Koffer

9.11.2017 | Von:
Anett Schmitz

Transnationalismus als Beheimatungsstrategie: Junge, bildungserfolgreiche Russlanddeutsche in Deutschland.

Im Zuge der Aussiedlermigration kamen in den 1990er und 2000er Jahren viele Kinder und Jugendliche aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland. Dieser Beitrag versucht zu erklären, wie sich speziell bildungserfolgreiche, junge Russlanddeutsche zwischen ihrem Herkunfts- und Zielland positionieren und wie sie sich Identität und Heimat schaffen.

Nicole HerberNicole Herber (© picture-alliance/dpa)

Seit Beginn der Aussiedleraufnahme im Jahr 1950 sind über 4,5 Millionen (Spät-)Aussiedler einschließlich Familienangehörigen, darunter auch Kinder und Jugendliche, nach Deutschland zugewandert. Alleine zwischen 1997 und 2009 sind ca. 59.130 Kinder unter sechs Jahren und 182.141 Kinder und Jugendliche zwischen sechs und achtzehn Jahren mit ihren Eltern aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland migriert.

Welche Besonderheiten weisen "junge Russlanddeutsche" gegenüber anderen Migrantengruppen auf, wie positionieren sie sich zwischen ihrem Herkunfts- und Aufnahmeland und wie konstruieren sie sich ihre Identität und Heimat?

Die wissenschaftlichen Argumente in diesem Beitrag basieren auf einer qualitativen Studie, die zwischen 2009 und 2013 an der Universität Trier durchgeführt wurde.[1] In dieser Studie wurden junge Russlanddeutsche im Hinblick auf ihre Transnationalität zwischen Herkunftsland und Zielland Deutschland untersucht. Dabei wurde auf diejenigen jungen Russlanddeutschen fokussiert, die Anfang/Mitte der 1990er Jahre mit ihren Eltern nach Deutschland eingereist sind, einen erfolgreichen Bildungsweg in Deutschland durchlaufen haben und heute zwischen ihren Herkunftsländern und Deutschland pendeln. Zum Zeitpunkt der Untersuchung waren sie zwischen 21 und 30 Jahre alt. Viele von ihnen standen noch am Anfang ihrer transnationalen Karriere. Aus diesem Grund betrifft dieser Beitrag nur einen kleinen Anteil von Russlanddeutschen im transnationalen Migrationskontext und erhebt keinen Anspruch auf Repräsentativität der Ergebnisse.

Als "junge Russlanddeutsche" werden hier die Personen bezeichnet, die eine primäre Sozialisation in ihrem Herkunftsland (ehemalige Sowjetunion) erfahren haben und als Kleinkinder oder Teenager ohne Mitsprache oder eigene Entscheidung von ihren Eltern in das ihnen fremde Deutschland "mitgenommen" wurden. In Bezug darauf wird im anglo-amerikanischen Forschungsraum von der "Generation 1.5" gesprochen.[2] Im deutschsprachigen Raum wird auch der Begriff der "mitgenommenen Generation" verwendet.[3] Zu den typischen Merkmalen dieser Gruppe zählen vor allem ihre Bilingualität und Bikulturalität. Entsprechend setzt sich auch ihre Identität als eine Mischung aus kulturellen Werten und Traditionen sowohl des Herkunfts- als auch des Ziellandes zusammen.

Eine spezifische Migrantengruppe

Russlanddeutsche unterscheiden sich in zweifacher Hinsicht von anderen Migranten (z.B. türkische, griechische, russische etc.): zum einen durch ihren Status als Deutsche und die deutsche Passnationalität, die vom ersten Moment der Aufnahme in Deutschland die rechtliche Inklusion gewährleistet. (Spät-)Aussiedler aus Russland können auch die doppelte Staatsbürgerschaft beantragen, d.h. sie behalten die russische neben der deutschen. Diese Voraussetzung fördert die Pendelmigration zwischen Herkunfts- und Zielland. Zum anderen ist die Identitäts- und Heimatfrage für Russlanddeutsche eine andere: Im Gegensatz zu anderen Migrantengruppen sind (Spät-)Aussiedler ethnische Deutsche und kehren in ihre historische Heimat Deutschland zurück, die sich ihnen unter Umständen als fremd erweisen kann.

Auch innerhalb der Gruppe der Russlanddeutschen gibt es Unterschiede, beispielsweise zwischen der älteren und der jüngeren Generation. Die ältere Generation von Russlanddeutschen aus den Ländern der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) träumte von der fernen Heimat, kam in ihrer neuen Heimat dann aber häufig trotzdem nicht an, wurde von Heimweh geplagt und wird deshalb als "zu Hause Fremde" charakterisiert.[4] Einige kehrten sogar wieder in ihre Herkunftsländer zurück.[5] Dagegen weisen viele junge, bildungserfolgreiche Russlanddeutsche der Generation 1.5 eher transnationale Lebensentwürfe und Verortungen zwischen Deutschland und ihren Herkunftsländern auf. Transnationalität meint hier eine Lebens- und Arbeitsorientierung, die sich sowohl an Deutschland als auch am Herkunftskontext orientiert. Sie erlaubt es jungen Russlanddeutschen, nicht zuletzt auch durch ihre positive Einstellung gegenüber der eigenen kulturellen und sprachlichen Hybridität, sich sowohl in ihrem Herkunftskulturraum als auch in Deutschland zu Hause zu fühlen, d.h. sich multilokal zu verorten.[6] Diesen Zustand empfinden sie nicht als "etwas dazwischen"[7], sondern im Gegenteil als eine Bereicherung für die Gestaltung ihrer transnationalen Lebens- und Karriereformen.

Ein wichtiger Faktor für eine transnationale Lebensform dieser Zielgruppe ist Bildung. Zwar kann ein Russlanddeutscher auch ohne Bildung transnational leben. Bildung erhöht jedoch die Chancen der Mobilität in einer modernen, transnationalen Welt. Bildung ist Sozialkapital, sie eröffnet jungen Russlanddeutschen Karrierewege über Grenzen hinweg. So zeigen die Ergebnisse der qualitativen Studie, dass junge, bildungserfolgreiche Russlanddeutsche mittels akademischer Kompetenzen nicht nur erfolgreich auf transnationale Karrierewege gelangen – wie z.B. durch Praktikum, Studienaustausch, Arbeitsaufnahme in transnationalen Unternehmen in Russland. Sie können sich darüber hinaus positiv auf kulturelle Diversität einstellen und sich in transnationalen Migrationsprozessen schneller in eine fremde Gesellschaft integrieren. Transnationalität kann deshalb als ein wichtiges Charakteristikum junger, bildungserfolgreicher Russlanddeutscher bezeichnet werden.

Transnational leben zwischen Herkunfts- und Zielland

Die Entscheidung für ein transnationales Leben wird möglich, da gerade die Gruppe der jungen, bildungserfolgreichen Russlanddeutschen über die erwähnten Ressourcen verfügen, die Mobilität fördern: doppelte Passnationalität, Multilingualität, akademische Kompetenzen. Es gibt viele Gründe, warum sich junge Russlanddeutsche für einen transnationalen Bildungs- und Karriereweg entscheiden.

Zum einen geht es um symbolische Einflussfaktoren, die vor allem Fragen der mehrfach wechselnden Identitätszuschreibungen und -konstruktionen in den Vordergrund rücken. Hier spielt die Suche nach der Identität und Herkunft, nach kulturellen Wurzeln eine zentrale Rolle. Zum zweiten geht es um individuelle und soziale Einflussfaktoren wie ökonomisches, soziales und kulturelles Kapital. Zum zweiten geht es um individuelle und soziale Einflussfaktoren (ökonomisches, soziales und kulturelles Kapital). Ein Teil der jungen Russlanddeutschen entscheidet sich für eine temporäre Rückkehr ins Herkunftsland, um Karriere- und Berufsperspektiven zu verbessern. Gerade diese Gruppe neigt zu häufigem Pendeln zwischen Russland und Deutschland. Zum dritten geht es aber auch um strukturelle makropolitische und ökonomische Einflussfaktoren (wie beispielsweise wirtschaftlicher Boom, politische Stabilisierungen, rechtliche Verbesserungen in den Herkunftsländern), die günstige Bedingungen für die Transnationalität von Russlanddeutschen schaffen.[8] All diese Einflussfaktoren sind nicht als getrennte Kategorien zu verstehen, sondern als ein komplexes, zugleich aber auch sich gegenseitig ergänzendes Geflecht unterschiedlicher persönlicher Beweggründe.

Für die Gestaltung der transnationalen Bildungs- und Karrierewege spielen transnationale soziale Netzwerke eine zentrale Rolle, die sich nicht nur zwischen Russland und Deutschland aufspannen, sondern sich auch über mehrere Nationalgrenzen, Kontinente (Europa, Amerika, Mittelasien) und Kulturen hinweg erstrecken können. Im Gegensatz zur älteren Generation sind diese Netzwerke bei jüngeren Russlanddeutschen nicht ausschließlich familienzentriert[9], sondern umfassen einerseits Familie, Verwandtschaft und Freunde sowie andererseits berufsorientierte Beziehungen.

Fußnoten

1.
Die qualitative Studie von Dr. Anett Schmitz "Transnational Leben: Junge, bildungserfolgreiche Spätaussiedler zwischen Deutschland und Russland" wurde im Rahmen des Projekts "Rückkehrstrategien von Spätaussiedlern" im Sonderforschungsbereich 600: Wandel von Inklusions- und Exklusionsformen von der Antike bis zur Gegenwart unter der Leitung von Prof. Dr. Alois Hahn und Prof. Dr. Michael Schönhuth durchgeführt.
2.
vgl. Tošič/Streissler (2009), S. 192.
3.
Dietz/Roll (1998); vgl. Vogelgesang (2008), S. 65.
4.
Kaiser (2006), S. 20.
5.
vgl. Schönhuth/Kaiser (2015).
6.
vgl. Schmitz (2013).
7.
vgl. Gamper/Eisenbürger (2005), S. 8.
8.
vgl. Schmitz (2015), S. 417.
9.
vgl. Fenicia et al. (2010), S. 318.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Anett Schmitz für bpb.de

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