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Natur? Politisch. | Games zur politischen Bildung | bpb.de

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Natur? Politisch. Rezension

Ron Heckler

/ 4 Minuten zu lesen

Das Spiel „Natur? Politisch.“ thematisiert die Vertuschung von Umweltverschmutzungen in der DDR. Ein Browserspiel, das insbesondere für den Unterricht ab Klasse 10 geeignet ist.

(© Natur? Politisch. / Europäische Akademie Berlin / eigener Screenshot)

Zusammenfassung

„Natur? Politisch.“ überzeugt inhaltlich durch seinen innovativen Zugang zur DDR-Geschichte und die Verknüpfung von Umwelt- und Oppositionsbewegung. Zwar weist das Spiel Schwächen im Bereich Interaktivität und Soundgestaltung auf, bietet aber durch seinen dokumentarischen Charakter, Bezüge zu historischen Ereignisse und seine Erzählweise einen hohen Mehrwert für den Unterricht. Es eignet sich besonders für Lernsettings, in denen durch eine persönliche Verbindung ein zielgruppengerechter Zugang zu einem komplexen Aspekt der DDR-Geschichte geschaffen werden soll.

In der Vergangenheit wurden bislang die Interner Link: DDR und Interner Link: deren Staatsorgane selten in digitalen Spielen thematisiert. Erst in den letzten Jahren gibt es vermehrt einen Trend innerhalb der Serious Games, das Thema aufzugreifen – beispielsweise durch die Graphic Novel „Wir leben hier“ und durch den interaktiven digitalen Comic „Glasfäden – Aus dem Osten in den Osten“. „Natur? Politisch.“ greift die Umweltbewegung in der DDR auf. Das Spiel widmet sich somit einem einflussreichen Bestandteil der außerparlamentarischen Opposition. In das fiktionalisierte Narrativ werden Zeitzeuginnen und Zeitzeugen und mit der Interner Link: Umweltbibliothek Berlin ein zentrales Element der Oppositionsbewegung in der DDR eingebettet.

Typisch für das Spiel ist das Durchklicken von Dialogen mit verschiedenen Optionen. Für manche Entscheidungen steht dabei nur ein begrenztes Zeitfenster zur Verfügung. (© Natur? Politisch. / Europäische Akademie Berlin / eigener Screenshot)

Das Spiel hat eine Gesamtlaufzeit von circa 40 bis 50 Minuten und vermittelt am Beispiel des Themas Umweltschutz das oppressive Wirken des DDR-Staates, insbesondere des Ministeriums für Staatssicherheit. Auf der Externer Link: Webseite des Browserspiels stehen zudem umfangreiche Unterrichtsmaterialien zur Verfügung.

Das Spiel gibt kurze Informationen zu zentralen Begrifflichkeiten, Orte und Personen an die Hand. (© Natur? Politisch. / Europäische Akademie Berlin / eigener Screenshot)

Das Spiel ist im Jahr 1986 in Bitterfeld (heute Sachsen-Anhalt) angesiedelt und folgt einer fiktiven Handlung der Umweltgruppe um die beiden Figuren Till und Peggy. Das Spiel greift hierbei auf reale Orte, auf Personen, die tatsächlich in der Interner Link: DDR-Umweltszene aktiv waren, und auf durch Quellenmaterial gestützte Informationen zurück. Die Handlung beginnt mit einem zufälligen Aufeinandertreffen von Till und Peggy in einer Dunkelkammer, in der Peggy gerade Fotos von giftigen Chemieabfällen entwickelt. Beide beschließen die Missstände in der Filmfabrik Wolfen und den dazugehörigen Mülldeponien aufzudecken. Das Spiel endet damit, dass die Aktivitäten der Gruppe aufgedeckt werden und die Gruppenmitglieder durch die Stasi verhaftet werden.

Spielmechanik

Die dem Spiel zugrunde liegende Spielmechanik ermöglicht einen niedrigschwelligen Zugang. Die Handlung wird einzig durch Bewegungen, Klicken und Drag and Drop mit der Maus vorangetrieben. Hierbei sind die Interaktionen als minimalistisch zu bezeichnen, das Spielprinzip erinnert an die Interaktionsmöglichkeiten digitaler Graphic Novels.

In Zwischensequenzen wird deutlich, dass eine Person der Gruppe diese für die Stasi bespitzelt. (© Natur? Politisch. / Europäische Akademie Berlin / eigener Screenshot)

Die Erzählung der Handlung wird durch die Spielenden selbst vorangetrieben, indem entweder durch Dialogfenster navigiert werden muss oder mit Elementen im Spiel interagiert werden soll (beispielsweise wenn Flugblätter an Laternen oder Hauswänden befestigt werden). In den – nicht vertonten – Dialogen sind regelmäßig Wörter markiert: sowohl Orte und Personen als auch Begriffe, die für die Handlung relevant sind. Durch das Anklicken der markierten Begriffe wird ein Fenster mit weiterführenden Erklärungen geöffnet. Alltagssprachliche Begriffe wie „Datsche“, „Muckefuck“ oder „urst“ bleiben dabei jedoch unerklärt.

Die Spielatmosphäre wird vor allem durch die vier Zwischensequenzen der Handlung geprägt, die dadurch lose in mehrere Abschnitte unterteilt wird.

KurzinfosNatur? Politisch.

  • Genre: Point-and-Click-Adventure, Serious Game

  • Herausgeber: Europäische Akademie Berlin

  • Plattform: Browser – nicht optimiert für Smartphones

  • Erscheinungsdatum: Juni 2023

  • USK: nicht geprüft

  • bpb-Empfehlung: ab 15 Jahren

Pädagogische Beurteilung

„Natur? Politisch.“ bietet ein hohes pädagogisches Potenzial für den historischen und politischen Bildungsbereich. Das Spiel thematisiert am Beispiel der Umweltbewegung in der DDR zentrale Aspekte staatlicher Kontrolle, Zensur und Überwachung durch die Stasi. Durch die Verbindung einer fiktiven Handlung mit realen historischen Bezügen ermöglicht das Spiel, emotional und kognitiv die Externer Link: Situation oppositioneller Jugendlicher nachzuvollziehen. Diese Form der Perspektivübernahme unterstützt das Verständnis für die Repressionen in der DDR und fördert zugleich Empathie für zivilgesellschaftliches Engagement unter autoritären Bedingungen.

Didaktisch wertvoll ist insbesondere die anschauliche Darstellung der Umweltproblematik in Verbindung mit politischem Widerstand. Damit bietet das Spiel einen alternativen Zugang zur Auseinandersetzung mit der DDR, der über die bekannten Narrative von Mauer, Flucht und Überwachung hinausgeht. Letztere Thematik wird anhand des Fokus auf die fiktive Umweltgruppe dennoch im Spiel thematisiert. Der spielerische Ansatz erleichtert insbesondere jüngeren Lernenden den Zugang zu einem komplexen historischen Thema. Unterstützt werden interessierte Lehrkräfte hierbei durch ein 49-seitiges Begleitmaterial mit Aufgabenvorschlägen für den Unterricht.

Herausfordernd ist jedoch die reduzierte Interaktivität: Mit seiner einfachen Spielmechanik und anspruchsvollen Story ist das Spiel für spielaffine Zielgruppen nur wenig reizvoll. Auch die fehlende Vertonung der Dialoge und das teilweise unzeitgemäße Sounddesign können das Spielgefühl beeinträchtigen. Trotz dieser Einschränkungen überwiegen die inhaltlichen Stärken des Spiels, insbesondere die Verbindung von Umwelt- und Oppositionsgeschichte, wodurch „Natur? Politisch.“ für den Einsatz in der politischen Bildung und im Geschichtsunterricht besonders geeignet ist.

Nach dem Abschluss bietet das Spiel Einblick in die für das Spiel erstellten fiktiven Stasi-Akten der Charaktere.

Anwendungsbeispiel für den Schulunterricht

Das Spiel eignet sich für den Einsatz in der Sekundarstufe I (ab Klasse 10) und Sekundarstufe II in den Fächern Geschichte, Sozialkunde/Politik oder Geographie. Es kann sowohl in einer Unterrichtsreihe zur DDR als auch im thematischen Zusammenhang von Umwelt- und Klimageschichte eingesetzt werden. Unterrichtsverlauf (Beispiel, mehrere Unterrichtssequenzen):

  • Einstieg: Lehrkraft zeigt Fotos oder Zeitdokumente zur Umweltverschmutzung in Bitterfeld und diskutiert die Frage: „Wie politisch ist Umweltschutz?“

  • Erarbeitungsphase: Die Schülerinnen und Schüler spielen „Natur? Politisch.“ in Einzel- oder Partnerarbeit (ca. 45–60 Minuten). Dabei notieren sie zentrale Handlungselemente, Konflikte und Aussagen zur Rolle der Stasi.

  • Auswertung / Reflexion: Gemeinsame Diskussion über die Handlung und ihre historische Einordnung. Leitfragen: Welche Risiken gingen Aktivistinnen ein? Welche Rolle spielte die Umweltbewegung im Umbruch der DDR? Welche Parallelen gibt es zu heutigen Umweltbewegungen?

  • Vertiefung / Ergebnissicherung: Ergänzende Quellenarbeit (z. B. Texte zur Umweltbibliothek oder Zeitzeugenberichte) oder die Erstellung eines Vergleichsplakats: „Umweltaktivismus damals und heute“.

Das Spiel kann so als Impuls dienen, um historische Themen mit aktuellen gesellschaftlichen Fragen (z. B. Protest, Umweltschutz, staatliche Überwachung) zu verknüpfen.

Fussnoten

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Ron Heckler hat einen Masterabschluss in Geschichte und Fachjournalistik Geschichte. Seine Abschlussarbeit hat er über Ästhetik, Immersion und Geschichtskultur zum Spiel Assassin's Creed verfasst. Er arbeitet als Wissenschaftlicher Bildungsreferent für historische und politische Bildung beim Bürgerverein Deutsche Gesellschaft e.V. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der Darstellung historischer Inhalte in digitalen Spielen und im Einsatz von Serious Games in der Erinnerungskultur. Er ist Teil des Arbeitskreises Geschichtswissenschaft und Digitale Spiele (AKGWDS).