Koffer

19.3.2018 | Von:
Zerrin Salikutluk
Jannes Jacobsen
Martin Kroh

Die Arbeitsmarktperspektiven von Geflüchteten: Rechtliche Bedingungen, Qualifikationen und die Rolle der ArbeitgeberInnen

Neben dem Geschlecht zeigen sich auch für andere soziodemografische Charakteristika statistisch signifikante Unterschiede. Beispielsweise fällt die Wahrscheinlichkeit, erwerbstätig zu sein, für Personen zwischen 31 und 40 Jahren im Durchschnitt am höchsten und für Personen zwischen 51 und 65 Jahren am niedrigsten aus. Das Herkunftsland, der Rechtsstatus sowie der Bildungsabschluss haben hingegen keine deutlichen Auswirkungen auf die Arbeitsmarktintegration. Dass höher Gebildete keinen Vorteil gegenüber geringer Gebildeten haben, könnte einerseits daran liegen, dass sie die (z.T. zeitaufwändige) Anerkennung ihrer im Ausland erworbenen Qualifikationen anstreben, bevor sie in den Arbeitsmarkt eintreten. Darüber hinaus ist es denkbar, dass sie eine Beschäftigung aufnehmen möchten, die ihrer Qualifikation entspricht und dadurch länger nach einer geeigneten Stelle suchen müssen. Andere Merkmale und Eigenschaften scheinen für die Arbeitsmarktintegration relevanter zu sein. So liegt die Erwerbswahrscheinlichkeit von Personen, die Berufserfahrungen im Herkunftsland sammeln konnten, um zehn Prozentpunkte höher als bei Personen, die noch nie gearbeitet haben. Auch die Aufenthaltsdauer spielt eine entscheidende Rolle: Je länger Geflüchtete in Deutschland leben, desto höher ist ihre Erwerbswahrscheinlichkeit.

Wie oben beschrieben, wird der Sprachkompetenz eine besonders wichtige Rolle bei der Arbeitsmarktintegration zugeschrieben. Dies spiegelt sich auch in den Ergebnissen unserer Untersuchung wider. Die Sprachkursteilnahme erhöht die Erwerbswahrscheinlichkeit im Durchschnitt um drei Prozentpunkte, wobei der Effekt statistisch nicht signifikant ist. Dies liegt vermutlich daran, dass wir zusätzlich zur Sprachkursteilnahme auch die Sprachkenntnisse berücksichtigen. Diejenigen, die ihre Deutschkenntnisse als "gut" einschätzen, haben durchschnittlich eine um 13 Prozentpunkte höhere Wahrscheinlichkeit, erwerbstätig zu sein, als jene, die ihre Sprachkompetenzen als "schlecht" bezeichnen.

Im Hinblick auf die Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten muss zudem die physische und psychische Gesundheit berücksichtigt werden, die durch (traumatische) Erlebnisse während der Flucht nach Deutschland eingeschränkt sein kann. Tatsächlich haben Personen, die von mittelstarken oder starken seelische Problemen berichten, eine niedrigere Wahrscheinlichkeit (vier bzw. acht Prozentpunkte), am Arbeitsmarkt integriert zu sein.

Auch die Region, in der Geflüchtete in Deutschland leben, hat Auswirkungen auf ihre Arbeitsmarktintegration. So liegt in Westdeutschland die Erwerbswahrscheinlichkeit Geflüchteter durchschnittlich um fünf Prozentpunkte höher als in Ostdeutschland. Diese Differenz lässt sich auf mehrere Erklärungen zurückführen. Beispielsweise kann dies das Resultat aus der oben skizzierten höheren Bereitschaft von ArbeitgeberInnen in Westdeutschland sein, Geflüchtete einzustellen. Andererseits können sich dahinter auch andere regionale Unterschiede, wie die Nachfrage nach Arbeitskräften, verbergen. In Regionen mit hoher Arbeitskräftenachfrage haben auch Geflüchtete bessere Chancen, einen Arbeitsplatz zu finden.

Fazit und Ausblick

Insgesamt lassen sich aus den bisherigen Entwicklungen vorsichtig optimistische Schlussfolgerungen für die Arbeitsmarktintegration der seit 2013 nach Deutschland zugewanderten Geflüchteten ziehen. In den vergangenen Jahren wurden einige rechtliche Hindernisse, die einer schnellen Arbeitsmarkteinbindung im Weg standen, abgebaut oder gelockert. Zusätzlich wurden integrationsförderliche Maßnahmen wie flächendeckende Sprach- und Integrationskurse eingeführt, die sich insgesamt positiv auf die gesellschaftliche Teilhabe auswirken sollten. Allerdings stellt ein schneller Einstieg in den Arbeitsmarkt keine Garantie für eine gelungene Integration dar. Sollen Geflüchtete innerhalb kürzester Zeit eine Erwerbstätigkeit aufnehmen, besteht die Gefahr, dass sie im Niedriglohnsektor einsteigen und dort auch langfristig verbleiben. Damit verbunden ist das Risiko, in einem Beruf zu arbeiten, der unter dem eigenen Qualifikationsniveau liegt. Dies bedeutet nicht nur eine Entwertung der (Lebens-)Leistung der Betroffenen, sondern auch einen volkswirtschaftlichen Verlust. Eine mögliche Gegenmaßnahme könnte die (zügige) Anerkennung der im Ausland erworbenen Qualifikationen Geflüchteter darstellen. Das 2012 in Kraft getretene "Anerkennungsgesetz" des Bundes eröffnet Menschen, die z.B. wegen einer Flucht aus dem Herkunftsland keine Zeugnisse und andere Unterlagen über erworbene Abschlüsse und Fertigkeiten beibringen können, Wege, ihre Qualifikationen anerkennen zu lassen. In den letzten Jahren wurden dazu Projekte wie Early Intervention, ValiKom oder Prototyping Transfer angeregt, die Verfahren zur Anerkennung informeller Qualifikationen entwickelt haben. Ob dadurch die Vermittlung von Geflüchteten in (hoch-)qualifizierte Tätigkeiten besser gelingt, wird sich in den kommenden Jahren zeigen.

Dieser Artikel ist Teil des Kurzdossiers Perspektiven auf die Integration von Geflüchteten in Deutschland.

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