Koffer

13.7.2017 | Von:
Rita Sanders

Russlanddeutsche transnational

Die meisten Russlanddeutschen kamen vor über 25 Jahren aus Russland, Kasachstan und Kirgistan nach Deutschland. Welche Bedeutung haben die alten Heimatorte für sie heute? Wie intensiv werden dorthin noch Beziehungen gepflegt? Und gibt es Russlanddeutsche, die zurückkehren möchten?

Russlanddeutsche vor ihrem Haus in Kasachstan.Russlanddeutsche vor ihrem Haus in Kasachstan, 04.06.1993. (© picture-alliance)

Man spricht von Transnationalität, wenn soziale Beziehungen und Gefühle von Zugehörigkeit nicht auf ein Land beschränkt sind, sondern über staatliche Grenzen hinweg gepflegt oder auch nur empfunden werden. Damit kann einhergehen, dass einige Menschen zwischen zwei Staaten pendeln.

In der Regel ist ein transnationaler Lebensstil bei Migranten aus dem Gebiet der ehemaligen UdSSR – im Nachfolgenden Russlanddeutsche genannt – weniger ausgeprägt als zum Beispiel bei Einwanderern aus der Türkei oder Italien. So reisen Russlanddeutsche weniger häufig in ihre alte Heimat, gründen seltener transnationale Unternehmen, sprechen mit ihren Kindern oftmals nur Deutsch und empfinden sich insgesamt als gut integriert in die deutsche Gesellschaft. Dies bedeutet im Umkehrschluss jedoch nicht, dass transnational lebende Menschen in die jeweiligen Gesellschaften weniger integriert sind.

Gründe für eine transnationale Lebensweise

Dass Transnationalität bei Russlanddeutschen weniger ausgeprägt ist, hat mehrere Gründe, die mit der Migrationsentscheidung und dem Ablauf der Migration zusammenhängen. Die meisten Russlanddeutschen migrierten in den späten 1980er und frühen 1990er Jahren – also kurz vor bzw. nach dem Zusammenbruch der UdSSR im Jahr 1991. Auch wenn die meisten Migranten nicht wussten, wie sie in der BRD leben würden, empfanden doch viele von ihnen Deutschland bereits vor ihrer Ankunft als Heimat. Solch ein Heimatgefühl wurde sicherlich mit ihren deutschsprachigen Vorfahren verbunden und entwickelte sich häufig Hand in Hand mit dem Entschluss auszuwandern. Dies wie auch die seitens der BRD gewährte schnelle Einbürgerung führten dazu, dass Familien (und häufig sogar Großfamilien) gemeinsam migrierten und nicht – wie oft in anderen Migrationsprozessen – zunächst einzelne Familienmitglieder.

Hinzu kam, dass sich die Situation in den Herkunftsorten in Sibirien, Kasachstan und Kirgistan durch den politischen und wirtschaftlichen Umbruch nach 1991 unerwartet drastisch verschlechterte. Vielerorts kam es zu großen infrastrukturellen Einschränkungen, sodass insbesondere in ländlichen Regionen die Versorgung mit Trinkwasser und Strom oft nur noch stundenweise sichergestellt werden konnte. Auch Telefon- und Postverbindungen wurden an vielen Orten eingestellt. Russlanddeutsche, die in dieser Zeit auswanderten, konnten sich oftmals kaum vorstellen, jemals wieder in ihre alte Heimat zurückzukehren. Sie verkauften ihr Hab und Gut und verabschiedeten sich für immer von ihren Familien und Freunden. Dass sich soziale Kontakte mit der Verbreitung von Internet und Mobilfunknetzen innerhalb nur weniger Jahre ändern würden, ahnte man damals zu Beginn der 1990er Jahre noch nicht.

Beziehungen zu nicht-migrierten Familienangehörigen

Transnationale Verbindungen sollten jedoch nicht nur aus der Perspektive der Migranten betrachtet werden. Es sollten auch diejenigen mit einbezogen werden, die bleiben und nicht auswandern. Im Falle der Russlanddeutschen fühlten sich viele von ihren Verwandten in Deutschland allein gelassen.

In den 1990er Jahren brach das Wirtschaftssystem zusammen und für die überwiegende Zahl der Menschen verringerte sich der gewohnte Lebensstandard spürbar. Viele erwarteten materielle und auch emotionale Unterstützung von ihren in Deutschland lebenden Angehörigen, die dann jedoch zumeist ausblieb.

Den russlanddeutschen Migranten war es auf der anderen Seite häufig unangenehm, zugeben zu müssen, dass sie noch keinen Arbeitsplatz gefunden hatten und sich die Integration in Deutschland zunächst schwieriger darstellte, auch weil ihre gefühlte deutsche Identität von den Einheimischen oft nicht akzeptiert wurde.

Für sehr viele Russlanddeutsche ist familiäre Unterstützung ein besonders wichtiger Wert, sodass die abgebrochenen transnationalen Beziehungen oft mit Scham verbunden sind. Das erschwert eine Wiederbelebung des Kontakts, auch wenn diese dank des Internets heute einfacher ist. Nicht selten bringt die jüngere, mit den sozialen Netzwerken vertraute Generation – Einwanderer also, die als Kinder nach Deutschland gekommen sind – auch die älteren Generationen wieder transnational in Kontakt.

Rückkehr in die "alte Heimat"?

Eine Rückkehr in die alte Heimat (Remigration) ist bei Russlanddeutschen vergleichsweise selten, weil die meisten Russlanddeutschen inzwischen gut in Deutschland integriert sind. Es liegt aber auch darin begründet, dass sich die Heimatorte durch die Gründung neuer Staaten, wie z. B. Kasachstan, und nicht zuletzt durch den Wegzug der Russlanddeutschen drastisch verändert haben.

Nicht alle Russlanddeutschen sind jedoch bereits um 1991 nach Deutschland migriert, sondern zum Teil deutlich später, auch weil sie an der Richtigkeit ihrer Entscheidung zweifelten. Einerseits machten Berichte über Anfeindungen und Arbeitslosigkeit der in Deutschland lebenden Verwandtschaft die Runde. Andererseits sorgte die wirtschaftliche Entwicklung – etwa ab dem Jahr 2000 – vielerorts in Zentralasien und Russland für mehr Arbeitsplätze und etwas mehr Wohlstand. Hinzu kommt, dass diejenigen, die später migrierten, zumeist nicht im Rahmen einer Großfamilie ausgewandert sind, sondern allein oder nur mit ihrem Partner und möglicherweise mit ihren Kindern. Einigen von ihnen fällt es schwer, in Deutschland Fuß zu fassen, sodass sie häufig nach nur wenigen Jahren in Deutschland wieder remigrieren möchten. Dies ist oftmals ausgelöst durch die Trennung vom Partner, den Verlust des Arbeitsplatzes oder aber durch den Wunsch, ein transnationales Unternehmen aufzubauen. Häufig kehren sie aber nicht an ihren Heimatort im zumeist ländlichen Kasachstan oder Sibirien zurück, sondern migrieren in die russischen Zentren wie Moskau, Jekaterinburg oder Kaliningrad.

Eine besondere Bedeutung hat dabei die russische EU-Enklave Kaliningrad, in die besonders viele Russlanddeutsche "remigrieren", obwohl sie nie zuvor dort gelebt haben. Die geografische Nähe zu Deutschland ist dabei vorteilhaft für diejenigen, die transnational leben und zum Teil auch Unternehmen gegründet haben, welche sowohl in Deutschland als auch in Russland aktiv sind. Auf der anderen Seite sind einige Russlanddeutsche, die sich in Kasachstan oder Kirgistan nicht mehr heimisch fühlten, trotzdem aber nicht nach Deutschland auswandern konnten oder wollten, nach Kaliningrad migriert, um ihren Verwandten in Deutschland näher zu sein. Auch wenn also eher wenige Russlanddeutsche im engeren Sinne transnational leben, empfinden doch viele eine Verbundenheit mit Orten und Menschen jenseits der staatlichen Grenzen.

Dieser Artikel ist Teil des Kurzdossiers Russlanddeutsche.


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