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Das Taj Mahal in Agra ist das Wahrzeichen Indiens.

24.1.2007 | Von:
Iftikhar Gilani

Umstrittenes Kaschmir

Indien und Pakistan sind einer Lösung näher als je zuvor – und doch weit davon entfernt

Gespräche mit jungen Leuten machen Angst

Indes haben Stillstand und ausbleibende Erfolge die politische Situation erneut verschärft. Noch vor einem Jahr sprühte Kaschmir vor Optimismus, heute beherrschen Resignation und Pessimismus die öffentliche Meinung. Jugendliche in Städten wie Kupwara, Bandipora oder Srinagar klagen in Gesprächen bitterlich über Bedrohung und Schikane, denen sie in Kaschmir oder bei Reisen nach Delhi und andere Städte ausgesetzt sind. "Die ganze Wut, der ganze Hass kann bei der kleinsten Provokation ausbrechen", schrieb kürzlich Barkha Dutt, eine der bekanntesten indischen Fernsehjournalistinnen. "Der Radikalismus gewinnt in Kaschmir mehr und mehr an Boden und Gespräche mit jungen Leuten machen Angst."

Im Kaschmir-Tal kommt es im häufiger zu öffentlichen Protesten. Seien es Probleme mit der Wasser- und Stromversorgung, ein Sexskandal, in den im Frühjahr 2006 ranghohe Offizielle verwickelt waren, oder das Todesurteil gegen Afzal Guru, der vom Obersten Gericht für den Anschlag auf das indische Parlament Ende 2001 mitverantwortlich gemacht wurde – die Menschen gehen auf die Straße, um ihrer Wut Ausdruck zu verleihen. Nach Ansicht von Beobachtern genügt bereits ein kleiner Funke, um eine gewaltige Explosion auszulösen.

Auch die sich häufenden Menschenrechtsverletzungen schüren den Unmut. Es heißt, General S.S. Dhillon, Oberbefehlshaber des in der Sommerhauptstadt Srinagar stationierten 15. Armee-Korps, habe nach der Amtsübernahme im Juni 2005 Resultate von seinen Offizieren gefordert. Gleichzeitig soll er ihnen zugesichert haben, sich um diejenigen zu "kümmern", die ihre Stimme gegen Menschenrechtsverletzungen erheben. Seitdem hat sich die Zahl von Personenkontrollen, Durchsuchungen und anderen Maßnahmen rapide erhöht.

Doch trotz ausgedehnter Militäroperationen und des harten Vorgehens der Sicherheitskräfte haben bewaffnete Gruppen im Jahr 2006 an Boden gewonnen. So wurden zahlreiche Polizisten getötet, die anders als Soldaten bislang nicht Ziel von Angriffen waren. Zudem gelang es den Militanten, ihren Einfluss in einigen Regionen des Kaschmir-Tals auszuweiten – unter anderem im Gebiet um Srinagar. Die Führungen von Armee und paramilitärischen Einheiten wie der Central Reserve Police Force (CRPF) beschuldigen sich inzwischen gegenseitig, für deren Erstarken verantwortlich zu sein.

Grenzen irrelevant werden lassen

Trotz des festgefahrenen Friedensprozesses nach den Anschlägen von Mumbai sind derzeit zahlreiche Experten im Auftrag vom Premier und Außenministerium damit beschäftigt, neue Lösungsansätze zu entwerfen, die sowohl für die kaschmirische Führung als auch für Pakistan akzeptabel sind. Zudem reiste eine hochrangig besetzte Delegation nach Irland und Großbritannien, um sich über das 1998 zwischen Dublin und London geschlossenen Karfreitagsabkommens und dessen Umsetzung in Nordirland zu informieren. Anschließend verkündeten selbst Hardliner wie der frühere indische Botschafter in Pakistan, G. Parthasarthy, dass beide Länder nach gemeinsamen Lösungen suchen sollten. Die indische Seite ist davon überzeugt, dass Grenzen zwar nicht verändert, jedoch "irrelevant" gemacht werden können. Insider wollen sogar in Erfahrung gebracht haben, dass Premier Singh und Präsident Musharraf in dieser Frage einer Meinung sind.

Um einen Mechanismus für die Zusammenarbeit über die Waffenstillstandslinie (Line of Control, LOC) (Verweis auf Kasten "Geschichte Kaschmir-Konflikt") hinweg aufbauen zu können, müsse nach Ansicht Parthasarthys zunächst eine gemeinsame Expertenkommission daran arbeiten, die auf beiden Seiten unterschiedlichen Vorstellungen von Selbstverwaltung zu harmonisieren. Gleichzeitig müsse versucht werden, auch unter den Kaschmiren einen Konsens in dieser Frage zu erzielen.

Ein weiterer Experten-Vorschlag zielt darauf ab, die Zusammenarbeit zwischen Institutionen in Indien und Pakistan zu verstärken. So könnten Gremien eingerichtet werden, die lokale Behörden entlang der LOC bei Fragen von beidseitigem Interesse wie Gesundheit, Bildung und Unweltschutz beraten. Auch ein Studentenaustausch ist im Gespräch. Junge Leute aus dem pakistanischen Teil Kaschmirs könnten an den Universitäten in Jammu oder Srinagar Ingenieurwesen und Medizin studieren, während sich "indische" Kaschmiren in Muzaffarabad oder Mirpur einschreiben. Alles in allem liegen zahlreiche konkrete Pläne in den Schubladen. Vorher allerdings, so heißt es, müsse Pakistan das Terrorismusproblem ernst nehmen und dafür sorgen, dass keine weiteren Anschläge in Indien verübt werden.

Gelingt das, wird selbst über die Einrichtung eines gemeinsamen "Rates für Jammu und Kaschmir" nachgedacht, in dem neben den Regierungschefs der beiden Staaten ranghohe Politiker aus Indien und Pakistan sowie aus dem indischen Teil Kaschmirs mitarbeiten. Allerdings würde Delhi wohl darauf verzichten, dieses Gremium als "gemeinsame Führung" oder "geteilte Herrschaft" zu bezeichnen.

Der Publizist A.G. Noorani, seit vielen Jahren anerkannter Experte in Sachen Kaschmir, glaubt, dass die indische Verfassung eine solche Lösung ermögliche. Allerdings sei in erster Linie politischer Wille gefragt, um zu einer endgültigen Lösung zu gelangen: "Die indisch-pakistanischen Beziehungen sind an einem Wendepunkt angelangt, daher ist es wichtig, das eine Seite der anderen vertraut."


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