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Dossierbild Migration

15.3.2005 | Von:
Jan Schneider

Die Geschichte der Russlanddeutschen

Gelungene Integration

Gedeckter Tisch in der Wohnung von Juliana D.Gedeckter Tisch in der Wohnung von Juliana D. (© Susanne Tessa Müller)
Bis Mitte des 19. Jahrhunderts hatte sich die Integration der Deutschen in die russische Gesellschaft peu à peu verbessert. Ihre Bezirke waren fester Bestandteil des gesamt-russischen Marktes, der Getreideanbau und -handel im Schwarzmeergebiet lag hauptsächlich in deutscher Hand. Die zahlreichen Handwerker, die in urbane Gebiete gezogen waren, wurden dort akzeptiert und wegen ihrer Fähigkeiten geschätzt. Im Allgemeinen waren die Deutschen wirtschaftlich mindestens genauso gut gestellt wie ihre russischen Landsleute ? viele sogar deutlich besser. Dies wussten sie zu schätzen und dankten es ihrem Landesherrn mit Loyalität und Untertanengeist. Das hohe Maß an gesellschaftlicher Integration zeigte sich z.B. auch daran, dass die deutschen Kolonien im Krimkrieg Geld, Lebensmittel und Futter spendeten und den russischen Truppen logistische und medizinische Hilfe leisteten.

Dennoch waren sie nicht assimiliert. Wichtige Faktoren standen einer "Russifizierung" der Deutschen entgegen: das Selbstverwaltungswesen der Rayons und vor allem das autonome Religions- und Schulwesen. Schon das Einladungsmanifest der Zarin hatte nämlich die freie Religionsausübung vorgesehen. Mennoniten, Lutheraner und Katholiken nutzten diese Freiheit von Beginn an zum Bau von Kirchen und Bethäusern. Innerhalb der Gemeinden gab es schon im 18. Jahrhundert die Kirchenschulen. Ihr Sinn und Zweck bestand primär darin, durch Religionsunterricht auf das Leben in der Gemeinde vorzubereiten.

Die Schüler lernten Lesen und Schreiben, hauptsächlich anhand von Bibeltexten. Bis zum Ende des Jahrhunderts hatte sich ein eigenes deutsches Schulwesen mit ausgebildeten Lehrern und eigenem Lehrmaterial entwickelt. In einigen staatlich unterstützten Schulen gab es sogar Russisch als zweite Unterrichtssprache. Die zweisprachigen Schulen waren meist Zentralschulen ? weiterführende, oft als Internat betriebene Einrichtungen, die zum Ziel hatten, Lehrer und Gemeindeschreiber heranzubilden. Ein Beleg für die hohe Bildungsintegration ist die Tatsache, dass die Deutschen bei der Volkszählung 1897 die niedrigste Analphabetenquote unter den verschiedenen Nationalitäten hatten.

Bedrängung und "Deutsche Frage in Russland"

Die Stellung der Deutschen als willkommene und privilegierte Minderheit ging jedoch ab den 1870er-Jahren langsam verloren. Nachdem Russland den Krimkrieg verloren hatte, versuchte Zar Alexander II. mit verschiedenen Reformen, das Reich zu stärken. 1871 wurden fast alle Privilegien der Kolonisten aufgehoben. Bis dahin hatte es z.B. Steuerfreiheit gegeben. Weitere drei Jahre später wurden die Kolonisten sogar wehrpflichtig. Zwar erstritten sich die Mennoniten aufgrund ihres Postulates der Gewaltlosigkeit das Recht, einen Ersatzdienst abzuleisten, dennoch wanderten bis 1880 rund 15.000 von ihnen nach Übersee aus.

Eine zweite Entwicklung war die panslawistische Propaganda in Russland. Das Verhältnis zum Deutschen Reich hatte sich seit dem Berliner Kongress 1878 verschlechtert, während sich der Landbesitz der Kolonisten weiter vergrößert hatte. Das Misstrauen angesichts dieser Entwicklung führte schließlich dazu, dass die Slawophilen die Gefahr einer Germanisierung einiger Gouvernements in Wolhynien heraufziehen sahen. Deshalb stellten sie öffentlich die "Deutsche Frage in Russland". Im Fremdengesetz von 1887 wurde daraufhin den Deutschen verboten, in diesen Gebieten Land zu kaufen oder zu pachten. Bis zur Jahrhundertwende war auch das anfangs unabhängige deutsche Schulwesen vollständig russifiziert ? die einstmalige Autonomie der Russlanddeutschen sehr stark beschnitten.


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