„Hello World.“ Diese Worte schrieb „
Von Nupedia zu Wikipedia
Bereits ein Jahr vor dem Launch von Wikipedia hatten ihre Gründer Jimmy Wales und Larry Sanger mit „Nupedia“ ein professionelles Enzyklopädie-Projekt gestartet. Diese Online-Wissensplattform sollte durch einen eingeschränkten Kreis von ausgewiesenen Experten erstellt und die Inhalte durch ein mehrstufiges Peer-Review-Verfahren geprüft werden. Das Projekt lief äußerst schleppend an, Wales und Sanger starteten Wikipedia – und wurden von dessen Erfolg überrascht.
Wikipedia zugrunde liegt ein einfaches Content-Management-System, ein Programm, mit dem man Inhalte für eine Website einfach erstellen, bearbeiten und verwalten kann – die sogenannte „Wiki-Engine“. Sie erlaubt es, Inhalte direkt im Browser zu bearbeiten und verzögerungsfrei zu veröffentlichen. So können Internetseiten gemeinschaftlich, offen und einfach bearbeitet werden. Durch diese technischen Möglichkeiten und ihre offene Ausrichtung trug Wikipedia zu einer sich verändernden Wissensgesellschaft bei. Sie zeigte, dass hierarchisch organisierte Strukturen sich überwinden lassen und Wissen gemeinschaftlich aufgebaut und in Netzwerken weiterentwickelt werden kann. All dies niederschwellig und unabhängig von materiellen Ressourcen.
Wachstum und Institutionalisierung
Das Freiwilligen-Projekt wuchs in einem rasanten Tempo. Bereits 2003, also nach gerade einmal zwei Jahren, umfasste Wikipedia 130.000 Artikel in 28 Sprachen. Das Projekt profitierte auch von der 1996 gegründeten Suchmaschine Google: Je mehr Sichtbarkeit Google Wikipedia gab, desto mehr Autorinnen und Autoren beteiligten sich, je mehr Artikel in der Wikipedia verfügbar waren, umso öfter verwies Google auf Wikipedia.
Die kostenfreie und niederschwellig zugängliche Wikipedia
Heute umfasst allein die deutsche Wikipedia über drei Millionen Einträge. Zum Vergleich: Die letzte gedruckte, 30-bändige 21. Ausgabe der traditionsreichen deutschen Brockhaus-Enzyklopädie von 2006 umfasste rund 300.000 Stichwörter – und wog den Angaben eines Fachantiquariats zufolge, bei einem Verkaufspreis je nach Ausstattung ab rund zweieinhalbtausend Euro, etwa 70 Kilogramm. Die mittlerweile rund 340 Sprachversionen der Wikipedia umfassen heute über 65 Millionen Artikel. Die Seite lebt bis heute von dem Engagement der Community. Der Weg vom anarchischen Projekt zur durchorganisierten Enzyklopädie-Maschinerie, wie wir sie heute kennen, war lang: Regeln und Organisationsabläufe wurden in zähen Diskussionen ausgehandelt.
Bald stellte sich die Frage der Finanzierung der Plattform. Eine naheliegende Idee war Online-Werbung, doch Autorinnen und Autoren wehrten sich vehement, stand Wikipedia doch für einen Gegenpol zum grassierenden Kommerz im Internet. Die Lösung war eine gemeinnützige, spendenfinanzierte Stiftung, die Wikimedia-Foundation, mit Sitz in den USA. Gründer Jimmy Wales rief sie 2003 ins Leben. Heute ist Wikipedia das wohl bekannteste von 14 Projekten der Wikimedia-Foundation. Ziel der Stiftung ist es, die Sammlung und Entwicklung von Bildungsinhalten zu fördern und sie frei und global zugänglich zu machen.
Die deutsche Wikipedia-Community ist im gemeinnützigen Verein Wikimedia Deutschland – Gesellschaft zur Förderung Freien Wissens (WMDE) organisiert. Er wurde 2004 von Aktivistinnen und Aktivisten gegründet, um die Arbeit zu strukturieren, Spenden für die Wikimedia zu sammeln und Austausch- und Vernetzungsformate zu fördern. Die WMDE betreibt eine Geschäftsstelle mit 180 Mitarbeitenden in Berlin und verzeichnet gut 114.000 Mitglieder. Trotz Erfolgen kommt es immer wieder zu Konflikten zwischen Ehrenamtlichen und dem Verein, die vor allem finanzielle Transparenz, Ressourcennutzung und das Verhältnis von Verein und Community betreffen. Wikimedia Deutschland wurde wiederholt wegen mangelnder Offenlegung von Ausgaben kritisiert. Mitunter stören sich Freiwillige an bürokratischen Strukturen und beklagen eine Vernachlässigung der Community.
Zensur, Manipulation und Desinformation
Wirklich „frei“ ist die Wikipedia längst nicht überall. Weil die gezielte Zensur nur einzelner Inhalte nicht mehr ohne Weiteres möglich ist, wird sie in autoritären Staaten immer wieder blockiert. So sperrte
Immer wieder war Wikipedia das Ziel von Desinformationskampagnen. Zwischen 2005 und 2010 etwa manipulierten Rechtsextreme über gefälschte Online-Profile mehr als 20.000 Artikel der deutschsprachigen Wikipedia, um Fakten aus der NS-Geschichte zu verzerren. So verkehrten sie durch den Austausch einzelner Wörter Inhalte ins Gegenteil, machten beispielsweise aus dem Widerstandskämpfer Georg Elser einen Täter – aus dem „NS-Opfer“ einen „Mörder“.
Gegen solche Manipulationen anzukämpfen, bindet viel personelle Ressourcen der Wikipedia-Community. Neue Kontrollmechanismen sollen groß angelegte Manipulationskampagnen schnell unterbinden helfen, indem sie Fake-Accounts als solche enttarnen. Das braucht personelle Ressourcen. Zwar arbeiten allein an der deutschen Wikipedia derzeit rund 18.000 ehrenamtliche Autorinnen und Autoren mit, prüfen und korrigieren Fakten. Doch die Zahl der regelmäßig aktiven Wikipedianerinnen und Wikipedianer wird seit Jahren kleiner.
Wikipedia und Künstliche Intelligenz
Seit Kurzem hat Wikipedia neue enzyklopädische Konkurrenz. Im Oktober 2025 ging Elon Musks KI-gestütztes „Grokipedia“-Projekt online. Musk hat es ausdrücklich als Gegenmodell zur Wikipedia entwickelt. Der wirft er vor, nur noch „wokes“ Propaganda-Sprachrohr der „Mainstream-Medien“ zu sein, dem er mit „Grokipedia“ ein Korrektiv zur Seite stellen wolle. Der zugrunde liegende KI-Chatbot „Grok“ wird jedoch, wie alle großen Sprachmodelle, auch mit Inhalten der Wikipedia trainiert.
In der Wikipedia-Community werden die Herausforderungen intensiv diskutiert. Wikipedia hat das Freiwilligen-Projekt AI Cleanup ins Leben gerufen, das systematisch nach Merkmalen für KI-generierte Inhalte sucht. Diese können gemäß eines Schnelllöschkriteriums für automatisiert erstellte Seiten zügig entfernt werden.
Schließlich stellt auch der „Bias“, also die „Voreingenommenheit“ der Bots, ein Problem dar: Studien zeigen, dass KI-Sprachmodelle rassistische, sexistische und andere Stereotype reproduzieren. Außerdem führt der Zugriff von Bots auf Wikipedia laut Wikimedia Deutschland zu einer dauerhaften Überlastung der Server.
Qualitätsfragen und Ungleichgewichte in Wikipedia
Eine vergleichende Studie bescheinigte der Wikipedia wenige Jahre nach ihrem Start, mit klassischen Enzyklopädien in vielen Fällen schon mithalten zu können. Gleichzeitig begleitet der Streit um Qualitätsstandards und -sicherung die Wikipedia seit ihren ersten Jahren. Zu den vehementesten Kritikern gehört der ehemalige Mitbegründer Larry Sanger selbst, der bereits 2002 aus dem Projekt ausgestiegen war. Eine aktuelle Studie der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (F.A.S.) kommt zu dem Ergebnis, dass mindestens 20 Prozent der Wikipedia-Seiten veraltete Informationen enthalten. Nur bei der Hälfte der Fälle ist dies auf den ersten Blick erkennbar. Dazu kommen fast noch einmal so viele Seiten mit falschen Angaben. Außerdem besteht eine deutliche strukturelle Schieflage in der Autorschaft: Weniger als 15 Prozent der Beitragenden sind Frauen, der überwiegende Teil stammt aus westlichen Ländern. Diese Ungleichverteilung führt nicht nur zu einer Unterrepräsentanz von Themen, die besonders die Lebensrealitäten von Frauen betreffen, sondern auch zu einer Dominanz männlicher und westlich geprägter Perspektiven.
Qualitätssicherung durch Bezahlung?
Wikipedia finanziert sich fast ausschließlich durch Spenden, Mitgliedsbeiträge und Fördermittel. Die deutsche Spendenkampagne 2025 erreichte das Ziel von acht Millionen Euro binnen 50 Tagen. Bisher wird das Geld u.a. für die technische Infrastruktur, Programmierende sowie Web-Entwicklerinnen und -Entwickler verwendet. In Anbetracht der vielfältigen Herausforderungen, denen Wikipedia gegenübersteht, wird immer wieder gefordert, eine hauptamtliche Redaktion zu bezahlen, um die Qualität und die Aktualität der Inhalte dauerhaft zu sichern. Bisher nimmt Wikipedia, mit dem Verweis auf den Anspruch der Gleichheit und Offenheit der Autorinnen und Autoren und die potenzielle Einbuße der Motivation von Ehrenamtlichen, Abstand davon.