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Mikrofonpult

9.12.2016 | Von:
Gerhard Vowe
Philipp Henn

Leitmedium Fernsehen?

Erosion der Vormachtstellung

Wohlfühlen im Internet(@picture alliance / ZB)Die ersten Worte. (© picture-alliance/beyond/Kalle Singer)


Insgesamt zeigt sich, dass das Fernsehen nach wie vor einen großen Stellenwert für die öffentliche Kommunikation hat. Unter den verschiedenen Aspekten zeigen sich beeindruckende Befunde. Schaut man aber genauer hin, so deuten einige Indikatoren auf eine Erosion dieser Vormachtstellung. Die wichtigsten drei Indikatoren sind:
  • Zuwendung jüngerer Kohorten (Jahrgängen/Altersgruppen) zum Internet
  • Verschiebungen in den Präferenzen der Rezipienten
  • Wechsel in der öffentlichen Aufmerksamkeit.
Das Fernsehen hat für die jüngeren Kohorten nicht die Bedeutung, die es früher einmal in den jeweiligen Altersgruppen hatte. Die Nutzung nimmt im Vergleich zu früheren Kohorten ab: Jugendliche verbringen mittlerweile mehr Zeit mit dem Internet als mit Fernsehen [23]. Hierbei ist jedoch zu beachten, dass Parallelnutzung und Nutzung von Fernsehangeboten über das Netz methodische Probleme aufwerfen [24].

Es geht jedoch nur ein Teil der im Internet verbrachten Zeit auf Kosten der Fernsehzeit; der Großteil kommt durch die Ausdehnung der Medienzeit insgesamt zustande. Folglich nimmt die Dauer der Fernsehnutzung auch bei diesen Altersgruppen nicht rapide ab. Aber selbst wenn dort ferngesehen wird, dann sieht man anders fern, als es früher der Fall war. Und die Prioritäten haben sich verschoben: In der Medienwelt dieser Generation steht das Internet ganz oben, erst danach kommt das Fernsehen (siehe Abb. unten).

Durchschnittliche tägliche Nutzungsdauer junger Menschen im Vergleich zur GesamtbevölkerungDurchschnittliche tägliche Nutzungsdauer junger Menschen im Vergleich zur Gesamtbevölkerung (2015). Quelle: Engel/Breunig 2015, S. 312; (PDF-Icon Grafik als PDF zum Download) Bitte klicken Sie auf das Bild, um die Grafik zu öffnen. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)


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Ergebnisse von Befragungen

Grundsätzlich müssen Befragungen zur Mediennutzungsdauer mit Vorsicht betrachtet werden. In der Regel handelt es sich um Selbstauskünfte der Befragten, die grob einschätzen sollen, wie häufig oder lange sie bestimmte Medien nutzen. Neben der schlechten Erinnerungsleistung werden die Ergebnisse dabei auch durch Effekte sozialer Erwünschtheit verzerrt: Niemand gibt beispielsweise gerne zu, dass sie oder er viele Stunden am Tag zur bloßen Unterhaltung vor dem Fernseher sitzt.

Für Onlinemedien kommt eine weitere Mess-Schwierigkeit hinzu: Was genau soll unter "Online-Mediennutzung" fallen? Nur die aktive Nutzung von traditionellen Webseiten? Oder auch z. B. die mobile Nutzung von Sozialen Netzwerken wie Facebook oder Apps wie Snapchat auf dem Smartphone? Wenn letzteres mitgerechnet wird, dann gibt es für viele jüngere Leute kaum noch eine Zeit am Tag, in der sie nicht online sind ("permanently online, permanently connected", Vorderer 2015).

Außerdem kann man zunehmend in Frage stellen, ob die Unterteilung in Fernsehen und Internet aus inhaltlicher Perspektive noch sinnvoll ist: Inhalte aus dem Fernsehprogramm können über Mediatheken, Streamingdienste und Videoplattformen online angeschaut werden. Und Online-Inhalte, wie z. B. häufig angeklickte Videos, schaffen es ins reguläre Fernsehprogramm. Zu wissen, wer wie lange ein bestimmtes Medium nutzt, sagt uns also noch nicht unbedingt etwas darüber, was derjenige dabei genau konsumiert.

Dies ist kein kurzfristiger Ausreißer, sondern ein langfristiger Trend. Die nachrückenden Kohorten wenden sich vom Fernsehen ab, und sie wenden sich vor allem anderen Medien zu. Ihre Aufmerksamkeit wird von anderen Angeboten gefesselt, insbesondere von den Sozialen Netzwerken. Diese Verschiebungen sind nicht so zu erklären, dass sich die Rezipienten erst dem Fernsehen zugewandt und dann wieder abgewandt hätten. Vielmehr sind diese Gruppen in einer Medienwelt groß geworden, in der die Stellung des Fernsehens bereits relativiert war: Für die Digital Natives stehen Online-Medien selbstverständlich an erster Stelle und dabei wird es bleiben. Diese Kohorten werden nicht wieder in eine Kultur des linearen Fernsehens zurückfinden, wenn sie älter geworden sind, sondern sie werden ihre eigenen Nutzungsformen auf der Basis von Online-Medien entwickeln.

Das bedeutet: Je älter diese Kohorten werden und je mehr weitere Jahrgänge nachwachsen, die wiederum andere Nutzungsformen entwickelt haben, desto stärker wird der Rückgang des "klassischen" Fernsehens sein. Vorgezeichnet hat diese Entwicklung der sich beschleunigende Rückgang des Einflusses der Presse, aber auch der klassischen Tonträger und des klassischen Spielfilms. Aber nicht nur bei den "Digital Natives" zeigt sich eine Verschiebung in den Präferenzen: Es ist also absehbar, wann die Präferenzreihung sich auch insgesamt verschiebt.

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Wichtigste Informationsquellen der 14- bis 29-Jährigen

  • 33 % der 14- bis 29-Jährigen geben als wichtigste Informationsquelle das Internet an
  • 25 % das Fernsehen
  • 20 % die Zeitung
  • 11 % das Radio.
  • 30 % der Gesamtbevölkerung nennen noch das Fernsehen als ihre wichtigste Informationsquelle,
  • 25 % die Zeitung,
  • 19 % das Radio
  • 18 % das Internet. (vgl. Hasebrink/Schmidt 2013, S. 4)

Doch nicht nur für die aktuelle Information und für die Hintergrundberichterstattung, für andere Bereiche ist es ebenfalls eine Frage der Zeit, bis das Fernsehen hinter das Internet zurückfällt, also für Unterhaltung, Werbung oder Public Relations. Auch die Bindung der Rezipienten an einzelne Programme und Formate ist heute wesentlich schwächer, als sie es früher war. Und schließlich verändern sich auch die Nutzungsstile: Fernsehen hat vielfach auch für Ältere die Funktion eines Begleitmediums übernommen – ein visuelles Radio. Damit wird dem Fernsehen von den Rezipienten nicht mehr die Bedeutung zugeschrieben, wie es früher der Fall war. Das ist mit weniger und kürzerer Aufmerksamkeit verbunden. Folglich verliert das Fernsehen an Attraktivität für Werbung und das untergräbt wiederum seine finanzielle Basis. Allerdings ist von diesen Verschiebungen die Presse in viel größerem Ausmaß bedroht. Anders als beim Fernsehen müssen hier die Anbieter um ihr Überleben fürchten und sich auf rasch schrumpfende Anteile auf allen relevanten Märkten einstellen.

Mit dieser Entwicklung einher geht ein Wechsel in der öffentlichen Aufmerksamkeit generell. Der Fokus hat sich insgesamt vom Fernsehen auf die Online-Medien verschoben. In der Öffentlichkeit wird wesentlich intensiver verfolgt, was sich in den Online-Medien tut, als was im Fernsehen geschieht. Damit geht auch einher, dass Medientalente und auch Forschungskapazitäten vom Online-Bereich stärker angezogen werden. Das bereitet den Boden für weitere grundlegende Innovationen, die wiederum öffentlich thematisiert werden.

Umgekehrt geschieht folgendes: Das Fernsehen, seine Protagonisten und Organisationen, gewöhnt daran, im Mittelpunkt gesellschaftlicher Aufmerksamkeit zu stehen, werden auf die Plätze verwiesen. Dies ist mit tiefen Kränkungen verbunden, die Kreativität eher hemmen als hervorrufen. Damit gerät das Fernsehen in eine Abwehrhaltung. Das hat dann eine weitere Abwendung vom Fernsehen zur Folge. In diesem Zusammenhang verliert Fernsehen in der Öffentlichkeit generell an Bedeutung. Ihm wird nicht mehr die Kraft zugesprochen, eine Gesellschaft zu binden, zu informieren, zu strukturieren. Fernsehen hat sich zwar ausgedehnt – in der Fülle der Angebote, über den ganzen Tag und bis in die letzte Einöde. Dabei hat es aber an Konturen verloren. Dies ist eine innere Erosion, nicht zuletzt der zugeschriebenen publizistischen Bedeutung, also der Bedeutung für die öffentliche Meinungsbildung.

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"Gefühlte Erosion"

Ein Leitmedium wird dadurch zum Leitmedium, dass ihm Funktionen und Bedeutungen zugeschrieben werden. Je mehr sie ihm nicht mehr zugeschrieben werden, desto mehr verliert es diesen Status. Es ist also eine "gefühlte Erosion" (Bedeutungsabnahme) zu beobachten, aber gerade dies ist eine soziale Tatsache. (vgl. Thomas/Thomas 1928)

Fazit: Schrumpfen und Lernen

Nach wie vor ist das Fernsehen ein Medium von großem Einfluss. Aber das Fernsehen trägt nicht mehr wie selbstverständlich die Krone der Medienwelt. In Gestalt der Online-Medien ist ihm auf dem Rezipienten-, dem Werbe- und dem Inhaltemarkt eine mächtige Konkurrenz erwachsen. Zwar sind die einzelnen Online-Angebote nicht in der Lage, das Fernsehen zu ersetzen. Aber in der Gesamtheit beginnen sie, das Fernsehen aus der Rolle des Leitmediums zu drängen und Funktionen zu übernehmen, wie beispielsweise die Erinnerung durch Bilder zu prägen. Noch hat sich keine Arbeitsteilung herausgebildet, wie dies früher zwischen Presse und Fernsehen oder zwischen Hörfunk und Fernsehen der Fall war.

Sicherlich wird das Fernsehen nicht verschwinden; die über Jahrzehnte gewachsene Größe und die eingeschliffenen Gewohnheiten garantieren den Fortbestand. Das Riepl'sche Gesetz [25] konstatiert, dass einmal eingeführte Medien auch unter veränderten Bedingungen weiter bestehen. Aber sie müssen sich den veränderten Bedingungen anpassen sowie Form und Funktion ändern. So ist selbst der Steintafel ein "Überleben" als Grabstein und als Denkmal vergönnt. Auch Zeitungen und Radio sind nicht verschwunden, obgleich das Fernsehen eine übermächtige Konkurrenz darstellte. Sie haben überlebt, weil sie sich gewandelt, sich mit dem Verlust der Vormachtstellung arrangiert, ihre Funktionsnische gefunden und ihre Formen gewandelt haben.

Was wird aus dem Fernsehen?

Auch das Fernsehen wird sich damit abfinden müssen, seinen bisher erfolgreichen Weg nicht mehr einfach nur fortsetzen zu können. Fernsehen wird eingebettet in Medienrepertoires und bestimmt nicht mehr dieses Repertoire. Es wird sich in die veränderte Medienlandschaft ein- und an eine von Online-Medien dominierte Welt anpassen. Es wird unter den veränderten Bedingungen schrumpfen und lernen müssen: Selbst wenn sich das Fernsehangebot gerade durch die Digitalisierung weiter ausdehnt, wird die Bedeutung des Fernsehens sinken. Und Fernsehen wird sich verändern müssen, wie sich auch das Radio verändert hat.

Fernsehen sollte sich also der veränderten Medienlogik anpassen: Es muss flexibler, pluraler, schneller, emotionaler werden. Es wird neue Mischformen mit Online-Medien geben, wie z. B. Web-TV, Videoplattformen, Internet-TV (IPTV), Video on Demand, Mediatheken, Online-Ableger der Fernsehanbieter, durch die Fernsehanbieter gewünschte und gesteuerte Bildung von virtuellen Gemeinschaften rund um Sender und Formate, Übernahme von Online-Ästhetik in das Fernsehen [26]. Es wird eine stärkere Integration von Sozialen Netzwerken wie Twitter und Facebook ins Fernsehprogramm geben (Social TV), und umgekehrt wird Fernsehen stärker eingebettet in Online-Angebote. Die Parallelnutzung wird zunehmen. In dem Maße, in dem einzelne Fernsehanbieter oder Teile von Fernsehanbietern lernen, werden sie weniger schrumpfen müssen, als andere Teile, die nicht bereit sind, sich im erforderlichen Maße zu wandeln.

Und so wird das Spektrum von Fernsehen breiter – zugleich wird es durch die Ausdehnung der Grauzone konturloser. Im Zuge der Konvergenz verschiedener Dienste und Geräte, wie z. B. die Entwicklung von Fernseher, Computer, DVD- und Blu-ray-Spieler sowie Spielkonsole zu multifunktionalen Entertainment- und Informationssystemen, verliert das Fernsehen den Status des Leitmediums: Stattdessen wird Fernsehen der massenmediale Teil von neuen Hybridmedien.

Fußnoten

23.
Vgl. Best/Engel 2016, van Eimeren/Frees 2012 und ARD-ZDF-Onlinestudie 2014, Mediennutzung http://www.ard-zdf-onlinestudie.de/index.php?id=483.
24.
Siehe z. B. Best/Breunig 2011; Breunig 2007.
25.
Riepl 1913, S. 4.
26.
Siehe z. B. Sewczyk/Wenk 2012.
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