Was geschah am 14. Juli 2016?
An diesem Abend des französischen Nationalfeiertags fand an der Strandpromenade von Nizza eine Feier statt. Zehntausende Menschen waren auf der „Promenade des Anglais“ unterwegs, um ein Feuerwerk zu sehen.
Gegen 22:45 Uhr fuhr der islamistische Terrorist Mohamed Lahouaiej-Bouhlel mit einem 19 Tonnen schweren LKW auf die abgesperrte Straße und erfasste auf einer Strecke von fast zwei Kilometern mehrere Hundert Menschen.
Auf Höhe des Hotels Negresco eröffnete der Täter dann das Feuer auf Polizeikräfte, die zurückschossen. Er starb im Feuergefecht.
Bei dem Attentat kamen 86 Menschen ums Leben, mehr als 450 wurden zum Teil schwer verletzt. Viele weitere wurden traumatisiert. 2457 Menschen sind vom staatlichen Fonds für Terroropfer als solche anerkannt.
Wer waren die Opfer?
Unter den 86 Todesopfern befanden sich Einwohnerinnen und Einwohner, Reisende aus Frankreich und dem Ausland sowie einige Schülerinnen und Schüler sowie Studierende, die am Nationalfeiertag in Nizza übernachteten. Insgesamt 15 Minderjährige kamen ums Leben. Augenzeugen beschrieben später, wie der Attentäter gezielt auf ein Kinderkarussell zugesteuert habe.
Wer bekannte sich zur Tat? Wie wurde die Tat geahndet?
Zwei Tage nach der Tat veröffentlichte die Terrororganisation
Der Täter hatte allerdings einen Unterstützerkreis. Im Dezember 2022 wurden acht Personen von einem Pariser Gericht zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. Sie halfen etwa bei der Beschaffung des LKW und der Schusswaffe. Im Prozess wurde deutlich, dass Bouhlel bisweilen täglich zu den Taten des Islamischen Staates recherchierte und sich Enthauptungsvideos anschaute. Als gesichert gilt mittlerweile, dass die Tat zumindest von islamistischen Mordaufrufen inspiriert war.
Islamistischer Terror in Frankreich seit 2015
Anfang 2015 hatte es zwei miteinander zusammenhängende Attentate gegeben: Am 7. Januar 2015 stürmten zwei islamistische Attentäter die Räume der Satirezeitschrift
Am Abend des 13. November 2015 wurden Paris und der Vorort Saint-Denis von mehreren fast zeitgleich stattfindenden islamistischen Terroranschlägen erschüttert. Dabei wurden über 130 Menschen getötet und über 350 verletzt. Er gilt bis heute als der schwerste Terroranschlag in Frankreich. Die Attentäter griffen zeitgleich an mehreren symbolträchtigen Orten der Stadt an, um möglichst viele Menschen zu töten, darunter das Stade de France, Bars und Restaurants, sowie den Musikclub Bataclan. Zur Tat bekannte sich der IS.
Am 14. Juli 2016 ereignete sich der Terroranschlag von Nizza.
Auch in den darauffolgenden Jahren gab es weitere Angriffe in mehreren französischen Städten mit mutmaßlich islamistischem Hintergrund, etwa den Angriff auf einen 85-jährigen Priester während einer Messe am 26. Juli 2016 in Saint-Étienne-du-Rouvray durch zwei IS-Anhänger oder den Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in der Straßburger Innenstadt am 11. Dezember 2018, bei dem fünf Menschen getötet und mehrere verletzt wurden.
Am 16. Oktober 2020 tötete ein 18-jähriger Schüler den Geschichtslehrer Samuel Paty in einem Pariser Vorort und enthauptete ihn anschließend. Vor dem Mord war im Netz gegen den 47-jährigen Lehrer gehetzt worden, weil er im Unterricht zum Thema Meinungsfreiheit die aus der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ bekannten
Für Entsetzen sorgte auch die Ermordung eines Französischlehrers im nordfranzösischen Arras am 13. Oktober 2023 durch einen ehemaligen Schüler, der sich islamistisch radikalisiert hatte.
Am 22. Februar 2025 stach ein 37-Jähriger auf einem Marktplatz in Mulhouse im Elsass auf Passanten ein und tötete dabei einen Mann. Die Behörden gehen von einem islamistischen Motiv aus, das Verfahren läuft noch.
Warum ist Frankreich besonders betroffen?
Externer Link: Im europäischen Vergleich zählt Frankreich zu den am meisten von islamistischen Anschlägen betroffenen Ländern, gefolgt vom Vereinigten Königreich und Deutschland. Die Gründe dafür sind vielschichtig und lassen sich nicht auf einzelne Faktoren reduzieren.
Zur Erklärung wird häufig Frankreichs Außenpolitik angeführt. Frankreich engagiert seit 2014 aktiv im Kampf gegen den sogenannten Islamischen Staat – als erster europäischer Staat führte es gemeinsam mit den USA Luftangriffe im Irak und später in Syrien durch. Die Attentäter der Anschläge von November 2015 rechtfertigten diese auch explizit als Rache für die französische Intervention im Nahen Osten.
Nach März 2019 kontrollierte der IS im Irak und Syrien zwar kein Territorium mehr, operierte aber im Untergrund weiter. Ab 2020 gehörten insbesondere Islamkritiker, homosexuelle Menschen und Besucherinnen und Besucher von Popkonzerten zu den Zielen seiner Gewalt. Ab Oktober 2023 rief er seine Anhänger verstärkt zu Attentaten gegen israelische und jüdische Ziele weltweit auf. Auch hier war Frankreich betroffen.
Zum Hintergrund gehören auch Frankreichs Kolonialgeschichte, insbesondere in Nordafrika, so etwa das Externer Link: US-Amerikanische Thinktank Hudson Institute. Einige Täter oder Sympathisanten islamistischer Gruppen stammen aus Vorstädten französischer Großstädte (
Ungerechtigkeitserfahrungen in Zusammenhang mit der Kolonialvergangenheit und aktuelle soziale Spannungen werden von Extremisten instrumentalisiert, um gegen den französischen Staat und die französische Mehrheitsgesellschaft zu hetzen und Radikalisierung zu schüren.
Terrorwarnstufe in Frankreich
Seit 1978 gibt es in Frankreich den so genannten Externer Link: „Plan Vigipirate“ (vigilance et protection des installations contre les risques d'attentats terroristes à l'explosif, dt. Schutz von Einrichtungen gegen das Risiko terroristischer Sprengstoffanschläge). Der Plan besteht aus Maßnahmen, die verschiedenen Alarmstufen zugeordnet werden, wie Polizeipräsenz und Kontrollen an öffentlichen Plätzen. Er wurde seit seinem Inkrafttreten mehrfach geändert, zuletzt im Juni 2026.
Seit der jüngst in Kraft getretenen Reform umfasst der Plan Vigipirate drei Warnstufen: „Vigilance“ (Wachsamkeit) ist der Normalzustand mit dauerhaften Schutzmaßnahmen, „Vigilance renforcée“ (Erhöhte Wachsamkeit) stellt eine „mittlere Alarmstufe“ dar. „Alert attentat“ (Angriffs-Alarm) ist die höchste Alarmstufe und kann für zwölf Tage ausgerufen werden. Der Premierminister kann beschließen, diese zu verlängern.
Auch die Bürgerinnen und Bürger sind aufgefordert, bei der Umsetzung von Sicherheitsmaßnahmen zu helfen – etwa durch das Melden von verdächtigen Situationen.
Derzeit befindet sich der Plan Vigipirate in der Stufe „Erhöhte Wachsamkeit“. Der Fokus der Sicherheitsbehörden liegt auf möglichen Bedrohungen durch Überwachungsdrohnen, der Sicherung von Touristenattraktionen während der Sommer- und Weihnachtsferien sowie der Sicherung öffentlicher Gebäude.
Der Plan steht in Frankreich bisweilen in der Kritik. Unter anderem wird besonders von Externer Link: Soziologen auf eine mögliche Militarisierung des öffentlichen Raums hingewiesen. Außerdem, so ein weiterer Kritikpunkt, könne die Einbindung der Bürgerinnen und Bürger zu einer Denunziationskultur führen.
Neues Gesetz zur Bekämpfung von Islamismus in Frankreich
Im Sommer 2021 verabschiedete die französische Nationalversammlung ein von Präsident Emmanuel Macron auf den Weg gebrachtes Gesetz zur Bekämpfung des Islamismus. DasExterner Link: „Gesetz zur Stärkung republikanischer Prinzipien“ (französisch: Loi confortant le respect des principes de la République) soll die laizistischen Prinzipien Frankreichs stärken, nach denen Staat und Religion streng voneinander getrennt sind.
Moscheen oder religiöse Vereine können seitdem schneller geschlossen werden, wenn in ihnen Hass gepredigt wird. Auch können verfassungsfeindliche Imame leichter ausgewiesen werden. Außerdem lässt Frankreich seit Anfang Januar 2024 auf Grundlage des Gesetzes keine aus dem Ausland entsandten Imame mehr zu. Hassaufrufe im Internet können mittlerweile ebenfalls härter geahndet werden.
Einige Religionsgemeinschaften und NGOs kritisierten das Gesetz. Sie warnen vor Einschränkungen der Religionsfreiheit und pauschaler Diskriminierung von Musliminnen und Muslimen.
Gedenken an die Opfer
In Paris findet zum zehnten Jahrestag des Anschlags in Nizza eine Gedenkkundgebung statt. Deswegen, und aus Respekt gegenüber den Opfern, wird das Feuerwerk zum Nationalfeiertag in diesem Jahr bereits am 13. Juli stattfinden. Auch in Nizza selbst sind verschiedene Gedenkfeiern am 14. Juli geplant.