Apokalypse "Klimaflucht"?
Migration gehört ohne Zweifel zu den großen Themen der Gegenwart.
Müssen wir schon in absehbarer Zeit mit einem riesigen Ansturm von "Klimaflüchtlingen" rechnen? Was weiß die Forschung eigentlich über den Zusammenhang zwischen Klimawandel und Migration? Und auf welchen Quellen beruhen die Erkenntnisse in diesem Bereich?
Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Umweltmigration
Mit wenigen Ausnahmen
Die Folgen des Klimawandels
Die zum Teil bereits beobachtbaren Folgen des Klimawandels sind äußerst vielfältig. Sie umfassen zum einen schleichende Umweltveränderungen wie die zunehmende Versalzung der Grundwasserressourcen, eine Veränderung der tropischen Niederschlagsmuster (in weiten Teilen Afrikas oder Südasiens) und eine höhere Wahrscheinlichkeit von Dürren (etwa am Horn von Afrika), zum anderen aber auch plötzlich eintretende Ereignisse wie Flutkatastrophen in küstennahen Gebieten als Folge des steigenden Meeresspiegels (z.B. in Teilen Bangladeschs oder den pazifischen Inselstaaten). Darüber hinaus ist auch mit einer zunehmenden Häufigkeit und Intensität von Wirbelstürmen in der Karibik und Teilen des Pazifischen wie Indischen Ozeans zu rechnen. Daraus können sich Gefahren für die menschliche Sicherheit ergeben. So besteht einerseits die direkte Gefahr, durch ein Umweltereignis zu Schaden zu kommen. Andererseits steigt u.a. das Risiko von Missernten und damit verbundener Nahrungsmittelunsicherheit; Gesundheitsrisiken ergeben sich durch sich ausbreitende Tropenkrankheiten oder Wasserknappheit.*
*Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) (2014): Climate Change 2014: Synthesis Report. Contribution of Working Groups I, II and III to the Fifth Assessment Report of the Intergovernmental Panel on Climate Change. Genf.
Bei dieser aufkeimenden Diskussion in den späten 1980er und frühen 1990er Jahren ließen sich rasch zwei ziemlich unterschiedliche Fraktionen in der wissenschaftlichen Gemeinde erkennen. Auf der einen Seite stehen die sogenannten "Alarmisten", bei denen es sich hauptsächlich um Naturwissenschaftler_innen handelt. Der Ausgangspunkt ihrer Analysen zum Zusammenhang zwischen Umwelt und Migration ist die Prämisse, dass ökologische Veränderungen – und insbesondere die Folgen der globalen Erwärmung (siehe Kasten) – eine zunehmend dominante Rolle bei Migrationsentscheidungen spielen werden. Weit verbreitet ist in dieser Gruppe von Wissenschaftler_innen die Annahme, dass Umweltveränderungen menschliche Lebensräume zunehmend unbewohnbar machen und Menschen dadurch in die Flucht getrieben würden. Der bekannteste Vertreter der alarmistischen Gruppe ist Norman Myers, der bis heute ein angesehener Experte im Bereich der Biodiversitätsforschung ist. Er veröffentlichte in den 1990er Jahre eine Prognose, wonach es zur Mitte des 21. Jahrhunderts 200 Millionen "Klimaflüchtlinge" geben werde.
Auf der anderen Seite beteiligte sich seit den frühen 1990er Jahren eine Gruppe von Wissenschaftler_innen an der akademischen Debatte zum Thema "Umwelt- und Klimamigration", die man schon bald als "Skeptiker" bezeichnete.
Lange Zeit fußte die wissenschaftliche Debatte zum Klima-Migrations-Nexus – also zum
Was lässt sich über den Zusammenhang zwischen Klimawandel und Migration sagen
Zwar gibt es sicherlich noch Wissenslücken im Hinblick auf den Zusammenhang zwischen Migration und Klimawandel. Die Ergebnisse der oben aufgeführten Projekte und Initiativen lassen jedoch einige Rückschlüsse über das (globale) Verhältnis zwischen Klimawandel und menschlicher Mobilität zu. Diese geben eher der Position der "Skeptiker" recht und lassen sich wie folgt zusammenfassen:
Es besteht kein Automatismus zwischen ökologischem Wandel und Migration
Die erhöhte Wahrscheinlichkeit von plötzlich einsetzenden Umweltkatastrophen wie Flutwellen gehört zu den deutlichen Folgen des Klimawandels. Millionen von Menschen sind dadurch in ihrer menschlichen Sicherheit bedroht; mit anderen Worten: Es besteht Gefahr für Leib und Leben. Aber auch schleichende Folgen der globalen Erwärmung wie Veränderungen bei den tropischen Regenzeiten oder Küstenerosion wirken sich zunehmend negativ auf die Nahrungsmittelproduktion,
Betroffen von "Klimamigration" sind vor allem arme Bevölkerungsgruppen im globalen Süden
Die Menschen, die hauptsächlich von den Auswirkungen des Klimawandels betroffen sind – und für die Migration in diesem Kontext eine Option sein kann oder muss – sind ärmere Bevölkerungsgruppen im globalen Süden, die z.T. hochgradig von der Landwirtschaft bzw. natürlichen Ressourcen abhängig sind. Vor allem kleinbäuerliche Familien, Viehzüchterinnen und -züchter sowie Hirten oder städtische Arme sind hier zu nennen. Aufgrund ihrer bescheidenen Ressourcen- und Finanzausstattung sind sie oft gar nicht in der Lage, über größere Distanzen hinweg zu migrieren. Klimabezogene Migration findet daher vor allem landesintern oder zwischen benachbarten Ländern statt. Von einem millionenfachen Ansturm von "Klimamigrant_innen" in Richtung Europa ist bis auf Weiteres nicht zu rechnen. Viele der betroffenen Menschen sind sogar so arm, dass sie nirgendwohin migrieren können und sie gewissermaßen an ihren Heimatorten "gefangen" sind. In der Literatur werden sie als "trapped populations" bezeichnet. Diese Menschen sind und werden am härtesten von den Folgen der globalen Erwärmung getroffen. Wenn vom Klimawandel betroffene Menschen aber migrieren können, dann geschieht das zumeist zeitlich begrenzt und beschränkt sich oftmals auf die Migration einzelner Haushalts- und Familienmitglieder. Ziel der Migrant_innen ist es dabei nicht selten, z.B. Ernte- oder Viehverluste zu kompensieren, indem sie Geld am Zuzugsort verdienen und einen Teil davon
Zwangsmigration aufgrund des Klimawandels wird zunehmen.
Aufgrund des weiter fortschreitenden Klimawandels und vor allem auch des fortschreitenden Anstiegs des Meeresspiegels ist davon auszugehen, dass in den nächsten Jahrzehnten zahlreiche Gegenden (z.B. Teile der pazifischen Inselstaaten oder
Ein weiter Weg: Von der Wissenschaft zur Politik
"Klimamigration" ist heute kein Gegenstand rein akademischer Diskussion mehr. Die Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen (UNFCCC) hat 2017 eine "Externer Link: Task Force on Displacement" eingerichtet und bereits 2010 war Migration zum ersten Mal ein offizielles Thema auf der jährlich stattfindenden Weltklimakonferenz. Das Thema Migration im Kontext des Klimawandels politisch anzugehen, ist herausfordernd und sollte nicht einfach bedeuten, Migration zu unterbinden. Vielmehr muss es darum gehen, betroffenen Menschen eine Migration in Würde – ohne Angst vor Diskriminierung oder Ausbeutung – zu ermöglichen und die positiven Aspekte der Migration als Risikominimierungsstrategie zu verstärken. Daher scheint ein intensiverer Austausch zwischen Wissenschaft und Politik dringender geboten denn je.
Dieser Artikel ist Teil des Kurzdossiers