Koffer

30.1.2018 | Von:
Stephanie Deubler
Julian Tangermann

Relevanz und Potenzial der Diaspora als Akteur der Entwicklungszusammenarbeit

Migrantinnen und Migranten sind wichtige Akteure für die Entwicklung ihrer Herkunfts- und ihrer Aufnahmeländer. Die Agenda 2030 der Vereinten Nationen für nachhaltige Entwicklung schreibt nicht nur die Notwendigkeit fest, Migrantinnen und Migranten angesichts ihrer Vulnerabilität zu stärken, sondern betont insbesondere die positiven Beiträge von Migrantinnen und Migranten für inklusives Wachstum und nachhaltige Entwicklung.

Haus mit Solarpanel in der Sahara. Durch ihr im Zielland erworbenes Know-how können Diasporagemeinschaften in ihren Herkunftsländern Innovationen anstoßen und zur Entwicklung dieser Länder beitragen.Haus mit Solarpanel in der Sahara. Durch ihr im Zielland erworbenes Know-how können Diasporagemeinschaften in ihren Herkunftsländern Innovationen anstoßen und zur Entwicklung dieser Länder beitragen. (© picture-alliance, robertharding)

Wer oder was ist die Diaspora?

Gruppen von Migrantinnen und Migranten außerhalb ihres Herkunftslandes werden häufig als Diaspora bezeichnet. Allerdings gibt es kein einheitliches, weltweit gültiges Verständnis davon, wer oder was eine "Diaspora" ist oder als solche gesehen wird. Je nach Kontext und Perspektive variiert daher auch die Definition des Diaspora-Begriffs: Die Internationale Organisation für Migration definiert Diaspora beispielsweise als "Auswanderer und ihre Nachkommen, die zeitlich befristet oder permanent außerhalb ihres Geburts- oder Herkunftslandes leben, wohl aber emotionale und materielle Bindungen zu ihren Herkunftsländern aufrechterhalten"[1]. Hingegen beschreibt die Afrikanische Union die afrikanische Diaspora als "bestehend aus Personen afrikanischer Herkunft, die außerhalb des Kontinents leben, unabhängig von ihrer Staatsbürgerschaft oder Nationalität, und die bereit sind, an der Entwicklung des Kontinents und der Errichtung der Afrikanischen Union mitzuwirken".[2]

In der deutschen Entwicklungszusammenarbeit (EZ) wird der Begriff "Diaspora" in Anlehnung an die UN-Definition für eine nicht-homogene Gruppe von Menschen mit Migrationshintergrund und/oder eigener Migrationserfahrung verstanden, die in Deutschland lebt und emotionale und materielle Verbindungen zum Herkunftsland pflegt. Sie halten diese Verbindungen nicht nur individuell aufrecht, sondern schließen sich dafür auch in Diasporagemeinschaften oder Migrantenorganisationen zusammen. Diese (häufig gemeinnützigen) Vereine verbindet die gemeinsame Herkunft ihrer Mitglieder oder ihre berufliche Zugehörigkeit (z.B. Ingenieure, Ärzte).[3]

Das in der Diaspora vorhandene Entwicklungspotenzial, d.h. die positiven PDF-Icon Beiträge der Diaspora zur Entwicklung der Herkunftsländer aber auch der Zielländer (wie z.B. Deutschland), zu nutzen, steht dabei schon seit Längerem im Visier der Politik von Herkunfts- und von Zielländern. Als explizites politisches Ziel wurde dies allerdings erst ab den frühen 2000er Jahren formuliert.[4]

Seitdem haben zahlreiche Staaten Diaspora-Politiken und damit einhergehend Definitionen entwickelt, die jeweils durch den nationalen (historischen und politischen) Kontext gerahmt werden. Zum Teil werden darin die eigenen, im Ausland lebenden Staatsbürgerinnen und Staatsbürger angesprochen, zum Teil aber auch diejenigen, die schon seit mehreren Generationen außerhalb des Herkunftslandes leben und womöglich andere Staatsbürgerschaften angenommen haben. In den letzten zehn Jahren haben über 50 Herkunftsländer weltweit formelle Programme etabliert, um das Engagement ihrer im Ausland lebenden Diaspora für die Herkunftsgesellschaft zu fördern.[5] Aber auch einige wichtige Zielländer von Migrantinnen und Migranten haben, oft in Zusammenarbeit mit internationalen Organisationen, entsprechende Programme zur Förderung des Diaspora-Engagements ins Leben gerufen. Beispielsweise fördert die deutsche Entwicklungszusammenarbeit seit 2006 mit verschiedenen Instrumenten das entwicklungspolitische Engagement von Diasporagruppen in ihren Herkunftsländern.

Diese Dynamik wird auch auf internationaler Ebene weiterverfolgt: So bestätigt die New York Deklaration für Flüchtlinge und Migranten der Vereinten Nationen (2016) die wichtigen Entwicklungsbeiträge der Diaspora zu wirtschaftlicher Entwicklung und (Wieder-)Aufbau. Darüber hinaus wird der bis 2018 zu entwickelnde Global Compact on Safe and Orderly Migration, ein umfassendes Regelwerk zu internationaler Migration, die Stärkung der Verbindungen zwischen Herkunftsländern und Diaspora sowie die Beiträge der Diaspora adressieren.[6]

Was und wie trägt die Diaspora in ihren Herkunfts- und Aufnahmeländern zur Entwicklung bei?

In Politik und Öffentlichkeit wird häufig argumentiert, dass Engagement im Herkunftsland der Integration im Zielland widerspricht. Studien belegen allerdings das Gegenteil: Je besser Menschen an der Gesellschaft im Aufnahmeland teilhaben, desto intensiver können sie sich für die Entwicklung in ihren Herkunftsländern engagieren und tun dies auch. Nach dem sogenannten ressourcenabhängigen Modell haben Migrantinnen und Migranten, die in der Aufnahmegesellschaft "einen höheren sozialen Status erlangt haben, mehr Zeit und Muße […], Migrantenorganisationen zu gründen. Ihre informellen Qualifikationen und vielfältigen Kontakte versetzen sie in die Lage, lose Migrantennetzwerke zum Engagement im Herkunftsland zu mobilisieren und die dafür notwendigen Ressourcen zu beschaffen".[7]

Integration in der Aufnahmegesellschaft, beispielsweise in Deutschland, und das Engagement im Herkunftsland können also zwei Seiten ein und derselben Medaille sein.
Die Verbindungen zum Herkunftsland basieren auf persönlichen sozialen Netzwerken und Kontakten. Migrantinnen und Migranten nutzen diese transnationalen Verbindungen "zwischen den Welten" und die damit einhergehenden Vorteile wie interkulturelle und Sprachkenntnisse sowie Netzwerke für wirtschaftliche Aktivitäten. Die Beziehungen sind vielschichtig: familiäre Bindungen und Verpflichtungen können im Vordergrund stehen oder aber die Zusammenarbeit mit Vereinen, Schulen, Universitäten, Krankenhäusern, dem Privatsektor, mit lokalen Verwaltungen oder mit Ministerien.[8] Die Beziehungen der Diaspora zu ihren Herkunftsländern sind also genauso divers wie die Arten, sich einzubringen – es gibt nicht eine Form des Engagements.

Bestes Beispiel für Beiträge entlang persönlicher Netzwerke sind individuelle Geldtransfers von Migrantinnen und Migranten an ihre Familien und Freunde im Herkunftsland. Diese sogenannten Remittances machen weltweit ein Vielfaches der offiziellen staatlichen Entwicklungshilfe aus und kommen direkt den Empfängern zugute. Schätzungen gehen davon aus, dass Migrantinnen und Migranten im Jahr 2017 rund 450 Milliarden US-Dollar in Entwicklungsländer transferiert haben.[9] Diese Geldtransfers werden häufig in Schulbildung und Gesundheit investiert.[10] So kann die Diaspora einen direkten Beitrag zur Armutsminderung in Entwicklungsländern leisten.

Wirtschaftliche Beiträge leisten Angehörige der Diaspora sowohl in der Aufnahme- als auch der Herkunftsgesellschaft. In den Aufnahmegesellschaften zahlen sie Steuern, ermöglichen mit ihren transnationalen Netzwerken die Erschließung neuer Absatzmärkte und gründen Unternehmen. Aktuelle Untersuchungen zeigen zum Beispiel für Deutschland, dass Migrantinnen und Migranten im langjährigen Mittel rund ein Fünftel zur Gründungstätigkeit beitragen – was über dem Anteil der Migrantinnen und Migranten an der Gesamtbevölkerung liegt. Damit schaffen sie auch Arbeitsplätze.

In Herkunftsgesellschaften tragen Migrantinnen und Migranten neben der Überweisung von Remittances auch durch direkte Investitionen oder Unternehmensgründungen zur wirtschaftlichen Entwicklung bei. Doch die wirtschaftlichen Beiträge gehen über rein finanzielle Aspekte hinaus: Neben investiertem Kapital transferieren Migrantinnen und Migranten aufgrund ihrer Erfahrungen in anderen Kontexten auch Wissen und Technologie. Das von ihnen transferierte Knowhow sowie Produktionstechniken sind vielleicht global gesehen nicht neu, können im spezifischen Kontext des Herkunfts- oder auch Aufnahmelandes aber innovativ sein. So ermöglichten z.B. indische Ingenieure, die in den 1960er Jahren in die USA ausgewandert waren und dort Unternehmen gegründet hatten, durch ihre Rückkehr nach Indien in den 1990er Jahren und den damit verbundenen Transfer von Wissen und Technologie das Aufblühen der IT-Wirtschaft in der Region Bangalore. Dies kam wiederum der US-amerikanischen IT-Wirtschaft zugute, die auf günstige Software-Produktionsstätten und Zulieferer zurückgreifen konnte.[11]

Ein solcher Wissenstransfer kann durch innovative Unternehmensgründungen, aber auch durch Engagement im universitären Bereich, z.B. durch Lehrtätigkeiten oder Gastprofessuren, erfolgen. Dies kann die dauerhafte Rückkehr und Reintegration von Angehörigen der Diaspora in das Herkunftsland bedeuten, muss es aber nicht unbedingt: Das Engagement kann (häufig mithilfe digitaler Lösungen) transnational sein, d.h. über Grenzen und Regionen hinweg und somit quasi "zwischen den Welten" erfolgen. Eine weitere Möglichkeit des Wissenstransfers bietet die temporäre Rückkehr für mehrere Wochen oder Monate zur Umsetzung ausgewählter Projekte.

Inwiefern politisches Engagement – sowohl im Ziel- als auch im Herkunftsland – möglich ist, hängt vom jeweiligen rechtlichen Rahmen des Landes sowie dem rechtlichen Status des Individuums ab. Für Deutschland zeigen Untersuchungen beispielsweise, dass Migrantinnen und Migranten sowie Menschen mit Migrationshintergrund politisch sehr aktiv sind: ob individuell, in politischen Parteien oder eben kollektiv organisiert in Migrantenorganisationen. Voraussetzung für die passive und aktive Beteiligung an Wahlen ist jedoch die deutsche Staatsbürgerschaft (mit Ausnahme von Kommunalwahlen, wo auch EU-Bürgerinnen und -bürger wahlberechtigt sind). Nach wie vor sind daher Millionen Bürgerinnen und Bürger in Deutschland trotz erleichterter Einbürgerungsbestimmungen von Wahlen auf kommunaler, Landes- und Bundesebene ausgeschlossen. Dies wird in der Forschung als "Demokratiedefizit" bezeichnet.

Migrantenorganisationen haben in den vergangenen Jahren zunehmend an Bedeutung gewonnen. Dies betrifft u.a. ihre Relevanz in Hinblick auf die politische Partizipation von Migrantinnen und Migranten in Deutschland. Auch in Bezug auf Migrantenorganisationen wurde lange angenommen, dass ihre Orientierung in Richtung Herkunftsländer eine Abwendung von Deutschland bedeute und einer politischen Partizipation in Deutschland widerspreche. Die Forschung hat diese Annahme inzwischen widerlegt – Herkunftslandorientierung wird nicht mehr automatisch als "partizipationsfeindlich" angesehen.[12] Das politische Engagement von in Deutschland ansässigen Migrantenorganisationen in den Herkunftsländern ist allerdings noch kaum erforscht. Der Blick bisheriger Untersuchungen bleibt häufig auf den Zusammenhang zwischen Engagement im Herkunftsland und der Frage nach der Integration in Deutschland verengt.[13]

Dabei kann das politische Engagement von Migrantinnen und Migranten in ihren Herkunftsländern aus Sicht der Forschung sowohl negative als auch positive Effekte haben. So kann die Mobilisierung entlang ethnischer Grenzen z.B. zur Unterstützung konservativ-nationalistischer Fraktionen führen, "die etwa für die Perpetuierung von ethnischen Konflikten oder die Verfestigung gesellschaftlicher Disparitäten verantwortlich sind".[14] Gleichzeitig können Angehörige der Diaspora, die positive Erfahrungen mit Demokratie und Rechtsstaatlichkeit gemacht haben oder als Menschen mit Migrationsgeschichte der zweiten oder dritten Generation in einem demokratischen Rechtsstaat sozialisiert worden sind, Demokratisierungsprozesse in ihren Herkunftsländern unterstützen.

Fußnoten

1.
Agunias, Dovelyn Rannveig/Newland, Kathleen (2012): Developing a Road Map for Engaging Diasporas in Development: A Handbook for Policymakers and Practitioners in Home and Host Countries. IOM, MPI. Online: https://publications.iom.int/system/files/pdf/diaspora_handbook_en_for_web_28may2013.pdf (zuletzt abgerufen am 15.11.2017). Übersetzung durch die Autoren.
2.
Afrikanische Union (2005): Report of the meeting of experts from members of States on the Definition of African Diaspora (11-12 April 2005, Addis Ababa, Ethiopia). Online: http://www.dirco.gov.za/diaspora/definition.html (zuletzt abgerufen am 15.11.2017). Übersetzung durch die Autoren.
3.
GIZ (2013a): Mit Diasporagemeinschaften zusammenarbeiten. Orientierung für die Praxis. Online: https://www.giz.de/fachexpertise/downloads/giz2013-de-Leitfaden_Diasporakooperation-webversion.pdf (zuletzt abgerufen am 18.10.2017), S. 6.
4.
Kommission der Europäischen Gemeinschaften (2002): Einbeziehung von migrationsbelangen in die Beziehungen der Europäischen Union zu Drittländern. Online: http://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/PDF/?uri=CELEX:52002DC0703&from=EN (zuletzt abgerufen am 5.10.2017).
5.
Agunias/Newland (2012), S. 10.
6.
United Nations General Assembly (2017): New York Declaration for Refugees and Migrants. A/RES/71/1. Online: http://www.un.org/en/ga/search/view_doc.asp?symbol=A/RES/71/1 (zuletzt abgerufen am 2.10.2017).
7.
Baraulina, Tatjana/Borchers, Kevin (2008): Wer migriert, der entwickelt? Bedingungen und Formen des entwicklungspolitischen Engagements von Diaspora. Online: https://heimatkunde.boell.de/2008/12/01/wer-migriert-der-entwickelt-bedingungen-und-formen-des-entwicklungspolitischen (zuletzt abgerufen 05.11.2017).
8.
GIZ (2013a), S. 6.
9.
Weltbank (2017): Migration and Remittances. Recent Developments and Outlook, Migration and Development Brief 28. Online: http://www.knomad.org/sites/default/files/2017-10/11463_Migration_Report%2010-2-17.pdf (zuletzt abgerufen am 3.10.2017)
10.
Siehe z.B. TedTalk von Dilip Ratha (Weltbank-Ökonom) von 2014, "The hidden force in global economics: sending money home". Online: https://www.ted.com/talks/dilip_ratha_the_hidden_force_in_global_economics_sending_money_home (zuletzt abgerufen am 20.10.2017).
11.
Thränhardt, Dietrich (2005): Entwicklung durch Migration: ein neuer Forschungsansatz. Online: http://www.bpb.de/apuz/28964/entwicklung-durch-migration-ein-neuer-forschungsansatz?p=all (zuletzt abgerufen am 5.10.2017).
12.
Hunger, Uwe/Candan, Menderes (2009): Politische Partizipation der Migranten in der Bundesrepublik Deutschland und über die deutschen Grenzen hinweg. Online: http://www.bamf.de/SharedDocs/Anlagen/DE/Publikationen/Expertisen/politische-partizipation.pdf?__blob=publicationFile (zuletzt abgerufen am 3.10.2017), S. 40.
13.
Hunger/Candan (2009), S. 42.
14.
Baraulina/Borchers (2008).
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