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Nina Roßmann am 13.10.2020

Über (un)gleiche Verhältnisse: Digitalisierung im ländlichen Raum

Smart City – smart Country? Unser Hintergrundbericht gibt einen Überblick über den Stand der Digitalisierung auf dem Land – und darüber, wie das die Bildung betrifft.

Bauarbeiten beim Austausch einer Glasfaserleitung.Im Bildungsbereich lassen sich zwischen städtischen und ländlichen Kommunen keine Differenzen feststellen und doch gibt es feine Unterschiede. Lizenz: cc by-sa/4.0/deed.de (Anne_Verschraagen / Pixabay/ bearbeitet / Lizenz)

Das Leben auf dem Land hat viele Vorteile. Weniger Einwohnerinnen und Einwohner pro Quadratmeter bedeuten: Ruhe, Natur, bezahlbarer Wohnraum. Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsunternehmens Civey aus dem Jahr 2018könnte sich jeder dritte Städter bzw. jede dritte Städterin vorstellen aufs Land zu ziehen, um näher an der Natur zu sein. Rund ein Fünftel sieht günstigere Mietpreise als mögliches Kriterium an, der Stadt den Rücken zu kehren. Die Menschen auf dem Land dagegen sehen mehrheitlich keinen Grund wegzuziehen. Ein Revival des Landlebens ist dennoch in weiter Ferne. Gut 70 Prozent der Deutschen leben in Städten, und diese Tendenz steigt stetig.

Dem Traum von der ländlichen Idylle steht die "dauerhafte Strukturkrise“ insbesondere ostdeutscher Regionen entgegen. 30 Prozent der Landbevölkerung nannte in einer Umfrage 2015 die Abwanderung von Wirtschaft, Industrie und Einzelhandel als großes Problem; jeder Vierte klagte über eine schlechte oder mangelhafte Infrastruktur (z.B. Kitas, Schulen, Einkaufsmöglichkeiten). Aufgrund fehlender Jobs und immer weniger Nahversorgungsmöglichkeiten, etwa Supermärkten oder auch Krankenhäusern, ziehen junge Menschen in die Städte. Dadurch fehlen Fachkräfte, was die Regionen wiederum unattraktiv für Unternehmen macht – ein Teufelskreis.

Wenn Vereine schließen, mangelt es gerade Kindern und Jugendlichen an Sport- und Bildungsmöglichkeiten. Zwar sind auf dem Land mehr Menschen ehrenamtlich engagiert als in der Stadt, doch die Zahl der Vereine auf dem Land nimmt ab – mit weitreichenden Konsequenzen, da Einrichtungen der Kultur- und Denkmalpflegewie bspw. Bibliotheken gerade hier stark von ehrenamtlichem Engagement abhängen.

Nahversorgung und Engagement digital

Durch die Möglichkeiten von Home Office und E-Learning scheint der physische Standort einer Bildungsinstitution oder eines Arbeitsplatzes – zumindest in der Theorie – erst einmal nebensächlich. Digitale Lösungenverbessern zudem die Versorgungs- und Daseinsgrundlage der ländlichen Bevölkerung.

Während Ridesharing-Apps in der Stadt eine bequeme Alternative zu öffentlichen Verkehrsmitteln sind, machen ihre Pendants auf dem Land Mobilität für viele erst möglich. E-Commerce überbrückt die Distanz zum nächsten Supermarktund hilft lokalen Anbietern ihre Produkte zu vertreiben. Telemedizinische Angebote können die medizinische Versorgung im ländlichen Raum trotz Ärztemangels aufrechterhalten. Und auch das Vereinsleben lässt sich durch digitale Möglichkeiten erleichtern – zum Beispiel, wenn Videokonferenzen den langen Anfahrtsweg ersparen und das Engagement sich so leichter in den Alltag integrieren lässt. Nicht nur die Gremien- und Organisationsarbeit lässt sich ins Digitale verschieben – selbst Orchesterproben sind digital denkbar. So plant das Rheinhessische Salonorchester bereits einen virtuellen Proberaum. Beispiele wie dieses zeigen auf, was möglich ist und finden vielleicht bald Nachahmer.

Digitalisierung trägt somit auf unterschiedlichen Ebenen dazu bei, ländliche Regionen attraktiver zu machen und den Teufelskreis aus Wegzug, Überalterung und einem immer geringeren Nahversorgungsangebot zu durchbrechen. Voraussetzung ist allerdings, dass eine ausreichende digitale Infrastruktur vorhanden ist und sowohl der Wille als auch die Kompetenz da sind, entsprechende digitale Angebote zu schaffen und zu nutzen.

Quo vadis Breitbandausbau?

Das Grundgesetz sieht ein Recht auf gleiche Lebensverhältnisse vor. Die Realität wird diesem Postulat allerdings nicht immer gerecht, auch mit Blick auf Stadt- und Landleben: Beim Ausbau von Breitbandnetzen hinkt der ländliche – insbesondere ostdeutsche – Raum trotz einiger Fortschritte in den letzten Jahren hinterher. Laut Breitbandatlas 2019haben 98,7 % der Einwohnerinnen und Einwohner in städtisch geprägten Gebieten (Gemeinden mit einer Bevölkerung größer als bzw. gleich 500 Einwohner/km²) schnelles Internet (> 16MBit/s), in ländlichen Gemeinden (Bevölkerung kleiner 100 Einwohner/km²) dagegen nur 79,9 %. Die meisten Haushalte mit Bandbreiten unter 16 Mbit/s gibt es im Osten Deutschlands. In Mecklenburg-Vorpommern sind 42,3 Prozent der Haushalte betroffen, in Sachsen-Anhalt 34,9%. Eine solche langsame Verbindung ist ein Hindernis für ortsunabhängiges Arbeiten, aber auch für digitalen Unterricht in der Schule: "Manche meiner Schülerinnen und Schüler aus ländlichen Gemeinden konnten während des Corona-Lockdowns die Unterrichtsmaterialien nur auf der Arbeit der Eltern herunterladen“, klagt Susann Meyer, Regionalschulrätin in Rostock und Vorsitzende des Jungen VBE.

Was für Privatnutzende schon nervenaufreibend ist, kann also für Unternehmen und Schulen zu einem echten Kraftakt werden. Wenn Hunderte Mitarbeitende bzw. Schülerinnen und Schüler hoch- und herunterladen oder Videos ansehen, werden schnell Gigabit-Anschlüsse nötig. So empfiehlt das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur(BMVI) eine 30MBit-Verbindung pro Klasse à 23 Schüler und Schülerinnen. Bei einer Schule mit 570 Lernenden werden entsprechend schon 780 Mbit/s erforderlich. Durch die Lücken im Breitbandausbau hatten jedoch 2019 50,91 % der Schulen in Sachsen-Anhalt, 40,4 % der Schulen in Sachsen und 36,9% der Schulen in Mecklenburg-Vorpommern kein ausreichend schnelles Internet. Im Umkehrschluss heißt dies jedoch nicht, das Schulen im Osten Deutschlands per se schlechter digital aufgestellt wären als Schulen in den westlichen Bundesländern. Dies bestätigt auch Ramona Lorenz vom Institut für Schulentwicklung der TU Dortmund im Interview. Es liege immer noch an den Schulen, WLAN in jedem Klassenzimmer verfügbar zu machen. Und: "Eine gute Ausstattung heißt nicht, dass diese auch sinnvoll genutzt wird“, so Lorenz.

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Wer ist zuständig für den Breitbandausbau und welche Hürden gibt es?

An sich ist der Breitbandausbau Aufgabe der Telekommunikationsanbieter. Wird der Ausbau durch diese nicht gewährleistet, treiben private Initiativen den Ausbau voran. Außerdem greifen in diesem Fall verschiedene Fördertöpfe der Länder und des Bundes, allen voran seit 2015 das Förderprogramm des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur. Diese Gelder werden von den Kommunen, Land- oder Gebietskörperschaften beantragt. Abgerufen wurde von den bis Ende 2019 insgesamt bereitgestellten 5,6 Mrd. allerdings erst ein Bruchteil, was unter anderem durch bürokratische Hürden begründet wird, aber auch Engpässe im Tiefbau. Bisher liegt Deutschland im OECD-Vergleich beim Glasfaserausbau weit hinten: aktuell auf Platz 32 der insgesamt 37 OECD-Länder.

Smart Cities – abgehängtes Land?

Der Breitband- und Mobilfunkausbau ist ein wichtiger Indikator für Digitalisierung. Ebenso wichtig sind jedoch Akzeptanz und Offenheit gegenüber digitalen Angeboten und die Aneignung entsprechender Kompetenzen. Hier sieht eine Studie des Fraunhofer-Instituts aus dem Jahr 2018 vor allem weiteren Handlungsbedarf bei den ländlichen Kommunen: Oft fehle es am notwendigen Wissen über den Nutzen der Digitalisierung und Personal.

Die Studie "Zukunft wird vor Ort gemacht“ (2017) des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie bestätigt dieses Bild und weist auf eine "digitale Kluft“ zwischen großen und kleinen Gemeinden hin. Überproportional viele kleine und mittlere Kommunen seien den Clustern "digitale Verweigerer“ und "digitale Nachzügler“ zuzuordnen.

Laut der Studie waren 2017 mehr als drei Viertel der Kommunen mit über 20.000 Einwohnerinnen und Einwohnern dabei, eine Digitalisierungsstrategie zu erarbeiten oder bereits umzusetzen, jedoch nur knapp 55 Prozent der Gemeinden und Städte mit einer Bevölkerung unter 20.000. Das gängige Bild "digitale Stadt, digital abgehängtes Land“ lässt sich durch die Studie dennoch nicht belegen. Denn immerhin 20 Prozent der befragten Kommunen unter 20.000 Einwohnerinnen und Einwohner lassen sich dem Cluster der "kleinen digitalen Vorreiter“ zuordnen.

Die Landbevölkerung selbst hat in den vergangenen Jahren deutlich aufgeholt, was ihren Digitalisierungsgrad betrifft. In ihrem jährlichen Digitalisierungsindex attestiert die Initiative D21 der Landbevölkerung im Bericht 2019/2020 erstmals das gleiche Digitalniveau wie den Städtern und Städterinnen. Im Digitalindex 2018/2019hatte D21 noch deutliche Unterschiede festgestellt. Demnach hinke die Landbevölkerung (gemeint sind Kommunen unter 20.000 Einwohnerinnen und Einwohnern), was Kompetenz und Nutzung digitaler Medien angeht, noch hinterher – dies allerdings insbesondere im Vergleich mit den Einwohnerinnen und Einwohnern mittelgroßer Städte (100.000-500.000 EW), die sich als digitalaffinste Gruppe hervortäten. Was die Offenheit gegenüber digitalen Medien betrifft, läge die Landbevölkerung sogar 1,7 Prozentpunkte vor den Bewohnern und Bewohnerinnen der großen Städte (über 500.000 EW).

Angesichts dieser Zahlen liegt es nahe, dass auch die Offenheit seitens der Kommunen kontinuierlich zunimmt, Digitalstrategien zu erarbeiten. Ein Bericht des BMWistellte bereits von 2015 bis 2017 einen deutlichen Aufwärtstrend fest. Ebenso sei dem Ministerium zufolge die 2015 noch verzeichnete Kluft zwischen ost- und westdeutschen Bundesländern 2017 schon deutlich weniger sichtbar gewesen.

Digitale Bildung auf dem Land – so kann es gehen

Im Bildungsbereich lassen sich zwischen städtischen und ländlichen Kommunen keine Differenzen feststellen: In Bezug auf die quantitative Nutzung digitaler Medien in der Schule sind Stadt und Land laut einer breit angelegt Studie des Aktionsrates Bildung in etwa gleich auf.Auch was die Qualität der Bildung angeht, sieht die Studie, die von Kindertagesstätten über Primar- und Sekundarstufe bis hin zu Hochschulen sowie Einrichtungen der Berufs- und Erwachsenenbildung verschiedenste Institutionen untersuchte, Stadt und Land auf Augenhöhe. Schulentwicklungsexpertin Lorenz von der TU Dortmund bestätigt die Befunde: "Auch in Städten ist nicht gewährleistet, dass alle Schulen funktionierendes WLAN haben. Andersherum gibt es auch im ländlichen Raum digital sehr gut aufgestellte Schulen.“

Ein paar feine Unterschiede gibt es zwischen Stadt und Land dennoch: So sinkt etwa die Bereitschaft ein Hochschulstudium aufzunehmen, wenn keine Hochschule in der Nähe ist. Virtuelle Angebote wie MOOCs (Massive Open Online Courses) könnten hier Abhilfe schaffen. Mit ihnen kommt die Uni ins Dorf – oder auch das Dorf zu Studierenden in Städten: In der Gemeinde Veitshöchheim gibt es beispielsweise eine Internetfachschule für den Garten- und Landschaftsbau, die es den Studierenden ermöglicht, den Großteil des Studiums über Onlineangebote zu absolvieren. Für Susann Meyer vom VBE bedeuten gute Beispiele wie dieses auch eine Hoffnung für die Schulen: "Wenn Universitäten vorpreschen, ziehen die Schulen irgendwann nach.“

In städtischen Schulen gibt es in der Regel ein größeres Angebot für leistungsstarke Schülerinnen und Schüler. E-Learning bietet die Möglichkeit, diese auch in der Fläche anzubieten: "Über Webinare können zusätzliche Lernangebote geschaffen werden“, so Meyer. Auch Ramona Lorenz stimmt dem zu: "In meinen Augen bietet die Digitalisierung für den ländlichen Raum besonderes Potenzial.“ Lernplattformen für altersübergreifendes Lernen, die Programmier-AG als Webinar oder Kooperationen mit Bibliotheken oder Kooperationen mit Unternehmen, die hunderte Kilometer entfernt sind: Durch Digitalisierung und Vernetzung könnten ländliche Schulen ganz besonders profitieren, so Lorenz.

Damit solche Lösungen umgesetzt werden können, sei aber eine verstärkte und flächendeckende Zusammenarbeit zwischen den Schulen notwendig, findet Susann Meyer vom VBE: "Aktuell werkelt beim Thema Digitalisierung oft noch jede Schule für sich.“ Ramona Lorenz verweist in diesem Zusammenhang auf das Potenzial einer stärkeren Vernetzung der Schulen untereinander und sieht Handlungsbedarf: "Um Prozesse dieser Art in Gang zu setzen, ist oft ein Initialfunke von außen nötig, eine flächendeckende Systematisierung und Begleitung der Schulen.“

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