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"Deutschland schreibt Klassenarbeit"

Leonie Meyer Anna-Katharina Meßmer

/ 5 Minuten zu lesen

Die Studie "Quelle:Internet?" hat die digitale Nachrichten- und Informationskompetenz untersucht. Trotz ernüchternder Ergebnisse gibt sich Forscherin Anna-Katharina Meßmer im Interview optimistisch.

Die Studie "Quelle:Internet?" untersuchte die altersübergreifende digitale Nachrichten- und Medienkompetenz. (© Karina Zhukovskaya, Externer Link: pexels.com)

Sie haben mit Ihrer Studie versucht, die gesamtgesellschaftliche digitale Nachrichtenkompetenz altersübergreifend zu erfassen. Wieso?

Anna-Katharina Meßmer: Es gab schon einige Studien, die sich damit beschäftigt haben, ob Menschen denken, dass sie beispielsweise Desinformationen erkennen. Aber das waren alles Selbstauskunftsangaben, daher haben wir uns dazu entschlossen einen Test mit ganz klassischen Wissensfragen und Screenshots aus der alltäglichen Medienumgebung zu entwickeln. Intern hieß das bei uns immer "Deutschland schreibt Klassenarbeit".

Über die Studie "Quelle:Internet?"

Für die Studie Externer Link: "Quelle:Internet? Digitale Nachrichten- und Informationskompetenzen der deutschen Bevölkerung im Test" der Externer Link: Stiftung Neue Verantwortung (SNV) hat ein interdisziplinäres Forschungsteam im Herbst 2020 die digitale Informations- und Nachrichtenkompetenz der deutschen Bevölkerung mittels einer repräsentativen Stichprobe geprüft. Insgesamt konnten in dem Test 30 Punkte erreicht werden, allerdings erreichten die Teilnehmenden im Durchschnitt nur 13,3 Punkte. Die Ergebnisse sind repräsentativ für die erwachsene Bevölkerung mit Internetanschluss in Deutschland.

Die Forschung wurde von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM), der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb, der Landesanstalt für Medien NRW und der Medienanstalt Berlin Brandenburg (mabb) unterstützt.

Was sind die zentralen Erkenntnisse der Studie?

Anna-Katharina Meßmer: Im Durchschnitt wurden weniger als die Hälfte der Punkte in unserem Test erreicht. Je höher der Bildungsabschluss war, desto besser fielen auch die Ergebnisse aus. Und: Die digitale Nachrichtenkompetenz sinkt mit dem Alter.

Bis heute beschäftigt mich am meisten, dass Menschen mit niedriger Bildung in der jüngeren Altersgruppe von 18-39 Jahren besonders schlecht abgeschnitten haben. In den höheren Altersgruppen war der Bildungsunterschied nicht so stark.

Ein zweiter Aspekt sind die unterschiedlichen Wissens- und Vertrauensdimensionen, wenn es um das Zusammenspiel von Medien und Politik geht. Es gibt ein allgemeines Medienmisstrauen und die Vorstellung, dass Medien und Politik Hand in Hand arbeiten würden, um die Bevölkerung zu beeinflussen. Wenn man aber nach dem Vertrauen in ganz konkrete Medien fragt, dann sieht man, dass zum Beispiel das Vertrauen in die öffentlich-rechtlichen Medien eher hoch ist. Allerdings differenziert sich das wieder aus, wenn man auf verschiedene Bildungsgrade schaut. Auch hier zeigt sich: Vor allem jüngere Menschen mit niedriger Bildung haben ein geringes Vertrauen in konkrete Medien wie beispielsweise den öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

Was glauben Sie, woran das liegt?

Anna-Katharina Meßmer: Niedrige Bildung hängt oft auch mit einem niedrigeren sozioökonomischen Status zusammen. Und die Anliegen dieser Menschen werden weniger politisch aufgegriffen. Das lässt sich empirisch gut belegen. Dass dann Menschen das Gefühl haben, sie werden von der Politik nicht gehört und nicht vertreten, hat eine signifikante Berechtigung. Meines Erachtens gilt das Gleiche auch für journalistische Angebote. Ich habe den Eindruck, dass viele davon sehr akademisch sind.

Studienleiterin Anna-Katharina Meßmer. (© Sebastian Heise)

In der Studie taucht auch die Variable der demokratischen Grundhaltung auf. In welchem Zusammenhang steht diese mit der gemessenen Medienkompetenz?

Anna-Katharina Meßmer: Hinter Definitionen der Medienkompetenz steht oft die Grundannahme, dass diese für eine demokratische Grundhaltung wichtig sei. Deswegen haben wir unter anderem auch nach dem Politik- und Nachrichteninteresse gefragt sowie nach Vertrauen in Medien und Demokratie oder wie wichtig die Teilnehmenden unabhängigen Journalismus für das Gelingen einer Demokratie finden.

Es zeigte sich eine sehr hohe Korrelation zwischen Nachrichtenkompetenz und demokratischer Grundhaltung. Das kann zwei Dinge bedeuten: Dass es Menschen, die ein hohes Vertrauen in Medien und Demokratie aufzeigen, leichter fällt, belastbare Informationen zu finden und sie deswegen eine höhere Nachrichten- und Informationskompetenz haben. Oder andersherum, dass Menschen, die eine sehr hohe Nachrichten- und Informationskompetenz haben, besser darin sind, zuverlässige Informationen zu finden, deswegen weniger anfällig für Desinformationen sind und so ein höheres Nachrichtenmedien- und Demokratievertrauen haben. Vermutlich ist es eine Wechselwirkung aus beidem.

Welche politischen Implikationen ergeben sich durch die Studienergebnisse?

Anna-Katharina Meßmer: Zum einen die stärkere Regulierung von Social-Media-Plattformen. Da geht es etwa um die Frage, wie Plattformen ihren Nutzerinnen und Nutzern mehr Übersichtlichkeit über verschiedene Formate bieten können.

Zum anderen haben wir in Deutschland ein massives Defizit in der digitalen Bildung. Da sehen wir, dass bis vor 2-3 Jahren vor allem über Bedienkompetenz und die technische Ausstattung an Schulen diskutiert wurde. Aber es wurde nicht so viel darüber nachgedacht, was eigentlich eine veränderte Medienlandschaft für die alltägliche Nachrichtennutzung von Schülerinnen und Schülern bedeutet.

Wie sähe eine bessere schulische Medienkompetenzbildung aus?

Anna-Katharina Meßmer: Ich fürchte, dass wir noch einen Schritt weiter vorne anfangen müssen. Wir brauchen eine bessere digitale Bildung in der Lehrkräfteausbildung. Und wir brauchen Formate, in denen Lehrerinnen und Lehrer auch dazu bereit sind, von ihren Schülerinnen und Schülern zu lernen.

Und wo liegen die Wissenslücken?

Anna-Katharina Meßmer: Es gibt sehr große Defizite in allgemeinem Grundwissen über journalistisches Arbeiten. Zum Beispiel darüber, dass Berichte über einen Minister veröffentlicht werden können, ohne dass das Ministerium diesen Bericht freigibt. Oder, dass der Bundestag nicht darüber mitbestimmen darf, was die Öffentlich-Rechtlichen berichten.

Anderes Beispiel: Nur 23 Prozent unserer Testpersonen haben auf einer Nachrichtenseite ein "Advertorial" als Werbung erkannt. Advertorials zielen ja genau darauf ab, so zu tun, als wären sie ein richtiger Artikel – dabei sind es eingekaufte Werbebeiträge. Da könnte man politisch strengere Richtlinien verlangen, dass da dann einfach "Werbung" steht. Freiwillig würden die Nachrichtenanbieter das wohl nicht machen, weil sie damit Geld verdienen. Gleiches gilt bei Kommentaren. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass nicht allen klar ist, was ein Kommentar ist. Man könnte den einfach als das benennen, was er ist: Meinung.

Ich habe den Eindruck, dass sich hier das Zusammenspiel von demokratischer Grundhaltung und Nachrichtenkompetenz herauskristallisiert. Vielleicht sollten wir deswegen nicht immer nur fragen: "Was sind die politischen Implikationen?", sondern auch "Was können, müssen, sollten journalistische Formate eigentlich leisten, um Leserinnen und Leser besser darüber zu informieren, wie ihr journalistisches Arbeiten im Alltag aussieht?"

Wie könnte das konkret aussehen?

Anna-Katharina Meßmer: Zum Beispiel, indem man stärker zwischen den verschiedenen Formaten unterscheidet und man diese auch erklärt. In der Zeitung sind die häufig noch klarer räumlich getrennt, online geht das stärker durcheinander.

Ist Medienkompetenz Ihrer Meinung nach heute wichtiger als in der Vergangenheit?

Anna-Katharina Meßmer: Ich glaube nicht, dass es wichtiger ist, sondern dass sich verändert hat, worauf der Fokus liegt. Als ich studiert habe, war zum Beispiel gerade ein großes Thema, welchen Einfluss Frauen- und Jugendzeitschriften auf Körperbilder von jungen Mädchen haben. Ich würde nicht sagen, dass Medienkompetenz weniger wichtig war, aber statt Social Media sah man damals Zeitschriften und Fernsehsendungen als zentrale Herausforderung.

Zum Abschluss: Stimmen die Studienergebnisse Sie eher optimistisch oder pessimistisch?

Anna-Katharina Meßmer: Mein Grundgefühl ist: Da ist noch ganz schön viel zu tun. Ich glaube aber, dass die Studie geholfen hat, zu verstehen, wo Wissen fehlt und wo nicht. Wenn wir da systematisch in allen Bereichen angreifen, bildungspolitisch, in der Plattformregulierung, aber auch bei journalistischen Angeboten, dann werden sich die Ergebnisse verbessern. Wir haben in den letzten drei Jahren schon gesehen, dass die Awareness durch die Pandemie und den russischen Angriffskrieg angestiegen ist.

Das Interview führte Leonie Meyer.

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Leonie Meyer ist Redakteurin für werkstatt.bpb.de. Daneben studierte sie an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn im Master Politikwissenschaft. Ihr thematischer Schwerpunkt liegt auf den Wechselwirkungen von Sozialen Netzwerken und Politik bzw. politisch-historischer Bildung.

Dr. Anna-Katharina Meßmer ist Projektleiterin für das Auditieren von Empfehlungssystemen bei der Stiftung Neue Verantwortung. Zuvor hat sie als Projektleiterin Digitale Nachrichten- und Informationskompetenz die Studie "Quelle:Internet?" geleitet.