Das zerstörte Nürnberg

23.3.2005

M 03.05 Rollenkarten für die Durchführung von Telefoninterviews

Rollenkarte 1: Ungeduldiger Student


Michael Pöpping, 23 Jahre, studiert im 7. Semester Jura.
Er ist vielseitig interessiert. Hat sich mit seiner Freundin verabredet. Möchte das Gespräch und damit auch die Befragung möglichst schnell beenden. Die Idee für das Projekt findet er gut – er hat davon in der Zeitung gelesen - und ist daher grundsätzlich bereit, ein solches Interview zu geben. Allerdings möchte er das Gespräch schnell hinter sich bringen, da er ja auf seine Freundin wartet. Mit der Anonymität der Befragung hat er keine großen Schwierigkeiten. Daher fragt er nur ganz kurz nach, woher der Interviewer kommt und was es mit dem Projekt genauer auf sich hat. Wenn die Antwort zügig und überzeugend ausfällt, gibt er sich damit zufrieden. Wenn der Interviewer ein Langweiler ist und umständliche Fragen vorliest, ist er ungeduldig geneigt, das Interview abzubrechen. Er selbst gibt die Antworten spontan. Sein Hauptanliegen ist es, das Interview zügig zu Ende zu führen.

Rollenkarte 2: Auszubildende


Leoni Schwarz (17) ist gerade in ihrem ersten Ausbildungsjahr zur Reisekauffrau. Sie hat einen Realschulabschluss und ist froh, mit ihren nicht so guten Noten einen Ausbildungsplatz bekommen zu haben. Die vielen Absagen, die sie erhalten hatte, haben sie schon frustriert. Politik interessiert Leoni nicht sehr. Zeitung liest sie auch nicht.
Leoni ist etwas schüchtern und weiß nicht so recht, was sie auf die vielen Fragen antworten soll, da sie sich, ehrlich gesagt, noch nicht so viele Gedanken über den Zweiten Weltkrieg und den Nationalsozialismus gemacht hat. Aber grundsätzlich ist sie schon bereit, Auskunft zu geben. Nur dauert es ziemlich lange, bis sie ihre Meinung äußert. Der Interviewer muss schon große Geduld haben und die längeren Pausen abwarten können. Wird er zu ungeduldig, bricht Leoni das Gespräch ab.

Rollenkarte 3: in einer Partei engagierte Schülerin


Patricia Hofer (18) geht in die 12. Klasse des Gymnasiums. Seitdem Patricia 16 ist, ist sie bei den Grünen Mitglied und hat echt Spaß daran, sich politisch zu engagieren.
Patricia hat Spaß an dem Interview, fängt bei der Beantwortung der Fragen aber schnell mit ausladenden Äußerungen an. Sie will mit dem Interviewer gleich politisch diskutieren und versucht auch dessen Meinung zu den Fragen heraus zu bekommen. Patricia interessiert sich sehr für das Projekt und löchert den Interviewer mit Fragen. Beantwortet der Interviewer ihre Fragen nicht, dann bohrt sie nach, gibt sich aber mit guten Begründungen, weshalb der Interviewer nicht auf die Fragen antwortet oder seine Meinung sagt, zufrieden.

Rollenkarte 4: gutmütiger Familienvater, 50 Jahre, Bankangestellter


Am Telefon meldet sich zunächst Jutta Schreiber, sie ist nicht die letzte, die in der Familie bzw. in dem Haushalt Geburtstag hat. Ihr Vater, Karl Schreiber, ist im August 40 Jahre geworden. Er müsste eigentlich interviewt werden, hat Realschulabschluss, ist Bankkaufmann bei der Stadtsparkasse und katholisch. Er hat immer CDU gewählt, bei Kommunal-, Landtags- und bei Bundestagswahlen. Er sieht regelmäßig und mit großem Interesse Dokumentationen zum Nationalsozialismus im Fernsehen – mit seinen Eltern und anderen Zeitzeugen hat er sich allerdings nie über ihr Verhalten in der NS-Zeit unterhalten.
Sein Hauptproblem bei diesem Telefoninterview ist die Wahrung der Anonymität der Befragung. Er stellt sich die Frage, woher er wissen könne, dass die Anonymität auch gewahrt bleibt. Wenn es dem Interviewer gelingt, seine Bedenken auszuräumen, ist er auch grundsätzlich bereit, das Interview zu geben. Ansonsten hält er es für vertane Zeit, weiterhin am Telefon Fragen zu beantworten, die nicht immer klar zu beantworten sind. Wenn es dem Interviewer also gelingt, die Glaubwürdigkeit seines Anliegens vorzutragen und die Seriosität des Vorhabens unter Beweis zu stellen, wenn das Interview außerdem nüchtern, sachlich und geschäftsmäßig abgewickelt wird, ist er bereit, die Fragen zu beantworten.

Rollenkarte 5: ältere, allein stehende Dame, gutwillig, aber misstrauisch


Maria Wenzel (71), allein stehend - sehr misstrauisch gegenüber Telefon- Anrufen. Ist über das Projekt nicht informiert. Grundsätzlich freut sie sich aber über jeden Kontakt, den man von außen mit ihr aufnimmt. Sie ist Hausfrau und hat einen Volksschulabschluss.
Sie befindet sich in einem inneren Zwiespalt; zunächst ist sie diesem Telefoninterview gegenüber misstrauisch eingestellt, reagiert sogar ein wenig erschrocken, als sie von dem Thema der Befragung erfährt; von daher wäre das erste Anzeichen, dass sie hier hinters Licht geführt werden könnte, geeignet, das Telefoninterview abzubrechen. Auf der anderen Seite freut sie sich aber über jeden Kontakt, den man von außen mit ihr aufnimmt. Über die Zeit des Nationalsozialismus möchte sie allerdings nicht so gerne sprechen; es sei doch besser, diese Dinge ruhen zu lassen.
Wenn der Interviewer zu forsch an das Interview herangeht und auch keine Bereitschaft zeigt, auf Bedenken und Ängste der Frau einzugehen, besteht die Gefahr, dass das Interview abgebrochen wird. Ansonsten beantwortet Frau Weizel die Fragen langsam und sorgfältig und gibt zu erkennen, dass sie bei einzelnen Fragen nicht vorschnell zu unüberlegten Antworten kommen möchte. Sie streut immer wieder eigene Erlebnisse in das Interview ein. Immer wieder berichtet sie davon, wie schlimm die Zeit war und dass man die Zeit besser ruhen lassen solle – es gibt doch heute Wichtigeres, mit dem man sich beschäftigen sollte. Wenn der Interviewer Ruhe, Geduld und eine gewisse Zuhörbereitschaft aufweist, ihr freundlich zuredet, ist sie bereit, dieses Telefoninterview zu führen. Entscheidend ist, dass man das Vertrauen dieser Frau gewinnt.

Rollenkarte 6: älterer Mann, 82 Jahre


Georg Harmann (82), in einer Altenwohung lebend, Kriegsveteran - sehr bestimmt im Auftreten. Ist über das Projekt informiert – hat davon in der Zeitung gelesen. Grundsätzlich lehnt er zunächst jeden Versuch ab, das Interview zu führen. Denn auch er befindet sich in einem inneren Zwiespalt; einerseits empfindet er das Projekt als bösartigen Versuch, die aufrechten Deutschen zu diskreditieren; schließlich hätten sie sich als Soldaten für das Vaterland geopfert; andererseits möchte er dem Interviewer seine Sicht der Geschichte mitteilen (Was meinen Sie denn, wie Sie damals gehandelt hätten?! ...). Immer wieder weigert er sich, auf einzelne Fragen zu antworten. Er stellt den Sinn des Projektes immer wieder in Frage. Er formuliert immer wieder Behauptungen, wie etwa, dass viel zu wenig über die Deutschen als Opfer gesprochen wird, dass die Wehrmacht eine "saubere" Armee gewesen ist, die lediglich Befehle ausgeführt habe.
Wenn der Interviewer zu forsch an das Interview herangeht und auch keine Bereitschaft zeigt, auf Bedenken und Ängste des Mannes einzugehen, besteht die Gefahr, dass das Interview abgebrochen wird. Wenn der Interviewer mit Ruhe und Geduld auftritt, wird das Telefoninterview von Herrn Harmann geführt. Unter Umständen sollte der Interviewer bestimmt aber freundlich auf die Äußerungen reagieren – reagiert Herr Harmann beleidigend auf die Versuche, das Interview zu führen, sollte der Interviewer das Gespräch (freundlich) beenden.


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