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20.12.2017 | Von:
Dr. Herbert Brücker

"Langfristig hängen die Effekte der Fluchtmigration davon ab, wie gut die Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen gelingt"

Interview mit Prof. Dr. Herbert Brücker

Ist die Flüchtlingsaufnahme ein Konjunkturprogramm oder führt sie zu einer dauerhaften Belastung der öffentlichen Haushalte? Gibt es einen Verdrängungskampf im Arbeitsmarkt? Ein Gespräch mit Herbert Brücker.
Mariana Karkoutly aus Syrien berät bei der Berliner Jobbörse für Geflüchtete und Migranten, die Arbeitssuchende mit potenziellen Arbeitgebern zusammenbringen soll, interessierte Besucherinnen. Über 4000 Teilnehmer informierten sich im Januar 2017 bei 189 Ausstellern über Ausbildungs- und Jobangebote sowie Arbeits- und Ausbildungsstrukturen.Mariana Karkoutly aus Syrien berät bei der Berliner Jobbörse für Geflüchtete und Migranten, die Arbeitssuchende mit potenziellen Arbeitgebern zusammenbringen soll, interessierte Besucherinnen. Über 4000 Teilnehmer informierten sich im Januar 2017 bei 189 Ausstellern über Ausbildungs- und Jobangebote sowie Arbeits- und Ausbildungsstrukturen. (© picture-alliance/dpa, Bernd von Jutrczenka)

Die Aufnahme und Integration der 2015 und 2016 nach Deutschland gekommenen Geflüchteten hat Diskussionen über die Frage der damit verbundenen Kosten für die öffentlichen Haushalte und Auswirkungen auf die wirtschaftliche Entwicklung ausgelöst. Prof. Dr. Herbert Brücker beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den wirtschaftlichen Auswirkungen von Zuwanderung. Zusammen mit Kolleginnen und Kollegen hat er die fiskalischen und gesamtwirtschaftlichen Effekte der Flüchtlingsaufnahme untersucht.

Herr Brücker, in den Jahren 2015 und 2016 sind insgesamt rund 1,2 Millionen Asylsuchende nach Deutschland gekommen. Welche positiven und negativen gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen hat diese Fluchtzuwanderung – aktuell und in langfristiger Perspektive?

Fluchtmigration verursacht zunächst Kosten. Viele Flüchtlinge sind am Anfang nicht in den Arbeitsmarkt integriert. Die Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen dauert zudem erfahrungsgemäß länger als die anderer Migrantengruppen. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass sie soziale Leistungen beziehen und Gelder aufgewendet werden müssen für Integrationsmaßnahmen wie Sprachkurse, Unterkunft usw. Insofern ergeben sich aus der Fluchtmigration zunächst einmal volkswirtschaftliche Belastungen, also Kosten, die getragen werden müssen über Steuern und Abgaben.

Auf der anderen Seite hat die Fluchtmigration aber auch Nachfrageeffekte ausgelöst, die zumindest kurzfristig eine nicht unerhebliche Konjunkturwirkung haben. Wir schätzen, dass die Beschäftigung von Inländern durch die Fluchtmigration um etwa 50.000 Personen gestiegen ist. Langfristig muss man davon ausgehen, dass die Gelder, die für die Flüchtlingsaufnahme jetzt zusätzlich aufgewendet werden, an anderer Stelle vielleicht auch wieder eingespart oder später über die Schuldentilgung aufgebracht werden müssen, diese Nachfrage also wieder entzogen wird. Man kann daher nicht unbedingt davon ausgehen, dass solche Konjunktureffekte dauerhaft halten, aber zumindest kurzfristig sind sie durchaus sichtbar.

Langfristig hängen die Effekte der Fluchtzuwanderung natürlich davon ab, wie gut die Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen gelingt. Davon hängen dann wiederum ihre Verdienste sowie die Steuern und Beiträge, die sie für den Sozialstaat leisten, ab. Man darf auch gesamtwirtschaftliche Gleichgewichtseffekte nicht vergessen, die zum Beispiel aus der Erhöhung der Kapitaleinkommen resultieren, oder auch aus dem Anstieg der Verdienste von anderen Beschäftigten. Steigenden Verdienste ergeben sich etwa dann, wenn die Nachfrage nach besser bezahlten Arbeitskräften, die in einem komplementären Verhältnis zu den Geflüchteten im Produktionsprozess stehen, zunimmt. Auch kann die zusätzliche Beschäftigung von Flüchtlingen zu sogenannten "Fahrstuhleffekten" führen, also dem Aufstieg und damit steigenden Einkommen einheimischer Arbeitskräfte. Es gibt also eine Reihe von indirekten Effekten, die Steuern und Abgabenzahlungen auslösen.

Was bedeutet komplementäre Arbeitskraft?

Generell führt Migration zu einer Wettbewerbssituation im Arbeitsmarkt. Wenn neue Arbeitskräfte aus dem Ausland kommen, konkurrieren sie mit bestimmten inländischen Arbeitskräftegruppen, was sich negativ auf deren Löhne auswirken kann. Auf der anderen Seite entstehen für viele Arbeitnehmer komplementäre Effekte, das heißt, dass die Nachfrage nach diesen Arbeitskräften steigt. Und wenn die Nachfrage steigt, dann steigen die Beschäftigungschancen und die Löhne. Um das an einem Beispiel zu verdeutlichen: Wenn jetzt lauter ungelernte Arbeiter oder Facharbeiter aus dem Ausland nach Deutschland kommen, dann steigen die Gehälter von Ingenieuren oder Führungskräften in der Wirtschaft. Solche komplementären Effekte sind nicht unerheblich in der Volkswirtschaft und davon profitieren gerade die Besserverdienenden, die wiederum höhere Steuern bezahlen.

Jetzt sprechen Sie davon, dass vor allem Besserverdienende von Zuwanderung profitieren. Wie sieht es denn am anderen Ende des Arbeitsmarktes aus? Findet unter Geringverdienern aufgrund von Zuwanderung ein Verdrängungskampf statt?

Empirisch ist es so, dass Migranten vor allem mit anderen Migranten konkurrieren. Der deutsche Arbeitsmarkt ist sehr stark zwischen Einheimischen und Migranten segmentiert. Steigende Migration führt deshalb vor allem zu steigendem Wettbewerb unter Migranten. Deutsche Arbeitnehmer gewinnen im Durchschnitt – auch wenn die Effekte häufig sehr klein sind, aber das summiert sich dann eben auch.

Interessanterweise gewinnen die deutschen Arbeitnehmer eigentlich über alle Qualifikationsgruppen hinweg. Selbst für deutsche Arbeitnehmer, die keine abgeschlossene Berufsausbildung haben, sind die Effekte der Zuwanderung in der Regel neutral. Das gilt besonders für die Zuwanderung von Flüchtlingen, weil diese schlechtere Arbeitsmarktchancen haben. Die klassischen deutschen Arbeitnehmer, die Facharbeiter oder die Bürokräfte im Dienstleistungsbereich, werden durch die Fluchtmigration also gewinnen.

Gegenwärtig haben wir zudem eine Sondersituation im Arbeitsmarkt, denn aktuell entwickelt sich der Arbeitsmarkt im Bereich der Geringerqualifizierten besonders dynamisch. Die Beschäftigung in Deutschland ist in den letzten fünf Jahren um sechs Prozent gestiegen, aber im Bereich der Helfertätigkeiten – das sind Tätigkeiten, in denen man keine formelle Berufsausbildung benötigt – ist sie um elf Prozent gestiegen, also fast doppelt so stark wie im Durchschnitt der Beschäftigten insgesamt. Das betrifft nicht nur ausländische Staatsangehörige, die nach Deutschland eingewandert sind – zum Beispiel im Rahmen von Fluchtmigration oder aus der Europäischen Union – sondern das betrifft auch die Deutschen. Fast 40 Prozent dieses Beschäftigungswachstums bei den unteren Qualifikationsgruppen entfällt auf deutsche Arbeitnehmer. In diesem Bereich ist auch die Arbeitslosigkeit deutlich zurückgegangen. Das heißt, dass wir gegenwärtig keine Verdrängungseffekte beobachten – zumindest nicht mit bloßem Auge.

Sie sprachen gerade an, dass es für Geflüchtete auch im Vergleich zu anderen Migrantengruppen besonders hohe Hürden bei der Arbeitsmarktintegration gibt. Woran liegt das?

Die Hürden sind eigentlich auf allen Ebenen höher als bei anderen Migranten. Geflüchtete dürfen am Anfang erst einmal gar nicht arbeiten. Solange sie im Asylverfahren sind, haben sie nur einen beschränkten Arbeitsmarktzugang. Vor allem fehlt die Rechtssicherheit für die Unternehmen, denn solange sich Menschen noch im Asylverfahren befinden, wissen Arbeitsgeber nicht, ob sie auch tatsächlich in Deutschland bleiben dürfen. Jede Einstellung verursacht aber Kosten, d.h. jede Einstellung ist eine Investition und im Fall von Geflüchteten fehlt den Unternehmen dafür die nötige Rechtssicherheit. Und das ist dann wie bei anderen Investitionen auch: Wenn die Rechtssicherheit fehlt, dann wird man diese Aktivität nicht ausführen bzw. nicht oder zumindest weniger investieren. Das ist, glaube ich, der wichtigste Faktor, warum die Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten schwierig ist.

Darüber hinaus sind Flüchtlinge schlechter auf die Einwanderung vorbereitet als andere Migrantengruppen. So sind zum Beispiel ihre Sprachkenntnisse schlechter. Viele andere Migranten kommen erst nach Deutschland, wenn sie hier bereits einen Job gefunden haben. Beispielsweise wandern Migranten aus der Europäischen Union oft erst dann nach Deutschland ein, wenn sie einen Arbeitsplatz haben. Das gilt für Flüchtlinge nicht. Zudem sind Flüchtlinge in der Regel sehr jung. Im Bereich der Schulbildung sind ihre Voraussetzungen zwar teilweise gar nicht so schlecht, aber im Bereich der beruflichen Bildung oder der Hochschulabschlüsse passen ihre Voraussetzungen zum Teil schlechter als die anderer Migrantengruppen zu den Anforderungen des deutschen Arbeitsmarktes. Flüchtlinge haben also eine Reihe von Nachteilen. Am schwersten wiegen wahrscheinlich die institutionellen und die rechtlichen Nachteile. Das führt dazu, dass Flüchtlinge gewissermaßen in der Schlange am Arbeitsmarkt ganz hinten stehen.

Mit Blick auf Erfahrungen mit Fluchtzuwanderung in der Vergangenheit: Wie lange wird es in etwa dauern, bis die nach Deutschland gekommenen Geflüchteten ähnliche Erwerbstätigenquoten aufweisen wie andere Zuwanderergruppen?

Wir haben historische Daten etwa durch die Befragung von Migranten, die als Flüchtlinge während der Zeit der Jugoslawienkriege nach Deutschland gekommen sind. Diese Daten zeigen, dass nach fünf Jahren etwa 50 Prozent der Flüchtlinge erwerbstätig waren, nach zehn Jahren waren es 60 bis 65 Prozent. Dann sind wir relativ dicht bei den Erwerbstätigenquoten, die andere Migrantengruppen nach zehn Jahren erreichen. Diese sind nur noch geringfügig niedriger als die Erwerbstätigenquoten in der einheimischen Bevölkerung, die bei etwa 67 bis 68 Prozent liegen.

Erwarten Sie, dass die in den letzten Jahren durchgesetzten Arbeitsmarkterleichterungen für Asylbewerberinnen und Asylbewerber dazu beitragen, dass diese Angleichungsprozesse schneller erfolgen?

Wir beobachten, dass die Arbeitsmarktintegration ähnlich wie in der Vergangenheit verläuft oder sogar eine Nuance besser. Von den Menschen, die 2015 im Rahmen der Fluchtmigration nach Deutschland gekommen sind, waren 2016 etwa zehn Prozent beschäftigt. Gegenwärtig gehen wir davon aus, dass es rund 20 Prozent sind. Die Beschäftigung steigt also jedes Jahr um etwa zehn Prozentpunkte oder sogar etwas mehr. Damit liegen wir ein kleines bisschen über den Erfahrungen in der Vergangenheit.

Auf der einen Seite tun wir heute viel mehr für die Integration der Geflüchteten – wir bieten Sprachkurse und arbeitsmarktpolitische Programme an, die Arbeitsmarktentwicklung ist besser geworden. Auf der anderen Seite war der Umfang der aktuellen Fluchtmigration deutlich größer als in der Vergangenheit und dadurch ist auch der Wettbewerb im Arbeitsmarkt in den Segmenten, die für Flüchtlinge infrage kommen, größer. Und diese beiden Effekte gleichen sich in etwa aus. Dennoch: Der Verlauf der Arbeitsmarktintegration liegt im Rahmen der Erwartungen oder sogar ein klein wenig darüber.

Simulationsrechnungen versuchen anhand von vielen verschiedenen Faktoren die langfristigen Auswirkungen der Flüchtlingsaufnahme und damit auch Integrationsprozesse zu prognostizieren. Wozu werden solche Prognosen überhaupt erstellt, mit welchen Schwierigkeiten sind sie behaftet und wie aussagekräftig sind sie?

Das kommt darauf an, was man macht. Zum Teil werden solche Berechnungen erstellt, um die fiskalischen Wirkungen, also die Auswirkungen auf die öffentlichen Haushalte zu simulieren. Andere Berechnungen analysieren generell die volkswirtschaftlichen Effekte, also für das Bruttoinlandsprodukt bzw. das Wirtschaftswachstum.

Der kritische Faktor an den Berechnungen ist die Frage der Arbeitsmarktintegration. Diese muss man auf irgendeine Art und Weise prognostizieren. Dabei geht es nicht nur um die Frage, wie hoch der Anteil der Beschäftigten ist, sondern es geht auch um die Frage, welche Tätigkeiten sie ausüben und was sie verdienen werden. Das kann man natürlich immer nur gestützt auf Erfahrungen aus der Vergangenheit prognostizieren. Davon kann die tatsächliche Entwicklung dann in die eine oder andere Richtung abweichen, aber man bekommt ein ungefähres Bild. Dann muss man – was nur ein Teil der Simulationsrechnungen tut – alle indirekten Effekte berücksichtigen. Also, wenn Flüchtlinge arbeiten, entstehen indirekte Effekte für die Kapitaleinkommen, es entstehen indirekte Effekte für andere Einkommensgruppen, möglicherweise auch Verdrängungseffekte im Arbeitsmarkt. Das muss man alles analysieren, um dann zu einem Gesamtbild zu kommen. Es ist darüber hinaus so, dass wir in einer offenen Volkswirtschaft leben, d.h., wenn die Beschäftigung steigt, löst das z.B. auch Investitionen aus dem Ausland in Deutschland aus. Es gibt also eine Reihe von sehr komplexen Faktoren, die es zu berücksichtigen gilt. Viele der Berechnungsmodelle, die jetzt im Umlauf sind, berücksichtigen nur Teile dieser Faktoren. Man überfordert im Prinzip Modelle, wenn man den Anspruch erhebt, dass sie alle Faktoren sehr präzise beachten sollen. Insofern kann man diese Modelle immer nur als Annäherung an die Realität verstehen. Dennoch kann man aus ihnen Schlussfolgerungen ziehen, etwa hinsichtlich der Frage, wie hoch die Kosten der Flüchtlingsaufnahme und -integration im Zeitverlauf ungefähr ausfallen werden oder ob nicht tatsächlich einmal der Punkt erreicht wird, an dem die öffentlichen Kassen stärker von den Flüchtlingen profitieren als sie durch die Flüchtlingsaufnahme belastet werden.

Hinzu kommt eine weitere Ungewissheit: Man muss zur Beantwortung dieser Fragen nämlich auch noch prognostizieren, wie viele Menschen in ihrem Lebensverlauf in ihre Herkunftsländer zurückkehren werden. Davon hängen Fragen der Gesundheitskosten, der Belastung der Rentenversicherungssysteme und Ähnliches ab. Daneben stellt sich die Frage danach, wie groß der Familiennachzug ausfallen wird. Auch das spielt eine Rolle.

Unsere Simulationen stützen sich auf viele solcher Annahmen, die aber, wenn wir jetzt über langfristige Entwicklungen reden, sehr schwer auf die lange Frist zu prognostizieren sind. Man arbeitet deswegen am besten mit verschiedenen Szenarien, um mögliche Entwicklungspfade aufzuzeigen. Wir gehen davon aus, dass die Flüchtlinge, die 2015 in Deutschland angekommen sind, nach sieben bis zehn Jahren wahrscheinlich mehr Einzahlungen für die öffentlichen Haushalte und Sozialsysteme leisten werden, als an sie ausgezahlt wird. Das hängt damit zusammen, dass die Geflüchteten noch relativ jung sind und die Mehrheit in der Mitte des Erwerbslebens steht. Davon profitiert eine Volkswirtschaft natürlich. Langfristig kann das dann wieder kippen, wenn sie ins Renteneintrittsalter kommen. Aber das hängt, wie gesagt, von vielen Annahmen ab, die man zum Beispiel über die Rückkehrmigration treffen muss. Schließlich ist zu berücksichtigen, dass die Flüchtlinge nicht nur die laufenden Einnahmen und Ausgaben der Staatshaushalte beeinflussen, sondern langfristig auch die gesamte öffentliche Infrastruktur angepasst werden muss. Dies verschlechtert wiederum die fiskalische Bilanz.

Das heißt im Streit unterschiedlicher Standpunkte von Ökonomen darüber, ob die Flüchtlingsaufnahme ein Konjunkturprogramm ist oder ob langfristig sinkende durchschnittliche Bruttolöhne zu erwarten sind und sich auch auf lange Sicht eine negative Bilanz für die öffentlichen Haushalte ergibt, kann man gar nicht sagen, wer Recht hat?

Soweit würde ich nicht gehen, denn das hängt, wie immer, von den Annahmen ab, die man trifft. Also ich gehe schon davon aus, dass die Belastungen für die öffentlichen Haushalte zunächst beträchtlich sind, d.h. im unteren zweistelligen Milliardenbereich. Dabei müssen wir uns aber immer vergegenwärtigen, dass es bei der Flüchtlingsaufnahme um eine humanitäre Frage geht. Es geht nicht primär darum, volkswirtschaftliche Gewinne zu erzielen. Trotzdem ist es wichtig zu wissen, wie hoch die Erträge und wie hoch die Kosten sind. Und die Kosten sind, glaube ich, auf mittlere und lange Sicht nicht so furchtbar hoch. Es kann sogar sein, dass die Flüchtlingsaufnahme auf einen Nettogewinn hinauslaufen wird. Allerdings gehe ich insgesamt davon aus, dass wenn wir alle Kosten, einschließlich der Investitionen in die Infrastruktur berücksichtigen, insgesamt eher eine Belastung übrig bleiben wird, die aber nicht besonders groß ausfällt.

Viele Horrorszenarien, die auch im Umlauf sind, arbeiten mit sehr extremen Annahmen, also z.B., dass jeder Flüchtling, der nach Deutschland kommt, auch bis zu seinem Lebensende hier bleiben und dann sehr hohe Rentenzahlungen in Anspruch nehmen wird. Das ist nicht sehr realistisch, wenn man sich tatsächliche Mobilitätsströme anschaut. Dann werden in den Modellen häufig die indirekten Effekte für Kapital- und Arbeitseinkommen der einheimischen Bevölkerung nicht berücksichtigt. Diese indirekten Effekte machen aber etwa 40 Prozent der Einkommenseffekte, die bei einer zusätzlichen Beschäftigung von Flüchtlingen entstehen, aus. Eine Vernachlässigung dieser Effekte verzerrt folglich das Bild. Daher würde ich an manchen Studien auch methodische Kritik üben, d.h. Kritik an den getroffenen Annahmen. Ich glaube nicht, dass die Flüchtlingsaufnahme ein großes Gewinnprogramm ist, aber wir werden dadurch auch keine übermäßig großen Verluste haben. Auch wenn verschiedene Studien zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen, bin ich froh, dass wir sie haben: Wir bekommen dadurch ein genaueres Bild, um welche Größenordnung es unter welchen Annahmen tatsächlich geht, auch wenn das eine oder andere Szenario unrealistisch ist.

Können Sie die zentralen Faktoren noch einmal zusammenfassen, von denen abhängt, ob die gesamtwirtschaftliche Bilanz der Flüchtlingsaufnahme langfristig positiv oder eher negativ ausfällt.

Das hängt erstens davon ab, welche Annahmen wir zum Verbleib der Flüchtlinge treffen, d.h., wie viele Menschen in Deutschland bleiben werden und wie lange sie hier bleiben werden, wie hoch der Anteil derjenigen ist, die wieder in ihre Herkunftsländer zurückkehren und umgekehrt, wie viele Familienangehörige noch nach Deutschland kommen werden. Zweitens hängt es davon ab, wie hoch die Erwerbspartizipation ist, wie viele der Flüchtlinge über wie lange Zeiträume erwerbstätig sein werden. Dann hängt es drittens davon ab, wie hoch die Verdienste von denjenigen sind, die erwerbstätig sein werden. Viertens spielen indirekte Effekte eine Rolle, d.h. die Effekte für die Kapitaleinkommen, für die Arbeitseinkommen von anderen Gruppen im Arbeitsmarkt. Und dann hängt es fünftens davon ab, wie dynamisch sich der Kapitalstock anpasst: Wenn das Arbeitsangebot steigt, wird mehr investiert, sodass das Verhältnis von Kapital zu Arbeit langfristig konstant bleibt. Dabei ist die Frage, wie viele dieser Kapitalflüsse aus dem Ausland nach Deutschland kommen und wo sie steuerlich veranlagt werden. Es geht also um dynamische Fragen: Wie viel wird investiert und woher kommt das Geld in einer offenen Volkswirtschaft? Das sind, glaube ich, die wesentlichen Faktoren. Ich könnte natürlich noch eine Reihe anderer Faktoren hinzufügen, aber ich glaube, wenn man über diese Faktoren realistische Annahmen trifft, kommt man auch zu einem ganz vernünftigen Ergebnis.

Und wahrscheinlich spielt auch die Zusammensetzung der zugewanderten Flüchtlingsbevölkerung eine Rolle?

Ja, das spielt natürlich eine Rolle. Von den Qualifikationen der Zugewanderten hängen wiederum ihre Verdienste ab und die Wahrscheinlichkeit, dass sie beschäftigt sind. Und es spielt natürlich auch eine Rolle, wie viel wir in Sprachkompetenz investieren, wie schnell sie Sprachkenntnisse erwerben, wie schnell die Asylverfahren laufen, wie gut die Ausgangsqualifikationen sind, wie viele neue Bildungsabschlüsse in Deutschland erworben werden. Das alles spielt eine Rolle, ist aber implizit bei der Arbeitsmarktintegration mitgedacht, die dadurch beeinflusst wird.

Da wir gerade von Sprachförderung sprechen: Aktuell wird in Deutschland zwischen Asylbewerbern mit guter und schlechter Bleibeperspektive unterschieden. Davon hängt u.a. der Zugang zu Integrationskursen und damit auch Integrationsprozessen ab. Halten Sie diese Unterscheidung für sinnvoll oder macht es nicht mehr Sinn, erst einmal allen Asylbewerbern den Zugang zu Integrationskursen zu ermöglichen, unabhängig vom potenziellen Ausgang des Asylverfahrens?

Das hängt von der Perspektive ab, die man einnimmt. Wenn wir jetzt die reine Perspektive auf Integration und die volkswirtschaftlichen Kosten einnehmen, dann würden wir selbstverständlich alle Flüchtlinge so schnell wie möglich in solche Kurse schicken und massiv in Sprachförderung investieren. Denn: Jemand, der gute deutsche Sprachkenntnisse hat, hat bessere Chancen auf dem deutschen Arbeitsmarkt und auch höhere Verdienste als jemand ohne solche Kenntnisse; und die Kosten von Sprachkursen sind relativ gering. Es handelt sich also um eine Investition, die extrem hohe Erträge aufwirft. Wenn dann jemand doch wieder in sein Heimatland zurückkehren muss, diese Person zuvor aber, sagen wir mal zwei oder drei Jahre in Deutschland lebt und überwiegend hier arbeitet, dann profitieren wir davon. Eine Politik, die aber darauf setzt, die Leute vor ihrer Rückkehr ins Herkunftsland vom Arbeitsmarkt fernzuhalten und sie von ganz wichtigen Integrationsmaßnahmen ausschließt, die die Aufnahme einer Erwerbstätigkeit ermöglichen, verursacht hohe volkswirtschaftliche Kosten. Insofern ist das integrationspolitisch falsch und ökonomisch mit hohen Kosten behaftet. Das ist eigentlich allen bewusst. Man macht es aber dennoch, um die Anreize zu senken, dass weitere Flüchtlinge nach Deutschland kommen. Darüber kann man lange streiten, ob das klug ist oder nicht, aber im Prinzip verursachen wir mit dem Versuch, die sogenannten Pull-Faktoren – also die Anreizfaktoren für Migration – zu reduzieren, sehr hohe Kosten für die Integration und eine ganze Menge unangenehmer Nebeneffekte: Menschen, die nicht im Erwerbsleben tätig sind, die nicht an Sprachgruppen teilnehmen können, die hängen in ihren Einrichtungen herum und das hat eine Reihe von Nebenfolgen wie Schwarzarbeit, Kleinkriminalität, Drogenhandel, vielleicht auch schwere Kriminalität. Diese Politik hat also vielfältige wirtschaftliche und soziale Folgen und das sollte man eben auch berücksichtigen.

Letztlich könnte man auch davon ausgehen, dass diejenigen, die in Deutschland Qualifikationen erwerben, seien es Sprachkenntnisse oder berufliche Qualifikationen, nach ihrer Rückkehr ins Herkunftsland zur dortigen Entwicklung beitragen könnten.

Natürlich. Die positive Wirkung für die Herkunftsländer zeigen z.B. die Entwicklungen im früheren Jugoslawien. Durch die Rückkehrmigration ist Jugoslawiens Handel gestiegen, nicht nur, aber auch mit Deutschland. Es gibt also eine Reihe von positiven wirtschaftlichen Faktoren der Rückkehrmigration. Diese fallen stärker aus, wenn die nach Deutschland Zugewanderten sich besser in den Arbeitsmarkt und andere gesellschaftliche Bereiche integriert haben. Davon würden wir volkswirtschaftlich dann auch langfristig profitieren. Ihre Integration wäre daher auch im eigenen Interesse.

Inwiefern hat die Wirtschaft auf bisherige Migrationen reagiert und was hat sie angesichts der aktuellen Fluchtmigration daraus gelernt? Geht sie jetzt anderes mit Zugewanderten, gerade auch mit Flüchtlingen um als früher?

Die Wirtschaft gibt es nicht, sondern es gibt viele unterschiedliche Unternehmen, die sehr unterschiedlich auf diese Zuwanderung reagieren. Wir beobachten, dass die größeren Unternehmen, die keine Schwierigkeiten haben, Arbeitskräfte zu bekommen, sich relativ wenig engagieren. Im Prinzip werden Flüchtlinge, das gilt aber auch für andere Migrationsformen, vor allem von Klein- und Kleinstunternehmen eingestellt, erst danach kommen die klassischen mittleren Unternehmen. Mit die bedeutendste Rolle spielt wahrscheinlich die Ökonomie, die getragen wird von Menschen, die selbst einen Migrationshintergrund haben. Wir beobachten, dass 40 Prozent der Flüchtlinge, die Jobs in Deutschland haben, diese über persönliche Kontakte zu Freunden, Bekannten oder Familienangehörigen gefunden haben. Das sind in der Regel Kontakte in die eigene ethnische Community oder verwandte Communities. Es ist daher ein Mythos, dass die Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen überwiegend von größeren deutschen Unternehmen oder dem klassischen deutschen Mittelständler getragen wird. Vielmehr findet sie oft in Unternehmen statt, die Migranten gehören. Dabei handelt es sich sehr häufig um sehr kleine Unternehmen. An zweiter Stelle stehen dann die kleinen und mittleren deutschen Unternehmen. Die großen Unternehmen spielen im Gesamtgeschehen praktisch keine Rolle.

Welchen Beitrag können Flüchtlinge für Unternehmen leisten?

Sie leisten das, was alle anderen Arbeitskräfte auch leisten. Die Integrationsprobleme sind aber groß und davor sollte man auch nicht die Augen verschließen. Flüchtlinge bringen am Anfang in der Regel schlechte Sprachkenntnisse mit. Es gibt große Probleme bei der Anpassung ihrer mitgebrachten Qualifikationen, weil sich die Bildungssysteme in den Herkunftsländern stark unterscheiden. Flüchtlinge haben zwar vor ihrer Ankunft in Deutschland im Durchschnitt etwa acht Jahre Berufserfahrung gesammelt, in der Regel als Angestellte, 30 Prozent als Arbeiter, ein nicht unerheblicher Teil auch als Führungskräfte. Sie verfügen also durchaus über wertvolle Berufserfahrung. Sie unterscheiden sich allerdings sowohl von der Qualifikationsanforderung als auch von der Art, wie in den Herkunftsländern gearbeitet worden ist. Eine Anpassung in Unternehmen in Deutschland gestaltet sich daher oft schwierig. Neben den deutschen Unternehmen müssen auch die Flüchtlinge ihre Erwartungen anpassen. Die Probleme sind also sicher vielfältig, aber im Grundsatz gilt das Gleiche wie für alle anderen Migranten und Arbeitnehmer auch: Die Unternehmen profitieren von jeder Arbeitskraft, die arbeitet und zum Produkt des Unternehmens bzw. den angebotenen Dienstleistungen beiträgt.

Könnten Unternehmen einen stärkeren Beitrag zur Integration von Geflüchteten leisten? Hätten Sie Vorschläge für Maßnahmen, die Unternehmen ergreifen könnten, um die Arbeitsmarktintegration schneller voranzubringen?

Viele Unternehmen tun bereits etwas und es hängt von dem einzelnen Unternehmen ab, ob es mehr tun kann oder nicht. Daher würde ich mich vor pauschalen Urteilen hüten. Von Unternehmen wird bereits viel verlangt: Sie müssen sich informieren über die Bildungs- und Ausbildungssysteme der Herkunftsländer, über die Menschen, die zu ihnen kommen; sie müssen viele Integrationsleistungen – auch soziale Integrationsleistungen – erbringen. Das fordert den Unternehmen eine ganze Menge ab. Es gibt viele Unternehmen, die da Vorbildliches leisten.

Ich fände es sinnvoll, wenn staatliche Stellen und Unternehmen stärker zusammenarbeiten würden, z.B. bei der Entwicklung von Sprachkompetenz. Wir brauchen mehr berufsbegleitende Sprachkurse und pragmatische Lösungen, z.B. Freistellungen, um die Kompetenzen der Flüchtlinge weiterzuentwickeln und zwar berufsbegleitend. Wir müssen uns verabschieden von einem sequentiellen Bild, also erst der Sprachkurs, dann eine Qualifikationsmaßnahme, dann ein Praktikum und dann erst der Arbeitsplatz. Stattdessen müssen wir versuchen, möglichst viele Integrationsangebote berufsbegleitend zu gestalten.

Ist der Wirtschaftsstandort Deutschland trotz der hohen Zuwanderung 2015 und 2016 zukünftig auch weiterhin auf Zuwanderung aus dem Ausland angewiesen?

Ja. Wenn wir keine weitere Zuwanderung hätten, würde das Erwerbspersonenpotenzial in Deutschland bis zum Jahr 2060 um rund 40 Prozent sinken. Das Arbeitskräfteangebot schrumpft selbst dann, wenn wir von einer zunehmenden Erwerbsbeteiligung von Frauen und älteren Arbeitnehmern ausgehen. Diesen Rückgang könnte man mit einer Nettozuwanderung von 200.000 Personen pro Jahr etwa halbieren. Mit einer Nettozuwanderung von jährlich 400.000 Personen könne man das Arbeitskräfteangebot konstant halten. Ein solcher Wanderungssaldo würde aber immer noch nicht ausreichen, um die Alterung der Bevölkerung auszugleichen. Durch die steigende Lebenserwartung würde sich trotz dieser Zuwanderung der Anteil derjenigen fast verdoppeln, die als Rentner nicht mehr im Erwerbsleben stehen und durch die Erwerbstätigen finanziert werden müssen. Wir brauchen also Zuwanderung, um die sozialen Sicherungssysteme auf eine stabile Basis zu stellen. Die Zuwanderung muss dazu vielleicht nicht genauso hoch sein wie in den letzten Jahren, aber wir brauchen eine Nettozuwanderung, die weit über dem historischen Durchschnitt liegt, wenn wir das erreichen wollen. Natürlich kann das Ganze nur funktionieren, wenn es uns gelingt, die Migranten auch gut in den Arbeitsmarkt und die Gesellschaft zu integrieren, denn es kann nur jemand volkswirtschaftlich etwas beitragen, der arbeitet. Darum ist die Einwanderungsfrage sehr eng mit der Integrationsfrage verknüpft.

Die Fragen stellte Vera Hanewinkel.

Dieser Artikel ist Teil des Kurzdossiers Perspektiven auf die Integration von Geflüchteten in Deutschland.

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