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Scheitern als demokratische Kompetenz

Martin Fuchs Leonie Meyer

/ 6 Minuten zu lesen

Bei den "FuckUp-Nights für die Demokratie" sprechen Politiker über ihr eigenes Scheitern. Politikberater Martin Fuchs glaubt, dass sowohl Politik als auch Schule ein ständiges Scheitern bedeuten.

Bei den FuckUp-Nights für die Demokratie sprechen (Spitzen-)Politiker/-innen über ihr Scheitern. (© FUTURIUM)

werkstatt.bpb.de: Das Konzept der FuckUp-Nights kommt ursprünglich aus der Start-up-Szene. Wie kamst du auf die Idee, das Konzept auf die Politik zu übertragen?

Martin Fuchs: In den vielen Jahren, in denen ich mich mit dem Internet und der Politik politischen Kommunikation beschäftige, habe ich auch die flauschigen Ecken des Netzes kennengelernt, in denen Menschen Respekt dafür haben, wenn man Fehler eingesteht. Ich habe beobachtet, dass Politiker*innen nicht nur niedergeschrien werden, wenn sie öffentlich zugeben, etwas falsch gemacht zu haben. Ich glaube, dass das Vertrauen in die Demokratie und ihre Akteur*innen gesteigert werden kann, wenn Fehler nicht totgeschwiegen werden und wir als Gesellschaft souverän damit umgehen und daraus lernen.

Ich war mehrmals selbst als Gast auf FuckUp-Nights und habe noch nie gesehen, dass da Politiker*innen dabei waren. Das wollte ich ausprobieren und war dann selbst überrascht, dass so viele Leute die Idee spannend fanden.

Über die FuckUp-Nights für die Demokratie

Bei den sogenannten FuckUp-Nights erzählen Speakerinnen und Speaker von ihren Momenten des Scheiterns im beruflichen Kontext. Dahinter steht das Ziel, einen Umgang mit Misserfolgen zu finden und eine konstruktive Fehlerkultur zu etablieren.

Die "Externer Link: FuckUp-Nights für die Demokratie" nutzen dieses Veranstaltungskonzepts und wenden es auf die Politik an. Die Gäste sind oder waren in der Politik aktiv und berichten über Fehlentscheidungen oder anderen Momente des Scheiterns. Das Konzept geht auf den Politikberater Martin Fuchs zurück und wurde bisher in acht Bundesländern mit verschiedenen Partnern wie der gemeinnützigen Hertie-Stiftung und der Landeszentrale für politische Bildung Bremen umgesetzt.

werkstatt.bpb.de: Welches Feedback bekommst du vom Publikum, aber auch von den teilnehmenden Politikerinnen und Politikern?

Martin Fuchs: Die Veranstaltungen sind immer sofort ausgebucht. Und im Nachgang bekomme ich von vielen Gästen positives Feedback, dass das ein sehr lehrreicher, aber auch unterhaltsamer Abend war. Dass politische Bildungsveranstaltungen mal so überrannt werden, erleben die Partner*innen von den Landeszentralen für politische Bildung und politischen Stiftungen, mit denen ich das mache, ganz selten.

Die Politiker*innen sagen, dass es eine Riesenchance für sie ist, sich bewusst mit ihren eigenen Fehlern auseinanderzusetzen. Diese Zeit hat man im schnelllebigen Tagesgeschäft oft gar nicht. Man sieht das am Beispiel der Aufarbeitung der Pandemiepolitik – die findet einfach nicht statt, weil eine Krise die nächste jagt und gar nicht viel Zeit ist für Reflexion.

Martin Fuchs. (© re:publica/Gregor Fischer)

werkstatt.bpb.de: Gibt es keine Schwierigkeiten, Politikerinnen und Politiker zu finden, die öffentlich über ihre Fehler sprechen möchten?

Martin Fuchs: Nein, bei jeder Veranstaltung war bisher Spitzenpersonal dabei. Mir ist schon aufgefallen, dass Frauen eher zusagen als Männer und dass es ein Nord-Süd-Gefälle gibt. Bei dem ein oder anderen Bundesland musste ich ein paar mehr Schleifen drehen, um Leute zu finden. Aber die, die teilnehmen, finden das super. Die, die absagen wahrscheinlich eher nicht. In einer polarisierten, zugespitzten Gesellschaft, wo jedes falsche Wort gleich skandalisiert werden kann, möchten sich einige Politiker*innen auch schützen und nicht darüber sprechen.

werkstatt.bpb.de Was glaubst du: Wie ehrlich sind die Politikerinnen und Politiker bei den FuckUp-Nights?

Martin Fuchs: Im Großen und Ganzen nehme ich ihnen ab, was sie erzählen. Natürlich schwankt die Qualität ab und zu, zum Beispiel wenn sich jemand entschuldigt, weil er einen falschen Slogan auf dem Plakat hatte. Das ist natürlich kein großes Eingeständnis. Aber diejenigen, die sprechen, müssen auch selbst Erfahrung mit dem Format sammeln. Wie weit geht man? Wie viel ist man bereit zu sagen? Wenn ich Fraktionsvorsitzender oder Parteichefin bin, habe ich meine Entscheidungen nie allein getroffen. Das heißt, sich hinzustellen und zu sagen, ich habe einen Fehler gemacht, ist extrem schwierig, wenn Hunderte von Menschen mitentschieden haben.

werkstatt.bpb.de: Der Claim der Veranstaltung lautet "für die Demokratie". Ist Scheitern eine demokratische Kompetenz?

Martin Fuchs: Ja, Demokratie lebt vom Kompromiss, lebt vom Austausch, vom Aufeinander-Zugehen, vom Zuhören. Und das bedeutet natürlich, wenn ich einen Kompromiss schließe, dann sollte ich das immer auch selbstkritisch reflektieren. Nur so kann Demokratie funktionieren. Wenn ich immer auf meinem Standpunkt beharre, wird es keinen Fortschritt geben im Land. Und dann ist natürlich das Scheitern immanent.

Demokratie ist ein ständiges Scheitern: Wenn man keine Mehrheiten bekommt, wenn man politische Versprechen nicht umgesetzt bekommt usw. Ich bin davon überzeugt, dass Menschen erleben wollen, dass Politiker*innen auch mal etwas ad acta legen und sagen "Okay, hier habe ich mich verrannt" und dabei sehen, dass Politiker*innen auch nur Menschen sind. Auch in der Kommunikation wird es immer wichtiger zu zeigen, dass Ideen, die man vielleicht hat, um aus einer Krise herauszukommen, nicht umgesetzt werden können, weil tausend andere Sachen mit hineinspielen. Dieses Scheitern transparent zu machen, halte ich für einen wichtigen demokratischen Akt, um Vertrauen in politische Entscheidungen aufzubauen.

werkstatt.bpb.de: Um jetzt den Bogen zur Bildung zu spannen: Wie lässt sich das auf die Fehlerkultur im schulischen Kontext übertragen?

Martin Fuchs: Ich bin kein Pädagoge und mache auch keine Schulpolitik, aber aus eigener Erfahrung als Schüler kann ich sagen, dass ich es immer frustrierend fand, Diskussionen mit Lehrkräften zu führen. Ich habe nach der Wende mein Abitur gemacht, als im Osten Deutschlands noch vieles im Fluss war und auf Seiten der Lehrerschaft viele Unsicherheiten bestanden. Ich habe nie erlebt, dass eine Lehrkraft zugegeben hat, etwas falsch gemacht zu haben.

Auch Schule ist ein ständiges Scheitern: Hausaufgaben vergessen, Mathe-Test versaut... Auf der Seite der Schüler*innen ist das eine ständige Auseinandersetzung mit dem Scheitern. Da würde ich mir wünschen, dass die Gegenseite ebenfalls zeigt, dass sie scheitert und nicht alles weiß. Wenn sie kritisches Denken lernen sollen, gehört diese Erfahrung für Schüler*innen dazu. Das ist Teil der Arbeit von Lehrkräften. Und nicht: Ich stehe vorne als Halbgott und verkörpere "Ihr wisst nichts und ich weiß alles". Aber ich habe auch den Eindruck, dass viele Lehrkräfte das heute schon so umsetzen.

werkstatt.bpb.de: Wie kann Fehlerkompetenz in der Lehrpraxis vermittelt werden?

Martin Fuchs: Die Schüler*innen sollten dazu empowert werden, auch Kritik an der Lehrkraft zu äußern. Sie sollten wissen, dass sie keine Angst vor schlechteren Noten haben müssen, nur weil sie kritisch sind. Es gibt auch tolle Programme wie „Jugend debattiert“ und „Jugend entscheidet“, bei denen Schüler*innen lernen zu argumentieren. Und ich kann mir vorstellen, dass Klassenlehrer*innen ein festes Format einführen, einen "Fail der Woche", und sagen, wir gucken uns einmal in der Woche für zehn Minuten einen Fehler an, den ich gemacht habe, und schauen, warum ihr richtig gelegen habt und ich falsch.

werkstatt.bpb.de: Du hast eingangs erzählt, dass deine Ursprungsidee zu den FuckUp-Nights für die Demokratie aus dem Umgang mit Fehlereingeständnissen auf Social Media hervorgegangen ist. Welche Rolle spielt der Umgang mit dem Scheitern im digitalen Zeitalter?

Martin Fuchs: Eine extrem große Rolle. Helmut Kohl wird nachgesagt, er habe Anfang der 90er das Mantra verfolgt, Probleme auszusitzen. Das ist heute nicht mehr möglich. Wir haben 82 Millionen Chefredakteur*innen in diesem Land, die alle fähig sind, mit dem Smartphone in der Hand ihre Kritik an politischen Entscheidungen kundzutun. Nicht jede dieser Kritiken erreicht eine breite Öffentlichkeit, aber ich habe die Chance, Fehler aufzuzeigen. Es wird immer jemanden geben, der etwas konstruktiv kritisiert. Man kann versuchen, das hinauszuzögern, aber am Ende werden Skandale in Deutschland mit seiner starken Presse meist aufgedeckt. Das Netz hat dazu geführt, dass die Politik viel kritischer beleuchtet wird.

Wenn wir uns digital erfolgreiche Social-Media-Plattformen anschauen, ob das nun die Plattformen von Meta sind oder Bluesky ist: Das sind alles Beta-Versionen. Es gibt nie die fertige Version eines Produktes – das ist eine schöne Analogie zur Demokratie. Demokratie ist nie fertig. Demokratie ist immer im Prozess. Wir müssen uns klar machen, dass Demokratie immer Beta ist und vom Scheitern lernt.

werkstatt.bpb.de: Wie sieht deine Vision für eine Fehlerkultur der Zukunft aus?

Martin Fuchs: Meine Vision ist, dass es eine viel offenere, standardisierte und institutionalisierte Auseinandersetzung mit Fehlern gibt. Dass es im politischen Bereich zum festen Bestandteil der Parteiarbeit wird, Fehler offen zuzugeben, ohne dass die Person beschädigt wird, die den Mut hat, als Parteivorsitzende*r oder Verantwortliche*r über das Scheitern zu sprechen. Und dass auch die Medien lernen, dass nicht jeder Fehler, der aufgedeckt wird, gleich ein Skandal ist.

Ich denke aber auch, dass Menschen, bevor sie eine politische Karriere beginnen, dafür ihre Marke ganz anders aufbauen müssen. Wir müssen weg von diesem Nimbus, dass Politiker*innen die Super-Problemlöser sind, die man nur wählen muss und dann wird alles besser.

Und dann muss natürlich auch mehr Verständnis auf Seiten der Wähler*innen kommen. Das ist eine große gesellschaftliche Aufgabe neben Digital Literacy, also der Medienkompetenzbildung von Bürger*innen: Eine Demokratiekompetenzbildung zu etablieren, die auch eine Fehlerkultur miteinschließt.

werkstatt.bpb.de: Vielen Dank für das Gespräch.

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Martin Fuchs berät Regierungen, Parlamente, Parteien und Verwaltungen in digitaler Kommunikation. Er ist Dozent für digitale Kommunikation und Politik an verschiedenen Hochschulen. Als Hamburger Wahlbeobachter bloggt er über Digitalisierung in der Politik und ist Kolumnist der Magazine "politik & kommunikation" und STRIVE.

Leonie Meyer ist Redakteurin für werkstatt.bpb.de. Daneben studierte sie an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn im Master Politikwissenschaft. Ihr thematischer Schwerpunkt liegt auf den Wechselwirkungen von Sozialen Netzwerken und Politik bzw. politisch-historischer Bildung.