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Der Islamische Staat (IS)

Guido Steinberg

/ 12 Minuten zu lesen

Noch immer ist der Islamische Staat (IS) eine der weltweit stärksten terroristischen Organisationen. Woher kommt die militante Gruppe? Wie und wo ist sie heute aktiv?

Anhänger des IS am 7. April 2015 im palästinensischen Flüchtlingslager Yarmouk in Damaskus, Syrien. (© picture-alliance, abaca)

Der Islamische Staat (IS) ist eine der weltweit stärksten terroristischen Organisationen. Er wurde im Jahr 2000 in Afghanistan gegründet und operierte seitdem unter verschiedenen Namen, darunter „al-Qaida in Mesopotamien“, „Islamischer Staat im Irak“ (ISI) und „Islamischer Staat im Irak und Syrien“ (ISIS). Den Höhepunkt seiner Macht erreichte der IS aber in den Jahren 2014 bis 2017, als er im Irak und Syrien ein großes Territorium kontrollierte, seinen Anführer Abu Bakr al-Baghdadi zum Kalifen ausrief und zahlreiche Anschläge in der westlichen Welt verübte. Seit 2019 ist die Organisation stark geschwächt, doch verfügt sie über teils starke regionale Ableger, die sie „Provinzen“ nennt und die in Afrika, dem Nahen Osten und Asien auftreten. Darüber hinaus verübt sie Anschläge in der westlichen Welt, die seit dem Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 stark zugenommen haben und so die anhaltende Attraktivität der IS-Ideologie zeigen.

1. Abu Musab al-Zarqawi und die Genese des IS

Bis heute prägen Weltsicht und Vorgehen seines ersten Anführers Abu Musab al-Zarqawi (1966-2006) die Geschichte des IS. Der Jordanier gründete im Jahr 2000 in Afghanistan eine Organisation namens „Tauhid“ (Monotheismus) als Sammelbecken für jordanische, palästinensische, syrische und libanesische Jihadisten. Zwar unterhielt Zarqawi Beziehungen zu al-Qaida – die damals ebenfalls ihr Hauptquartier in Afghanistan unterhielt –, doch vermied er es, sich der Organisation anzuschließen. Vielmehr erteilten ihm die damals in Afghanistan herrschenden Taliban die Erlaubnis, ein Trainingslager nahe der Stadt Herat einzurichten. Zarqawis Ziele waren damals noch begrenzt und spiegelten die stark jordanische und palästinensische Zusammensetzung seiner Gruppierung wider: Er wollte zunächst das Königshaus in seinem Heimatland Jordanien stürzen und anschließend „Jerusalem befreien“.

Ende 2001 flohen Zarqawi und seine Anhänger aus Afghanistan. Sie reisten über den Iran in den Nordirak, wo Zarqawi die amerikanisch-britische Invasion abwartete, die im Frühjahr 2003 zum Sturz des irakischen Diktators Saddam Hussein führte. Im Sommer 2003 brach im Irak ein Aufstand gegen die amerikanische Besatzung aus, der von mehreren sunnitischen Gruppen unterschiedlicher ideologischer Ausrichtung getragen wurde. Eine der größten wurde von Zarqawi angeführt, dem es gelang, zahlreiche Iraker in seine Organisation zu integrieren, die er nun „al-Tauhid wa-l-Jihad“ (Monotheismus und Heiliger Krieg) nannte. Im Oktober 2004 folgte schon die nächste Umbenennung, als Zarqawi einen Gefolgschaftseid auf den al-Qaida-Führer Usama Bin Laden leistete und fortan als Emir von „al-Qaida im Zweistromland“ (al-Qaida fi Bilad al-Rafidain) fungierte. Die Aufnahme vieler Iraker in die Gruppierung führte auch zu einer Ausweitung der Ziele der irakischen al-Qaida. Zunächst sollten die amerikanischen Truppen aus dem Irak vertrieben und ein islamischer Staat aufgebaut werden. Anschließend würden die Jihadisten den bewaffneten Kampf in die Nachbarländer Syrien, Libanon und Jordanien tragen, um anschließend Israel zu bekämpfen und Jerusalem zu erobern.

Zarqawis Strategie für den Irak war ebenso simpel wie gewagt. Durch möglichst Aufsehen erregende, brutale und opferreiche Anschläge auf schiitische Würdenträger, Heiligtümer, Sicherheitskräfte und Zivilisten wollte er Gegenschläge gegen die sunnitische Bevölkerung provozieren und sich in dem folgenden Bürgerkrieg zum wichtigsten Verteidiger der Sunniten aufschwingen. Der Bürgerkrieg brach tatsächlich aus, nachdem die irakische al-Qaida im Februar 2006 die von den Schiiten als besonders heilig angesehene Askariya-Moschee in Samarra bei einem Bombenanschlag zerstörte. Es zeigte sich aber schnell, dass al-Qaida entgegen ihrer Ankündigungen nicht in der Lage war, die Sunniten vor den schiitischen Milizen zu schützen – schon allein deshalb, weil Schiiten rund 60% und arabische Sunniten weniger als 20% der irakischen Bevölkerung stellen. Viele sunnitische Gruppierungen gaben ab September 2006 den bewaffneten Kampf auf, machten Frieden mit den amerikanischen Besatzern und wandten sich gegen al-Qaida. Zarqawi selbst erlebte diese Entwicklung nicht mehr, denn im Juni 2006 wurde er bei einem amerikanischen Luftangriff getötet.

2. Zwei jihadistische Denkschulen

Der öffentliche Anschluss an al-Qaida 2004 konnte nie verdecken, dass es sich bei Zarqawis Tauhid-und-Jihad-Gruppe um eine unabhängige Organisation handelte, die eine grundsätzlich andere jihadistische Denkschule vertrat als die al-Qaida-Zentrale in Pakistan. Beide Organisationen teilten zwar wichtige Ziele wie die Bekämpfung der US-Präsenz in der islamischen Welt, doch konnten sie sich nie auf eine gemeinsame Vorgehensweise einigen. Streitpunkte waren Zarqawis antischiitische Strategie, sein kompromissloser Führungsanspruch gegenüber anderen sunnitischen Gruppen und seine besonders brutalen Gewalttaten.

Dass sich Zarqawi al-Qaida anschloss, dürfte ganz profane Gründe gehabt haben. Al-Qaida verfügte über Finanzierungs- und Rekrutierungsnetzwerke in den arabischen Golfstaaten, zu denen Zarqawi mit der Umbenennung Zugang erhielt. Es zeigte sich jedoch schon 2005, dass die Beziehungen zwischen der irakischen al-Qaida und der Zentrale gespannt waren. Zwar hielten auch Usama Bin Laden und seine Anhänger die Schiiten für Ungläubige. Dennoch griffen sie Schiiten nicht direkt an, weil sie in erster Linie die USA bekämpfen und nicht unnötig weitere Gegner – wie vor allem die schiitische Islamische Republik Iran – provozieren wollten. Der Bin Laden-Stellvertreter Aiman al-Zawahiri machte dies in einem Brief an Zarqawi aus dem Jahr 2005 deutlich, als er den Jordanier ermahnte, dass seine antischiitische Strategie und die enthemmte Gewalt gegen Zivilisten al-Qaida die öffentliche Unterstützung raubten. Als sich Zarqawi jedoch weigerte, dem Rat aus Pakistan zu folgen, sah die al-Qaida-Zentrale keine Möglichkeit, sich durchzusetzen und fand sich stillschweigend mit der Strategie ihrer „Filiale“ im Irak ab.

Der Grund war, dass al-Qaida von den Aktivitäten der irakischen Organisation profitierte. Diese vermittelten der Weltöffentlichkeit den Eindruck, dass sie es bei al-Qaida mit einem globalen Netzwerk zu tun hatte, das in der Lage war, die amerikanische Supermacht im Irak an den Rand einer Niederlage zu bringen. Außerdem gelang es der irakischen Organisation – die sich im Oktober 2006 erstmals „Islamischer Staat im Irak“ (ISI) nannte –, tausende Jihadisten aus der arabischen Welt und darüber hinaus für die gemeinsame Sache zu gewinnen. Sie war damals schon ungleich populärer als die al-Qaida-Zentrale, die in ihrem abgelegenen Hauptquartier in den pakistanischen Bergen nicht mehr über die Strahlkraft früherer Tage verfügte. Dass es zunächst nicht zum Bruch kam, dürfte der Tatsache geschuldet gewesen sein, dass der Kontakt zwischen den beiden Organisationen verloren ging. Grund war, dass der ISI im Irak ab 2006/2007 unter Druck geriet. Bis 2010 verbesserte sich die Sicherheitslage im Land stetig und die Organisation schien geschlagen.

Erst infolge des amerikanischen Truppenabzugs aus dem Irak im Dezember 2011 gewann der ISI wieder an Kampfkraft. Er schaffte es sogar, mit der Nusra-Front (Jabha al-Nusra) eine Ablegerorganisation in Syrien zu gründen, wo die Proteste des Arabischen Frühlings 2011/2012 in einen Aufstand gegen das Regime von Präsident Bashar Al-Assad mündeten. Doch die Nusra orientierte sich stark an der al-Qaida-Zentrale, etwa indem sie – wie al-Qaida in Afghanistan, wo diese eng mit den Taliban zusammenarbeitete – unter den aufständischen Gruppen nach Verbündeten suchte und pragmatisch mit ihnen zusammenarbeitete. Auf diese Weise wollte sie zuerst das Assad-Regime stürzen und anschließend einen islamischen Staat aufbauen. Der ISI hingegen beharrte in der Tradition von Abu Musab al-Zarqawi auf einem unbedingten Alleinvertretungsanspruch und bekämpfte sogar ihm ideologisch nahestehende Rebellen, wenn sich diese ISI nicht anschlossen. Die widerstreitenden Strategien führten im April 2013 zum offenen Bruch zwischen Nusra und ISI, der sich fortan ISIS nannte. Ab Januar 2014 bekämpften sich die beiden Organisationen sogar. Als al-Qaida sich auf die Seite der Nusra stellte, folgte im Februar 2014 auch das Schisma zwischen al-Qaida und ISIS.

3. Das Kalifat des IS im Irak und Syrien

In den folgenden Kämpfen, die in Syrien bis Juli 2014 dauerten, konnte sich ISIS im Norden und Osten des Landes durchsetzen. Gleichzeitig begann die Organisation einen regelrechten Eroberungsfeldzug, bei dem sie große Teile des Nord- und Westirak einnehmen konnte. Im Juli 2014 eroberte ISIS sogar die Millionenstadt Mossul, wo er fortan sein Hauptquartier einrichtete. Sein Anführer Abu Bakr al-Baghdadi erklärte sich zum Kalifen, womit er Anspruch auf die Führung der Muslime in aller Welt erhob. Außerdem strich die Organisation jede geografische Einschränkung aus ihrem Namen und nannte sich fortan „Islamischer Staat“ (IS). Baghdadi und einige enge Vertraute führten das neue Gebilde mit harter Hand. In den folgenden Jahren baute der IS einen Quasi-Staat nach seinen Vorstellungen auf. Er begann mit der Ernennung von Richtern und der Eröffnung von Gerichtshöfen, wo seine Interpretation des islamischen Rechts durchgesetzt wurde – einschließlich der besonders brutalen koranischen Körperstrafen. Zur Kontrolle des öffentlichen Lebens gründete der IS eine Polizei, die er erst „Islamische Polizei“ (al-Shurta al-Islamiya) und später „Allgemeine Polizei“ (al-Shurta al-‘Amma) nannte. Außerdem patrouillierte eine Religions- oder Sittenpolizei (al-Hisba) in den Orten des IS-Gebiets, wo sie die Einhaltung der rigiden Verhaltensvorschriften und Kleiderregeln der Organisation überwachte. Bis 2015 entstanden auch zentrale Verwaltungsbehörden (diwan, Plural dawawin), die Ministerien ähnelten und alle Bereiche staatlichen Handelns abdeckten. Die Aufsicht über diese Behörden führte ein Komitee, das erst „Allgemeines Aufsichtskomitee“ (al-Lajna al-Mushrifa al-‘Amma) und später „Delegiertenkomitee“ (al-Lajna al-Mufawwada) hieß.

Besonders wichtig für die Herrschaft des IS wurde eine starke Geheimpolizei, die den Namen „Sicherheit“ (al-Amn) trug und einem eigenen Geheimpolizeidiwan (Diwan al-Amn al-‘Amm) unterstand. Diese Behörde ähnelte in Struktur und Aufgaben stark den Sicherheitsbehörden des irakischen Staates unter Diktator Saddam Hussein bis 2003. Der Grund war, dass sich viele ehemalige Geheimdienstler und Militärs, die im neuen Irak nach 2003 keine Zukunft für sich selbst mehr sahen, der irakischen al-Qaida oder anderen aufständischen Organisationen angeschlossen hatten. Sie prägten die innere Struktur des IS und besonders seine Sicherheitsbehörden und das Militär, die mit teils hoher Professionalität vorgingen. Unter anderem bemühte sich der IS um die Schaffung eines modernen Militärs und sogar einer einfachen Rüstungsindustrie, die Waffen wie etwa aufgepanzerte Fahrzeuge für Selbstmordattentate, improvisierte Sprengfallen und Minen, kleinere Raketen, Mörser und Mörsergranaten ebenso wie einfache Drohnen für die Organisation herstellten.

Im Laufe seiner Expansion verübte der IS zahlreiche Verbrechen an der Zivilbevölkerung und gefangenen Gegnern. Hier wirkte sich vor allem der ausgeprägte Hass der Organisation auf die Schiiten und andere religiöse Gruppierungen aus, die routinemäßig und oft auf besonders brutale Weise ermordet wurden. Hierzu gehörten beispielsweise tausende schiitische und alawitische Soldaten der irakischen und syrischen Armee, die regelrecht abgeschlachtet wurden. Bekannt wurden darüber hinaus auch Massenmorde an den Jesiden, einer kleinen monotheistischen Volksgruppe im Nordirak, die häufig als Völkermord eingestuft werden. Dabei töteten die IS-Kämpfer die Männer und männlichen Jugendlichen meist sofort nach der Gefangennahme, während sie Frauen und Kinder in die Sklaverei entführten. Verbreiteten Schätzungen zufolge wurden bis zu 10.000 Jesiden getötet und mehr als 6000 entführt; mehr als 2000 Jesiden gelten bis heute als vermisst. Im Irak und in Syrien geriet der IS schon 2015 in die Defensive. Dabei wirkte sich aus, dass die Organisation nicht wie al-Qaida eng begrenzte strategische Prioritäten setzte, sondern alle ihre Feinde gleichzeitig bekämpfte. Im Irak wurde der IS deshalb schon 2017 geschlagen, wo im Oktober eine breite Koalition von Gegnern – darunter irakische Polizeieinheiten und Militär, Truppen der kurdischen Regionalregierung und teils iranloyale schiitische Milizen mit Unterstützung der amerikanischen Luftwaffe – die IS-Hauptstadt Mossul einnahm. In Syrien bekämpften vor allem US-Truppen und kurdische Einheiten den IS und eroberten im Oktober 2017 Raqqa – den syrischen Hauptsitz des IS. Doch dauerte es noch bis März 2019, bis sie die letzten IS-Einheiten in dem kleinen Ort Baghuz an der irakischen Grenze zerschlagen konnten.

4. Der IS international

Die IS-Zentrale nach 2019

Nach März 2019 kontrollierte der IS im Irak und Syrien kein Territorium mehr. Stattdessen operierte er in beiden Ländern im Untergrund. Nachdem er zunächst vor allem im Irak mächtig war, verlagerte er seine Aktivitäten ab spätestens 2022 immer mehr nach Syrien. Dort war er besonders im Osten des Landes stark, wo er die Syrischen Demokratischen Kräfte (Quwwat Suriya ad-Dimuqratiya, SDF) mit zahlreichen kleineren Anschlägen bekämpfte. Bei den SDF handelte es sich um ein von der Kurdenpartei PYD – dem syrischen Ableger der türkischen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) – beherrschtes Bündnis, das seit 2014 gemeinsam mit den USA den IS bekämpfte. Anfang 2026 musste die PYD jedoch die Macht in der kurdischen Autonomiezone an die neue syrische Zentralregierung abgeben.

Bis dahin galt der IS in Syrien auch deshalb als gefährlich, weil Kurden und Amerikaner zunächst rund 11.000 und Ende 2025 noch 9.000 ehemalige IS-Kämpfer (darunter etwa 2.000 Ausländer) in zahlreichen Gefängnissen und Haftzentren festhielten. Es war erklärtes Ziel der Organisation, diese Gefangenen zu befreien und im Januar 2022 kam es sogar zu einem größeren Angriff auf eine Haftanstalt im syrisch-kurdischen Hasaka, der jedoch nach einigen Tagen zurückgeschlagen wurde. Als die neue syrische Regierung das Autonomiegebiet im Januar 2026 einnahm, entschied sich die US-Regierung, rund 5.700 besonders wichtige Gefangene in den Irak zu verlegen. Obwohl sie sich mehrheitlich oder sogar ganz in der Gewalt der irakischen Regierung befanden, blieb ihr weiteres Schicksal vorerst ungewiss. Die unmittelbare Gefahr von Massenausbrüchen war damit gebannt. Dem IS gelang es trotz des hohen Verfolgungsdrucks, auch im Untergrund zentrale Strukturen zu bewahren. Dies galt vor allem für das Kalifenamt. Zwar wurde Abu Bakr al-Baghdadi im Oktober 2019 von amerikanischen Spezialkräften getötet, doch hielten seine Nachfolger die Organisation am Leben. Zuletzt übernahm Abu Hafs al-Hashemi al-Qurashi im August 2023 diese Aufgabe. Bei ihm handelt es sich wahrscheinlich um den somalischen IS-Anführer Abdul Qadir Mumin. Die wichtigste Funktion der Organisationsspitze war die Finanzierung von IS-Aktivitäten weltweit und die Steuerung der Öffentlichkeitsarbeit. Wichtige Knotenpunkte des IS-Netzwerks lagen nun in der Türkei – vor allem in Istanbul, aber auch in anderen Städten, wo der IS im Untergrund fortbesteht – und in Somalia und nicht mehr im ehemaligen Kerngebiet im Irak und Syrien.

Die IS-„Provinzen“

Dass der IS trotz der Niederlage von 2019 weiter einflussreich blieb, verdankte er vor allem seinen Regionalorganisationen, die er als IS-Provinzen (wilayat) bezeichnet. Diese entstanden ab November 2014 in verschiedenen Gegenden der islamischen Welt. In den ersten Jahren war vor allem der IS in Libyen stark, denn dort schaffte er es bis 2016, große Gebiete an der Mittelmeerküste unter seiner Kontrolle zu halten. Anschließend erstarkte der IS in Afghanistan, wo er sich – nach einer altertümlichen Bezeichnung für das Land und einige Nachbargebiete – „IS Provinz Khorasan“ (Wilaya Khurasan, ISPK) nannte. Diese Gruppierung wurde in den Jahren 2023 und 2024 sogar zu einer Art Avantgarde des IS-Terrorismus, als sie spektakuläre Attentate in Pakistan, Iran, der Türkei und Russland verübte. Ihr größter Anschlag war der auf ein Konzertgebäude im russischen Krasnogorsk am 22. März 2024, bei dem fast 150 Menschen umkamen.

Parallel erstarkte auch die IS-Provinz Somalia (Wilaya al-Sumal), die besonders als Zentralstelle für die Finanzierung des IS-Netzwerks in Afrika Bedeutung erlangte. Ihre neue Macht zeigte sich vor allem daran, dass mit Abu Hafs erstmals ein Afrikaner die Position des IS-Kalifen und damit des Anführers des gesamten Netzwerks übernahm. Zwar ist der IS Somalia zahlenmäßig eher schwach, doch verfügt er über eine große Anziehungskraft für ausländische Rekruten (die meisten aus den Nachbarstaaten Somalias stammen) und viel Geld. Hinzu kommt die zentrale geografische Position zwischen den Hochburgen des IS im Nahen Osten, Südasien und Afrika. Insgesamt schien es 2026 so, als könnte sich Afrika zum neuen Kraftzentrum der Organisation entwickeln. Dafür sprach unter anderem, dass es im März 2026 Hinweise darauf gab, dass die in Mali beheimatete IS-Provinz Sahel (Wilaya al-Sahil) erstmals auch internationale Anschläge in Marokko und Spanien plante.

Einzeltäteranschläge

Außerdem verfügte der IS auch nach 2019 weltweit über viele Anhänger. Schon in den Jahren 2013 und 2014 hatte er sehr viel mehr junge Männer und Frauen in der westlichen Welt rekrutiert als al-Qaida. Mehr als 30.000 ausländische Kämpfer reisten nach Syrien und in den Irak, um sich dort der Organisation anzuschließen (Tausende mehr gingen zu Nusra und anderen Gruppen). Besonders viele kamen aus Saudi-Arabien, Tunesien, Marokko, Russland und Frankreich. Der IS schickte einige von ihnen in ihre Heimatländer zurück, damit sie dort Anschläge verübten. Großes Aufsehen erregten etwa die Anschläge von Paris am 13. November 2015, die 131 Todesopfer forderten, aber auch Großbritannien, Belgien, Deutschland, Spanien und Schweden waren betroffen. Hinzu kamen zahlreiche Attentate in der arabischen und islamischen Welt.

Doch schon 2016 wurde es für Ausländer immer schwieriger, unbemerkt in die Türkei und von dort aus nach Syrien zu reisen, und gleichzeitig schaffte der IS es nicht mehr, Attentäter unbemerkt in ihre Heimatländer zu schicken. Deshalb ging die Organisation dazu über, einzelne Anhänger und kleine Gruppen weltweit dazu aufzurufen, Anschläge auf eigene Faust zu verüben, etwa indem sie zu Messern griffen, einfache Sprengsätze bauten oder ihre Opfer mit Kraftfahrzeugen überfuhren. In vielen Fällen standen die Täter mit IS-Planern in Kontakt, die sie in ideologischen Fragen und bei der Wahl von Tatmitteln und -zielen berieten. Solche Anschläge und Anschlagsplanungen gab es bereits ab Anfang 2016, doch ihre Zahl nahm ab 2020 und erneut ab 2022/2023 deutlich zu. Ein Grund dafür war, dass der ISPK vermehrt auf diese „angeleiteten“ Attentate setzte.

Ein wichtiger Grund für die Eskalation der Gewalt im Westen war der Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 und der anschließende Krieg in Gaza. Der IS rief seine Anhänger ab Oktober 2023 zu Attentaten gegen israelische und jüdische Ziele weltweit auf und diese folgten den Aufrufen – vor allem in der westlichen Welt. Ergebnis waren zahlreiche Angriffe auf jüdische oder scheinbar jüdische Einzelpersonen, jüdische Festveranstaltungen zu Feiertagen wie Yom Kippur und Hannuka, pro-israelische Demonstrationen und Synagogen. Außerdem gehörten seit 2020 schon Islamkritiker, Homosexuelle und Besucher von Popkonzerten zum Zielspektrum der IS-Attentäter. Auch Kirchen wurden oft zum Gegenstand von Planungen und vollendeten Anschlägen.

Quellen / Literatur

Haroro J. Ingram, Craig Whiteside, Charlie Winter, The ISIS Reader: Milestone Texts of the Islamic State Movement, Oxford 2020

Fawaz A. Gerges, ISIS - A History, Princeton 2016 (Neuauflage 2021)

Guido Steinberg, „Die Individualisierung des islamistischen Terrorismus,“ Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP-Aktuell 2024/A 56), 6. November 2024, https://www.swp-berlin.org/publications/products/aktuell/2024A56_Islamistischer_Terrorismus.pdf

Guido Steinberg, Kalifat des Schreckens. IS und die Bedrohung durch den islamistischen Terror, München 2015

Weiss Michael und Hasan Hasan, ISIS: Inside the Army of Terror, New York 2016

Fussnoten

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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 4.0 - Namensnennung - Nicht kommerziell - Keine Bearbeitungen 4.0 International" veröffentlicht. Autor/-in: Guido Steinberg für bpb.de

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Dr. Guido Steinberg ist Islamwissenschaftler und arbeitet für die Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin. Von 2002 bis 2005 war er Terrorismusreferent im Bundeskanzleramt.