Brasiliens amtierender Präsident, Luiz Inácio Lula da Silva von der Arbeiterpartei (Partido dos Trabalhadores, PT) hat die Stichwahl um das Präsidentenamt am 25. Oktober gewonnen. Mit einer knappen Mehrheit von 51,79 Prozent setzte Lula sich gegen seinen Herausforderer Flávio Bolsonaro von der rechtskonservativen bis rechtspopulistischen Liberalen Partei (Partido Liberal, PL) durch. Damit erhielt Lula über zehn Millionen Stimmen mehr als im ersten Wahlgang. Zur Stichwahl war es gekommen, weil damals keiner der beiden Kandidaten die absolute Mehrheit von mehr als 50 Prozent der Stimmen erreicht hatte.
Bereits am 4. Oktober waren mehr als 158 Millionen Wahlberechtigte in Brasilien aufgerufen, ein neues Regierungsoberhaupt zu wählen. Gleichzeitig standen der Vizepräsident, die Abgeordnetenkammer, zwei Drittel des Senats, alle 27 Gouverneure sowie die Landesparlamente der 26 Bundesstaaten und des Bundesdistrikts Brasília zur Wahl. Im ersten Wahlgang zum Präsidentenamt hatte Lula hinter Senator Flávio Bolsonaro gelegen (45,16 Prozent zu 47,03 Prozent). Die wichtigsten Wahlkampfthemen waren öffentliche Sicherheit, Lebenshaltungskosten und das Verhältnis Brasiliens zu den USA.
Brasilien: Politisches System und Wahlrecht
Brasilien hat ein präsidentielles Regierungssystem. Der Präsident ist Staats- und Regierungschef, wird für vier Jahre direkt vom Volk gewählt und darf einmal in Folge wiedergewählt werden. Der Nationalkongress besteht aus zwei Kammern: Senat und Abgeordnetenhaus. Die 81 Senatoren, drei je Bundesstaat, werden per Mehrheitswahl für acht Jahre gewählt, die 513 Abgeordneten per Verhältniswahl für vier Jahre in 27 Wahlkreisen, die den Bundesstaaten und dem Bundesdistrikt Brasilia entsprechen. Die Bundesstaaten haben eigene Verfassungen und Gesetze, ihre Gouverneure werden ebenfalls per Mehrheitswahlrecht für vier Jahre direkt gewählt. Wahlberechtigt ist, wer 16 Jahre alt ist. Für Wahlberechtigte zwischen 18 und 70 Jahren besteht eine Wahlpflicht.
Die beiden Favoriten der Präsidentschaftswahl
Luiz Inácio Lula da Silva, ein Gewerkschafter aus armen Verhältnissen im Nordosten des Landes, hatte sich mit 80 Jahren um seine insgesamt vierte Amtszeit beworben. Er regierte bereits zwei Amtszeiten von 2003 bis 2011 und nun seit 2023. Im Wahlkampf wirbt er mit Arbeitsmarktreformen und Sozialprogrammen, ebenso setzte er sich dafür ein, dass die gesetzliche Höchstarbeitszeit von bislang 44 Stunden an sechs Tagen pro Woche auf eine Fünf-Tage-Woche mit 40 Stunden Arbeitszeit reduziert wird. Sein Alter war in den Medien Thema, zum Beginn seiner vierten Amtszeit im Januar 2027 wird er 81 Jahre alt sein.
Flávio Bolsonaro, 45 Jahre alt, war 16 Jahre Abgeordneter im Bundesstaat Rio de Janeiro und ist seit 2019 Senator des Bundestaates. Er gilt als gemäßigter als sein Vater Jair, der wegen seiner führenden Rolle beim Putschversuch im Januar 2023 zu 27 Jahren Haft verurteilt wurde und sich derzeit aus gesundheitlichen Gründen im Hausarrest befindet. Bolsonaros Kernthema im Wahlkampf war Sicherheit. So strebte er an, eine halbe Million neue Haftplätze zu schaffen und Hochsicherheitsgefängnisse nach dem Vorbild El Salvadors zu bauen. Gleichzeitig kündigte er eine Amnestie für seinen Vater an.
Bolsonaro hatte im ersten Wahlgang ein deutlich besseres Ergebnis erzielt als etwa vom unabhängigen Meinungsforschungsinstitut Datafolha Ende September prognostiziert worden war (40 Prozent der Stimmen für Lula und 36 Prozent für Bolsonaro). Bei einer Umfrage, wer das Rennen bei einer Stichwahl machen würde, lagen die beiden mit 47 Prozent beziehungsweise 45 Prozent in etwa gleichauf. Gleichzeitig hatten beide Kandidaten hohe Ablehnungswerte von 45 Prozent.
Lulas Regierungsbilanz
Lula regiert seit Januar 2023, nachdem er im Jahr
Gleichzeitig stiegen die Staatsausgaben und die öffentliche Verschuldung, was zu Kritik an Lulas Finanzpolitik führte. Auch die Lebensmittelpreise stiegen zeitweise an. Für Kritik an Lulas Regierung sorgte 2025 zudem ein Betrugsskandal in der brasilianischen Rentenkasse Instituto Nacional do Seguro Social (INSS), in dessen Folge der zuständige Sozialminister zurücktrat.
Lulas Regierung verfügte über keine stabile Mehrheit im Kongress. Das erschwerte die Durchsetzung seiner politischen Vorhaben. Das Parlament überstimmte mehrfach sein Veto, zuletzt im April 2026 gegen das sogenannten Dosimetrie-Gesetzes, das es unter anderem ermöglichen sollte, die Strafen für Verurteilte im Zusammenhang mit dem Putschversuch vom 8. Januar 2023 zu reduzieren. Dies beträfe auch den ehemaligen Präsidenten Jair Bolsonaro. Nach mehreren Verfassungsbeschwerden setzte das Oberste Gericht die Anwendung des Gesetzes vorläufig aus.
Weitere Wahlergebnisse
Bei den Wahlen zum Nationalkongress liegt das vorläufige amtliche Endergebnis ebenfalls schon vor. So konnte im Senat Bolsonaros PL 19 Sitze für sich gewinnen und hat damit nun 28 Sitze, das mittige Movimento Democrático Brasileiro (MDB) sieben, womit es nun bei acht Sitzen liegt; Lulas PT konnte sich sechs Sitze sichern und verfügt damit nun über insgesamt neun. Es wurden nur 54 der 81 Sitze im Senat neu gewählt.
Im Abgeordnetenhaus, wo alle 513 Sitze neu gewählt wurden, konnte Bolsonaros PL mit 121 mit Abstand die meisten Sitze für sich gewinnen. Lulas PT errang 70 Sitze und kam gemeinsam mit den linken Parteien Partido Comunista do Brasil (PCdoB) und Partido Verde (PV) in dem Parteienzusammenschluss „Federação Brasil da Esperança“ auf insgesamt 88 Sitze.
Bei den Gouverneurswahlen sind nach dem ersten Wahlgang 20 von 27 Wahlen entschieden, mit einem gemischten Ergebnis. Entscheidet sich die Wahl um das Präsidentenamt zwischen zwei Parteienvertretern, zeigen die Gouverneurswahlen ein deutlich heterogeneres Ergebnis, mit Gewählten aus acht verschiedenen Parteien. Über die restlichen sieben Gouverneursposten wird in der Stichwahl entschieden.
Ein politisch gespaltenes Land
Politisch gilt Brasilien als polarisiertes Land. Lula wird vor allem im ärmeren Nordosten, von Frauen, Geringverdienern und Katholiken unterstützt. Flávio Bolsonaro hingegen erhält seine Stimmen im wohlhabenden Süden, bei Evangelikalen, Männern und bei Besserverdienenden. Die brasilianische Gesellschaft ist in vielen sozialen Fragen aber eher konservativ ausgerichtet. Über ein Viertel der Bevölkerung gehört zudem evangelikalen Kirchen an. 2018 wählten rund 70 Prozent der Evangelikalen Jair Bolsonaro. Mit Lula wiederum verbinden viele sozialen Aufstieg und einen aktiven Sozialstaat.
Mit Blick auf den Kongress gibt es ein breites konservatives bis ultrarechtes Lager. Neben Flávio Bolsonaro traten mit den Ex-Gouverneuren Ronaldo Caiado von der eher Mitte- bis mitte-Rechts stehenden Partido Social Democrático (PSD) und Romeu Zema von der rechtsliberalen Partido Novo (NOVO) sowie Renan Santos von der rechts- bis rechtsextremen Partido Missão (MISSÃO) weitere aus dem rechtskonservativen bis rechten Spektrum an, die bei der Wahl am 4. Oktober jedoch alle unter drei Prozent blieben. Lula hat dagegen ein breites Bündnis hinter sich, das über die traditionelle Linke hinaus bis in die politische Mitte reicht. Geraldo Alckmin von der sozialistischen Partido Socialista Brasileiro (PSB) soll erneut Lulas Vizepräsident werden.
Das Centrão als entscheidender Faktor
Die politische Macht verteilt sich in Brasilien in der
Entscheidend ist dabei das sogenannte Centrão (Zentrum), ein informelles Bündnis wechselnder Parteien und Abgeordneter, zu dem etwa das moderat konservativ-liberale Movimento Democrático Brasileiro (MDB), die beiden liberal-konservativen Parteien Partido Social Democrático (PSD) und União Brasil, die wirtschaftsliberalen Progressistas (PP) sowie die nationalkonservativen Republicanos zählen. Parteien und Abgeordnete des Centrão sind stark regional verankert und können als Mehrheitsbeschaffer agieren. Dabei sind sie weniger durch eine Ideologie als durch politischen Pragmatismus vereint. Je nach Zusammensetzung kontrollieren sie mehr als die Hälfte der Abgeordnetenkammer. Ihre Unterstützung von Vorhaben wird unter anderem im Rahmen von Verhandlungen über Ministerposten, politische Ämter und die Verteilung von Haushaltsmitteln ausgehandelt.
Weitere Wahlergebnisse
Die Stichwahlen für die letzten sechs Gouverneursposten am 25. Oktober haben auch die Zusammensetzung des Senats verändert, da einige Senatoren ihre Ämter zugunsten des Gouverneursamtes abgegeben haben und ihre Stellvertreter nachgerückt sind.
Im Senat kommt Bolsonaros PL nun voraussichtlich auf 29 Sitze, das in der politischen Mitte verortete Movimento Democrático Brasileiro (MDB) auf acht Sitze. Lulas PT verfügt nun über insgesamt zehn Sitze im Senat. Es wurden nur 54 der 81 Sitze im Senat neu gewählt.
Im Abgeordnetenhaus, wo alle 513 Sitze neu gewählt wurden, konnte Bolsonaros PL mit 121 mit Abstand die meisten Sitze für sich gewinnen. Lulas PT errang 70 Sitze und kam gemeinsam mit den linken Parteien Partido Comunista do Brasil (PCdoB) und Partido Verde (PV) in dem Parteienzusammenschluss „Federação Brasil da Esperança“ auf insgesamt 88 Sitze.
Bei den Gouverneurswahlen ergab sich ein gemischtes Ergebnis, mit Gewählten aus acht verschiedenen Parteien.
Kriminalität und Gewalt als prägende Wahlkampfthemen
Für viele Brasilianerinnen und Brasilianer zählt Kriminalität zu einer ihrer größten Sorgen. Zwar ist die Mordrate im Land zuletzt gesunken (19,1 je 100.000 Einwohner vorsätzliche gewaltsame Todesfälle im Jahr 2025) und war im vergangenen Jahr so niedrig wie zuletzt 2012 (27,7 Fälle je 100.000 Einwohner). Gleichzeitig stieg die Zahl der Femizide 2025 auf 1.571, der höchste Wert seit Einführung des Straftatbestands im Jahr 2015. Auf jeden begangenen Femizid kommen weitere 2,7 versuchte Femizide.
Kriminelle Organisationen wie das Primeiro Comando da Capital (PCC, Erstes Kommando der Hauptstadt) und das Comando Vermelho (Rotes Kommando) üben in Teilen Brasiliens erheblichen territorialen Einfluss aus und kontrollieren in einigen Gebieten den Drogenhandel und andere Bereiche des lokalen Wirtschafts- und Alltagslebens. Die USA stuften beide Gruppierungen im Mai 2026 als Terrororganisationen ein. Die Regierung Lula lehnt dies mit dem Hinweis auf die staatliche Souveränität Brasiliens ab und warnt davor, dass damit US-Militäreinsätze in Brasilien gerechtfertigt werden könnten.
Weitere wichtige Themen im Wahlkampf
Weitere wichtige Themen waren die Korruption, die viele Wählerinnen und Wähler als strukturelles Problem in ihrem Land sehen, oder die hohen Lebenshaltungskosten, die viele trotz zuletzt niedriger Arbeitslosigkeit Sorgen bereiten. Lula warb mit Sozialprogrammen, Steuerbefreiung und Arbeitnehmerrechten wie dem Ende der Sechs-Tage-Woche. Bolsonaro setzt wirtschaftspolitisch dagegen auf einen schlankeren Staat: Sein Programm sah unter anderem Ausgabenkürzungen, eine Verwaltungsreform und eine neue Ausgabenobergrenze vor.
Eine Rolle im Wahlkampf spielten außerdem soziale Medien und die Religion. Das Oberste Wahlgericht hatte Deepfakes in der Wahlwerbung verboten. So müssen nun KI-erzeugte Inhalte, die Personen imitieren, gekennzeichnet werden und Falschinformationen von den Plattformen moderiert oder entfernt werden. Vertreter einiger evangelikaler Kirchen mobilisierten auch diesmal für konservative Positionen in Familien- und Sicherheitsfragen.
Interner Link: Lula gewinnt Wahl in Brasilien (Hintergrund aktuell, Oktober 2022)Interner Link: Proteste in Brasilien (Tägliche Dosis Politik, 23. September 2025)