Dossierbild Migration

15.3.2005 | Von:
Jan Schneider

Die Geschichte der Russlanddeutschen

Erster Weltkrieg und russische Revolution

In der deutschfeindlichen Stimmung während des ersten Weltkrieges wurden die sog. Liquidationsgesetze erlassen. Danach mussten alle Deutschen innerhalb eines etwa 150 km breiten Grenzstreifens im Westen und Südwesten des Reiches vertrieben werden. Weil man Kollaboration mit den Deutschen befürchtete, ließ Russland die deutschstämmigen Wehrpflichtigen in der russischen Armee an der Kaukasusfront im Südosten kämpfen. Für 1917 existierten Pläne, die Liquidation auf den ganzen europäischen Teil des Reiches auszudehnen. Doch die Russische Revolution kam dieser Maßnahme zuvor und veränderte die Bedingungen erneut.

Blumenarrangement in der Wohnung von Juliana D.Blumenarrangement in der Wohnung von Juliana D. (© Susanne Tessa Müller)
In den wirren Bürgerkriegsjahren zwischen 1918 und 1921 waren die deutschen Kolonisten stark von Missernten, Hungertod und Überfällen auf ihr Hab und Gut betroffen und an den Rand ihrer Existenz gebracht worden. Einen echten Neubeginn stellte dann die Umwandlung der sog. Arbeitskommune an der Wolga in eine Autonome Sozialistische Sowjetrepublik (ASSR) der Wolgadeutschen im Jahre 1924 dar. Deutsch durfte Amts- und Unterrichtssprache werden, was für sich allein schon eine äußerst positive psychologische Wirkung hatte. In den autonomen Gebieten war es den Deutschen auch erlaubt, ihr eigenes Bildungswesen zu reanimieren und auszubauen. Dies führte dazu, dass in den ebenfalls neu gegründeten Rayons der Ukraine und in der Wolgarepublik ein nahezu perfektes Grund- und Mittelschulsystem entstand, das bis zum Anfang der 1930er-Jahre um fünf Hochschulen und über 20 Fachhochschulen ergänzt wurde.

Trotz dieser Freiheiten entgingen jedoch auch die Russlanddeutschen ab 1928/29 der großen Kollektivierungswelle in der Landwirtschaft nicht. Ab 1928 ging man im atheistisch-stalinistischen Staat auch gegen die verschiedenen deutschen Religionsgemeinschaften vor, bis hin zu deren Verbot. Nachdem in Deutschland die Nationalsozialisten die Macht ergriffen hatten, wurden alle Deutschen in Russland unbemerkt auf Listen erfasst. Aus allen Rayons wurde fortan von willkürlichen Verhaftungen berichtet, nachdem Deutsche der Spionage, der Propaganda für eine auswärtige Macht oder anderer staatsfeindlicher Delikte angeklagt worden waren.

Deportation und Zwangsarbeit ab 1941

Erlass des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR vom 28. August 1941Erlass des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR vom 28. August 1941
Unmittelbar nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion erließ das Präsidium des Obersten Sowjets der UdSSR ein Dekret "Über die Umsiedlung der in den Rayons des Wolgagebiets lebenden Deutschen". Dieser Erlass bedeutete den Beginn der größten Odyssee in der Geschichte der Russlanddeutschen. Er stellte alle Deutschen unter die Pauschalanklage, "zehntausende von Spionen und Diversanten" zu decken und sah aus diesem Grund vor, alle Wolgadeutschen "in andere Rayons" nach Westsibirien und Nordkasachstan zu deportieren.

Nur mit dem Nötigsten an Lebensmitteln und Kleidung wurden sie in Güterwagen und zum Teil per Schiff nach Osten transportiert. Der Umsiedlung der Wolgadeutschen folgte die Deportation der Deutschen aus den Städten Moskau und Leningrad (St. Petersburg), dem Nordkaukasus und den transkaukasischen Republiken. Insgesamt wurden nach Schätzungen über 900.000 Menschen deportiert.

Nach Ankunft in den entlegenen sibirischen und kasachischen Rayons wurde die arbeitsfähige männliche Bevölkerung in die sog. Arbeitsarmee einberufen. Schwere körperliche Arbeit beim Holzfällen, in den Kohlegruben und beim Eisenbahnbau kostete viele das Leben oder ihre Gesundheit. Auch die deutschstämmigen Soldaten, die zu Beginn des Krieges in der russischen Armee gekämpft hatten, wurden in Bau-Bataillone und Arbeitskolonnen zur Zwangsarbeit eingeteilt. Später zog man sogar Frauen zur Arbeit heran. Alle Deportierten, die nicht kaserniert als Arbeitsarmisten lebten, wurden in sog. Sondersiedlungen geschickt, die unter Aufsicht des Inlandsgeheimdiensts standen.

In den beengten und teilweise menschenunwürdigen Unterkünften lebten noch nach Kriegsende rund eine Million Deutschstämmige, deren Verbannung 1948 auf Dauer festgeschrieben wurde. Erst nach dem Besuch Konrad Adenauers 1955 wurden sie amnestiert und aus den Sondersiedlungen entlassen. Ihre neuen Siedlungen waren jedoch auf wenige Gebiete östlich des Ural beschränkt.

Irma E. aus Kasachstan, lebt seit 1992 in Deutschland.Irma E. aus Kasachstan, lebt seit 1992 in Deutschland. (© Susanne Tessa Müller)
Deutsche, die bei Kriegsausbruch aufgrund früherer Umsiedlungen und Vertreibungen bereits in Westsibirien und Kasachstan lebten, wurden nicht erneut umgesiedelt. Sie standen unter lokaler Kommandantur, d.h. sie mussten sich in regelmäßigen Abständen bei den Behörden melden und durften ihre Wohnorte nicht verlassen.

Wie viele Russlanddeutsche letztlich in den Sondersiedlungen oder auf dem Weg dorthin umgekommen sind, ist jedoch bis heute nicht völlig geklärt. Offizielle Zahlen nennen 45.000 Tote, einschließlich der auf natürlichem Wege Gestorbenen, was von einigen Forschern als zu niedrig eingeschätzt wird.

Aussiedlung in die Bundesrepublik

Fest des Lyra e.V. - Verein zur Förderung der Integration für deutsche Aussiedler und SpätaussiedlerFest des Lyra e.V. - Verein zur Förderung der Integration für deutsche Aussiedler und Spätaussiedler (© Susanne Tessa Müller)
Die deutschstämmige Bevölkerung in der Sowjetunion wurde politisch und rechtlich nie völlig rehabilitiert. Erst 1964 ließ die sowjetische Führung offiziell den Pauschalvorwurf der Kollaboration mit dem Feind fallen. Dennoch wurde die Politik einer weitgehenden schulischen und kulturellen Russifizierung fortgesetzt; der Wunsch nach Wiedererrichtung einer autonomen deutschen Republik an der Wolga hatte keinerlei Chancen auf Verwirklichung. Obwohl sich die Situation in den 1960er- und 70er-Jahren graduell verbesserte, bestand in vielen Teilen der deutsch-russischen Bevölkerung der Wunsch, in die Bundesrepublik auszureisen.

In den ersten zwanzig Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg hatten Deutschstämmige jedoch kaum Chancen, die Sowjetunion zu verlassen. Die Zahl der Aussiedler erhöhte sich erst, nachdem Michael Gorbatschow Generalsekretär der KPdSU geworden war und seine Reformen auch in humanitären Bereichen zu wirken begannen. Mit der Öffnung der Grenzen 1989 stieg die Anzahl der Aussiedler dramatisch an. Zwischen 1990 und 2000 reisten jährlich jeweils über 100.000 Menschen als Aussiedler in die Bundesrepublik ein, 1993 bis 1995 sogar jeweils über 200.000. Bis Ende 2004 sind insgesamt rund 2,5 Millionen Menschen als Aussiedler, Spätaussiedler oder deren Angehörige aus der Sowjetunion bzw. ihren Nachfolgestaaten zugewandert. Das Bild der deutschen Gesellschaft haben diese Migranten nachhaltig verändert.


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