BUNDESTAGSWAHL 2021 Mehr erfahren
Russlanddeutsche Auswanderung

15.1.2019

Dokument 4.1: "Wiegenlied einer sowjetdeutschen Mutter in der sibirischen Verbannung" von Dominik Hollmann

[1]

Wiegenlied einer sowjetdeutschen Mutter in der
sibirischen Verbannung
[2]

Schlaf, mein Kind, mein lieber Knabe!
Dunkel ist die Nacht.
Nur der Mond am Wanderstabe
hält allein noch Wacht.

An dem schönen Wolgastrande
waren wir zuhaus.
Doch man trieb mit Schmach und Schande
uns von dort hinaus.

Malte uns ‘nen schwarzen Flecken
auf die freie Brust.
Mussten leiden Greul und Schrecken,
Kummer und Verdruss.

Jeden Sowjetdeutschen nennt man
Diversant, Spion...
Schlaf, mein kleiner deutscher Landsmann!
Schlaf, mein kleiner Sohn!

Und auch du in deiner Wiege
hast schon diesen Fleck,
denn trotz aller großen Siege,
niemand wischt ihn weg.

In dem großen Sowjetlande
jedem blüht sein Glück.
Du allein bleibst ein Verbannter,
denn zum heimatlichen Strande
darfst du nicht zurück.
Viele schöne Worte sagt man
einst auch dir, mein Sohn.
Doch solang den Fleck wir tragen,
ist es schnöder Hohn.

Schlaf mein Kind, beim Silberscheine,
bist noch klein und schwach,
weißt noch nicht, warum ich weine,
nichts von Hass und Schmach.

Wachse Kind! Straff deine Sehnen!
Sei kein stummer Knecht!
Denk an deiner Mutter Tränen
und verlang dein Recht!

Dominik Hollmann,
Krasnojarsk 1948/1963


Fußnoten

1.
Zu diesem und anderen Gedichten des Schriftstellers schreibt sein Enkel Rudolf Bender: Sie wurden an Freunde geschickt und in Briefen, ohne den Autor zu nennen, weiterverbreitet. Einige wurden zu den Melodien bekannter russischer Lieder gesungen, wie z.B. das Gedicht "Mein Heimatland" zu der Melodie von "Stenjka-Rasin-Lied", und wurden so zu "Volksliedern". Das Gedicht "Wiegenlied einer sowjetdeutschen Mutter in der sibirischen Verbannung" hat eine Vorgeschichte. Als meine älteste Schwester 1948 geboren wurde und meine Eltern den Geburtsschein im Standesamt beantragt hatten, wurde ihnen mitgeteilt, dass das Neugeborene erst in der Liste der Verbannten bei dem örtlichen Kommandanten eingetragen werden muss. Nur dann, mit der schriftlichen Erlaubnis des Kommandanten, dürften sie wieder kommen. Meine Mutter hat über den Vorfall ihrem Vater Dominik Hollmann geschrieben und so entstand das Gedicht. http://wolgadeutsche.net/bibliothek/ufer/Die_Ufer_D_Hollmann.pdf (auf Deutsch und Russisch)
2.
Quelle: Fuks V. (Viktor Fuchs): Rokovye dorogi povolžskich nemcev. 1763-1993 gody. Istoričeskie fakty. Dokumenty. Obraščenija k vlastjam. Pis’ma. Vospominanija lic presledujemogo naroda [Verhängnisvolle Wege der Wolgadeutschen. 1763–1993. Historische Fakten. Dokumente. Eingaben an die Machtorgane. Briefe. Erinnerungen von Personen aus den Reihen des verfolgten Volkes]. Krasnojarsk 1993, S. 136. Hier wurde das Entstehungsjahr des Gedichtes allerdings mit April 1963 angegeben.

Russlanddeutsche