürzte und aus dem Englischen übersetzte und bearbeitete Fassung, zuerst erschienen in: "Geert Lovink and Nathaniel Tkacz (Hrsg.): Critical Point of View: A Wikipedia Reader". 2011

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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-SA 3.0 DE - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Mark Graham für bpb.de

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